Alte Kühlschränke, zerschlissene Sofas und Matratzen: Alles landet auf dem Bürgersteig, wenn Berliner ihren Frühjahrsputz machen – vorzugsweise im Schutz der Dunkelheit. Natürlich gibt es auch ordnungsliebende Bürger, die ihren Müll regulär zu den Abgabestellen der Stadtreinigung bringen.
Einfallsreiche Nachbarn haben einen Trick gefunden, wie sie den Schrott aus ihren vier Wänden doch guten Gewissens vor der Haustür abladen können – sie vergeben Schulnoten. 4- steht auf diesem alten Fernseher in der Simon-Dach-Straße. Der ehemalige Besitzer empfiehlt außerdem, für sechs Euro eine Fernbedienung zu kaufen, damit das Ding wieder mäßig flimmert. Ich warte auf den Tag, an dem ich über eine “ungenügende” Matratze stolpere.
Es ist erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit an mausetoten Ecken Berlins mit leeren Kneipen Geld verbrannt wird. Der säulenbewehrte Durchgang zwischen zwei Stalin-Bauten am Frankfurter Tor ist ein solcher Ort. Putz bröckelt von den Fassaden, die große Uhr blieb vor langer Zeit stehen. Vor sechs Jahren eröffnete in dem Gebäude nebenan eine Cocktailbar namens “Destiny”, deren Schicksal schon mit dem Tag der Eröffnung besiegelt war: Niemand will an diesem Platz einen Caipirinha schlürfen.
Nach zwei tapferen Jahren hieß der Schuppen plötzlich “El Mar” – eine Tapas-Bar. Wieder saßen die Beschäftigten gelangweilt herum, nur die Leuchtschrift war eine andere. Spanische Küche war also auch keine gute Idee, wie nicht anders zu erwarten. Seit kurzem steht nun Pizzeria “da Salvatore” über dem Laden.
Ich bewundere die Experimentierfreudigkeit der Finanziers und wünsche der aktuellen Inkarnation alles Gute. Mögen die Gäste in Scharen kommen und bis zum U-Bahnhof Schlange stehen.
Sie haben alle Prozesse gegen ihren Vermieter verloren, aber lassen die Köpfe nicht hängen: Die Bewohner des Friedrichshainer Hausprojekts in der Liebigstraße 14 reagieren mit einer Charmeoffensive auf die drohende Räumung. Mit Info-Veranstaltungen und Konzerten wollen sie seit Wochen zeigen, wie sie wirklich leben und warum ein Fortbestand der Wohngemeinschaft auch für andere Berliner von Bedeutung sein könnte. Das Haus, das oft wie eine Trutzburg wirkt, öffnet seine Türen einen Spalt breit.
Dazu zählt auch eine Freiluft-Galerie mit Fotos von drinnen, die jemand an die Hauswand geklebt hat. Auf den Bildern ist das dicht plakatierte Treppenhaus zu sehen, bunt bemalte Türen und Gemeinschaftsküchen. Für den Betrachter öffnen Bewohner ihre Zimmer – und siehe da: es ist aufgeräumt, sogar die Nietenlederjacke hängt ordentlich am Haken.
Ganz anders informierte die Bild-Zeitung ihre Leser nach der Räumung eines Hausprojekts in der Brunnenstraße. Das Boulevardblatt präsentierte eine Bildergalerie nach dem Motto: Schaut her, so verlottert hausten die Chaoten.
Da wo die Stadt aufhört und sich Wiesen ausbreiten, stehen Fabrikhallen, deren Besuch Teenager elektrisiert. Outlets, die markengeile Berliner anziehen wie Technoclubs die Feierwütigen. An der Tür zum Paradies, das einem einzigen Label gewidmet ist, wartet ein bulliger Sicherheitsmann. Jeder Besucher muss sich den Eintritt erst verdienen – sei es durch einen Presseausweis oder eine Einladung, die auf Antrag ausgestellt wird. Oder eben auch nicht.
Besucher kämpfen sich bei Elektro-Beats durch Klamotten-Regale, die sich an den Wänden bis zur Decke stapeln. Laufmaschen und leicht verrutschte Nähte stören hier niemanden. Die B-Ware ist günstig und Berlin arm. Nur Touristen gehen auf dem Tauentzien zu H&M oder Pimkie. Eine sehr blonde Frau mit Raucherhaut mit einem halben Dutzend Hosen überm Arm nervt eine Aushilfe mit der Frage, ob es den Männern gefalle, wenn die Jeans eng sind. “Ja, sicher”, antwortet diese und sortiert auf einer Trittleiter stehend den nächsten Hosenstapel.
Auf der Suche nach der ewigen Jugend kommen auch ältere Berliner. Vor einem Spiegel steht ein Mittvierziger mit Designerbrille und Dreitagebart, der ein schwarzes Sakko anprobiert. Es sitzt ihm spack am Körper, wie alles hier. Dieses wahrscheinlich von Kinderhänden billigst in Asien zusammen genähte Zeug kann eigentlich nur zu Magersucht verleiten, weil Durchschnittseuropäern erst Randgrößen wie 36/32 passen.
Eine sportliche Frau Ende 20 hat sich bereits durch einen Berg Jeans gezwängt und pendelt zunehmend hektisch zwischen Anziehkabine und Kleiderstapeln – Kate Moss wäre das nicht passiert. Ihr Freund hat die Suche bereits aufgegeben und wischt gelangweilt auf seinem iPhone hin und her. Nicht fündig geworden? Wir sehen uns beim nächsten Fabrikverkauf. Vielleicht in der Wustermark, direkt an der B5.
Der Übervater der Street Art ist in Berlin und sitzt im Publikum, als sein Film “Exit Through The Gift Shop” auf der Berlinale läuft. So zumindest wurde das Phantom Banksy angekündigt – ein Brite, der mit seinen rebellischen Aktionen längst angekommen ist auf dem internationalen Kunstmarkt.
Es ist brechend voll, die Luft verbraucht und die Besucher angetan. Aber ist der berühmte Unbekannte wirklich in der Hauptstadt? Meister, gib uns ein Zeichen! Er könnte doch wenigstens auf dem Rückweg in sein Hotel irgendwo eine Schablone an die Wand halten, eine Dose schütteln und die Wand zu Gold machen, beklagt sich ein gelangweilter Journalist. Das wäre eine Geschichte!
Hat er wohl nicht getan. Banksys Berliner Hinterlassenschaften sind etwa sechs oder sieben Jahre alt und fast alle verschwunden. Übermalt, wegsaniert oder von einem Galeristen aus einer Friedhofswand in Mitte gemeißelt und für knapp 10.000 Pfund bei eBay verkauft. Ein Fan hat sogar eine Karte ins Netz gestellt, die Banksys Streifzüge durch Berlin verzeichnet. “Alle weg”, erzählte mir der Kollege. Wirklich alle? Nein, erst in der vergangenen Woche ist mir dieser Blumenstrauß-Autonome begegnet. Ein klassischer Banksy! Und diesmal sag ich zum ersten Mal nicht wo. Sucht doch in Hellersdorf!
Zuerst hält eine Robbe und lädt feierwütige Studenten mit Ikea-Schreibtischen und Bücherkisten vor Altbauten ab. In der Öde verfallener Kieze gründen sie Kneipen, Cafés und Läden für seltsame Sachen, die keiner braucht. Dieses Gentrifizierungs-Szenario hat nun eine Berliner Künstlergruppe treffend persifliert: Auf den Pritschen von vier Umzugswagen haben sie eine Bar eingerichtet, stellen die Fahrzeuge an einem beliebigen Ort nebeneinander ab. Feiern mit allem, was für eine gute Kneipe dazugehört. Kaum hat sich der Standort herumgesprochen, düsen sie wieder davon – ohne die Mietpreise erhöht zu haben.
Soweit eine lustige Geschichte. Allerdings hätten die selbst ernannten Gentrifizierungs-Verhinderer ihre Kneipe woanders aufschlagen können als unter der Warschauer Brücke in Friedrichshain. Viele Berliner lassen dort ihre Bierflaschen fallen – auf dem Weg zu Clubs im südlichen Friedrichshain. Dort gibt es nichts aufzuwerten.
Vielleicht hat Robben & Wientjes den Clip auch selbst gedreht. Aber Werbung braucht diese Firma eigentlich nicht. Wenn ich eine Robbe brauche, sind sie alle vermietet.
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