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Archiv für das 'Polen'-tag

Berlin brutal #6: Eine Warschauerin im Berlin-Flash

Foto: Anne Grieger

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die erst mit der notwendigen Distanz ins Auge fallen: “Wie in einer anderen Welt” fühlte sich Agata T, noch keine Stunde zurück in Berlin. Das selbstgepinselte Schild, mit dem ein Unbekannter für die kostenlose Annahme alten Elektroschrotts wirbt – in Warschau undenkbar. “Komische Abkürzungen” wie “Vokü” (Volksküche) sind eher selten.

Und so trat unweigerlich das nostalgische Delirium ein, das viele fürchten, die die Stadt endgültig verlassen haben: Zurück zu wollen nach Berlin mit seinen großzügigen, verhältnismäßig günstigen Altbauwohnungen, schrägen Nachbarn, die nicht grüßen, aber heimlich abends ihre Hunde in den Hof machen lassen. Selbst der Waschsalon um die Ecke, in dem es immer nach Zigaretten roch, hat plötzlich seinen Charme.

Agata T. wird trotz eines Jobangebots von einer politischen Stiftung nicht in Berlin bleiben. Sie wird ihr Diplomzeugnis abholen und schnell in den Zug nach Warschau steigen. Und dort in Seminaren an der Universität Studenten für einen Auslandsaufenthalt im Nachbarland begeistern…

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Hinter Friedrichshain. Do widzenia, Lichtenberg!

Alt-Friedrichsfelde

Alle wollen Texte über Berlins Ostbezirke, aber kaum jemand opfert ernsthaft einen Tag, um die Schlafstädte aus DDR-Zeiten selbst zu erkunden. Schade eigentlich. Schaurig schön Lichtenberg mit seinen “Neubausiedlungen” (Platten, die ab Anfang der 70er Jahre entstanden, und weitgehend saniert wurden), den vielspurigen Straßen und dem großen Bahnhof, an dem Fremde ungerne umsteigen. Der Reiz besteht vor allem darin, dass man kaum Touristen oder Berlin-Schwaben begegnet und auch keinen Rheinländern.

Folgt man der Frankfurter Allee von Friedrichshain Richtung Osten, gelangt man automatisch nach Alt-Friedrichsfelde. Die Straße, in der die Gebäude zig-geschossig in den Himmel ragen, hieß früher “Straße der Befreiung” und verbindet Berlin und Warschau wie eine Achse. Wer noch weiter ostwärts fährt, landet irgendwann in Moskau. Hier, wo niemand aus Restdeutschland freiwillig seine Zelte aufschlagen würde, in einer kleinen Nebenstraße, haben sich Arbeiter aus Polen niedergelassen.

Sie haben Wäscheleinen gespannt, Satellitenschüsseln montiert und polnisches Bier herangeschafft. Reichlich abgerockt wirkt das unsanierte Gebäude, auf der Rückseite wuchert das Unkraut von den Balkonen. Ob es sich hier aushalten lässt?

“In dem Haus war früher ein Kinderheim”, erzählt eine Freundin, die in der Nachbarschaft aufgewachsen ist. Kinder gibt es in dem Bezirk immer weniger, an Schulschließungen führt offenbar kein Weg vorbei. Von den neun Gymnasien 2003/2004 sind laut einer Publikation des Bezirkes im Jahr 2006 gerade mal sechs übrig geblieben, von neun Gesamtschulen 2003/2004 nur fünf. Im Jahr 1995 gab es doppelt so viele sechs- bis 18-Jährige wie heute.

Die polnischen Arbeiter – fernab von ihren Familien, von ihren eigenen Kindern irgendwo in Breslau oder Danzig. Bedeuteten die Plattenbausiedlungen, die im gesamten früheren Ostblock von Halle bis Stettin gleich aussahen, vielleicht ein Stück Heimat in der Fremde?

Wahrscheinlich sehen es die Leute eher pragmatisch und haben sich gar nicht erst um Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg bemüht. Die Mieten in Lichtenberg sind vergleichsweise moderat und aufgrund der vielen Hochaltrigen im Bezirk scheint es einen Bedarf an haushaltsnahen Dienstleistungen zu geben. Gleich gegenüber befindet sich übrigens ein Altenheim – vom gleichen Wohnungstyp wie das frühere Kinderheim – nur aufwendig saniert.

Eine Journalistin besucht den Polnischkurs

Als ich den Klassenraum betrat, erblickte ich ein unbekanntes Gesicht in der Runde. Eine neue Schülerin? Nein, sie stellte sich als angehende Journalistin vor. Sie wollte einen Artikel schreiben über Polnisch-Lernen an einer Berliner Volkshochschule. Während des Unterrichts beobachtete sie den Lehrer und die Mitschüler. Danach suchte sie einen Gesprächspartner. Ich war bereit für 15 Minuten Ruhm. Sie machte ein Foto und schrieb meinen Namen und meine E-Mailadresse auf.

“Warum lernen Sie Polnisch?” war ihre logische Einstiegsfrage. Ich erzählte über die geografische Nähe zu Berlin, meine Reiseerlebnisse, die spannenden Entwicklungen im neuen EU-Staat, die große Herausforderung, eine total fremde Sprache zu erlernen, die – finanzielle und moralische – Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Dann fragte sie mich nach den Schwierigkeiten. Erstmal gilt es, die Aussprache mit den zahlreichen schwer auseinanderzuhaltenden Zischlauten in den Griff zu bekommen. Die komplizierte Grammatik erschwert das Sprechen, aber vor allem die Wortschatzerwerbung ist zeitaufwendig – besonders wenn man keine andere slawische Sprache kann. Polnisch zu lernen erfordert Durchhaltevermögen: Auch bei mir hat die Motivation schon öfter nachgelassen, etwa weil ich noch immer wenig von der gesprochenen Sprache verstehe oder weil ich den Eindruck habe, kaum Fortschritte zu machen.

Erfolgserlebnisse? Die gibt es zum Glück auch. Ich kann mich z.B. an meinen ersten Genetiv erinnern (to jest auto mojego brata) und war sehr zufrieden, als ich mit Hilfe einer Perfektivform im Präteritum ausdrücken konnte, dass ich nicht alles verstanden habe (nie zrozumia?em wszystkiego). Bei Besuchen in Polen habe ich festgestellt, dass meine Fragen durchaus verstanden wurden. Und eine Freundin in Warschau habe ich mit einer SMS auf Polnisch überrascht.

Meine 15 Minuten waren vorbei, und der Hausmeister warf uns aus dem Raum. Auf dem Weg zum U-Bahnhof fragte sie mich noch, ob ich mich vielleicht an lustige Versprecher erinnern konnte. Leider fiel mir nicht ein, dass ich “pisac’” (schreiben) und “czytac’” (lesen) häufig verwechsele: “Ich habe heute Morgen die Zeitung geschrieben.” Auch nicht, dass ich mal gesagt habe, dass ich aus der Heimat die “Stunde” (godzina) vermisse, und nicht die “Familie” (rodzina).

Die Journalistin verabschiedete sich und verschwand in der U-Bahn Richtung Wittenau. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.

E-Mail aus Warschau #2: Polen-Tourist

On 7/10/07, K. <k@polen-kritisch.pl> wrote:

Hej,
das Schweigen brachte mich auf eine nette Idee, dass du schon unterwegs bist. Wenn ihr aber noch in Berlin steckt, dann einige Tipps:

Zalew szczecinski – ein kuenstlicher See in der Naehe von Szczecin (Stettin) aber noch naeher zu Swinoujscie (Swinemünde), an der oestlichen Seite des Sees, an der Kueste, gibt es einen Naturpark – das sind rechtlich geschuetzte Gebiete, man darf da nur auf den Campings zelten, dafuer soll es da aber besonders schoen und gruen sein.

In der Naehe von Stettin gibt es auch einen kleinen See (Dabie).

Sehr schoen soll es in dem Naturpark “Ujscie Warty” (Muendung Warthau) am naechsten zu Slubice (Frankfurt/Oder).

Wenn ihr ein bisschen laenger fahren wollt, gibt es auch Drawienski Naturpark. Dort soll es wirklich schoen sein, und seine Flaeche ist groesser – dh. mehr Ausflugsmoeglichkeiten. Er befindet sich so ca. 100 km von Stettin. Dort kann man auch Paddeln auf dem Fluss Drawa (nicht mit Drwa zu verwechseln, wo du mit S. warst ;) )

Falls ihr mehr Lust auf Gebirge habt, muesst ihr wie gesagt weiter fahren. Dann sag nur Bescheid und ich schicke weitere Infos.

Anne mach’s gut! Und falls ihr eine Entscheidung trefft, lass mich die Zugverbindungen suchen usw. Kein Problem.

Beste Gruesse!

Kasia

E-Mail aus Warschau

On 5/16/07, K. <k@polen-kritisch.pl> wrote:

Im Osten nichts Neues, aber Polen gruesst herzlich… Ich habe eine neue Geschichte fuer dich – der Kapitalismus hat einen “Psycho-Impakt”. Immer mehr Leute in Polen besuchen Psychoberater und es entwickelt sich ein Markt fuer unterschiedlichste Selbsthilfetrainings, Gefuehlsschulen usw. Die “armen” Polen aber vor allem Polinnen sind bereit, einen grossen Teil ihres Geldes dafuer auszugeben. Und wofuer eigentlich? Dass sie mal in aller Ruhe alles, was sie quaelt, erzaehlen duerfen.

Unglaublich, ich habe es aber letztens selbst erlebt – es hiess “non-violent communication” und sollte Leuten beibringen, wie sie eigene Gefuehle ausdruecken und kommunizieren koennen… Uhhh Anne, ich habe da gedolmetscht und manchmal wusste ich nicht, wie ich mein Laecheln unterdrucken sollte – obwohl die Tatsache, dass die Frauen so niedergeschlagen sind, ja nicht lustig ist. Das Training selbst war jedoch so so dumm, dass ich wirklich Probleme mit einem ersten Gesicht hatte… Mensch, wie verzweifelt wir uns selbst machen koennen.

Tschuesse, K.

Polski kapitalizm

Das erste Storchennest war ein Fake. Ein Plastikstorch – Werbung für Klebstoff. Typisch polnischer Kapitalismus, bemerkte S. lakonisch. Der Kapitalismus hat längst auch die letzten Winkel Polens erreicht. In den kleinen Lebensmittelläden im Nordwesten gibt es nicht nur Piwo Specjal, das lokale Bier, sondern auch Danone-Joghurt und Nutella. In dieser etwas entlegenen Region in der Nähe von Danzig wollte ich ein paar Tage abschalten. Ohne Telefon, Internet, nur mit Störchen und unbekannten polnischen Studenten, deren Sprache ich nicht verstehe. Kein erster Mai in Berlin, keine anstrengenden Diskussionen über Kapitalismus und Prekarität.

Der Kapitalismus holt mich bereits vor Antritt der Reise nach Westpolen ein: In Warschau. S. reist aus Berlin an, und steuert zielgerichtet als erstes das neue Warschauer Einkaufszentrum an. Sie braucht eine Regenhose für’s Paddeln. ‘Polski kapitalizm’ weiterlesen

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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