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Polski kapitalizm

Das erste Storchennest war ein Fake. Ein Plastikstorch – Werbung für Klebstoff. Typisch polnischer Kapitalismus, bemerkte S. lakonisch. Der Kapitalismus hat längst auch die letzten Winkel Polens erreicht. In den kleinen Lebensmittelläden im Nordwesten gibt es nicht nur Piwo Specjal, das lokale Bier, sondern auch Danone-Joghurt und Nutella. In dieser etwas entlegenen Region in der Nähe von Danzig wollte ich ein paar Tage abschalten. Ohne Telefon, Internet, nur mit Störchen und unbekannten polnischen Studenten, deren Sprache ich nicht verstehe. Kein erster Mai in Berlin, keine anstrengenden Diskussionen über Kapitalismus und Prekarität.

Der Kapitalismus holt mich bereits vor Antritt der Reise nach Westpolen ein: In Warschau. S. reist aus Berlin an, und steuert zielgerichtet als erstes das neue Warschauer Einkaufszentrum an. Sie braucht eine Regenhose für’s Paddeln.
Die Preise im neuen Shopping-Paradies liegen auf Berliner Niveau. Die neue polnische Oberschicht wisse nicht wohin mit dem Geld und definiere sich vor allem über Konsum. Sagt K., die seit einigen Wochen zurück in Warschau ist, und schon wieder genug hat. Sie lebt von Honorartätigkeiten und übersetzt gerade für ein Filmfestival Pornofilme; um die Miete für eine doch recht kapitalistische Bude mit Parkett und Blick auf Warschau und Telewizja Polska zahlen zu können.

Kapitalismus bedeutet vor allem Stress. Arbeiten für die Ferien, die Markenklamotten, das Motorrad. Früher oder später mit Folgen für die Gesundheit. Überarbeitete 29-Jährige werden einfach ohnmächtig nach 16-Stunden-Tagen mit zwei Jobs. Sorgen machen sich dann andere – Frauen natürlich.

Auf dem Land, fünf Stunden von Warschau entfernt, ein anderes Bild. Die polnischen Studenten, die sich ihren Studienplatz in einem Auswahlverfahren hart erkämpft haben, wirken entspannt. Einer macht eine Bier-Diät – isst nichts bei acht Flaschen Bier am Tag. “Piwo-Party.” Seine Freundin schmiert weiter Brote und wird von Tag zu Tag stiller. Jeden Abend ein Lagerfeuer. Immer wird die Sonne besungen, angesichts der Minusgrade in der Nacht die einzig wirksame Therapie, um die gute Laune nicht zu verlieren. Auch Wodka hilft.

Nachdem das erste Boot gekentert ist, sieht plötzlich wieder alles anders aus. Der Wirtschaftsstudent von der Warschauer “Elite-Uni” will zurück in die Zivilisation. Sein neues Mobiltelefon ist nass geworden und nicht mehr zu gebrauchen. Der angehende Physiker wird in Paris eine Freundin besuchen und Café au Lait trinken. Sein Flug geht am nächsten Tag. S. und ich reisen ebenfalls früher ab. Mit dem Auto, sehr praktisch. Wir fliegen über holprige Sandpisten, auf denen wir uns noch am Vortag auf vorkapitalistischen Rädern abgestrampelt haben. Vor der Grenze der letzte Großeinkauf. Wodka für Freunde, jede Menge Tee und polnische Wurst, die es in Berlin nicht gibt.

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1 Kommentar zu “Polski kapitalizm”



  • Der Bericht fordert mich heraus, “mein Polen”, d.h. das Land, das ich im Sommer 1989 erlebt habe, neu anzuschauen. Welch ein Unterschied! Na ja, in fast zwanzig Jahren kann sich viel verändern.

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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
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  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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