Liebesgrüße an der Friedhofsmauer - pietätlos? Vielleicht, aber der Erste, der sich hier am Luisenstadt-Kirchhof in Kreuzberg verewigt hat, hat Nachahmer gefunden. Viele Nachahmer. “Ich liebe nur dich allein, mein Spinner” steht da an der Wand oder “Antony C., je t’aime.” “Bircan, ich liebe dich. Daniel”.



Ich behaupte, all dies hat mit Facebook nichts zu tun. Keine Verabredung, die binnen kurzer Zeit Kreuzberger zum Pinsel greifen ließ. Hundebesitzer und Schüler sind hier vorbeigeschlendert und wollten den Namen ihrer Liebsten an der Wand sehen. Ob sich die gefreut haben, in diese Galerie aufgenommen worden zu sein?
Fotostrecke: Liebe in Berlin
Habe ich etwas verpasst? Seit kurzem hängen Plakate im Kiez, auf denen der Bezirk zu Bürgerversammlungen zum Bürgerhaushalt einläd. Klingt gut, aber bis ich das Prinzip verstanden habe, musste ich die Webseite des Bezirks einige Male lesen. In Friedrichshain und Kreuzberg können Bürger telefonisch oder schriftlich vorschlagen, welche Projekte 2011 finanziell gefördert werden sollen. Es werden nur zusätzliche Wünsche über den Topf des Bürgerhaushalts erfüllt – keine öffentlichen Gelder umverteilt.
Auf Bürgerversammlungen, die in diesen Tagen an acht Orten im Bezirk stattfinden, wird über die Ideen für das kommende Jahr abgestimmt. Die Vorschläge, die jeweils an den verschiedenen Abstimmungsorten die meisten Stimmen erhalten, werden an den Bezirk weitergeleitet, von der Verwaltung geprüft und schließlich in der Bezirksverordnetenversammlung diskutiert. Die BVV entscheidet auch, welche Vorschläge umgesetzt werden – ob etwa mehr Geld für die Stadtteilbibliotheken ausgegeben werden soll, wie sich es einige Bürger wünschen oder für Fahrradständer vor Schulen. Oder für mehr Personal zur Hundekotbeseitigung in Grünanlagen.
Friedrichshain-Kreuzberg ist nicht der einzige Bezirk mit einem Bürgerhaushalt. Die meisten Bezirke haben die Idee vor zwei oder drei Jahren importiert: übrigens aus Porto Alegre in Brasilien.
Bürgerversammlungen in Friedrichshain-Kreuzberg in diesen Tagen

“Kein Ausverkauf der Kinder- und Jugendarbeit” prangt seit Monaten in bunten Lettern an dem Pavillon am Forckenbeckplatz. Im Internet haben die Sozialarbeiter ein fiktives Sommerschlussverkauf-Exposé veröffentlicht, in dem der Abenteuerspielplatz Forcki samt Haus “Kokon” zum Verkauf angepriesen wird: “Die zum Objekt gehörende Freifläche [Ca. 1600 m²] eignet sich hervorragend für eine Minigolfanlage oder Paintballgelände”, steht da unter anderem. Was steckt dahinter?
Ab Januar sollen alle öffentlichen Jugendeinrichtungen von Freien Trägern übernommen werden. Der Bezirk will so Personalkosten einsparen. Zwei Millionen sollen im kommenden Haushaltsjahr in Friedrichshain-Kreuzberg für Jugend, Familie und Schule fehlen. Für die Beschäftigten in der Kinder- und Jugendarbeit ein denkbar schlechtes Signal – sie fürchten um ihre Jobs. Auch in den übrigen Berliner Bezirken sieht es nicht anders aus – es sollen überall Gelder gestrichen werden. Deshalb findet heute Abend vor dem Roten Rathaus eine Demonstration statt unter dem Motto “Keine Kürzungen nirgendwo”.
Aber zurück zum Forckenbeckplatz: Der geriet am Wochenende in die Schlagzeilen, weil dort ein Zivilpolizist völlig unmotiviert von Jugendlichen angegriffen wurde. Da fragt man sich, ob die Bezirke nicht sogar mehr Gelder auftreiben sollten, um auch älteren Teenies länger interessante Freizeitangebote im Kiez machen zu können.

“Zieh doch dein Kondom an!” – Wie viele Kreuzberger dieser Aufforderung in der Forster Straße nachkommen, können wir nur erahnen. Männer, die ihr Gummi beim Sex vergessen, können nicht nur flüchtige Bekanntschaften schwängern. Sie begeben sich auch in eine tödliche Gefahr oder verteilen sie weiter: Jeden Tag steckt sich ein Berliner mit dem HI-Virus an.
Gut möglich, dass eine Frau diese Benimmregel für dumme Jungs in einem frustrierten Moment geschrieben hat. Der Spruch könnte aber auch eine Kreuzberger Variante der Aids-Aufklärungskampagne darstellen.
Gib Aids keine Chance: Kondome schützen
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Schnell zugreifen, sonst stellt sich der Nachbar diese tollen Sessel ins Wohnzimmer – könnte man denken, wo doch im Hintergrund für “moderne Polstermöbel” geworben wird. Leider ein Trugschluss, denn in der Oppelner Straße in Kreuzberg haben viele Anwohner keinen Schimmer, was in Berlin retro cool und wirklich en vogue ist. Ihre trendigsten Möbel werfen sie einfach auf den Bürgersteig, wo sich Hunde daran erleichtern können und der Regen die guten Stücke langsam auflöst.
20.000 Kubikmeter Sperr-, Sonder- und Restmüll in Straßen, Parks und Gärten hat die Stadtreinigung im vergangenen Jahr entsorgt und doch bleibt vieles liegen. Klarer Fall für die Dreckecken-Aktion der Berliner CDU vom August vergangenen Jahres, bei der Bürger Schmuddelecken an die Partei melden sollten. Was ist eigentlich daraus geworden? Die versprochene Online-Dokumentation konnte ich auf der Webseite nirgends finden.
Fotos: Berliner Seitenblicke
In Berlins Plakate-Wald gedeihen in der letzten Woche vor der Bundestagswahl kleine Widerstandsnester. In Kreuzberg pappen Boykotteure Sticker an Mülleimer mit dem Hinweis, dort Wahlzettel zu entsorgen. “Stimme erheben, statt abgeben” steht an einer Häuserwand in der Reichenberger Straße. Bei Info-Abenden in Friedrichshain sprechen sich die “klassisch-anarchistischen” Wahlverweigerer Mut zu und vertiefen sich in direkt-demokratischen Gedankenexperimente. Höhepunkt des Aktionismus ist eine Demo, bei der Nein-Sager am Vorabend der Wahl ihrem Unmut Luft machen wollen.
Es gibt viele Gründe, einen Bogen um den Polit-Grabbeltisch der Parteien und Kandidaten zu machen, den Wahl-O-Mat zu ignorieren: Ein Vater von zwei Kindern aus Prenzlauer Berg rechtfertigt seine lebenslange Enthaltung damit, dass Wählen verboten wäre, wenn es wirklich etwas bewirken würde. Ein Anhänger der Linken mit Irokesenschnitt ist wahlmüde, weil seine Friedrichshainer Direktkandidatin den Wählern ihr Hinterteil zeigt. Fans der Piratenpartei können nicht mit ansehen, wie ihre bräsigen Kandidaten der Jungen Freiheit Interviews geben. Und das Dreamteam Horst Schlämmer/Bushido tut nur so, als würde es was bewegen.
Aber aus Wahlmüdigkeit einen Wahlkampf gegen das Wählen zu starten – so etwas gibt es wohl nur in Friedrichshain und Kreuzberg. Schaut auf diese Stadt!
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