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Autorenarchiv für Henning Onken

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Stadt als Beute: Diese Riesen herrschen über Berlin

Werbung am Rosenthaler Platz - Foto: Henning Onken

Sie zwingen uns zu ihnen aufzuschauen, thronen über der Stadt: Ihre Wucht wächst in Quadratmetern zu einer Göttlichkeit, die uns zu dem macht, was wir sind: Kleine Leute mit ein bisschen Geld in den Taschen. Kauf meinen BH, befiehlt die Göttin einer Unterwäschefirma, und wo du schon dabei bist, bestell dir DSL aus dem Wunderland, gebietet die magere Blondine nebenan.

Schon seit hundert Jahren wird in Berlin mit Großformaten geworben, doch wohl nie mit der Penetranz der letzten Jahre. Zur EM haben sich die Poster mal wieder verselbständigt. Godzilla ist leider nicht in Sicht, Adblocker wie im Internet gibt es nicht. Die Reizüberflutung ist kaum zu umgehen – es sei denn, man sitzt in einem der vielen zugepappten BVG-Busse oder Straßenbahnen lässt sich kaum aus dem Fenster sehen.

Firmen, die ihre “Grußbotschaften” im öffentlichen Straßenland pflanzen, müssen zahlen. Oft läuft der Deal so: Ihr gebt uns Geld für die Sanierung unserer Denkmäler, Brunnen, Bäder und Kirchen – dafür überlassen wir euch diese Plätze eine Zeit lang als Beute, pappt sie ruhig zu. Im Behördendeutsch heißt das “Kompensation öffentlicher Leistungen durch Werbung”. Die Stadtverwaltung könnte damit angeblich noch erheblich mehr Kasse machen.

Das hört sich nach einer soliden Partnerschaft an, die viele Orte wieder in neuem Glanz erstrahlen lässt. Die kleinen Buswartehallen finanzieren sich selbst – wunderbar. Der Brunnen wird saniert und sprudelt wieder – toll. Aber braucht man dazu wirklich das Geld von Hugo Boss, eBay und Co? – Schließlich zahlen wir doch Steuern.

Wie viel Werbung verträgt Berlin eigentlich? Vielleicht wird es uns die Grenzen klar, wenn Schulsponsoring erlaubt ist und Kinder das falsche Trikot tragen. Pepsi etwa statt Bionade und runter vom Schulhof?

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Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

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Zertrümmern und weg. Warum diese Wut?

Foto: Henning Onken

Ausgerechnet Brad Pitt. In “Fight Club” schlägt er mit dem Baseballschläger auf schicke Karren mit Stern, Sportvehikel und Geländeautos ein. Man könnte denken, dieser Film sei in Berlin gedreht worden, denn hier winkt vielen Karossen ein ähnliches Schicksal. Platt gemacht, angekratzt, abgefackelt. Autos sind wehrlos und stehen nachts unbewacht in leeren Gassen. Längst haben google-maps-Begeisterte eine Karte von den Brandanschlägen angefertigt. Schuld sind meistens “Extremisten” aus Friedrichshain und Kreuzberg, natürlich.

“In der vergangenen Nacht haben Unbekannte” …bla bla… “der Staatsschutz ermittelt”. Längst überlesen wir solche Meldungen im Polizeiticker, die im Hintergrund weiterrauschen. Am Ende folgt die Statistik. Wen es noch interessiert: es sind in diesem Jahr 54 Autos angesteckt und weit mehr beschädigt worden. Zuletzt traf es 29 jener Umzugsfahrzeuge, die in Berlin jeder als “Robben” kennt.

Vergleichsweise harmlose Öko-Rebellen lassen die Luft aus den Ventilen, andere Täter sprühen Schablonen auf Motorhauben. Das Wort “Meins” stand vor zwei Tagen in Schöneberg auf mehr als einem Dutzend Oberklasse-Autos. Von Sozialneid über Kritik an bestimmten Firmen bis zu Öko-Aktivismus – viele Motive stecken hinter solchen Aktionen.

Die Besitzer sollen sich rechtfertigen, warum ihnen die U-Bahn, das Rad oder ein gebrauchter Golf nicht reicht. Warum sie an ein wenig mehr Glanz in ihrem Leben glauben und kräftig dafür zahlen. Und weshalb sie mit tonnenschweren Geländewagen durch die Stadt brausen, während ältere Kleinwagen vor der Umweltzone Halt machen müssen.

Dabei siegt oft die Vernunft von ganz alleine über zehn Liter plus x. Eine Freundin fuhr ihr BMW-Cabrio nur einen Sommer lang, dann war ihr die Kutsche zu teuer.

Fernseh-Duell: Wedding gegen Friedrichshain

Chausseestraße in Wedding - Foto: Henning OnkenWedding: In den Wohnblocks der Chausseestraße wohnen fast nur Menschen, die nicht Maier oder Schulze heißen. Sie schauen tief in andere Welten, das sieht man an Hunderten von Satellitenschüsseln. Damit empfangen die Bewohner TV-Signale aus aller Welt – und besonders die von rund 170 türkischen Fernsehsendern. Etwa 4,5 Stunden sollen sie am Tag fern sehen, oft läuft die Kiste auch nebenbei, als angenehmes Hintergrundrauschen.

Über diesen Anblick machen sich Stadtplaner seit Jahrzehnten Sorgen. Sind die Bewohner wirklich in Berlin angekommen oder bleiben sie gefangen in einem Medienghetto? Doch der Schein trügt. Die vielen Schüsseln mögen ein Stück Heimat in die vier Wände bringen, aber besonders die jüngere Generation schaut sich TV Total und Dieter Bohlen längst genauso an wie türkische Seifenopern.

Friedrichshain: Irgendwo auf einem Dach im Samariterviertel. “Don’t watch stupid TV” hat jemand auf eine einsame Satellitenschüssel geschrieben. Wie kann man nur so dumm sein, sich eine Glotze in die Bude zu stellen? Der Verfasser dieser Botschaft gegen die Verblödung kam wohl selbst nicht von allzu weit her. Aus Stuttgart oder Bremen, vielleicht aus London.

Stupid TV - Foto: Christian Hetey

Die meisten Zugezogenen in diesem Bezirk scheinen jedenfalls nicht unter so starken Heimweh zu leiden wie einige Bewohner des Wedding. Sie geben sich in der Regel mit den 26 Digitalkanälen zufrieden, die über eine kleine Box zu empfangen sind – außer jenem Kulturkritiker natürlich.

Aber nach einem Halbjahres-Trip durch die Mongolei wäre wahrscheinlich auch er heimlich erfreut über eine Folge Lindenstraße oder die Stimme von Harald Schmidt.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Foto (1) von Henning Onken, Foto (2) von Christian Hetey

Berlin als Leinwand: Wenn Sprayern der Platz fehlt

Sprayer am Spreeufer - Foto: Henning Onken

Sprayer am Spreeufer - Foto: Henning Onken

“Die Mauer ist weg, aber tausend andere zu bemalen” – so lautet übersetzt die Überschrift eines Artikels in der New York Times vom 2. März. Er handelt von Berlin als Europas “most bombed city” – und erzählt nicht von Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg sondern von Graffiti. Der Autor vergleicht die Stadt mit New York – und zwar dem bunten New York vor 1995, als Bürgermeister Giuliani eine Task Force gegen Graffiti gründete. Kurz: Berlin riecht nach Aerosol.

Man mag das als ein Zeichen von Verwahrlosung deuten und auf den “Null-Toleranz-Zug” der Amerikaner aufspringen oder als Begleiterscheinung einer aufstrebenden Kreativ-Metropole freudig begrüßen.

Entgegen der NYT ist das emsige Werkeln von Sprayern aber gerade an jener Mauer zu beobachten, die Berlin bis 1989 trennte: An den verbliebenen Abschnitten hinter der Schillingbrücke in Mitte gestalten Graffiti-Aktivisten binnen weniger Wochen ganze Abschnitte neu – das obere Bild ist vom 13. April, das untere vom 11. Mai.

Vielleicht liegt es daran, dass vor den “tausend anderen Mauern” Berlins Sicherheitsdienste warten. Statt den Ärger zu riskieren, wird gemalt, wo jedes neue Werk ein altes kaputt macht. Der Ruhm ist eine Sache von Tagen, allenfalls Wochen – dann kommt die nächste Schicht. Doch die Mauer jenseits der East Side Gallery leuchtet schillernd und wechselhaft wie ein Chamäleon.

Fotostrecke: Street Art aus Berlin

Berlin wird heute zur Stadt des Lächelns

Dalai Lama in der Kastanienallee - Foto: Henning Onken

Seine Heiligkeit ist ein Popstar, ein Kassenschlager. Die meisten Veranstaltungen mit ihm sind ausverkauft, und heute kommt der Dalai Lama nach Berlin. Auf einer Tibet-Kundgebung am Brandenburger Tor verteilt er seine Weisheit und Güte zwischen 16 und 18 Uhr kostenlos, allerdings auch nur etwa eine Viertelstunde lang. Außer den zahlreichen Fans zieht der Nobelpreisträger aber auch Gegner an – viele Demo-Plakate mit seinem Konterfei sind zerrissen worden.

Warum wollen sich eigentlich so viele Menschen von dem Tibeter erleuchten lassen? Wer sind seine Berliner Fans?

“Wir sind Helden” und “2Raumwohnnung” spielen im Rahmenprogramm – es gibt also sicher einen Grund zu kommen. Doch es heißt, dass schon ein Lächeln des Dalai Lamas Menschen begeistert. Sogar der Berliner Kurier fordert seine Leser zum “Heute Gott-König schauen” auf – ein Erlöser kommt in die Hauptstadt, zwar kein christlicher, aber verpassen darf man ihn trotzdem nicht.

Sollte der Dalai Lama noch Zeit haben, durch Friedrichshain oder Kreuzberg zu touren, dürfte er sich über die vielen Tibet-Fahnen an den Balkonen freuen. Am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg etwa. Dort gibt es einen Tibet-Fan, der bis zum Winter ein Transparent mit “Rettet die Bäume am Landwehrkanal” gehisst hatte. So wird aus einem Kampf um alte Pappeln nahtlos der Einsatz für ein Land, in dem kaum ein Berliner gewesen ist. So schön einfach kann Gerechtigkeit manchmal sein. Rettet Darfur! Rettet das Weltklima! Rettet die Brandenburger Großtrappen!

Fotostrecke: Berliner Plakate

Am Badesee: Wo nur ein Wildschwein grunzt

See in Berlin - Foto: Christian Hetey

Dichtes Gestrüpp, umgestürzte Bäume, Morast: Die letzten 200 Meter sind Dschungel, doch dann steht man direkt vor dem Waldsee, in dessen ruhigem Wasser sich der Himmel spiegelt. Irgendwo quakt ein Ente und in den Büschen hört man manchmal ein Wildschwein grunzen – sonst ist es ruhig hier. Der See am Rande Berlins ist nicht so groß wie die Krumme Lanke – deshalb verirrt sich auch kaum jemand hierher – aber groß genug zum Baden. Stellen wie diese entdeckt man nur durch Zufall oder durch Googlemaps. Das klingt idyllisch. Ist es auch, wenn man sich die Mücken weg denkt, die in diesem Sommer besonders zahlreich herumschwirren sollen.

Hier nicht Baden - Foto: Christian HeteyWer nach einem Naturplanschbecken nicht lange suchen will, dem sei die Webseite der Stadtverwaltung empfohlen: Zum offiziellen Auftakt der Badesaison werden im Innenstadtbereich “mehr schöne und saubere (…) Badestellen als in jeder anderen Metropole der Welt” gelistet. Und von jetzt an bis September wird dort die Wasserqualität regelmäßig überprüft.

Das ist eigentlich ratsam, denn nicht alle schönen Seen sind zum Baden geeignet. Einige stehen unter Naturschutz, andere sind völlig veralgt. Schock-Schilder wie “Achtung Einleitung. Lebensgefahr” sind mir im Berliner Umland bis jetzt allerdings noch nicht begegnet.

Fotos: Christian Hetey

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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