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Archiv für das 'Armut'-tag

Der Tod lauert in der Tonne

Brauchbares aus dem Container zu fischen, gilt in einigen Kreisen als hip. Von “Dumpster Diving” ist die Rede – Leute tauchen in die Mülltonne und bergen Schätze. Bevorzugt vor Supermärkten. Eine natürliche Reaktion auf den Überfluss im Kapitalismus. Tipps für Anfänger gibt es jede Menge im Netz. So raten Aktivisten, Container sauber zu hinterlassen, nicht den gesamten Inhalt auf dem Boden zu verteilen. Denn Supermarktmitarbeiter reagieren gereizt auf Schweinereien. Auch ein kleines Werkzeug ABC fehlt in diesen Anleitungen nicht: Leser erfahren, dass sich einige Abfallbehälter am besten mit Dreikant-Schüsseln öffnen lassen und notfalls brachial mit Bolzenschneidern.

Was für einige ein Abenteuer mit kalkulierbarem Risiko zu sein scheint, ist für viele arme Berliner längst zur Überlebensstrategie geworden. Nur warten sie nicht auf Supermarktparkplätzen, bis palettenweise Obst und Gemüse weggeworfen werden; sie huschen eher von Hinterhof zu Hinterhof, auf der Suche nach Pfandflaschen, alten Schuhe und Joghurtbechern. Manche nicken verschämt, wenn sie auf Bewohner treffen.

Dass sich Menschen bei diesem unangenehmen Job auch blaue Flecken holen, ist nur ein Nebenaspekt. Seit kurzem pappt an der Mülltonne im Hof ein Aufkleber, der vor Verletzungsgefahr warnt. Man könnte der Berliner Stadtreinigung unterstellen, auf diese Weise unliebsame Müllverwerter abschrecken zu wollen. Doch ältere Container, deren Deckel automatisch zurückschnellt, sind tatsächlich gefährlich.  So soll in Erfurt 2008 ein Kind im Müllcontainer eingeklemmt und an den Folgen seiner Verletzungen gestorben sein.

Eine Schlagzeile “Armer Berliner in Mülltonne verendet” kann niemand in dieser Stadt gebrauchen. Nicht die BSR, die eh den Ruf hat, ganze Straßen und Plätze zu vernachlässigen und auch nicht Wowereit, der im kommenden Jahr wieder gewählt werden will. Wundern würde es einen trotzdem nicht.

Berlin brutal #18: Abgetaucht im Hinterhof

Thomas Daley lässt sich durch nichts ablenken. Geht an den Rand des Bretts, dreht sich um, breitet die Arme aus und atmet tief durch. Millionen Menschen sehen seinen Sprung. Gebannt schaut er auf die Noten der Punktrichter, die den jungen Briten zum Weltmeister im Turmspringen machen.

Was das mit diesem Foto zu tun hat? Es sieht fast so aus, als sei auch dieser Mensch gesprungen. Wenn er aus dem Müllcontainer in einem Friedrichshainer Hinterhof wieder auftaucht, beklatscht ihn jedoch niemand. Nach minutenlanger Suche wird er eine halb leere Dose Pralinen in den Händen halten und bei seinem zweiten Tauchgang eine frische Birne ans Tageslicht befördern. Dann wird er sich den Schmutz von der Jacke klopfen und weiter gehen, zur nächsten Tonne.

Es ist nichts gewesen.

Geschichten wie diese finden fast im Verborgenen statt, man beobachtet sie zufällig durchs Fenster zum Hof. Nur wenn Meister Zottelbart vor aller Augen mit seinen Plastiktüten durch die U-Bahnhöfe zieht und keinen Mülleimer auslässt, gibt es ein Aufsehen. Die BVG hat mit ihrer neuen Hausordnung verboten, in Abfallbehältern zu wühlen.

Durch die Höfe schleichen immer mehr Menschen, die weder übel riechen, noch äußerlich von Angestellten zu unterscheiden sind. Ein Bekannter erzählte mir von einer 60-jährigen, der man auf dem Arbeitsamt geraten habe, doch bis zur Rente ihr Hartz-IV mit Flaschen Sammeln aufzubessern. Wir müssen auch das eine Parallelwelt nennen.

Verbotene Verbote der BVG

Die Berliner Verkehrsbetriebe haben heimlich, still und leise eine neue Hausordnung eingeführt. Skateboard fahren – verboten. Verweilen auf den Bahnsteig ohne Absicht, eine Fahrt anzutreten – verboten. Abfallbehälter durchsuchen – verboten. Außerdem die Weitergabe und der Verkauf gebrauchter Fahrscheine. Und noch ein paar weitere Lappalien wie Vögel füttern, Abfall ins Gleisbett werfen.

Überlegen Sie mal kurz, wie viele dieser möglichen Verstöße Sie begehen könnten. Unbewusst vielleicht. Ok. Die Hausordnung dürfte Sie also nicht weiter stören. Aber die paar Flaschensammler, die verschämt im Müll wühlen und dann zwei drei Cola-Flaschen in ihren Rucksäcken verschwinden lassen, wahrscheinlich schon. Die schnell weiter huschen, in der Hoffnung, nicht erkannt zu werden.

Das sind keine Leute, die andere Fahrgäste belästigen. Ihnen bricht eine wichtige Einnahmequelle weg. Sie werden weitere Wege zurücklegen müssen, um den gleichen Schnitt zu machen. Und vielleicht auch anderswo hartnäckiger hinter gerade geleerten Flaschen hinterher jagen. “Sie haben gleich ausgetrunken, könnte ich bitte die Flasche bekommen?”  Das fände ich dann als Parkbesucherin nicht so witzig.

Berlin brutal #16: Der Motz-Verkäufer als Konkurrent

“Interesse an der Obdachlosenzeitung Strassenfeger, ein bisschen Kleingeld vielleicht?” Durch den Zigarettendunst der frierenden Raucher vor dem Hauptbahnhof läuft Hannes* von Passant zu Passant. Viele schütteln schon den Kopf, lächeln verlegen oder schauen schnell weg, wenn sie den Mann mit dem Irokesenschnitt nur sehen. Es gibt zu viele Menschen, die etwas verkaufen wollen auf dem Bahnhofsvorplatz: Zeitungen, Fahrscheine, Stadtrundfahrten.

Eine Raucherin erbarmt sich und nimmt Hannes einen Strassenfeger ab. Sie fragt, warum er seine Zeitung nicht lieber im warmen Bahnhofsgebäude anbiete. “Weil Sie nicht der deutschen Norm entsprechen, was das Aussehen betrifft?” Drinnen verkaufen sei verboten, sagt Hannes, das gelte für alle.

Also steht er in seiner Nietenlederjacke vor der Glastür. Der 23-jährige erntet skeptische Blicke und bedankt sich trotzdem. Er braucht jeden Cent. Für Essen, Tabletten und Alkohol. Sechs Jahre hat Hannes Heroin gespritzt. Jetzt ist er auf Methadon und kriegt Hartz IV. Und ist noch immer tablettensüchtig.

Raben flattern in den milchigen Nachmittagshimmel, die Luft ist feucht, es hat geregnet. Hannes rundes Gesicht mit den vielen Piercings ist vor Kälte rot angelaufen. Er will einen Kaffee. Den kauft er gleich am Eingang, er versenkt neun Päckchen Zucker in den Pappbecher. Er braucht Energie, sein Stammplatz mit Blick aufs Kanzleramt muss verteidigt werden – gegen die Konkurrenz. “Der Bärtige da, den kann ich überhaupt nicht leiden und er mich auch nicht. Wenn ich manchmal nach ein bisschen Kleingeld frage, kriegt der so einen Hals”, sagt Hannes.

Mit dem Bärtigen führt er einen Kleinkrieg. Der Mann ist Mitte 50, trägt einem blauem Stoffanorak und eine Aktentasche. Er stellt sich Reisenden einfach in den Weg und wedelt mit dem Konkurrenzblatt Motz. Das preist er als “Arbeitslosenzeitung” -  das ärgert Hannes besonders. Es sei eine Obdachlosenzeitung und keine Arbeitslosenzeitung, sagt Hannes.

Dabei hat er eine Wohnung in Wedding, wo er gemeinsam mit seiner Freundin, einem Hund und zwei Katzen lebt. Bald will er eine Therapie in einer stationären Einrichtung beginnen. Doch bis die bewilligt sei, müsse er vor dem Bahnhof stehen mit seinen Strassenfeger-Heften: Er möchte Geld zur Seite legen, zwölf Zeitungen pro Tag zu verkaufen, das ist sein Ziel.

Nach zwei Stunden ist Hannes vier Zeitungen losgeworden. Regen platscht auf das Bahnhofsvordach, Hannes Finger sind inzwischen steif vor Kälte. Er kann das Kleingeld kaum zählen. 18 Euro sind es. Die wird er in der Apotheke lassen. Eine seiner Katzen ist erkältet und braucht Antibiotika.

*Name geändert

Hartz IV für die FDP

Wenn Hinterbänkler Angst vor dem Sommerloch bekommen, plappern sie mitunter unbedarftes Zeug. So fordert der Berliner Spitzenkanditat der FDP für die Bundestagswahl, Martin Lindner, eine Kürzung des Hartz IV-Regelsatzes um bis zu 30 Prozent bei arbeitsunwilligen Erwerbslosen. Gerade in Berlin gebe es extrem viele Menschen, die keine Lust hätten, zu arbeiten, sagte der Politiker in der N24-Sendung “Studio Friedman”. Lindners Vorschlag: Gemeinnützige bezahlte Arbeit für Hartz IV-Empfänger.

Zur Erinnerung: Henner Schmidt, ein Parteikollege Lindners und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Berliner FDP, hatte  schon vor ein paar Monaten für Schlagzeilen gesorgt mit der Idee, Hartz-IV-Bezieher auf Rattenjagd zu schicken. Einen Euro sollten arme Berliner pro erlegter Ratte bekommen.

Wahrscheinlich muss die FDP mit solchen Nachrichten auf sich aufmerksam machen, um überhaupt wahrgenommen zu werden in dieser Stadt. Auch bad news sind good news und Hartz IV-Empfänger zählen nicht zu den Wählern der Partei. Wie wäre es mit einem Selbstversuch der FDP-Krakeler während der Sommerpause? Keinen Urlaub auf Sylt – dafür einen Monat lang Hartz IV.

Studenten von der Humboldt-Universität haben dies schon 2005 probeweise durchgespielt. Damals lag der Hartz IV-Satz bei 345 Euro – sechs Euro unter dem heutigen Satz. Das Geld reichte bei weitem nicht aus für Interessen und Hobbys, von Kleidung einmal ganz abgesehen.

“Du hast schlechte Laune und bist aggressiv”

Flaschensammler im Hof - Foto: Henning Onken

…so begrüßt mich das “Pennergame“, das es nun auch für Berlin gibt. Teilnehmer des Online-Spiels schlüpfen in die Rolle eines Obdachlosen – oder nehmen zumindest Eigenschaften an, die die Erfinder des Spiels Obdachlosen andichten. Man darf Flaschen sammeln, Automaten knacken oder Currybuden überfallen. Erfahrene “Penner” greifen später auch ihre Mitspieler an, um Punkte für den sozialen Aufstieg zu sammeln. Auch das Sprechen will neu erlernt werden, da ich durch “jahrelanges Zechen” nur “unverständlich rumpöbeln” kann, wie es dort heißt.

Natürlich, es ist nur ein Spiel, eine Satire wie die Macher sagen. Sie spenden sogar Geld für Obdachlosenprojekte, um sich vor Kritik zu schützen. Dennoch erinnert mich das Spiel an die in vielen Ländern verbotenen Bumfights-Filme aus den USA. Darin wird Obdachlosen Alkohol und Geld geboten, damit sie aufeinander losgehen, in Einkaufswagen Treppenhäuser herunterrasen, sich die Zähne ausreißen oder – wie “Rufus the Stuntbum” – frontal gegen Wände laufen.

Wem nicht klar ist, was das mit dem Bild von meinem Hinterhof zu tun hat: Das ist Alltag in Berlin, hier trifft man oft auf Menschen, die den Müll durchstöbern, hauptsächlich nach Pfandflaschen. Sie sehen aus wie du und ich, weder ungepflegt noch aggressiv. Flaschen sammeln ist für sie kein Spiel, sondern die Chance, den schlecht bezahlten Job, Hartz IV oder die karge Rente aufzubessern.

Wenn diese leisen Besucher ein Mieter überrascht, der gerade sein Fahrrad holt oder den Hausmüll herunterbringt, schauen sie oft in eine andere Richtung. Weil es ihnen doch etwas peinlich ist. Sobald sie aber ihre verräterischen Plastiktüten am Flaschenautomaten des nächsten Supermarkts entleert haben, fällt ihre Armut niemandem mehr auf. Sie passen nicht in die Karikatur von einem “Penner”, die dieses dämliche Spiel mit aufbaut. Man sollte es nicht verbieten, sondern einfach nur ignorieren.

Hoffmanns Blick auf die Welt: Aufschlussreiche Reportage von Henning Sussebach über einen Berliner Flaschensammler in der Zeit
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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