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Stille Tage im Klischee | Freundlich im Sinkflug

Manche Wochenenden funktionieren wie eine lange Wellness-Kur. Man fühlt sich danach jung, bzw. meint, dass es in der Jugend so gewesen sein muß wie an diesen Tagen. Also lange und unverschämt schnell mit dem Leihwagen über Autobahnen fahren, irgendwo in Neufünfland im Gasthof zum großen, goldenen M einzukehren um dann die Band für einen 90 Minuten-Auftritt am Club abzusetzen. Am nächsten Tag wieder zurück und relativ tot in die Schlafstatt.

Das dazwischen war wieder einmal eines meiner typischen Berlin-Erlebnisse. Ein Club, den ich bisher nur aus dem de:bug-Dates-Newsletter (kurzgefasst: E-Mail-basierter Terminkalender von Berliner DJs für Berliner DJs) kannte und der sich als originäre Sperrmüllhalde entpuppte, aber dafür mit mächtigem Sound. Immerhin. Die Veranstalter nett und organisiert (eine angenehme Ausnahme) und fast ausschließlich Gäste aus der alten Heimat (nein, nicht Reutlingen). So war der Abend dann auch zu einer zivilen Zeit vorbei, was ich mit steigendem Alter und kurz vor der Grube immer häufiger begrüße.

“Ich bin die Geilste, alle anderen sind Scheiße”

In der überschaubaren Besuchergruppe befanden sich nach schnell durchgeführter Umfrage zwei Original-Berliner. Das muss eine gute Quote sein, denke ich. Aber da tauchte dann auch wieder eines meiner beliebten Rätsel auf. Im nachkonzertlichen Gespräche fiel mir die Art einer der beiden Ureinwohnerinnen auf. Zurückhaltend gesagt ruppig, unangenehm distanzlos und frei von jeglicher Konvention. Unterm Strich war sie die Geilste, alle anderen Scheiße und überhaupt Baalin, icke wa Baalin! Das Stilberater in der Hauptstadt die Berufsgruppe mit der höchsten Arbeitslosenquote überhaupt sein müssen würde mich nicht wundern. Gleiches gilt wohl auch für Benimmlehrer.

Eine gute Bekannte, die sich lange vor der Veröffentlichung von Sven Regeners Berlin-Hymne “Herr Lehmann” auf genau dessen Spuren befand, schwärmt immer von genau dieser Art sich zu benehmen. Das ist mir ein Rätsel. Den nächsten Morgen haben ein Freund und ich dann standesgemäß in einem Café an der Kastanienallee als Frühstücker verbracht. Und auch hier: kotzunfreundliche Bedienung (drei Stück an der Zahl) in absurder Klamotte, deren gesamte traurige Existenz in jeglicher Serviceabwesenheit und allgemeiner Menschenfeindlichkeit genau an diesem Vormittag zu kulminieren schien.

Unser laut und lächelnd vorgebrachtes “Dankeschön!”, wenn man sich nach längerer Wartezeit mal wieder unserer erbarmte, verfehlte die erhoffte Wirkung und zauberte wider Erwarten kein Lächeln auf das Gesicht der Bedienung. Sie muß gedacht haben “Scheiße, jetzt werden die beschissenen Störenfriede auch noch zutraulich.” Vielleicht kann man das auch dadurch erklären, dass sie von den Cafébesitzern schlecht bezahlt wird. Das scheint dann allerdings viel Berliner Personal so zu gehen. Ich empfehle da eine Very-Old-Economy-Institution: die sogenannte Gewerkschaft. Und lächeln, freundlich sein, verdammt.

Wie kann man sich nur den ganzen Tag so unfreundlich anöden?

Für Außenstehende stellt sich der Bolle-Style so dar: “Ich bin völlig frei in allem was ich tue, ich tue es nur für mich und alle kotzen mich an. Außerdem muss niemand meine Sprache mit der lauten und aggressiven Sprachmelodie verstehen und ich würde gerne wieder auf einem Baum wohnen. Weil es hier aber nur welche für Hunde gibt, muss ich halt den 235. Stock eines abgerockten Altbaus behausen. Ich nenne das übrigens retro.” Ich nenne das Neandertal.

Dabei muss erwähnt werden, dass am Nebentisch Subjekte aus dem regional sehr beliebten Schwabenländle saßen (wahrscheinlich Reutlingen) und typische Künstlergespräche führten “Man muss da mehr Spannung hereinbringen”, “Spannende Projekte”, etc. pp. “Spannung” ist übrigens die Standardvokabel, wenn Kunst keine Aussage mehr hat und eigentlich maximal Kunsthandwerk ist. Aber das nur am Rande. Das Rätsel bleibt, was am Berliner Charme eigentlich charmant sein soll. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert davon, wie man es aushält, sich den ganzen Tag nur unfreundlich anzuöden.

Die Gastdame brachte es nach meiner morgendlichen Suada auf den Punkt: “In Berlin darfst du nicht freundlich und nett sein. Damit gehst du hier unter.” Hauptsache, alle Klischees werden bedient.

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1 Kommentar zu “Stille Tage im Klischee | Freundlich im Sinkflug”


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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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