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Archiv für das 'Streetart'-tag

Der Krieg ist wieder da

In Afghanistan wird geschossen, hat gerade unsere Kanzlerin festgestellt. Und in Prenzlauer Berg? In der Dunckerstraße schleppen Anwohner Tannenbäume oder schauen aus ihren gut beheizten Wohnzimmern auf die Straße, wo der Schnee die Stadt noch leiser macht. Es fehlt an nichts außer an dramatischer Geschichte – das jedenfalls lassen diese gemalten “sowjetischen Einschusslöcher” vermuten.

Vor zwei Jahren hat der Berliner Künstler Jens Kloppmann Gipsabrücke von zerschossenen Fassaden gemacht. Vermutlich werden solche “authentischen” Werke bald ihren Weg in die Edel-Nippes-Läden der Gegend finden und sich als Wandschmuck an Berlin-Besucher verkaufen. Eine schauderhaft-schöne Erinnerung an den Straßenkampf für Ihr Zuhause, dann wurde auch dort mal jemand “ganz authentisch” erschossen.

Im Kiez geht schon seit Jahren die Angst um vor dem Verlust des “echten Berlins”. Die Besitzer des “Kauf dich glücklich” in der Oderberger Straße ist bald sicher nur noch halb so glücklich ohne die Einschusslöcher in der ersten Etage.  Das Gebäude wird gerade saniert. Auch bei Gegnern des Umbaus der Kastanienallee mag das eine Rolle spielen. Bitte keine Veränderung, keine Langeweile, keine Gesichtslosigkeit.

Ich lasse mir das gern gefallen, solange niemand aus Verdruss an der Behaglichkeit einen Krieg anzettelt.

Bildergalerie: Berliner Seitenblicke

Gibt was zu sehen unter der Hochbahn

Mitten auf der Skalitzer Straße sitzt eine alte Frau in Puschen, in der Hand einen Klostampfer. Sie lässt den Verkehr vorbeiziehen, der entlang der Hochbahn wie eine Schneise durch Kreuzberg fließt. Er stört die Alte nicht. Ein paar Meter weiter will ein Junge gerade einen alten Fahrradreifen unter den Gleisen entlang rollen, ganz in der Nähe schläft ein Obdachloser auf einer Bank. Auch ihn scheint der Verkehr, der hier vierspurig rollt, nicht weiter zu beeindrucken.

Die Frau und der Junge sind Motive einer kleinen Galerie wild geklebter Streetart, die an den Betonpfosten unter den Gleisen wächst. Sie entsteht seit einigen Monaten just dort, wo die Wrangelstraße in ungleiche Teile zerbricht: Nördlich der Skalitzer ist erst einmal Schluss mit dem Szenekiez, der im Süden die Mieten treibt. Auf der anderen Seite gibt es eine Schule und Kreuzbergs ersten McDonald’s. Die Kreuzberger hatten bis zuletzt gegen die Burgerbraterei protestiert, die vor knapp drei Jahren dann doch eröffnete.

“Hey, komm doch ma her, wat machst’n du?” Ein älterer Mann sitzt vor dem kleinen Imbiss auf der Nordseite, der sich dort trotz der Burger-Konkurrenz gehalten hat. Er trinkt einen Schluck aus seinem Plastikbecher und betrachtet Passanten bei ihrem Gang durch die Kiez-Schneise. “Ick bin Bernd.” Bernd trägt einen Blaumann, schwere Arbeitsschuhe und füllt seinen Feierabend augenscheinlich gerne mit Gesprächen.

Wie lange ich in Berlin sei, will er als erstes wissen, dann erzählt er zufrieden von dem schönen Imbiss und dessen Besitzer. An einem Tisch des Drive-Ins 40 Meter weiter kann man ihn sich schwer vorstellen, zumindest so lange es Andys Imbiss gibt.

Schließlich murmelt Bernd etwas, das ich kaum erwartet habe: “Die Bilder da drüben, die sind ja auch super”.

Fotos aus der Skalitzer Straße

Update 4.9.2010: Die Stadtreinigung hat diesen Bildern den Garaus gemacht :-(

Der lachende Dritte

An vielen Wänden Berlins wartet ein frecher Kerl und lacht uns aus. Oder hat er sich gerade einen Witz erzählt? Der Berliner Streetart-Künstler “Mein Lieber Prost” hat mir erzählt, was er über seine inzwischen stadtweit bekannten Zeichnungen denkt.

Prost, wie heißt denn der Knabe?

Ich wollte ihm keinen Namen geben, er drückt einfach ein tiefes Gefühl aus. Aber nachdem mich so viele darauf angesprochen haben, nenne ich ihn Prostie.

An einem Bauzaun an der Jannowitzbrücke macht sich Prostie über Touristen lustig. Warum eigentlich?

Touristen nerven, besonders wenn sie betrunken sind und in Gruppen durch die Stadt laufen. “Oh my gosh! It’s so awesome, you knööw!”- wenn ich sowas schon höre. Sie blockieren die Straße und wollen immer, dass man Englisch mit ihnen spricht. Wie respektlos! Und die Berliner machen auch noch mit – vielleicht aus alter Verbundenheit, weil das Ausland sie von Hitler befreit hat.

Wie steht er zu den Berlinern? Lachen sie zu wenig, ist diese Stadt zu ernst?

Berliner lachen öfter und lauter als der Rest Deutschlands – genau wie Prostie, der hier geboren ist. Zugleich sind die Berliner offener.  Es gibt Dinge, über die man stolz sein kann und andere, die schlecht sind und sich nicht ändern lassen. Prostie lacht auch darüber, und zwar laut.

Mit den Worten “Merry Crisis” lacht uns Prostie auf einem Plakat an einer Wagenburg an. Warum hat er auch in der Krise gute Laune?

Lachen ist ein Ausdruck von Glück. Die  Medien versetzten die Menschen mit Horrormeldungen in Panik. Ich sitze jedenfalls nicht herum und blase Trübsal. Die Krise wird vorüber gehen und eines Tages wiederkommen. Auch ich bin nicht immer glücklich, aber ich weiß: Es gibt keinen Weg zum Glück, weil das Glück selbst der Weg ist.
Was läuft falsch in dieser Stadt?
Überall entstehen neue Häuser und Eigentumswohnungen für Yuppies, die es ihren Vorbildern in der Werbung gleich machen wollen:  Dicke Autos und Designhäuser.  Diese Leute wünschen sich Reichtum, Schönheit und Glück von einer ganz anderen Art. Sie kommen aus verschiedenen Städten, um hier ihre kleine, exklusive und abgeschlossene Welt zu verwirklichen. Es sind Langweiler, die für ihren Job und einen Bausparvertrag leben … ein anderes Leben ist möglich!

Gauck! Mach uns den Obama!

Sie hoffen auf den Messias und kleben Gauck-Plakate: Von dem berühmten Obama-Portrait des Streetart-Künstlers Shepard Fairey gibt es jetzt eine Berliner Version. Den Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck. Der ähnelt darauf mehr einem Alien als einem Visionär, doch wichtiger ist: Menschen laufen durch Berlins Straßen und kleben diese Plakate an Schilder und Wände – wie hier in der Chausseestraße. Niemand bezahlt sie dafür, sie tun es aus Leidenschaft.

Da stimmt es traurig, dass im Unterschied zum US-Wahlkampf am 30. Juni kein Kandidat von uns gewählt werden kann. “Go for Gauck!”, heißt es auf einem Sticker, nicht “Vote for Gauck!”. Auch eine Tradition aus der Wendezeit lebt wieder auf: Ab sofort wollen Gauck-Unterstützer jeden Montag in mehreren Städten demonstrieren, in Berlin um 18 Uhr am Alexanderplatz.

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die Regierung, die in der Kandidatenfrage rein machtpolitisch handelte. Es ist auch ganz offen der Wunsch nach einem glaubwürdigen Charakter an der Spitze unseres Staates.

Und was sagt der Kandidat? Er gehe nicht häufig ins Internet, seine Kinder würden ihm aber berichten, “was da abgeht”. Und im ZDF erzählt er: “Ich bin total verwirrt – aber auch glücklich!”

Facebook-Seite für Joachim Gauck
US-Blog: Ist Obama der Messias?

Foto-Combo: Henning Onken (links), Stefan Kloo (rechts, Lizenz Kloo: Creative Commens 2.0 Generic)

Streetart auf Türkisch

Bronco klebt seit Jahren Plakate mit mehr oder weniger tiefsinnigen Sprüchen in Berlin. “Ich komm in das Staunen gar nicht mehr rein” ist unter einer S-Bahnbrücke in Mitte zu lesen. “Michael Jackson ist auch nicht mehr das, was es mal war!”, heißt es an einem baufälligen Haus am S-Bahnhof Ostkreuz.

Nun überrascht der nachdenkliche Schablonenkünstler mit einem türkischen Spruch: “Cheese-bürgerine tüküren genc benim annemle cikiyor” hat er an eine Wand in der Skalitzer Straße geschrieben.

Ich habe Sevinc gebeten, das zu übersetzen. “Der auf einen Cheeseburger spuckender junger Mann geht mit meiner Mutter”, heiße das wörtlich. Sevinc, die fließend Türkisch spricht und in Neukölln lebt, wurde ähnlich schlau daraus, wie wahrscheinlich Angelsachsen aus einer Denglisch-Rede von Guido Westerwelle – nämlich gar nicht.

Aber wer wäre Bronco, wenn er nicht versuchen würde, seine Botschaft allen Besuchern und Bewohnern Berlins zu erklären – dieses Mal auf Englisch und sinnigerweise neben einem Burgerbrater geklebt.

Weitere Bronco-Motive.

Bildergalerie: Berliner Streetart

Meister, gib uns ein Zeichen!

Der Übervater der Street Art ist in Berlin und sitzt im Publikum, als sein Film “Exit Through The Gift Shop” auf der Berlinale läuft. So zumindest wurde das Phantom Banksy angekündigt – ein Brite, der mit seinen rebellischen Aktionen längst angekommen ist auf dem internationalen Kunstmarkt.

Es ist brechend voll, die Luft verbraucht und die Besucher angetan. Aber ist der berühmte Unbekannte wirklich in der Hauptstadt? Meister, gib uns ein Zeichen! Er könnte doch wenigstens auf dem Rückweg in sein Hotel irgendwo eine Schablone an die Wand halten, eine Dose schütteln und die Wand zu Gold machen, beklagt sich ein gelangweilter Journalist. Das wäre eine Geschichte!

Hat er wohl nicht getan. Banksys Berliner Hinterlassenschaften sind etwa sechs oder sieben Jahre alt und fast alle verschwunden. Übermalt, wegsaniert oder von einem Galeristen aus einer Friedhofswand in Mitte gemeißelt und für knapp 10.000 Pfund bei eBay verkauft. Ein Fan hat sogar eine Karte ins Netz gestellt, die Banksys Streifzüge durch Berlin verzeichnet. “Alle weg”, erzählte mir der Kollege. Wirklich alle? Nein, erst in der vergangenen Woche ist mir dieser Blumenstrauß-Autonome begegnet. Ein klassischer Banksy! Und diesmal sag ich zum ersten Mal nicht wo. Sucht doch in Hellersdorf!

Bildergalerie Berliner Streetart

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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