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Archiv für das 'prekär'-tag

Berlin brutal #14: Ohne Kohle durch den Winter

Brennholz für den Winter - Foto: Henning Onken

Eine Robbe mieten und Brennholz durch die Stadt karren. Es mit Axt und Motorsäge zerkleinern und im Keller stapeln, das kommt mir bekannt vor. Ich habe Punks erlebt, die sogar das Treppengeländer ihres Hauses verheizt haben, das Sperrholz von Baustellen verfeuerte ich im undichten Ofen oder saß mit Jacke im kalten Zimmer. Und doch ist das lange her, nur die sinnlos gewordenen Werbezettel von Kohlehändlern erinnern noch an diese Zeit – doch halt, die liegen jetzt auch nicht mehr im Briefkasten. Längst ist die Dunstglocke der Kohleöfen abgezogen, die in der kalten Jahreszeit über Berlins Ostbezirken hing.

Wer in einem unsanierten Haus wohnt und Brennholz für den Winter stapelt, macht sich unabhängig vom drastischen Anstieg der Heizkosten bei Öl und Erdgas. Doch so richtig warm hat es nur, wer ständig nachlegt. Das klingt vielleicht romantisch, wird aber schnell mühselig.

Wie viele Berliner machen es noch wie diese beiden, die mir in Friedrichshain begegnet sind? Vermisst ihr euren Ofen?

Berlin brutal #12: Von Flaschensammlern und Rattenfängern

Glas klirrt, im Hof durchwühlt jemand Altglas-Tonnen. Es ist nicht das erste Mal, dass Leute darauf hoffen, in unserer Straße ein paar Cents durch Mehrwegflaschen dazu zu verdienen – aber dafür durch Hinterhöfe streifen? Im benachbarten Park konnte man im Sommer abends oft die gleichen Gesichter beobachten, Menschen, die verschämt nach leeren Bierflaschen griffen, um diese dann eilig in ihren Taschen verschwinden zu lassen.

Da zieht ein älterer Herr mit Aktentasche los, ein scheinbar normaler Frührentner in Popelin-Klamotten, der zur Aufbesserung seines Monatsbudgets offenbar auf diesen Nebenverdienst angewiesen ist. Viele seiner “Kollegen” sind bei näherer Betrachtung ähnlich unscheinbar: Ältere Frauen mit Einkaufsrollern, die sich nach einem Blick in den Müllbehälter schnell wieder unauffällig unter die Leute mischen.

Vielleicht ist der Eindruck selektiv, aber die Zahl derer, die jenseits von regulärer Erwerbsarbeit, Hartz IV oder nach verspekulierten Lehmann Brothers Zertifikaten ihre Haushaltskasse aufbessern müssen, scheint weiter zu steigen. Es gibt kaum noch einen Supermarkt in Friedrichshain, vor dem kein Straßenzeitungsverkäufer sein Glück versuchen würde, von S- und U-Bahnen ganz  zu schweigen. Auf der Fahrt mit der S-Bahn nach Potsdam begegnet man pro Strecke mindestens zwei Zeitungsverkäufern und einem Straßenmusiker, oft sogar mit Kindern im Schlepptau.

Wenn Henner Schmidt, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Berliner Abgeordnetenhaus, dann auch noch fordert, arme Berliner sollten sich ein Zubrot durch Rattenjagd verdienen, kann einem nur schlecht werden.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Ein Abschied vom Prekariat

Ihre Stimme klang beschwingt, fast schrill. “Du, ich hab den Job, morgen wird gefeiert”. Endlich eine Festanstellung für Simone, nach mindestens vier Honorartätigkeiten, elf Vorstellungsgesprächen und jeder Menge nerviger Fragen von Großeltern, Tanten und Freunden.

Der “Job” würde mehr sein, als ein Job – eine erste Stelle mit einem eigenen Aufgabengebiet, Verantwortlichkeiten und vor allem: einer Visitenkarte. Jedes Mal wenn Freunden der Berufseinstieg gelingt, hält man früher oder später eine Visitenkarte in den Händen. Landtagsfraktion der SPD in Niedersachsen, Belgische Botschaft, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, FU Berlin – die Liste meiner Visitenkarten ließe sich beliebig verlängern.

War Berlin gestern noch eine beschissene Großstadt mit inakzeptablen Arbeitsbedingungen, hat heute doch jeder früher oder später Perspektiven – vorausgesetzt er will und strahlt das auch aus. Die Absolventen-Befragung der Uni, die gestern noch ins Altpapier gewandert ist, wird wieder hervorgekramt und bereitwillig ausgefüllt.

Für Gäste, die noch immer den “Alles-nicht-so-einfach-Film” fahren, hat die Simone dann auch wenig Verständnis. “Könnt ihr nicht einmal einfach nur die Musik und das Essen genießen?”  Das “und euch mit mir freuen” verkneift sie sich. Auf die Befristung ihrer Stelle auf ein Jahr angesprochen, grinst sie nur müde: “Ich habe immerhin sechs Monate Ruhe, bis ich etwas Neues suchen muss und einen Fuß in der Tür. Ist das nichts?” Man muss sich die Gastgeberin als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Berlin brutal #11: Prekär in bester Gesellschaft

Nein, das Prekariat beschwert sich nicht. Als ich heute über eine Studie stolperte, nach der jeder vierte Berliner Geringverdiener ist und mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen muss, fielen mir prompt ein paar Leute ein. Im Callcenter arbeitet keiner von ihnen, so viel vorweg, und auch nicht im Biergarten.

Es sind Selbstständige ohne Krankenversicherung, die auf den langfristigen Erfolg des eigenen Ladens hoffen und das Jobcenter noch nie von innen gesehen haben. Und Jung-Akademiker, die auf Honorar-Basis für Ministerien oder Verbände arbeiten, darauf angewiesen, dass ihnen die Eltern noch die Krankenversicherungsbeiträge sponsern. Es könnte sich ja auszahlen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, auch wenn man klein anfängt – zum Beispiel als Schwangerschaftsvertretung in der Materialausgabe eines privaten Fernsehsenders. Oder verantwortungsvoller: Als Fundraiser und PR-Referent für ein internationales Orchester-Projekt, das aber leider nicht mal über die Mittel verfügt, eine Aufwandsentschädigung für die entstandenen Telefonkosten zu zahlen.

It could be worse, natürlich. Etwa bis Mitternacht bei Kaiser’s an der Kasse stehen zu müssen, oder mit Hartz IV zum Nichtstun verdammt zu sein. Da bildet man sich doch lieber weiter oder promoviert mit Hilfe eines Stipendiums und hat zumindest die Bibliothek als Anlaufstelle, statt den ganzen Tag vor dem heimischen Computer Stellenbörsen zu durchforsten. Fragt sich nur, wie lange man das durchhält. Als wir kürzlich einem Freund zu seiner ersten festen Stelle gratulieren konnten, feierte er seinen 31.Geburtstag. Bis zur Rente mit 67 sind es noch 36 Jahre, das Studium hatte er mit 27 beendet. Nun gibt es natürlich Leute, die so dümmlich sind, Modedesign oder Ethnologie zu studieren, statt Maschinenbau. Kein Wunder. Oder andere, die um jeden Preis in Berlin bleiben wollen, obwohl es in Bonn oder Stuttgart kaum Arbeitslose gibt.

Aber einer Sache können sie sich gewiss sein: Sie befinden sich in Berlin in bester Gesellschaft.

Arm, gebildet und dreist

briefkasten.jpg

Unser Briefkasten ist neuerdings ein Selbstbedienungsladen, das nervt. Irgendein mittelloser Student oder fußfauler Sportfan verstopft nachts den Briefkasten mit Reklame und kann so bequem unsere Zeitung aus dem Kasten ziehen. Zugegeben: Beim ersten Mal habe ich einen Anzeigenblatt-Boten verdächtigt. Dachte, der Aufkleber “Keine Werbung” sei schlichtweg ignoriert worden. Heute steckte aber nur in unserem Briefkasten ein dicker Gartenkatalog – die Sache scheint damit klar zu sein.

Was tun? Zweimal den Wecker stellen, einmal um halb vier, um Anzeigenblätter zu entfernen, einmal um fünf, um die Süddeutsche zu retten? I am not amused. Wohne übrigens inzwischen in Friedrichshain. Neuköllner Nachbarn waren nicht an der Zeitung interessiert.

Fotos aus Friedrichshain

Hunde, Latte Macchiato und die Arbeiterwohlfahrt

Foto: Anne Grieger

Von wegen Latte-Macchiato-Kiez: In der Wühlischstraße in Friedrichshain betreibt die Awo ein Kiez-Café für Wohnungslose und Einkommensschwache. Ich dachte zunächst, eine der hippen Kneipen hätte einfach das Schild behalten, aber es scheint tatsächlich eine Anlaufstelle für Menschen in Not zu sein. Neben Beratungsangeboten und einer Notschlafstelle finden Besucher dort auch eine Kleiderkammer. Zudem werden Lebensmittel kostenlos verteilt.

Gleich um die Ecke, in der Gärtnerstraße, eine völlig andere Welt. Die “Kaufbar” erinnert an eine Art Puppenstube für Erwachsene, mit Retro-Tapeten an den Wänden, türkisfarbenem Tresen und Holztischen mit geblümten Tischdecken. Es gibt Bio-Milchkaffee, hin und wieder krabbeln dort Kinder herum. Wie im “Kauf dich glücklich” in Prenzlauer Berg können das alte Mobiliar und bunter Schnickschnack gekauft werden.

Das gleiche Bild auch am Boxi – hier die Familien mit Kindern auf dem Spielplatz, da die Trinker mit ihren Hunden. Ein funktionierendes Nebeneinander? Wohl weniger. Eltern klagen immer wieder über Hundemist, bereits vor mehr als drei Jahren wurde ein Teil des Platzes eingezäunt, um eine Liegewiese zu schaffen und Hunde fern zu halten. Bis heute weitgehend vergeblich, wie es scheint.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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