Ich hatte geahnt, dass es nicht gut um Tom stand. Er stapfte wie aufgezogen das Treppenhaus hoch, grüßte mechanisch. Aber dass er mit seinen Mitte 20 aus dem dritten Stock in den Hof springen würde, war ihm nicht anzusehen. Jene Leere gähnt in Berlin zu oft aus Gesichtern in der U-Bahn oder in der Schlange vor der Kasse, als dass sie besonders aufgefallen wäre. Ich nenne den lebensmüden Nachbarn hier Tom aus dem Treppenhaus, weil ich ihn nicht näher kannte, ja nicht kennen wollte.

Das wurde mir klar, als ich am nächsten Tag die im Hof verstreuten Spuren des Rettungseinsatzes betrachtete: Einen leeren Infusionsbeutel, Blut, einen Turnschuh. Er hatte andere bedroht, trank ständig Bier, war arbeitslos und seines Lebens müde – mehr weiß ich nicht. In der Summe habe ich leider nur gleichgültig zugeschaut, wie jemand den Mut verlor. Wie so oft, denn Selbstmord gehört zum Alltag in Berlin.

Meist bleibt es ein stiller Tod, der schnell vertuscht wird. Manchmal, wenn die S-Bahn nicht weiterfährt und die Lautsprecher am Gleis vage eine Streckensperrung verkünden, hat sich jemand auf die Schienen geworfen. Wir reden über Nacktbaden am Müggelsee, werden aufmerksamer für Kindesvernachlässigung und das Hundekotproblem. Aber selbst die Polizei berichtet lieber von Fahrrad-Kontrollen als von Menschen, die sich das Leben nehmen – wegen potentieller Nachahmer. Hin und wieder ist ein Promi darunter, dann lässt es sich nicht vermeiden.

Die letzte Statistik zur Suizidhäufigkeit in Berlin ist drei Jahre alt. Demnach liegt das Risiko für einen freiwilligen Tod in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln am höchsten: 40 Prozent von insgesamt 636 erfassten Selbstmorden im Jahr 2005 geschahen in diesen drei Bezirken. Seit 30 Jahren geht die Suizidrate zurück, was aber nicht für Ausländer in Berlin gilt. Insgesamt liegt das Freitod-Risiko der Hauptstadt unter dem Bundesdurchschnitt.

Aber was sagt schon eine Statistik, wenn man daneben steht, wie Rettungskräfte im Hof murmeln, jemand habe “eine saftige Landung hingelegt”?

Freunde fürs Leben: Infos über Suizid und Depression

Meist diskutierte Artikel