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Autorenarchiv für Henning Onken

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Gauck! Mach uns den Obama!

Sie hoffen auf den Messias und kleben Gauck-Plakate: Von dem berühmten Obama-Portrait des Streetart-Künstlers Shepard Fairey gibt es jetzt eine Berliner Version. Den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck. Der ähnelt darauf mehr einem Alien als einem Visionär, doch wichtiger ist: Menschen laufen durch Berlins Straßen und kleben diese Plakate an Schilder und Wände – wie hier in der Chausseestraße. Niemand bezahlt sie dafür, sie tun es aus Leidenschaft.

Da stimmt es traurig, dass im Unterschied zum US-Wahlkampf am 30. Juni kein Kandidat von uns gewählt werden kann. “Go for Gauck!”, heißt es auf einem Sticker, nicht “Vote for Gauck!”. Auch eine Tradition aus der Wendezeit lebt wieder auf: Ab sofort wollen Gauck-Unterstützer jeden Montag in mehreren Städten demonstrieren, in Berlin um 18 Uhr am Alexanderplatz.

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die Regierung, die in der Kandidatenfrage rein machtpolitisch handelte. Es ist auch ganz offen der Wunsch nach einem glaubwürdigen Charakter an der Spitze unseres Staates.

Und was sagt der Kandidat? Er gehe nicht häufig ins Internet, seine Kinder würden ihm aber berichten, “was da abgeht”. Und im ZDF erzählt er: “Ich bin total verwirrt – aber auch glücklich!”

Facebook-Seite für Joachim Gauck
US-Blog: Ist Obama der Messias?

Foto-Combo: Henning Onken (links), Stefan Kloo (rechts, Lizenz Kloo: Creative Commens 2.0 Generic)

Fotoblogger sucht Alltagsberliner

Florian Reischauer ist 25 Jahre alt und zieht fotografierend durch die Straßen Berlins. Gegenstand seiner Bilder sind die Bewohner der Hauptstadt, denen er das Blog “Pieces of Berlin” gewidmet hat. Ich habe ihn getroffen und einige Fragen gestellt.

Florian, auf deinem Blog sammelst du Aufnahmen von Berlinern, die du auf der Straße knipst. Quatscht du wahllos Leute an oder suchst du einen bestimmten Menschenschlag?

Die Aufnahmen sollen ganz Berlin zeigen, Menschen jeden Alters und Aussehens. Das müssen nicht besonders auffällige Personen sein, sondern auch Leute, an denen man sonst achtlos vorübergeht. Ich fahre mit meinem Moped in verschiedene Bezirke und begebe mich dort auf die Suche.

Auf welche Reaktionen triffst du bei den Berlinern?

Anfangs hat es mich etwas Überwindung gekostet, Menschen anzusprechen. Etwa ein Drittel macht mit, bei den Jüngeren sind es fast zwei Drittel. Rentner sind auch recht locker. Schwierig wird es bei Migranten, die meistens skeptisch bleiben. Trotzdem sind die Reaktionen fast immer nett, auch wenn Menschen ablehnen.

Wie kam es zu dem Projekt?

Ich bin in Ried im Innkreis, geboren, also in Oberösterreich. Nach dem Abschluss auf einem Foto-Kolleg in Wien bin ich vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Anfangs habe ich eine Art Foto-Tagebuch geführt und bin dann später auf die Idee mit dem Blog gekommen. Bislang habe ich nicht bereut, nach Berlin gezogen zu sein. Es ist toll, Menschen kennenzulernen, auch durch dieses Projekt.

Die Bilder erinnern mich an Fotos aus meinem Kinderalbum, zerkratzt und verblichen. Wie machst du deine Aufnahmen?

Ich benutze eine alte Mittelformatkamera. Alle Kratzer und Löcher im Material sind echt und nicht mit Photoshop hinein gezaubert.

Dann kannst du aber kaum 20 Aufnahmen einer Person machen, wie es durch die Digitalfotografie üblich geworden ist.

Nein, ich mache pro Person nur ein Foto und ein kurzes Interview. Hin und wieder missrät auch ein Bild, was aber auch nicht schadet. Dann war dieser Moment eben so. Wichtig ist mir, dass die Fotos nicht inszeniert wirken und ihre Spontanität bewahren. Auch die Angaben zu der Person sollten nicht zu lang werden, damit sich der Betrachter seine eigene Geschichte zu dem Bild kreiren kann.

Was machst du, wenn du nicht fotografierst?

Ich verdiene mein  Geld als Produktionsassistent bei zwei Berliner Fotografen. In meiner Freizeit betreibe ich mit einigen Freunden den offenen Projektraum Ida Nowhere in Neukölln, wo jeden Samstag kleine Performances stattfinden.

Alle drei Fotos sind von Florian Reischauer, das mittlere zeigt ihn selbst, beim Döner-Essen in einem Fotoautomaten. Seine Berlin-Ansichten hat Florian auch in einem Foto-Buch zusammengefasst.

Grundrecht auf Trash-Party im Park

Sonntagmorgen, Volkspark Friedrichshain. Hinter einem riesigen Müllberg posiert ein älterer Herr mit Baseball-Cap und Sonnenbrille. Wie ein Bild-Leserreporter lässt sich der Tourist von seiner Frau knipsen. “This is Berlin.” Zentnerweise Verpackungen, Pappteller und Fleischreste haben die Samstagsgriller hier hinterlassen. Nur die Pfandflaschen haben Sammler längst mitgenommen.

Das ist Berlin. Wie in jedem Jahr rufen Bürger nach Ordnungsämtern, um Müllsünder zu bestrafen. Aber was bringt es, sich darüber aufzuregen? Die meisten Berliner haben keinen eigenen Garten und nehmen sich das Recht, auf jeder Wiese zu grillen – Verbote hin oder her.

Im Volkspark hat die große Mehrzahl der Feiernden versucht, ihren Abfall zu entsorgen. Man kann nicht von ihnen erwarten, dass sie den Müll mit nach Hause nehmen. Der Bezirk täte gut daran, größere Container und Aschebehälter aufzustellen, damit sich die Berge nicht entzünden. Die mittelfristige Lösung des Problems liegt nicht in mehr Überwachung und Gezeter über den Verfall der Sitten. Wir brauchen eine Ausweitung von Pfandsystemen für Verpackungen, damit der Müll dort landet, wo er hingehört – bei den Lebensmittel-Discountern.

Wo ist hier das nächste SED-Parteibüro?

Die Straße der Jugend in Seelow ist eine Rumpelpiste aus Feldsteinen, ihre Schwesterstraße im nächsten Dorf ein staubiger Sandweg. An den Karl-Marx-Alleen des Berliner Umlands glänzt dagegen schon mal ein Autohaus und tiefer in der Prärie steht zumindest eine Tankstelle.

Wir sind auf einer Radtour durch Brandenburg und kennen den Heldenkanon der Arbeiterklasse bald auswendig: Ernst Thälmann, wir grüßen Dich! August Bebel, hier biegen wir ab und machen Rast am Clara-Zetkin-Platz. Wo geht es zum Parteibüro der SED, möchte man den nächsten Rentner fragen, der einem entgegen wankt. 20 Jahre nach der Deutschen Einheit haben die Helden der Arbeiterklasse die Brandenburger Provinz fest im Griff.

Die DDR-Verwaltung hat fleißig Straßen umbenannt, so fleißig, dass ihr in manch neuen Siedlungen die Heiligen ausgingen. Stattdessen gibt es dort Äpfel- und Birnenstraßen, nur einen Bananenweg habe ich vergeblich gesucht.

Zwar haben Rosa Luxemburg oder August Bebel auch in Berlin ihren Platz, wie in unseren Geschichtsbüchern. Hier wird jedoch lebendig diskutiert, selbst wenn ein Name schon mehr als hundert Jahre Pate steht. Ich erinnere an das Kreuzberger Gröbenufer, das vor einem Vierteljahr wegen der Kolonialvergangenheit des Namensgebers zum May-Ayim-Ufer wurde. Vordenker von historischen Sackgassen oder Freunde der Gewaltherrschaft haben ihre Plätze nicht für immer gebucht.

Warum werden nicht auch Provinz-Straßen Verfolgten des SED-Regimes gewidmet, oder Opfern von rechtsradikalen Schlägern? Es mag an der Ostalgie in Gemeindeverwaltungen liegen, aber wahrscheinlich ist es mehr eine allgemeine Gleichmut, die bleiern über dem Land hängt. Brandenburg altert, die Bevölkerung schrumpft schneller als in anderen Regionen Deutschlands. Die Jüngeren suchen die Veränderung woanders. Eher werden Dörfer abgebaggert oder an die Natur zurückgegeben, als Straßen umbenannt.

Kreuzberg ist Sieger, sagt Google

Ihr wollt alle nach Kreuzberg ziehen, oder? Gebt es zu, Google hat Euch erwischt! Nachdem die Suchmaschine erfolgreich den Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest vorausgesagt hat, frage ich mich, was die Datenkrake uns über die Beliebtheit der Berliner Bezirke sagen kann. Einiges.

Kreuzberg ist Sieger im Bezirksvergleich und hat sich in den vergangenen Monaten noch weiter vor Neukölln gekämpft, das im März kurzzeitig die Führung im Ranking übernahm. Das mag mit dem Lebensgefühl im Graefe-Kiez zu tun haben, der Kneipenlandschaft von SO 36 oder den Partys auf der Admiralbrücke.

Alle Bohemiens, Studenten und ärmere Wohnungssuchende, die sich dagegen Neukölln als Zufluchtsort herausgesucht haben, dürfen sich freuen: Es sieht so aus, als sei der Bezirk auf dem absteigenden Ast. Die Mietpreise dürften erschwinglich bleiben, wenn sich der Trend fortsetzt. Außer in Kreuzkölln, dort schlägt der Hipfaktor des Nachbarbezirks erbarmungslos durch.

Prenzlauer Berg ist abgefrühstückt

Ohne jede Dynamik zeigt sich Prenzlauer Berg auf dem letzten Rang. Der Bezirk ist längst durch gentrifiziert. Wer hierher zieht, sucht das Familienglück im perfekt sanierten Altbau. Wer Lärm macht, stört. Mit anderen Worten: Langweilig, hier geben sich nur noch die immer gleichen Zugezogenen die Klinke in die Hand.

Aufsteiger der vergangenen Monate ist Charlottenburg. Anscheinend hat der Westbezirk die Schließung des Bahnhofs Zoo für den Fernverkehr überwunden und auch die Ku’damm-Bühnen werden wohl überleben.

Fazit: Alles Unsinn?

Totaler Quatsch, werden einige Leser behaupten. Die Anzahl bestimmter Suchanfragen lässt sich anders deuten, außerdem wird bei Kreuzberg ein gleichnamiger Berg in Bayern mitgezählt. Recht haben sie, doch eines ist auch wahr: Wer Bezirke bei Google eintippt, landet leicht auf Immobilienseiten. Und von dort aus ist es ein Klacks bis zum Umzug.

Google hat übrigens auch gesehen, dass rund um den 1. Mai wegen der erwarteten Randale und der Nazi-Demo besonders viel über X- und P’berg berichtet wurde (siehe untere Skala, News Reference Volume).

Wer das Tool selbst ausprobieren möchte, hier ist der Link. Die Bezirke lassen sich in der Suchzeile anpassen. Sinnlos ist allerdings die Suche nach “Mitte”.

So kämpft man in Moabit gegen Hundehaufen

Ansprühen, Schild dran und auf das schlechte Gewissen warten. So lässt sich eine Aktion der Nachbarschaftsinitiative Elberfelder Kiez rund um die Elberfelder Straße in Moabit zusammenfassen, von der mir Mitorganisator Torsten Schmidt dieses Foto geschickt hat.

Er und seine Mitstreiter hätten Hundehaufen mit Farbe angesprüht und ein Schild mit der Aufschrift “Haste mal ‘ne Tüte” hinterlassen, berichtet Schmidt. Zwei Tage nach der Aktion seien immerhin zwei farbige Haufen weggeräumt worden, freut er sich. Die Schilder waren noch da. “Wir wollten etwas unternehmen, das eine Portion Unernst beinhaltet, nicht nach dem Bezirksamt und Bestrafung ruft und trotzdem eine klare Appellfunktion hat”, kommentiert der Aktivist seinen Einsatz.

Von einer weiteren, unappetitlichen und gemeinen Methode berichtete mir ein Bekannter. Man könne die Hundehaufen mit Kakaopulver überstreuen, worauf die Verursacher sie auffressen würden -  noch bevor sie ihre Halter davon abbringen können. Das dürfte auch jenen Hundehaltern das Gassi-Gehen versauen, die ihren Dreck gewissenhaft eintüten.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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