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Berlin brutal #11: Prekär in bester Gesellschaft

Nein, das Prekariat beschwert sich nicht. Als ich heute über eine Studie stolperte, nach der jeder vierte Berliner Geringverdiener ist und mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen muss, fielen mir prompt ein paar Leute ein. Im Callcenter arbeitet keiner von ihnen, so viel vorweg, und auch nicht im Biergarten.

Es sind Selbstständige ohne Krankenversicherung, die auf den langfristigen Erfolg des eigenen Ladens hoffen und das Jobcenter noch nie von innen gesehen haben. Und Jung-Akademiker, die auf Honorar-Basis für Ministerien oder Verbände arbeiten, darauf angewiesen, dass ihnen die Eltern noch die Krankenversicherungsbeiträge sponsern. Es könnte sich ja auszahlen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, auch wenn man klein anfängt – zum Beispiel als Schwangerschaftsvertretung in der Materialausgabe eines privaten Fernsehsenders. Oder verantwortungsvoller: Als Fundraiser und PR-Referent für ein internationales Orchester-Projekt, das aber leider nicht mal über die Mittel verfügt, eine Aufwandsentschädigung für die entstandenen Telefonkosten zu zahlen.

It could be worse, natürlich. Etwa bis Mitternacht bei Kaiser’s an der Kasse stehen zu müssen, oder mit Hartz IV zum Nichtstun verdammt zu sein. Da bildet man sich doch lieber weiter oder promoviert mit Hilfe eines Stipendiums und hat zumindest die Bibliothek als Anlaufstelle, statt den ganzen Tag vor dem heimischen Computer Stellenbörsen zu durchforsten. Fragt sich nur, wie lange man das durchhält. Als wir kürzlich einem Freund zu seiner ersten festen Stelle gratulieren konnten, feierte er seinen 31.Geburtstag. Bis zur Rente mit 67 sind es noch 36 Jahre, das Studium hatte er mit 27 beendet. Nun gibt es natürlich Leute, die so dümmlich sind, Modedesign oder Ethnologie zu studieren, statt Maschinenbau. Kein Wunder. Oder andere, die um jeden Preis in Berlin bleiben wollen, obwohl es in Bonn oder Stuttgart kaum Arbeitslose gibt.

Aber einer Sache können sie sich gewiss sein: Sie befinden sich in Berlin in bester Gesellschaft.

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18 Kommentare zu “Berlin brutal #11: Prekär in bester Gesellschaft”



  • Was soll man dazu sagen.
    So ist das und so bleibt das wohl auch.

    Problematisch sehe ich nur das man mit 31 Jahren das erste mal Geld an den Staat zurückgibt (Steuern zahlt). Das dauert doch noch 10 Jahre bis diese Person überhaupt die Kosten seiner Ausbildung an die Gesellschaft zurückgezahlt hat. Dann fängt er erst an für sich (und andere) einzuzahlen. Dann will (und muss) er mit 70 “schon” in Rente.

    Das ist nicht schlimm und personenbezogen, denn es ist ja heute normal erst mit 30 anzufangen ein eigenes komplett selbstfinanziertes Leben zu führen.

    Wenn die hier “hochausgebildete” Person dann noch ins Ausland geht macht das Land auch noch Minus (weil ja hier nie Steuern gezahlt werden).

    Kein Wunder aber auch das dass Soziale Netz ganz schön wackelt wenn man darüber nachdenkt.


  • Sollten die Besagten Ermutigung bekommen, das geliebte Berlin zu verlassen, um einen vielleicht nicht einmal sicheren Job zu bekommen?
    Für etwas mehr Geld Brérlin aufgeben??


  • @Antonia

    Nun ja. Berlin ist für das Studieren bekannt. Aber nicht für das Geld verdienen danach. Hier ist nunmal kaum Industrie. Das bisschen Dienstleistung und Service und die paar Kleinbetriebe in der Stadt reichen eben nicht.
    Berlin war noch nie weder früher oder zukünftig die Jobmaschine des Landes. Hier ist alles eher auf Kultur als Geldausgeben als auf Industriearbeit schaffen (Geldverdienen) ausgerichtet.

    Niemand studiert schließlich um dann bei Lidl Regale einzuräumen, einer der Strand- oder bars zu Kellnern oder bei Schering/Siemens am Band zu stehen.

    Wenn also ein frischgebackener Ingenieur, Doktorand, Master… oder eben Facharbeiter hier nichts findet- was hat er zu verlieren? Warum soll er Arbeitlos (oder gar AlG2) über längere Zeit sein wenn dieser in anderen Städten gutes Geld für gute Arbeit bekommen kann?

    So toll ist Berlin dann auch nicht ohne das nötige Geld in der Tasche.


  • der triffts gut, auch wenns einen nicht betrifft!


  • Berlin ist ein Durchlauferhitzer für Tausende – alle Jahre wieder. Irgendwann fühlt man sich ausgekocht und geht dorthin zurück, wo man herkam. Abgegessen, abgekämpft und ohne Job sitzt man im Zug nach Hause und schaut traurig aus dem Fenster. Aber immerhin gibt es die Aussicht auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten, und im Hinterkopf eine Gewissheit: Dass es hier schon immer mehr Jobs als Leute gab…


  • Meint die Bloggerin mit Prekariat sich und ihr Umfeld?
    Angst vor dem Abstieg?
    Wie bezeichnet man dann die Schichten unterhalb dieser Gesellschaft?
    Es geht immer noch ein paar Stufen tiefer.
    Warum ist ein Sarrazin noch nicht auf die Idee gekommen Harz 4er einfach promovieren zu lassen?
    Vom Senator gibts dann das Stipendium.


  • mts: Netter Vorschlag, aber wohl etwas zu teuer. Die temporär Prekären, von denen hier die Rede war, haben meist eh einen Plan B, und sei es, die Stadt zu verlassen und ins Ausland zu gehen..


  • Sehen Sie Anne das ist genau das was für möglichst hohe Studiengebühren (wie im Ausland) spricht!

    So brauchen Sie ggf. ein Stipendium eines Unternehmens was Sie verpflichtet nach Ihrem Abschluss die ersten Jahre in diesem Unternehmen und/oder in Deutschland zu arbeiten.

    So wie sie selbst schreiben ist der Plan B für Deutschland ein Verlustgeschäft.

    Der Staat (inkl. Eltern) finanziert bloss eure ersten 30 Lebenjahre inkl. sehr guter Ausbildung und wenn Ihr fertig seid wird ausgewandert.

    Kein gutes Geschäft für die Steuerzahler.


  • ach peter.. die angst ums liebe geld, das ewige gejammer um deine gezahlten steuern.. mach bitte die augen auf, wer benötigt eurofighter und sonstige massenlandungstransporter zu see und in der luft (ja genau, die, die durch öffentliche mittel bestritten werden – und letztlich auch deine steuern)
    wie viele kita-plätze könnten mit diesen summen kostenlos zur verfügung gestellt werden oder sonstwie in die bildung inwestiert werden.

    http://www.freitag.de/2007/25/07250501.php
    http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Bundeswehr/henken.html

    man könnte ja auch schon fast hämisch sagen, dass es nur gut ist, dass es bafög- und algII empfänger, etc. gibt, so dass nicht noch mehr summen in den militärischen wahnsinn investiert werden (können)..


  • @jens

    Erstens glaube ich Sie zahlen keine Steuern.

    Zweiten kostet die Ausbildung eines Ingenieur dem deutschen Staat von der Einschulung bis zum Abschluss etwa 1 Million Euro. Das ist gut und das ist richtig so.
    Wenn er aber sein Fachwissen nicht in Deutschland anwendet (anwenden kann) ist das ein Minusgeschäft für den Staat.

    Ihre genannten Militärgeräte oder die AlGII Kosten sind ein komplett anderes Thema die nichts mit dem Ursprungsproblem zu tun haben.


  • ach peter.. deine stammtisch-argumente sind haltlos.
    erstens: wer ‘glaubt’ sollte besser in die kirche gehen – entschuldige die polemik – aber glauben ist nicht ( – ) wissen..
    das was du schreibst strotz vor stigmatisierungen und stereotypen.
    die grundlegende problematik, die dich scheinbar so quält, verstehe ich durchaus, nur ist es es weniger hilfreich sich einzuigeln und mit
    dem finger abwertend auf andere zu weisen und zu sagen ‘DIE DA, dass sind diejenigen die faul sind, nicht arbeiten wollen und auf unsere (in deinem fall – was dir scheinbar so wichtig ist – auf DEINE) kosten leben; zudem kriminell und aggressiv sind’..
    das problem sollte durchaus differenzierter betrachtet werden!
    anstatt zu sagen das 80%ige pack dem nur 20% normale bürger in neukölln gegenüberstehen (deine worte) ist das übel (dein wort) der gesellschaft, wäre zu fragen ”warum gibt es eine gesellschaft innerhalb der gesellschaft”, oder ”warum muss ich nach meinem uni- oder fh- abschluß aus der stadt fort, oder gar ins ausland gehen, weil ich hier vllt. keinen adäquaten job finde, der zum einen meinem abschluß gerecht wird und zum anderen auch noch, tendenziell zumindest, mit meinen vorstellungen konform geht, arbeit ruhigen gewissens leisten zu können?”
    das problem ist nicht jenes, worauf du fortwährend verweist, nämlich die teilnahmslosigkeit bestimmter bevölkerungsgruppen – darum geht es nicht – es ist vielmehr ein gesamtgesellschaftliches an dem du mit deinen äusserungen nicht unwesentlich beteiligt bist, denn anstatt politisch aktiv zu sein, wird sich resigniert in seinen eigenen dunst gesetzt und antisozial bishin zu nationalistisch argumentiert und ressentiments geschürt, was eigentlich auch genau dem widerspricht was du an haltung eines jeden einforderst: die partizipation in der gesellschaft (in deinem fall: steuern zahlen).
    dass nun politische aktivität nicht darin bestehen kann strassenzüge einzureissen und die dort lebenden aus dem land zu treiben (inhaltsgemäß sind das deine worte) dürfte klar sein. die problematik erfordert vielmehr eine staatliche und vorallem unternehmenspolitik , die nicht selektiert und auf leistung drängt, sondern an den bedingungen interessiert ist unter denen individuelles wachstum (was bisweilen auch zu einer hohlphrase mutiert ist) ermöglicht wird. dies kann nun aber nicht über reformen der reformen wegen geschehen sondern sollte sich an interessen orientieren die nicht gerade nur ausschliesslich interessen des kapitals sind. wenn nun jemand mit bspw. 31 jahren den ersten festen job bekommt ist das lediglich ein spiegel dessen was unternehmenspolitik bedeutet. daher ist deine unterschwellige und konformistische forderung an das gewissen jener leute, sozial zu partizipieren, denke ich die falsche. letztens schrieb jemand, dass der fisch zuerst am kopf stinkt, auch dies trifft hier zu.
    zudem, was würdest du sein, wenn es diejenigen nicht geben würde die du hier so ungehemmt angreifst?

    da gibt’s noch einen netten aufsatz aus dem jahre 1983 den ich dir empfehlen würde zu lesen, der hat an aktualität nichts verloren.
    http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2005/527/pdf/Arbeitsleistung.PDF

    aber wahrscheinlich verlässt du dich bei deiner wissengenerierung doch eher auf fernseh-geschichten die nur allzu frei von ideologie sind..
    ein wenig über den tellerrand seines eigenen lebens zu schauen sollte nicht schaden. sich selbst als den maßstab zu setzen ist nicht gerade die optimale voraussetzung für ein soziales miteinander, aber auch dies wäre wohl aufgrund der nicht-deutschen (deine worte) mit denen du dich umgeben musst, wohl unmöglich zu realisieren. übel ist dabei nur, dass uns die niemand mehr abnimmt (deine worte)

    übel..


  • jens

    Ich hoffe Ihnen ist klar das der Inhalt der Publikation und ein großer Teil Ihres Textes dem Schreiber Peter zustimmt?

    Ihre beiden Ansichten sind nicht so weit auseinander wie sie selber glauben.


  • auf gewisse weise schon, nur kommt es darauf an, wie diese ansichten verarbeitet werden. in kopfloser hetze oder doch eher differenzierter..


  • Hmm… Sagen wir mal so.

    Ich schreibe kurz, knapp und klar zum Thema weil ich wenig Zeit für Geplänkel übrig habe und @jens labert über 100 Ecken und schrammt so an noch mal 100 anderen Themen vorbei bevor er das eigentliche Thema erreicht um dann “fast” meinen Standpunkt zu haben.


  • peter, deinen standpunkt teile ich absolut nicht!!
    ich sehe das, was du an problemen aufwirfst auf gewisse weise ähnlich zumindest was die grundproblematik angeht, d.h. aber nicht das ich deine argumentation und deine art der bewältigung teile bzw. akzeptiere; eine obendrein dreist nationalistische schon gar nicht.
    eine produktion hat auch immer faktoren.
    ich sehe das problem nicht in den einzelnen personen oder personenkreisen (an denen du zugern statuierst) sondern die probleme liegen dahinter, was dir ja zum teil auch auffällt, nur wählst du m.e. den falschen ansatz – einen gefährlichen in der aussenwirkung wie ich finde.

    und an ’100 anderen themen vorbeizuschrammen’ ist auch nicht verkehrt, schliesslich ist nicht alles mit 1+1=2 erklärt.. so schwer ist es doch gar nicht, oder doch?


  • @jens
    Gut, ich dachte das wird noch was aber ehrlich gesagt kann ich in diesem Blog nicht noch Ihr fehlendes Grundwissen vervollständigen bzw. die Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft des oben genannten eigentlichen Themas erläutern.

    Dazu gibts Schulen. Keine Ahnung wie alt sie sind aber entweder das Thema bekommen Sie noch in der 8. Klasse oder sie sollten das noch mal nachlesen.

    (Die Volkswirtschaft ist übrigens ein klassisches nationales Thema für jedes Land der Welt falls sie das nicht wissen.)


  • @jens
    Dein Kampfgeist, Dein Engagement und Deine Diskutierfreude in Ehren, aber das ausgelutschte Argument mit den Eurofightern oder den Kitas nervt und langweilt. Und zwar seit Jahren aus unendlich vielen einander unreflektiert und gebetsmühlenartig nachplappernden Mündern, meistens aus dem “alles für alle und zwar umsonst-” oder “links ist schick”-Milieu). Staatliche Mittel sind nun mal zweckgebunden. Und wenn von der Bundesregierung Eurofighter bestellt werden, hat das nichts, aber auch gar nichts mit Berliner Arbeitspolitik zu tun. Tut mir leid! Da kannst Du noch so viele Eurofighter einsparen, mit diesem Senat wird auch kein Arbeitsloser deswegen satter. Keiner. Garantiert. Sorry, wenn ich jetzt etwas harsch zu dir war, aber verschwende doch deine Zeit nicht damit, die “falschen” Dinge zu fordern. Wähle lieber nächstes mal nicht rot-rot, wenn du WIRKLICH willst, dass sich Berlin für Arbeitende verbessert. Dann sprudeln die Steuern und DANN können auch wieder Kitas gebaut werden.


  • In Berlin ist man immer in “Bester Gesellschaft”.

    “Du bist verrückt mein Kind,
    geh´ doch nach Berlin,
    wo die Verrückten sind,
    da gehörst du hin.”

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