Liebesgrüße an der Friedhofsmauer - pietätlos? Vielleicht, aber der Erste, der sich hier am Luisenstadt-Kirchhof in Kreuzberg verewigt hat, hat Nachahmer gefunden. Viele Nachahmer. “Ich liebe nur dich allein, mein Spinner” steht da an der Wand oder “Antony C., je t’aime.” “Bircan, ich liebe dich. Daniel”.



Ich behaupte, all dies hat mit Facebook nichts zu tun. Keine Verabredung, die binnen kurzer Zeit Kreuzberger zum Pinsel greifen ließ. Hundebesitzer und Schüler sind hier vorbeigeschlendert und wollten den Namen ihrer Liebsten an der Wand sehen. Ob sich die gefreut haben, in diese Galerie aufgenommen worden zu sein?
Fotostrecke: Liebe in Berlin
Ich hatte gedacht, in Tempelhof würde man sich über das Ende des Flugbetriebs freuen. Über ruhige Abende ohne donnernde Triebwerke, leere U-Bahnen, weniger Straßenverkehr. Eine ziemliche Fehleinschätzung. Eine Rentnerin erzählt, sie habe vom Fluglärm in den letzten Jahren kaum noch etwas mitbekommen. Heute ärgert sie sich über vermüllte Grünflächen und leer stehende Ladenlokale. Der türkische Lebensmittelladen sei raus, Edeka habe geschlossen, außerdem zwei Banken. Das verstehe keiner, sagt die Frau, die seit 40 Jahren am Platz der Luftbrücke wohnt.
Der Besitzer des Fliegerladens hat eine Erklärung. Ein Investor habe die Mietpreise derart angezogen, dass viele Geschäfte in der Nachbarschaft aufgeben mussten. Kein Wunder, dass sich keine neuen Mieter fänden, wenn nicht klar sei wie es weiter gehe, mit dem Flughafengelände. Er schimpft auf die Politik, die kein überzeugendes Nutzungskonzept für den Flughafen vorgelegt habe. Auf die Modemesse könne er gut verzichten. “Zwei Mal im Jahr für zwei Wochen Bread & Butter, das ist doch kein Konzept.” Ein Museum für Luftfahrt, das wäre was. Dann käme auch wieder mehr interessierte Laufkundschaft in sein Geschäft.
Ein anderer Ladenbesitzer kann seine ausländerfeindliche Gesinnung schlecht verhehlen. Hinter vorgehaltener beklagt er sich über Großfamilien, die zunehmend in große leer stehende Wohnungen zögen. Eine Neuköllnisierung Tempelhofs stehe bevor, orakelt er. In diesen neuen Nachbarn sieht er keine neuen Kunden.
Wäre das ein Viertel, in dem man sich wohlfühlen würde? In dem man bei jedem zweiten Einkauf Hasstiraden und nostalgische Geschichten anhören muss? Ich habe da so meine Zweifel. Aber ein riesiger öffentlicher Park in der Nähe, das wäre schon was. Wenn es denn irgendwann dazu kommen sollte.

Alte Kühlschränke, zerschlissene Sofas und Matratzen: Alles landet auf dem Bürgersteig, wenn Berliner ihren Frühjahrsputz machen – vorzugsweise im Schutz der Dunkelheit. Natürlich gibt es auch ordnungsliebende Bürger, die ihren Müll regulär zu den Abgabestellen der Stadtreinigung bringen.
Einfallsreiche Nachbarn haben einen Trick gefunden, wie sie den Schrott aus ihren vier Wänden doch guten Gewissens vor der Haustür abladen können – sie vergeben Schulnoten. 4- steht auf diesem alten Fernseher in der Simon-Dach-Straße. Der ehemalige Besitzer empfiehlt außerdem, für sechs Euro eine Fernbedienung zu kaufen, damit das Ding wieder mäßig flimmert. Ich warte auf den Tag, an dem ich über eine “ungenügende” Matratze stolpere.
Bildergalerie: Berliner Seitenblicke

Es ist erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit an mausetoten Ecken Berlins mit leeren Kneipen Geld verbrannt wird. Der säulenbewehrte Durchgang zwischen zwei Stalin-Bauten am Frankfurter Tor ist ein solcher Ort. Putz bröckelt von den Fassaden, die große Uhr blieb vor langer Zeit stehen. Vor sechs Jahren eröffnete in dem Gebäude nebenan eine Cocktailbar namens “Destiny”, deren Schicksal schon mit dem Tag der Eröffnung besiegelt war: Niemand will an diesem Platz einen Caipirinha schlürfen.
Nach zwei tapferen Jahren hieß der Schuppen plötzlich “El Mar” – eine Tapas-Bar. Wieder saßen die Beschäftigten gelangweilt herum, nur die Leuchtschrift war eine andere. Spanische Küche war also auch keine gute Idee, wie nicht anders zu erwarten. Seit kurzem steht nun Pizzeria “da Salvatore” über dem Laden.
Ich bewundere die Experimentierfreudigkeit der Finanziers und wünsche der aktuellen Inkarnation alles Gute. Mögen die Gäste in Scharen kommen und bis zum U-Bahnhof Schlange stehen.
Sie haben alle Prozesse gegen ihren Vermieter verloren, aber lassen die Köpfe nicht hängen: Die Bewohner des Friedrichshainer Hausprojekts in der Liebigstraße 14 reagieren mit einer Charmeoffensive auf die drohende Räumung. Mit Info-Veranstaltungen und Konzerten wollen sie seit Wochen zeigen, wie sie wirklich leben und warum ein Fortbestand der Wohngemeinschaft auch für andere Berliner von Bedeutung sein könnte. Das Haus, das oft wie eine Trutzburg wirkt, öffnet seine Türen einen Spalt breit.
Dazu zählt auch eine Freiluft-Galerie mit Fotos von drinnen, die jemand an die Hauswand geklebt hat. Auf den Bildern ist das dicht plakatierte Treppenhaus zu sehen, bunt bemalte Türen und Gemeinschaftsküchen. Für den Betrachter öffnen Bewohner ihre Zimmer – und siehe da: es ist aufgeräumt, sogar die Nietenlederjacke hängt ordentlich am Haken.
Ganz anders informierte die Bild-Zeitung ihre Leser nach der Räumung eines Hausprojekts in der Brunnenstraße. Das Boulevardblatt präsentierte eine Bildergalerie nach dem Motto: Schaut her, so verlottert hausten die Chaoten.
Bilder der Fotoausstellung Inside-Out
Da wo die Stadt aufhört und sich Wiesen ausbreiten, stehen Fabrikhallen, deren Besuch Teenager elektrisiert. Outlets, die markengeile Berliner anziehen wie Technoclubs die Feierwütigen. An der Tür zum Paradies, das einem einzigen Label gewidmet ist, wartet ein bulliger Sicherheitsmann. Jeder Besucher muss sich den Eintritt erst verdienen – sei es durch einen Presseausweis oder eine Einladung, die auf Antrag ausgestellt wird. Oder eben auch nicht.
Besucher kämpfen sich bei Elektro-Beats durch Klamotten-Regale, die sich an den Wänden bis zur Decke stapeln. Laufmaschen und leicht verrutschte Nähte stören hier niemanden. Die B-Ware ist günstig und Berlin arm. Nur Touristen gehen auf dem Tauentzien zu H&M oder Pimkie. Eine sehr blonde Frau mit Raucherhaut mit einem halben Dutzend Hosen überm Arm nervt eine Aushilfe mit der Frage, ob es den Männern gefalle, wenn die Jeans eng sind. “Ja, sicher”, antwortet diese und sortiert auf einer Trittleiter stehend den nächsten Hosenstapel.
Auf der Suche nach der ewigen Jugend kommen auch ältere Berliner. Vor einem Spiegel steht ein Mittvierziger mit Designerbrille und Dreitagebart, der ein schwarzes Sakko anprobiert. Es sitzt ihm spack am Körper, wie alles hier. Dieses wahrscheinlich von Kinderhänden billigst in Asien zusammen genähte Zeug kann eigentlich nur zu Magersucht verleiten, weil Durchschnittseuropäern erst Randgrößen wie 36/32 passen.
Eine sportliche Frau Ende 20 hat sich bereits durch einen Berg Jeans gezwängt und pendelt zunehmend hektisch zwischen Anziehkabine und Kleiderstapeln – Kate Moss wäre das nicht passiert. Ihr Freund hat die Suche bereits aufgegeben und wischt gelangweilt auf seinem iPhone hin und her. Nicht fündig geworden? Wir sehen uns beim nächsten Fabrikverkauf. Vielleicht in der Wustermark, direkt an der B5.
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