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Fünf Orte am Fluss der verkauften Stadt

“Es ist hier schon ein bisschen privater”, hat Linda auf ein Schild geschrieben. Die Lücke im Bauzaun sieht nicht jeder, und der Weg zum Ufer führt durch Gestrüpp. Wer hier her kommt, kann den Schiffen zuschauen, bis die Sonne untergeht und eine kühle Brise vom Wasser herauf weht. Während am anderen Ufer Mediaspree-Projekte gewachsen sind, hat sich hier nur die Steppe ausgebreitet – und Streetart. Von weitem grüßen zwei riesige Figuren des Künstlers Blu von einer Brandwand. Nicht mal eine Strandbar hat sich hier angesiedelt, es ist ein Ort mitten in Berlin, der sich der Stadt entzieht. Von hier aus sind es zwei Minuten Fußweg bis zum Schlesischen Tor, zwei Minuten, die Wildnis vom Gewühl trennen.

Natürlich sollten auch hier schon seit vielen Jahren Lofts und Ladenflächen entstehen, doch wie so oft kam den Investoren etwas dazwischen. Ein kleiner Flohmarkt, ein Zirkus, und Menschen die hier Lagerfeuer machen und auch mal übernachten – das ist alles, was sich hier in den letzten Jahren abgespielt hat.

Das sollte so bleiben, meinen Mediaspree-Gegner, die am vergangenen Wochenende unter dem Motto “Rette deine Stadt!” auf die Straße gezogen sind. Zugegeben, vielen geht es dabei eher um den Erhalt von Clubs wie der Bar25 oder der Maria, die das Spreeufer auch beim internationalen EasyJetSet bekannt gemacht haben. Anderen sind aber gerade diese Orte ein Dorn im Auge: “Bar 25: Nach der Demo noch ‘nen Sekt im Adidas-gesponserten ‘Slum’”, stand auf dem Schild einer Demonstrantin. An echten Freiräumen wird kein Eintritt verlangt.

Noch privater als in der Brache an der Cuvrystraße geht es hinter einem Supermarkt in der Köpenicker Straße zu. Perfekter Ort, um ein schwieriges Buch zu lesen oder über das Leben in der Stadt zu sinnieren. Allerdings ist die Aussicht beschränkt und kaum jemand weiß, was das Mädchen an der Wand auf Russisch erzählt.

Im Plänterwald patrouillieren Sicherheitsleute um den verfallenen Spreepark. Der Treptower Park nebenan ist zwar auch am Wasser und kostenlos für alle da, aber was ist schon eine volle Liegewiese gegen einen Abenteuerspielplatz mit umgestürzten Dinosauriern und einem verrosteten Riesenrad? Angeblich interessieren sich die Macher der Bar25 für das Gelände, doch das haben schon viele mögliche Investoren gesagt.

Der vierte Ort liegt im wahrsten Sinne des Wortes im Fluss. An der Brommystraße in Kreuzberg soll wieder eine Brücke über die Spree geschlagen werden, nachdem die Verbindung im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Doch bis wieder Autos oder Radfahrer hinüber zur Arena am Ostbahnhof fahren, ließe sich auf den Pfeilerresten im Fluss eine Republik gründen. Aber nur für Bootsbesitzer oder erfahrene Schwimmer.

Welch ein Zufall, dass der letzte Halt wieder an einen Zaun führt, irgendwo in Mitte. Dahinter stehen leere Flaschen. So ist das immer wieder: Zäune hier, Mauern dort und dann wieder eine Strandbar. Ein Spreeufer für Alle muss anders aussehen. Doch wenn ich es richtig sehe, wünschen sich die meisten Berliner einen Schrebergarten am Wasser, egal ob Zugezogene oder Ureinwohner. Zum Chillen mit Freunden, aber ohne Touristen.

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12 Kommentare zu “Fünf Orte am Fluss der verkauften Stadt”



  • Der Berliner Senat dieser Legislaturperiode verpasst eine historische Chance dieses ganz Gebiet Nachhaltig zu entwickeln. Eine städtebauliche Schande nach der anderen, gegen den erklärten Willen der Bürger. Die Forderung nach einer sozialen und ökologischen Entwicklungssatzung für dieses Gebiet an den Spreeufern könnte den etablierten Parteien bei der nächsten Wahl hunderttausende Stimmen kosten. Lesen sie dazu http://solarpolis.wordpress.com/


  • Finger weg, von der kleinen Insel! Nachdem der Grüne Bezirksbürgermeister das über 50 Jahre unberührte Uferstück hinter dem Nettomarkt (früher Kleingartengelände) den Hundebesitzern geöffnet hat, ist die kleine Insel (ehemaliger Brückenpfeiler) allerhöchstens Schwanen und Entenrepublik mit einem Obstbaum. Wenn wir nicht aufpassen, sind bald alle Brutgebiete der Wasservögel an der Spree zerstört.


  • Die Frage ist doch auch, wem gehört das Grundstück und noch dringender, wer kümmert sich darum. Wie öffentlicher Raum nach Aneignung und privatistischer Nutzung aussieht, kann mann schön an der Admiralsbrücke sehen. Und in den ach so hippen Strandbars sind auch nur zahlende Gäste gern gesehen.

    Also ein bisschen Konzept darf schon sein.


  • Nun hast Du die schönen Orte verraten!!!


  • Die Freifläche an der Spree ist sicherlich ein schöner Ort zum Verweilen, zeigt aber auch die anderen Seite der jungen Berliner. Was sich da an Müll stapelt, ohne Rücksicht auf den Rasen nen Feuer gemacht wird bzw. die Grills im Meterabstand aufgestellt werden…nur noch die ne Frage der Zeit bis da OpenAirs stattfinden. Der Berliner Hedonismus und Drang zum Individualismus steht leider auch im Gegensatz zu einem nachhaltigen Konzept…


    • Mag schon sein, aber “Umweltschutz” oder “Nachhaltigkeit” spielen nur eine Rolle wenn man es klassenkämpferisch angehaucht einsetzen kann. So im Alltag ist es doch einfach nur voll spießig, das mit dem Biogemüse, dem Mülltrennen und so. So sind sie, die selbsternannten “Alternativen” – ein wandelndes Paradoxum.


  • nehmt was ihr wollt, aber nicht das kleine ufer an der cuvrystraße. es würde mich so unendlich traurig machen… so unendlich, versteht ihr. versteht ihr nicht!


    • Du meinst doch nicht das große Filetgrundstück Schlesische Ecke Cuvry mit Wasserkante und Platz für mindestens 25.000 m² Bebauung?

      Früher oder später ist es soweit, alles andere sind nur fromme Wünsche.

      Im Übrigen machst Du sehr viel Werbung in Wort und Bild für das Ufer und die Stadt, auch schön auf Englisch, damit sich auch angelsächisches Kapital sofort mit Berlin “beschäftigen” kann…


  • Wäre wirklich schade um die tollen Orte. Hoffentlich bleiben diese kleinen Oasen noch lange grün…


  • Letzten Montag hat sich ein weiterer “Investor” von seinen Blütenträumen an den Spreeufern verabschiedet. Das Yaam kann wohl noch ein wenig länger bleiben. Das Projekt Columbia ist wohl wegen der geringen Akzeptanz bei der Bevölkerung und an den löchrigen Kassen der iberischen Investoren gescheitert.

Die Kommentare sind zur Zeit geschlossen.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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