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Archiv für das 'Werbung'-tag

Stadt der Frauen

Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kleid und schaut stets woanders hin, wenn ich an ihr vorbeigehe. Die dunkelhaarige Frau begegnet mir häufig, in mehreren Stadtteilen hängen Plakate mit ihren Profil- oder Rückenansichten an offiziellen Werbeflächen. Keine Streetart also, sondern Werbung der dritten Art.

Eine der jüngsten und dümmsten Kampagnen dieser Kategorie in Berlin stammte von Rammstein, in diesem Fall aber handelt es sich um kaum zu entziffernde Werbung der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Die unbekannte Frau hat der Berliner Fotograf Michael Schmidt in den neunziger Jahren fotografiert, als Teil seiner Serie “Frauen”. Er findet es reizvoll, dass seine Plakate den meisten Passanten ein Rätsel bleiben. Die Bilder müssen niemanden aufklären, keinen verführen, denn schließlich fördert die Kulturstiftung des Bundes die Biennale.

Mehr unter: BerlinBiennale.de

Schock-Rock und Porno-Twittern

Werbung für Rammstein - Foto: Henning Onken

“Liebe ist für alle da” steht auf den Plakaten, die in den letzten Wochen wohl jeder in Berlin schon mal gesehen hat. Die Kampagne ist keine Werbung für die Erotikmesse Venus, die auch in dieser Woche unterm Funkturm startet, sondern ein Viral-Marketing-Feldzug. Wer die nichts sagende Webadresse auf den Postern in den Browser eintippt, landet bei Facebook und Twitter. Immerhin 6.490 Fans bzw. 1.238 Follower haben die Berliner Schock-Rocker Rammstein so gewonnen, um ihr neues Album zu promoten – ziemlich wenig für diesen Aufwand.

Selbstverständlich sollen auch dieses Mal Tabus berührt werden, nach Themen wie Kannibalismus oder Inzest ist jetzt Pornographie dran: “Wir saßen in diesem Bordell in Charlottenburg und mussten nacheinander ran”, erzählten die “Rammelsteine” (B.Z) ausgerechnet der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Dreharbeiten zu ihren neuen Clip.

Ob sie damit in einer Stadt wie Berlin überhaupt jemanden provozieren können? Hier gibt es nicht nur Sex-Messen und jährliche Porno-Festivals.  Am nächsten Wochenende soll tatsächlich der “1. Feministische Pornofilmpreis Europa” in den Hackeschen Höfen verliehen werden.

Kaum zu glauben, dass zwei der Rammstein-Bandmitglieder zu den wirklich genialen Ost-Punks von Feeling B gehörten. Die hatten irgendwie eine andere Wellenlänge.

“Ich such die DDR und keiner weiß wo sie ist – es ist so schade, dass sie mich so schnell vergisst!” (Feeling B, Wir kriegen Euch Alle, 1991)

Fotostrecke: Berliner Plakate
Fotostrecke: Liebe in Berlin

SPD: Sammelt bitte diese Plakate wieder ein!

Wahlplakate in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte - Foto: Henning OnkenDie Poster zum Volksentscheid Pro Reli sind kaum abgehängt, da bricht schon die nächste Kampagne über die Stadt herein: Im Kampf um Stimmen zur Europawahl dreschen die Sozialdemokraten mit mehreren Motiven auf den politischen Gegner ein. Die Liberalen werden zu Finanzhaien, die Linken als hirnlose Fönköpfe dargestellt.

SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel verkauft seinen Beitrag zur Politikverdrossenheit als “ungewöhnlichen Ansatz” und will ausgerechnet mit billiger Polemik für eine höhere Wahlbeteiligung sorgen. Eines hat er immerhin bewirkt: Empörte Blogger, die sich mit Photoshop auskennen, haben ihre Repliken ins Netz gestellt.

Bleibt zu hoffen, dass in Berlin einige schöne Ecken frei bleiben und die anderen Parteien nicht mitziehen.

Fotostrecke: Berliner Plakate

Stadt als Beute: Diese Riesen herrschen über Berlin

Werbung am Rosenthaler Platz - Foto: Henning Onken

Sie zwingen uns zu ihnen aufzuschauen, thronen über der Stadt: Ihre Wucht wächst in Quadratmetern zu einer Göttlichkeit, die uns zu dem macht, was wir sind: Kleine Leute mit ein bisschen Geld in den Taschen. Kauf meinen BH, befiehlt die Göttin einer Unterwäschefirma, und wo du schon dabei bist, bestell dir DSL aus dem Wunderland, gebietet die magere Blondine nebenan.

Schon seit hundert Jahren wird in Berlin mit Großformaten geworben, doch wohl nie mit der Penetranz der letzten Jahre. Zur EM haben sich die Poster mal wieder verselbständigt. Godzilla ist leider nicht in Sicht, Adblocker wie im Internet gibt es nicht. Die Reizüberflutung ist kaum zu umgehen – es sei denn, man sitzt in einem der vielen zugepappten BVG-Busse oder Straßenbahnen lässt sich kaum aus dem Fenster sehen.

Firmen, die ihre “Grußbotschaften” im öffentlichen Straßenland pflanzen, müssen zahlen. Oft läuft der Deal so: Ihr gebt uns Geld für die Sanierung unserer Denkmäler, Brunnen, Bäder und Kirchen – dafür überlassen wir euch diese Plätze eine Zeit lang als Beute, pappt sie ruhig zu. Im Behördendeutsch heißt das “Kompensation öffentlicher Leistungen durch Werbung”. Die Stadtverwaltung könnte damit angeblich noch erheblich mehr Kasse machen.

Das hört sich nach einer soliden Partnerschaft an, die viele Orte wieder in neuem Glanz erstrahlen lässt. Die kleinen Buswartehallen finanzieren sich selbst – wunderbar. Der Brunnen wird saniert und sprudelt wieder – toll. Aber braucht man dazu wirklich das Geld von Hugo Boss, eBay und Co? – Schließlich zahlen wir doch Steuern.

Wie viel Werbung verträgt Berlin eigentlich? Vielleicht wird es uns die Grenzen klar, wenn Schulsponsoring erlaubt ist und Kinder das falsche Trikot tragen. Pepsi etwa statt Bionade und runter vom Schulhof?

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Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

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Trotz blöder Werbung: Berlin ist nicht ganz gekauft

Werbung in der Potsdamer Straße in Berlin-Mitte - Foto Henning Onken

Berlin ist voll von dämlicher Werbung. Der neue Hauptstadtslogan etwa klingt nach Stotterei, ist rekordverdächtig kurz, erschreckend unkreativ und die Kampagne dahinter kostet zehn Millionen Euro. Außerdem mussten wir gestern erfahren, dass “be berlin” möglicherweise geklaut ist – kopiert von dem Entwurf zweier Grafiker, die sich bei dem Wettbewerb ein Preisgeld erhofft hatten.

Eines aber muss man der Stadtverwaltung lassen – sie handelt folgerichtig. Einen Mehrwert aus dem zu ziehen, was Bürger freiwillig an Ideen und Geschichten auf die Webseite “sei berlin” hochladen, ist sinnentleert und trendy zugleich. Ich für meinen Teil fülle auf dem Amt schon genug Formulare aus und möchte einfach nur hier leben.

Völlig aus der Art geschlagen ist die Aktion einer Düsseldorfer Agentur, die in Berlin für einen Autohersteller wirbt. Gestern Nacht wurden dabei 1000 Straßenschilder hauptsächlich in Mitte mit der Aufschrift “Sunset Boulevard” überklebt. Am selben Tag begannen außerdem Arbeiter damit, am Springer-Hochhaus ein riesiges Plakat mit dem Namen von Deutschlands auflagenstärkstem Boulevardblatt zu entrollen. Damit jeder weiß, dass demnächst die Redaktion von Hamburg nach Berlin ziehen wird.

Diese Liste ließe sich weiter fortsetzen, mit dreiäugigen Fröschen, die an jeder Ecke dreist und illegal für Mobilfunkgeräte quaken oder riesigen Plakaten eines DSL-Übermodels.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Werbeplätze weiter Konjunktur haben. Vom S-Bahnhof Potsdamer Platz bis zur Neuen Nationalgalerie zieht sich eine Reihe von neuen Werbeboxen der Firma Wall. Darin drehen sich zwei Platzhaltermotive, elektronisch getaktet und 24 Stunden lang.

Um aber zum Schluss auf den Titel dieses Beitrags zurückzukommen, warum ich also Berlin trotz dieser tollwütigen Besetzungen öffentlicher Räume irgendwie mag: Weil es Orte gibt, die nicht von oben bis unten gekauft wirken. Und weil es Menschen gibt, die die Botschaft von Werbung immer wieder ins Abseits stellen.

Hier sind ein paar Bilder mit großen Gefühlen.

Was hat drei Augen und nervt ganz Berlin?

Foto: Henning OnkenBlinky ist es nicht, Mr. Burns verstrahlter Fisch aus der TV-Serie “The Simpsons”. Aber so ähnlich: Ein dreiäugiger Frosch wirbt in ganz Berlin für Mobilfunkgeräte zum Chatten. Daran ist nichts ungewöhnlich, ganz wie Blondinen für Internet-Produkte oder Unterwäsche Modell stehen. Anscheinend hat es der Firma mit dem penetranten Frosch aber nicht gereicht, die Stadt mit Plakaten voll zu kleistern: Werbung im Graffiti-Style findet man auch an vielen Wänden, bei deren Bemalung andere wegen Sachbeschädigung angezeigt werden.

Auf der beworbenen Webseite flackert dem Besucher eine aufwändig produzierte Kampagne für besagtes Gerät entgegen. Der Link zum Impressum läuft allerdings ins Leere, verantwortlich ist anscheinend niemand. Aber die Shop-Weiterleitung zum Kauf des Geräts und Abschluss eines Vertrags funktioniert – natürlich. Das ist wohl leider wie mit Spam in E-Mails – am Ende will es keiner gewesen sein. Beispiellos ist diese Werbeform in Berlin allerdings nicht, wie im letzten Jahr die eifrig gekleisterte Borat-Kampagne zeigte. Aber mal ehrlich, was ist einem denn lieber – ein Komiker oder die Blinky-Kopie?

Fotostrecke: Berliner Streetart

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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