Archiv für das 'Hartz-IV'-tag

Berlin brutal #16: Der Motz-Verkäufer als Konkurrent

“Interesse an der Obdachlosenzeitung Strassenfeger, ein bisschen Kleingeld vielleicht?” Durch den Zigarettendunst der frierenden Raucher vor dem Hauptbahnhof läuft Hannes* von Passant zu Passant. Viele schütteln schon den Kopf, lächeln verlegen oder schauen schnell weg, wenn sie den Mann mit dem Irokesenschnitt nur sehen. Es gibt zu viele Menschen, die etwas verkaufen wollen auf dem Bahnhofsvorplatz: Zeitungen, Fahrscheine, Stadtrundfahrten.

Eine Raucherin erbarmt sich und nimmt Hannes einen Strassenfeger ab. Sie fragt, warum er seine Zeitung nicht lieber im warmen Bahnhofsgebäude anbiete. “Weil Sie nicht der deutschen Norm entsprechen, was das Aussehen betrifft?” Drinnen verkaufen sei verboten, sagt Hannes, das gelte für alle.

Also steht er in seiner Nietenlederjacke vor der Glastür. Der 23-jährige erntet skeptische Blicke und bedankt sich trotzdem. Er braucht jeden Cent. Für Essen, Tabletten und Alkohol. Sechs Jahre hat Hannes Heroin gespritzt. Jetzt ist er auf Methadon und kriegt Hartz IV. Und ist noch immer tablettensüchtig.

Raben flattern in den milchigen Nachmittagshimmel, die Luft ist feucht, es hat geregnet. Hannes rundes Gesicht mit den vielen Piercings ist vor Kälte rot angelaufen. Er will einen Kaffee. Den kauft er gleich am Eingang, er versenkt neun Päckchen Zucker in den Pappbecher. Er braucht Energie, sein Stammplatz mit Blick aufs Kanzleramt muss verteidigt werden – gegen die Konkurrenz. “Der Bärtige da, den kann ich überhaupt nicht leiden und er mich auch nicht. Wenn ich manchmal nach ein bisschen Kleingeld frage, kriegt der so einen Hals”, sagt Hannes.

Mit dem Bärtigen führt er einen Kleinkrieg. Der Mann ist Mitte 50, trägt einem blauem Stoffanorak und eine Aktentasche. Er stellt sich Reisenden einfach in den Weg und wedelt mit dem Konkurrenzblatt Motz. Das preist er als “Arbeitslosenzeitung” -  das ärgert Hannes besonders. Es sei eine Obdachlosenzeitung und keine Arbeitslosenzeitung, sagt Hannes.

Dabei hat er eine Wohnung in Wedding, wo er gemeinsam mit seiner Freundin, einem Hund und zwei Katzen lebt. Bald will er eine Therapie in einer stationären Einrichtung beginnen. Doch bis die bewilligt sei, müsse er vor dem Bahnhof stehen mit seinen Strassenfeger-Heften: Er möchte Geld zur Seite legen, zwölf Zeitungen pro Tag zu verkaufen, das ist sein Ziel.

Nach zwei Stunden ist Hannes vier Zeitungen losgeworden. Regen platscht auf das Bahnhofsvordach, Hannes Finger sind inzwischen steif vor Kälte. Er kann das Kleingeld kaum zählen. 18 Euro sind es. Die wird er in der Apotheke lassen. Eine seiner Katzen ist erkältet und braucht Antibiotika.

*Name geändert

Hartz IV für die FDP

Wenn Hinterbänkler Angst vor dem Sommerloch bekommen, plappern sie mitunter unbedarftes Zeug. So fordert der Berliner Spitzenkanditat der FDP für die Bundestagswahl, Martin Lindner, eine Kürzung des Hartz IV-Regelsatzes um bis zu 30 Prozent bei arbeitsunwilligen Erwerbslosen. Gerade in Berlin gebe es extrem viele Menschen, die keine Lust hätten, zu arbeiten, sagte der Politiker in der N24-Sendung “Studio Friedman”. Lindners Vorschlag: Gemeinnützige bezahlte Arbeit für Hartz IV-Empfänger.

Zur Erinnerung: Henner Schmidt, ein Parteikollege Lindners und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Berliner FDP, hatte  schon vor ein paar Monaten für Schlagzeilen gesorgt mit der Idee, Hartz-IV-Bezieher auf Rattenjagd zu schicken. Einen Euro sollten arme Berliner pro erlegter Ratte bekommen.

Wahrscheinlich muss die FDP mit solchen Nachrichten auf sich aufmerksam machen, um überhaupt wahrgenommen zu werden in dieser Stadt. Auch bad news sind good news und Hartz IV-Empfänger zählen nicht zu den Wählern der Partei. Wie wäre es mit einem Selbstversuch der FDP-Krakeler während der Sommerpause? Keinen Urlaub auf Sylt – dafür einen Monat lang Hartz IV.

Studenten von der Humboldt-Universität haben dies schon 2005 probeweise durchgespielt. Damals lag der Hartz IV-Satz bei 345 Euro – sechs Euro unter dem heutigen Satz. Das Geld reichte bei weitem nicht aus für Interessen und Hobbys, von Kleidung einmal ganz abgesehen.

“Du hast schlechte Laune und bist aggressiv”

Flaschensammler im Hof - Foto: Henning Onken

…so begrüßt mich das “Pennergame“, das es nun auch für Berlin gibt. Teilnehmer des Online-Spiels schlüpfen in die Rolle eines Obdachlosen – oder nehmen zumindest Eigenschaften an, die die Erfinder des Spiels Obdachlosen andichten. Man darf Flaschen sammeln, Automaten knacken oder Currybuden überfallen. Erfahrene “Penner” greifen später auch ihre Mitspieler an, um Punkte für den sozialen Aufstieg zu sammeln. Auch das Sprechen will neu erlernt werden, da ich durch “jahrelanges Zechen” nur “unverständlich rumpöbeln” kann, wie es dort heißt.

Natürlich, es ist nur ein Spiel, eine Satire wie die Macher sagen. Sie spenden sogar Geld für Obdachlosenprojekte, um sich vor Kritik zu schützen. Dennoch erinnert mich das Spiel an die in vielen Ländern verbotenen Bumfights-Filme aus den USA. Darin wird Obdachlosen Alkohol und Geld geboten, damit sie aufeinander losgehen, in Einkaufswagen Treppenhäuser herunterrasen, sich die Zähne ausreißen oder – wie “Rufus the Stuntbum” – frontal gegen Wände laufen.

Wem nicht klar ist, was das mit dem Bild von meinem Hinterhof zu tun hat: Das ist Alltag in Berlin, hier trifft man oft auf Menschen, die den Müll durchstöbern, hauptsächlich nach Pfandflaschen. Sie sehen aus wie du und ich, weder ungepflegt noch aggressiv. Flaschen sammeln ist für sie kein Spiel, sondern die Chance, den schlecht bezahlten Job, Hartz IV oder die karge Rente aufzubessern.

Wenn diese leisen Besucher ein Mieter überrascht, der gerade sein Fahrrad holt oder den Hausmüll herunterbringt, schauen sie oft in eine andere Richtung. Weil es ihnen doch etwas peinlich ist. Sobald sie aber ihre verräterischen Plastiktüten am Flaschenautomaten des nächsten Supermarkts entleert haben, fällt ihre Armut niemandem mehr auf. Sie passen nicht in die Karikatur von einem “Penner”, die dieses dämliche Spiel mit aufbaut. Man sollte es nicht verbieten, sondern einfach nur ignorieren.

Hoffmanns Blick auf die Welt: Aufschlussreiche Reportage von Henning Sussebach über einen Berliner Flaschensammler in der Zeit
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Nie wieder verhungerte Dackel im Winter

Ich hatte es für eine Satire gehalten, aber in Berlin-Treptow gibt es seit einigen Wochen tatsächlich eine Tiertafel. Da reicht ein Verein kostenlos Futter an bedürftige Berliner weiter – ganz nach dem Prinzip der Lebensmitteltafeln. Nach Vorlage eines Hartz IV-Nachweises oder Rentenbescheids kann der Dackel so über den Winter gerettet werden.

Gut für das Tier, für den Besitzer könnte ein Besuch dieser Futterausgabestelle aber eine Vormittag füllende Beschäftigung werden. Die Vorstellung, für eine kostenlose Packung Hundefutter die halbe Stadt zu durchqueren, ist grotesk. Die Regelsätze der Grundsicherung scheinen wirklich vorne und hinten nicht auszureichen.

Tiere haben eine soziale Funktion, so viel ist sicher – für viele Besitzer sind sie weit mehr als nur Gefährten. Dass Menschen bereit sind, für ihre Haustiere lange Wege zurückzulegen, scheint daher nur konsequent. Aber ist das wirklich nötig? Wären nicht ein paar Euro mehr Arbeitslosengeld II drin, um den Leuten diese Demütigung zu ersparen? Wer von einer caritativen Einrichtung zur nächsten hetzen muss, um sich und seine Familie (und Tiere) satt zu kriegen, wendet einen Großteil seiner Energie dafür auf. Energie, die vielleicht bei der Jobsuche fehlt.

Fahrräder für Berlins Ärmste

Städtischer Radverleih in Barcelona - Foto: Anne GriegerParis, Wien und Barcelona haben eins, Kopenhagen und bald auch London: Öffentliche Fahrradverleihsysteme, die es Bürgern ermöglichen, sich umweltschonend und kostengünstig durch die Metropolen zu bewegen. 6000 Leihräder will Londons Bürgermeister Ken Livingstone bereitstellen und nebenbei Londons Straßen sicherer für Radfahrer machen. Das Programm soll in den nächsten zehn Jahren rund 500 Millionen britische Pfund kosten, das entspricht aktuell etwa 662 Millionen Euro.

Eine Summe, die in Berlin kaum vorstellbar erscheint. In der Investitionsplanung des Landes sind für die Verbesserung der Fahrradinfrastruktur jährlich 2, 5 Millionen Euro vorgesehen. Das Angebot an Leihrädern sei “gering”, räumt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf ihrer Website ein. Klar, Berlin muss weiter sparen und strebt erst für dieses Jahr einen ausgeglichenen Haushalt an. Solche Ausgaben sind vorerst unrealistisch. Aber die gesundheitsfördernde Wirkung des Radfahrens sollte Finanzsenator Thilo Sarrazin durchaus zu denken geben. Kostenlos nutzbare städtische Räder für Hartz-IV-Bezieher, das wär doch mal was. Das BVG-Sozialticket würde es natürlich weiterhin geben, schließlich geht es um Wahlfreiheit… Wenn dieses Modellprojekt für den Personenkreis von radlosen Arbeitslosengeld II-Empfängern Erfolg zeitigen sollte, könnte das Angebot schrittweise ausgebaut werden.

Depri in Neukölln

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Dieser Dauerregen, diese traurigen Gestalten in den Straßen. Die depressive Grundstimmung in Neukölln sei ansteckend, meint Nina, deshalb sei sie weggezogen aus der Weserstraße. Das war vor etwa einem Jahr, seitdem hat sich dort einiges getan. An allen Ecken eröffnen Cafés und kleine Läden, “Kreuzkölln” scheint sich räumlich auszudehnen: Auch jenseits der Reuterstraße trifft man neben besagten traurigen Gestalten immer mehr Studenten und Kreative. Das ist die gute Nachricht, da sich diese Entwicklung positiv auf das Wohlfühlgefühl im Kiez auswirken könnte. Die (wenig überraschende) schlechte Nachricht: Die Mieten werden teurer. Selbst ein WG-Zimmer in einem dürftig sanierten Altbau neben der Rütli-Schule kostet inzwischen fast 300 Euro und Hausbesitzer erhalten bereits Kaufanfragen von Investoren.

Weiter “oben”, im Schillerkiez, kann trotz zwei drei passabler Kneipen von einer nennenswerten Aufwertung bzw. schleichenden Gentrifizierung bislang keine Rede sein. Zwar stehen auch dort in letzter Zeit weniger Ladenlokale leer, neue Mieter sind jedoch vor allem private Arbeitsvermittlungen oder Betreiber von Internetcafés. Die Euro-Jobber, die bei diesen Jobvermittlungen angestellt sind, unterscheiden sich äußerlich wenig von den privaten Sicherheitsleuten, die vor der Grundschule in der Schillerpromenade patroullieren. In türkisfarbenem Einheitsdress befreien sie den parkähnlichen Grünstreifen von Schnapsflaschen und Hundemist – nicht gerade der Traumjob…

Fotostrecke: Streifzüge durch Berlin

Weblog: Kreuzkölln alias Reuterkiez von Philip


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  • icke: jetzt lass mich raten wer das geschrieben hat………..grin s. Gruss von mir an...
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