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Archiv für das 'Studium'-tag

Berlin brutal #6: Eine Warschauerin im Berlin-Flash

Foto: Anne Grieger

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die erst mit der notwendigen Distanz ins Auge fallen: “Wie in einer anderen Welt” fühlte sich Agata T, noch keine Stunde zurück in Berlin. Das selbstgepinselte Schild, mit dem ein Unbekannter für die kostenlose Annahme alten Elektroschrotts wirbt – in Warschau undenkbar. “Komische Abkürzungen” wie “Vokü” (Volksküche) sind eher selten.

Und so trat unweigerlich das nostalgische Delirium ein, das viele fürchten, die die Stadt endgültig verlassen haben: Zurück zu wollen nach Berlin mit seinen großzügigen, verhältnismäßig günstigen Altbauwohnungen, schrägen Nachbarn, die nicht grüßen, aber heimlich abends ihre Hunde in den Hof machen lassen. Selbst der Waschsalon um die Ecke, in dem es immer nach Zigaretten roch, hat plötzlich seinen Charme.

Agata T. wird trotz eines Jobangebots von einer politischen Stiftung nicht in Berlin bleiben. Sie wird ihr Diplomzeugnis abholen und schnell in den Zug nach Warschau steigen. Und dort in Seminaren an der Universität Studenten für einen Auslandsaufenthalt im Nachbarland begeistern…

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Die ein zwei Bier…

Foto: Henning OnkenGestern konnte ich nicht bloggen – zuviel Alkohol… Passt ins Bild? Als Studentin bin ich gegen Semesterende im Prüfungsstress. Gut, ich habe nichts getrunken, aber die Studie, die gestern überall zitiert wurde, hat mir zu denken gegeben. Forscher des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim kamen zu dem Befund, dass einer von drei Studierenden ein Alkoholproblem hat.

Bier trinken ist kein Unterschichtensport – ein weit verbreitetes Phänomen, das man jeden Abend beobachten kann in Berlin. Die Hälfte aller 30-Jährigen rennt am Wochenende nach 21 Uhr mit Bierflasche durch Kreuzberg oder Friedrichshain. In Kneipen und Clubs wird weiter getrunken – solange es zwei drei Bier am Wochenende bleiben, okay.

Ansonsten sehen wir meist weg. Gemütlich ein Glas Wein zum Essen trinken – niemand in der WG würde die Nase rümpfen, auch wenn dieses Ritual zur Gewohnheit zu werden droht. Mitbewohner zu erziehen, kommt nie gut an, einen schlechten Tag hat jeder mal, vielleicht auch zwei. Mit unseren Eltern wären wir wohl strenger. Neben diesen WG-Gewohnheiten gibt es eine Reihe “gesellschaftlicher Verpflichtungen” – den gemeinsamen Kneipengang nach der Vorlesung mit dem Betreuer der Abschlussarbeit und Kommilitonen etwa. Oder das Bier nach dem Unisport, nach dem Orchester oder der Freiwilligenarbeit im Verein. Ganz zu schweigen von ordinären Treffen mit Freunden.

Gelegenheiten, tief ins Glas zu schauen, gibt es also unzählige. Was alle anderen machen, kann ja nicht verkehrt sein, und wer besonders lustig war, riskiert halt einen dummen Spruch auf der StudiVZ-Pinnwand. Ja mei. Die gute Nachricht: Auch Leute über 35 wurden dort schon gesichtet. Irgendwie bleiben wir doch alle Studenten…

Foto: Henning Onken

Deine Stirn als Werbefläche

An einer der S-Bahn-Haltestelle sitzen drei Halbwüchsige, auf ihrer Stirn prangt jeweils ein Sticker eines Mobilfunkanbieters. Sieht aus wie ein Tattoo, ist aber wasserlöslich und kann nach drei Wochen abgewaschen werden. So sieht es der Vertrag vor. Die Schüler verprostituieren sich für eine Marke, mit der sie wenig verbinden, verkaufen ihren Körper als Werbefläche gegen Geld. Zukunftsmusik, sicher, keine Begegnung im Dezember 2007.

Aber es könnte bald soweit sein. An Berliner Universitäten startet das Schweizer Start-Up-Unternehmen smaboo Anfang dieses Monats eine Werbekampagne für den Mobilfunkanbieter Debitel. Studierende bekleben ihr Notebook zwölf Wochen lang mit dem Werbespruch “Ich telefonier’ für nen Apple und ‘n Ei” und erhalten dafür etwa 150 Euro. “Embedded branding” heißt diese Marketing-Strategie im Fachjargon.

Ein attraktiver Nebenverdienst, zweifellos. 50 Euro – das sind mindestens 20 Milchkaffees. Man kann davon ausgehen, dass Studierende sehr wohl entscheiden können, ob sie ein bestimmtes Produkt bewerben wollen, oder nicht. Dass ihre Kommilitonen, die überall an der Universität mit Werbung bombardiert werden, nicht auf schlechte Angebote reinfallen. Wenn es aber dazu kommen sollte, dass Leute nicht nur ihre Fensterscheiben, Autotüren und so weiter vermarkten, sondern sogar ihren Kindern Namen von Unternehmen geben? Alea Toyota König und Maximilian Persil Uhu Schreiner?

Wie werden Eltern diese Entscheidung später erklären? “Sorry für den zweiten Namen, liebe Alea, aber uns fehlte zum Zeitpunkt deiner Geburt einfach das nötige Kleingeld…”?

Berlin brutal #2: Eine mongolische Studentin erzählt

Im Dezember werden die Grenzkontrollen zu den meisten neuen EU-Mitgliedstaaten entfallen, und ab 2009 dürfen Polen, Tschechen und andere wohl endlich in der Bundesrepublik arbeiten. Alina nützt das herzlich wenig, für Nicht-EU-Ausländer ändert sich nichts. “Ich habe schon umsonst gearbeitet, am Anfang”, erzählt sie. Um den Lohn geprellt wurden auch Freundinnen. “Die wissen, ohne Papiere kann man sich nicht wehren.”

Als Teilnehmerin an einem Deutsch-Kurs hatte Alina zunächst keine Arbeitserlaubnis und jobbte in einer Eisdiele in Potsdam. Eine unschöne Zeit, es gab immer wieder Kunden mit “schlechten Manieren”, sagt sie. In dem Charlottenburger Café, in dem sie jetzt arbeitet, ist zumindest die Atmosphäre netter. Keine fremdenfeindlichen Musterdeutschen. Viele Gäste hocken stundenlang über ihrer Zeitung, aber am Ende haben die meisten doch nur zehn Cent Trinkgeld übrig.

Fallstrick Krankenversicherung

Eigentlich zählt Alina zu den Privilegierten, die Eltern sind Diplomaten. Die Entscheidung, dass die Tochter im Ausland studieren würde, fiel ohne deren Einwilligung. “Als 17-Jährige konnte ich nicht mitreden.” So lernte sie Deutsch, durchlief das für Ausländer obligatorische Studienkolleg zur Vorbereitung auf ein Studium und suchte sich einen Job als Kellnerin, um das Studium zu finanzieren.

Ein kurzer Krankenhausaufenthalt noch vor Semesterbeginn kostete Alina jedoch zwei Jahre: Ohne Krankenversicherung war die Privatrechnung für den Rettungswagen und einen kurzen stationären Aufenthalt immens. Mit 2500 Euro Schulden war an ein Studium erst einmal nicht zu denken.

“In der Mongolei ist vieles einfacher”, sagt sie. “Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der einen behandelt.” Bestechung also? Alina lacht und spricht von “Freundschaftsdiensten”. Wenn sie in zwei Jahren nach Asien zurückkehren wird, will sie bei einer Hilfsorganisation arbeiten. “Dort gibt es so viel zu tun, die brauchen immer Leute.” Für Praktika während des Studiums bleibt keine Zeit.

So werden wir Elite: Nachhilfe in Sachen Benimm

“Damen und Herren, wenn Sie mich in einer E-Mail mit ‘Hallo Frau Z.’ anreden, erhalten Sie keine Antwort.” Aber Hallo. Wir befinden uns nicht in einem Benimm-Kurs, sondern in einer Einführungsveranstaltung an der Uni Potsdam. Es kommt noch schlimmer: “Ich schätze Preußische Tugenden”, sagt die kleine Frau hinter dem Pult streng, und blickt in 70 entgeisterte Gesichter. “Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, gepflegte Umgangsformen.”

Es folgen Ausführungen über einen angemessenen Dresscode, die schriftliche Abmeldung bei unentschuldigtem Fehlen, über den Umgang mit Kommilitonen. “Sie glauben selbst nicht, dass jemand, der an einer privaten Universitiät BWL studiert, auf die Idee käme, während des Seminars zu essen. Das erwarte ich auch von Ihnen als angehende Akademiker.”

Kollektive Verunsicherung

Studierende lassen sich immer mehr gefallen, beklagen Studentenvertreter. Sie wollen gesagt bekommen, was sie zu tun und zu lassen haben. Und für ihre Folgsamkeit und Fleißarbeit mit guten Noten belohnt werden. Nach rechts und links gucken ist nicht mehr, der volle Stundenplan lässt den Besuch fachfremder Veranstaltungen kaum zu. “Die Universitäten produzieren nur noch lauter Fachidioten”, sagt eine Bekannte, die in der Personalabteilung einer Unternehmensberatung arbeitet. Die Bewerbungsmappen von Bachelor-Studenten, die bei ihr eingehen – alle zum Verwechseln ähnlich.

Die allgemeine Verunsicherung scheint schwer zu wiegen. Auch darüber, wie man über die verschulte Universität hinaus im gesellschaftlichen Leben alles “richtig” macht. Im Internet findet man zahlreiche Benimm-Seminare und Berichte darüber, dass Teenager zunehmendes Interesse an Tanzkursen haben. “Für die Karriere.”

Dann lieber keine Karriere.

Mein lausigster Hauptstadtjob

Henning, verloren auf dem Bau - Foto: Christian Hetey

Jedesmal, wenn ich mir auf dem Bau gewünscht habe, woanders zu sein, wurde jemand laut: “Haste wieder geträumt, Hiwi, dafür biste nicht hier”, schrie der Polier. Die “innere Emigration” hat mich als Hilfskraft auf Baustellen dem Feierabend nicht näher gebracht. Allzu schnell war der Kranführer vom Dixi-Klo zurück und manövrierte den nächsten Stahlträger heran.

Ich muss auch ein paar Zeilen über Simon verlieren, den arbeitslosen Philosophen und Fensterschlepper, wenige Worte über Markus, der Geschichte studierte und dann am Wittenbergplatz Currywürste drehte. Und natürlich muss ich von mir erzählen, dem Penner vom Bau.

Wir alle haben Aushilfsjobs gehabt, haben sie noch, oder bald wieder. Wie Simon, der nach der Arbeit mit krummen Rücken im Bett liegt und Adornos Minima Moralia lesen will. Aber der Text verschwimmt vor seinen Augen, und plötzlich kann er all jene Menschen verstehen, die abends vor der Glotze hängen und blinkende Farbmuster anschauen.

Wenn die Arbeit getan ist, bekommt man eine Unterschrift und ist frei. Frei bis zum nächsten Gang zur Arbeitsvermittlung, frei bis zu dem Moment, in dem eine neue Nummer aus dem Automaten im Jobcenter fällt. In meinem Fall war diese Arbeitsvermittlung zumeist eine studentische, die inzwischen aufgelöste Tusma (“Telefoniere und Studenten machen alles”) oder die Heinzelmännchen der Freien Universität.

In Steglitz bei Maiers den Weihnachtsmann spielen

Bei der Tusma wurden noch vor sechs Uhr Nummern ausgeteilt, um die sich eine ganze Horde Studenten kloppte. Auch im Winter warteten schon müde und frierende Arbeitswillige im Dunkeln. Alle zwei Stunden wurde eine Liste mit neuen Jobs verlesen. Bei Angeboten ohne harten körperlichen Einsatz ließ man Frauen den Vortritt. Das war fair, denn gesucht wurden fast nur Leute zum “Anpacken”.

Weihnachtsmänner der Tusma - Foto: Christian Hetey

Ohne Nummern liefen Großaktionen wie die der Weihnachtsmänner und Engel. Für diese Auftritte in Berliner Familien am Heiligen Abend müssen Studierende eigens eine Schulung mitmachen – inklusive eines Foto-Termins mit der Lokalpresse. Dort traf ich auch Weihnachtsmann Henry wieder, einen über 40-Jährigen, für den ich schon Parkettböden abgeschliffen hatte.

Im Tiergarten Kondome aufsammeln

Dabei sind längst nicht alle Job-Angebote schlecht. Im Gegenteil. Es war befreiend, ganz oben auf dem Internationalen Handelszentrum in Mitte über die Stadt zu schauen, oder an einem Gerüst hangelnd Schöneberger Altbauten zu sanieren. Wer mit einer Hilti Wände einreißt, sieht das Ergebnis seiner Arbeit sofort. Dabei ging mir auch auf, wie viele Studierende aus ärmeren Ländern ihren Lebensunterhalt in Berlin selbst verdienen müssen. Als Deutscher sei ich fast ein Exot, erklärte mir ein Arbeitgeber, der regelmäßig Studenten rekrutierte. Ein seltenes Exemplar unter Afrikanern, Ost-Europäern und Asiaten.

Diese Jobs mögen über schwierige Zeiten retten, oder “Wallraff-artige” Einblicke liefern – solange sie nicht auf Dauer sind. Wie etwa mein Job nach einer Loveparade, bei dem ich für ein Reinigungsunternehmen mit einer Mülltüte durch den Tiergarten zog. Irgendwo unter den Bäumen lagen auf wenigen Metern verteilt ein Dutzend benutzter Kondome herum… aber mein Geld habe ich bekommen, und auch das ist leider nicht selbstverständlich. Wenn man für die wenigen Euro auch noch klagen muss, wird aus dem kurzen Job eine lange Geschichte. Eine richtig lausige Geschichte.

Nächtelang Currywürste gedreht? Zeitungsabos angepriesen? Wir suchen Geschichten unserer Leser

Fotos: Christian Hetey

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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