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Archiv für das 'Protest'-tag

Die Fahnenfänger sind wieder unterwegs

Kollegin Annette ist sauer.  Die Redakteurin wedelt mit einer schwarz-roten Fahne, an der noch ein schmaler goldener Rand zu sehen ist. Jemand hat sich mit einem Messer oder einer Schere daran zu schaffen gemacht, als ihr Wagen “nur kurz” in Nähe des Kreuzberger Landwehrkanals parkte. Den Verlust von einem Euro mag sie verschmerzen, doch die Empörung über die Verstümmelungsaktion ist ihr anzusehen.

Ähnlich wie während der Fußball-EM vor zwei Jahren fühlen sich auch in diesen Wochen einige Gruppen am linken Rand herausgefordert. Ein “Anti-Nationaler Weltfußballverband” ruft dazu auf, aus der Jagd auf nationale Symbole im öffentlichen Raum ein Spiel zu machen. Eine Auto-Flagge bringt demnach einen Punkt,  eine schwarz-rot-goldene Perücke fünf und ein Deutschlandtrikot 15 Punkte. Auch die abgerissenen goldenen Streifen zählen mit. Der Wettbewerb ist aber offenbar selbst unter Linken umstritten, der Aufruf wurde inzwischen von der Internetplattform Indymedia und einigen Blogs gelöscht.

Nach der letzten Europameisterschaft hatten Autonome ein Band mit den erbeuteten Fahnen über die Rigaer Straße in Friedrichshain gespannt.

Anders als das Foto vermuten lässt, hat Annette den Rest ihrer Deutschlandfahne aber noch nicht weggeworfen.  Falls Deutschland am Mittwoch verliert, will sie aus Trauer die schwarz-rote Flagge schwenken. Schließlich lassen sich die Autofähnchen nicht auf Halbmast stellen. Andernfalls wird sie eine frische Fahne an den Wagen stecken,  davon gibt es schließlich genug. Daran können auch die Fahnenfänger nichts ändern.

Ein neues Wendland, vor den Toren Berlins?

Protest bei Neutrebbin gegen die geplante CO2-Verpressung von Vattenfall - Foto: Anne Onken

Sie waren beeindruckend, die Proteste der Anti-Atom-Bewegung am Wochenende. Über 100.000 Leute sind in Schleswig-Holstein auf dem platten Land zusammen gekommen, um gegen eine Verlängerung der Kernkraftwerkslaufzeiten zu demonstrieren. Wäre so etwas auch in Brandenburg denkbar?

Seit einiger Zeit wird dort über eine Technologie gestritten, mit der das klimaschädliche CO2 aus Kohlekraftwerken abgeschieden und unterirdisch eingelagert werden soll.  CCS – Carbon Capture and Storage.  In Ketzin (Havelland) will Vattenfall im Sommer Kohlendioxid aus der Pilotanlage Schwarze Pumpe unterirdisch entsorgen. Auch in Neutrebbin (Märkisch-Oderland) und Beeskow (Oder-Spree) sollen Erkundungsarbeiten für mögliche Speicher beginnen.

Die Pläne sind umstritten: Umweltverbände und Bürgerinitiativen werfen den Energiekonzernen vor, an der schmutzigen Braunkohle festhalten und sie dank CCS als umweltfreundlich verkaufen zu wollen. Von CO2-Bomben und Versuchsdeponien ist da die Rede, mit Risiken,  die einfach nicht abzuschätzen seien. Die EU sollte Fördergelder für erneuerbare Technologien einsetzen,  fordert etwa die Initiative CO2 Endlager Stoppen.

Vielleicht wehren sich die Brandenburger ja wirklich mit Nachdruck. Setzen Parteien unter Druck, die Vattenfall freie Hand lassen. Protestieren, auch wenn viele der Dörfer wie ausgestorben wirken und nur an vereinzelten Häuser Plakate gegen die Vattenfall-Pläne hängen. In Gorleben haben sich die politisch Verantwortlichen und die AKW-Betreiber zunächst auch ziemlich verkalkuliert.

Berlin brutal #15: Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Liebigstraße 14 - Foto: Henning Onken

Diese Geschichte beginnt vor meiner Haustür: “Wenn Räumung dann Beule” und “Beulker auf’s Maul” steht seit Jahren an Wänden der Rigaer- und der Liebigstraße, sogar im Keller stehen solche Sprüche an den Wänden. Hin und wieder überpinseln Maler die Drohungen und bunten Kleckse von Farbbeutelattacken mit dem Grundton der Fassade – wohl wissend, dass der Konflikt zwischen den Bewohnern dieser Häuser und ihren Besitzern unter der Oberfläche weiter schwelt. Seit einigen Wochen signalisieren große Transparente am Wohnprojekt Liebig 14, dass die Auseinandersetzung in einer entscheidenden Phase ist: “Keine Räumung durch den Kinderschutzbund”, heißt es da. Was ist hier eigentlich los?

“Wir waren zuerst da”, bekräftigen Bewohner der Liebig 14 den Anspruch auf ihr gemeinschaftliches Wohnen. Vor fast 20 Jahren wurde das Haus besetzt und kurz darauf durch Mietverträge legalisiert. Erst um die Jahrtausendwende kauft Suitbert Beulker das Eckhaus Liebig 14/Rigaer 96 sowie die angrenzenden Häuser 95 und 94. Mit den Ex-Besetzern in der Liebigstraße und Rigaer 94 legt er sich schnell an: Beulkers ehemalige Sekretärin bezeugt vor Gericht, ihr Chef habe einem Elektriker vorgeschlagen, das Hinterhaus der Rigaer 94 an Baustellen-Starkstrom anzuschließen – was Beulker bestreitet. Spätestens da ist der Streit nicht mehr beizulegen.

Von den Mietverträgen der Liebig 14 ist inzwischen nur noch ein einziger übrig. Hauptstreitpunkt war eine zusätzlich eingebaute Tür im Treppenhaus, die in vielen Hausprojekten Wohnungstüren ersetzt, hier aber rechtlich keinen Bestand hatte. Hinter dem Verhalten des Vermieters wittern die gekündigten Mieter den Plan, das leer geklagte Haus zu räumen und nach einer Luxussanierung als teure Eigentumswohnungen zu verkaufen.

Die Bewohner zahlen nach eigener Aussage weiter Miete und hoffen auf eine Reaktion des Kinderschutzbundes, den sie involviert sehen, weil Beulkers Zweitgesellschafter Edwin Thöne auch Geschäftsführer des Kreisverbands Unna ist. “Der Kinderschutzbund sieht keinen Widerspruch zwischen Vereinsarbeit und Wohnraumspekulation von Mitgliedern”, klagt ein Bewohner. Auch ein Angebot zum Kauf des Hauses über eine Stiftung würde ignoriert. Thöne selbst wolle sich zu der Angelegenheit derzeit nicht äußern, teilte mir heute die Unnaer Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes mit.

Am 13. November wird der letzte Revisionsprozess um einen Mietvertrag vor dem Landgericht verhandelt.

Update 13.11.: Auch der letzte Prozess ging verloren. Die Bewohner der Liebig 14 sind jetzt rechtlich keine Mieter mehr. Sie wollen weiter für ihr Hausprojekt kämpfen, müssen jedoch auch mit einer Räumung rechnen.

Foto: Christian Hetey

Stiller Protest, so wie jeden Tag

Falun-Gong-Anhänger an der Jannowitzbrücke - Foto: Henning OnkenAngefangen hat es im Sommer 2001: Zwei Jahre nachdem die chinesische Botschaft in das Gebäude an der Jannowitzbrücke zog, versammeln sich Anhänger der Meditationsbewegung Falun Gong auf der Brücke. Sie hängen Transparente auf, verteilen Flyer und protestieren still gegen die Verfolgung in ihrem Heimatland. Mal sind es zwei oder drei, die ihre Arme in den Himmel strecken, mal reisen Unterstützer aus anderen Städten an. Nicht immer sieht man nur asiatische Gesichter, auch hierzulande solidarisieren sich Menschen mit der Bewegung. An Terminen wie der Eröffnung der Olympischen Spiele gesellen sich auch Tibet- und Menschenrechtsaktivisten dazu.

Ob die Angestellten der Botschaft von dem Treiben Notiz nehmen? Hinter den verspiegelten Scheiben wird heute der 60. Geburtstag der Volksrepublik gefeiert, sicherlich mit einer Fernsehübertragung der pompösen Militärparade in Peking. Sie werden trotzdem wieder da stehen, so wie fast jeden Tag seit neun Jahren.

Poesie gegen brennende Autos

Poesie gegen brennende Autos in Friedrichshain - Foto: Henning Onken

“Willkommen im Chaotenbezirk” und “Why Not?” steht auf den Stickern. Abgebildet sind vermummte Steinewerfer und brennende Autos. Auf solche Grüße an Schildern und Türen in Friedrichshain und Kreuzberg antworten Anwohner jetzt mit einem Gedicht. “Du bist neidisch auf Wohlstand, weil Du selber Deinen Arsch nicht hochkriegst!”, heißt es an die Adresse von Brandstiftern gerichtet, die in Berlin schon mehr als 170 Autos in diesem Jahr abgefackelt haben.

Der schlimmste Vorwurf, den man einem “arm aber sexy” Berliner machen kann, steht gleich am Anfang: “Du hast keinen Stil!”

Fotos von interessanten Berliner Plakaten

Macht Euch keine Sorgen um Tempelhof!

_Am Rollfeld des Flughafens Tempelhof - Foto: Henning Onken

Es könnte Berlins Central Park werden, ein riesiger See, ein Berg oder ein neues Wohngebiet. Doch das sind Hirngespinste. Für viele Berliner ist ihr Flughafen Tempelhof so etwas wie das Grab eines nahen Verwandten: Nach der schmerzhaften Schließung im vergangenen Oktober hegt und pflegt man das Andenken so lange es geht. “Was habt ihr denn gegen den Zaun?”, raunzt ein weißhaariger Rentner aus der Neuköllner Nachbarschaft junge Demonstranten an, die am Jahrestag der Luftbrücke papierne Leitern an das Gatter heften. “Ihr wollt wohl ‘ne Haschwiese, wa?” – Man grinst und redet aneinander vorbei.

Die Initiative zur Massenbesetzung des Ex-Airports arbeitet an Tempelhof die bekannte Gentrifizierungsdebatte ab. Höhere Mieten durch den Bau von Luxuslofts auf dem Gelände verdrängen die sozial Schwächeren in den umliegenden Quartieren. Was dagegen passiert, wenn der Zaun einfach stehenbleibt, lässt sich schon jetzt beobachten: Gras wuchert durch das Asphalt der Rollbahn, Bäume schlagen in Beton-Nischen Wurzeln. Die Natur holt sich langsam ihr Terrain zurück, während der Senat plant, verwirft und diskutiert. Bald schon könnte es hier aussehen wie im ehemaligen Treptower Spreepark im Plänterwald. Wer dort durch ein Loch im Zaun krabbelt, findet im hohen Gras ein verrostetes Riesenrad, umgekippte Dinosaurier und Überreste einer Achterbahn. Willkommen im Ruinenpark Tempelhof!

Fotos vom Flughafen Tempelhof

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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