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Archiv für das 'berlin-brutal'-tag

Berlin brutal #18: Abgetaucht im Hinterhof

Thomas Daley lässt sich durch nichts ablenken. Geht an den Rand des Bretts, dreht sich um, breitet die Arme aus und atmet tief durch. Millionen Menschen sehen seinen Sprung. Gebannt schaut er auf die Noten der Punktrichter, die den jungen Briten zum Weltmeister im Turmspringen machen.

Was das mit diesem Foto zu tun hat? Es sieht fast so aus, als sei auch dieser Mensch gesprungen. Wenn er aus dem Müllcontainer in einem Friedrichshainer Hinterhof wieder auftaucht, beklatscht ihn jedoch niemand. Nach minutenlanger Suche wird er eine halb leere Dose Pralinen in den Händen halten und bei seinem zweiten Tauchgang eine frische Birne ans Tageslicht befördern. Dann wird er sich den Schmutz von der Jacke klopfen und weiter gehen, zur nächsten Tonne.

Es ist nichts gewesen.

Geschichten wie diese finden fast im Verborgenen statt, man beobachtet sie zufällig durchs Fenster zum Hof. Nur wenn Meister Zottelbart vor aller Augen mit seinen Plastiktüten durch die U-Bahnhöfe zieht und keinen Mülleimer auslässt, gibt es ein Aufsehen. Die BVG hat mit ihrer neuen Hausordnung verboten, in Abfallbehältern zu wühlen.

Durch die Höfe schleichen immer mehr Menschen, die weder übel riechen, noch äußerlich von Angestellten zu unterscheiden sind. Ein Bekannter erzählte mir von einer 60-jährigen, der man auf dem Arbeitsamt geraten habe, doch bis zur Rente ihr Hartz-IV mit Flaschen Sammeln aufzubessern. Wir müssen auch das eine Parallelwelt nennen.

Berlin brutal #17: Verlorene Orte, mitten in der Stadt

Es ist erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit an mausetoten Ecken Berlins mit leeren Kneipen Geld verbrannt wird. Der säulenbewehrte Durchgang zwischen zwei Stalin-Bauten am Frankfurter Tor ist ein solcher Ort. Putz bröckelt von den Fassaden, die große Uhr blieb vor langer Zeit stehen. Vor sechs Jahren eröffnete in dem Gebäude nebenan eine Cocktailbar namens “Destiny”, deren Schicksal schon mit dem Tag der Eröffnung besiegelt war: Niemand will an diesem Platz einen Caipirinha schlürfen.

Nach zwei tapferen Jahren hieß der Schuppen plötzlich “El Mar” – eine Tapas-Bar. Wieder saßen die Beschäftigten gelangweilt herum, nur die Leuchtschrift war eine andere. Spanische Küche war also auch keine gute Idee, wie nicht anders zu erwarten. Seit kurzem steht nun Pizzeria “da Salvatore” über dem Laden.

Ich bewundere die Experimentierfreudigkeit der Finanziers und wünsche der aktuellen Inkarnation alles Gute. Mögen die Gäste in Scharen kommen und bis zum U-Bahnhof Schlange stehen.

Berlin brutal #16: Der Motz-Verkäufer als Konkurrent

“Interesse an der Obdachlosenzeitung Strassenfeger, ein bisschen Kleingeld vielleicht?” Durch den Zigarettendunst der frierenden Raucher vor dem Hauptbahnhof läuft Hannes* von Passant zu Passant. Viele schütteln schon den Kopf, lächeln verlegen oder schauen schnell weg, wenn sie den Mann mit dem Irokesenschnitt nur sehen. Es gibt zu viele Menschen, die etwas verkaufen wollen auf dem Bahnhofsvorplatz: Zeitungen, Fahrscheine, Stadtrundfahrten.

Eine Raucherin erbarmt sich und nimmt Hannes einen Strassenfeger ab. Sie fragt, warum er seine Zeitung nicht lieber im warmen Bahnhofsgebäude anbiete. “Weil Sie nicht der deutschen Norm entsprechen, was das Aussehen betrifft?” Drinnen verkaufen sei verboten, sagt Hannes, das gelte für alle.

Also steht er in seiner Nietenlederjacke vor der Glastür. Der 23-jährige erntet skeptische Blicke und bedankt sich trotzdem. Er braucht jeden Cent. Für Essen, Tabletten und Alkohol. Sechs Jahre hat Hannes Heroin gespritzt. Jetzt ist er auf Methadon und kriegt Hartz IV. Und ist noch immer tablettensüchtig.

Raben flattern in den milchigen Nachmittagshimmel, die Luft ist feucht, es hat geregnet. Hannes rundes Gesicht mit den vielen Piercings ist vor Kälte rot angelaufen. Er will einen Kaffee. Den kauft er gleich am Eingang, er versenkt neun Päckchen Zucker in den Pappbecher. Er braucht Energie, sein Stammplatz mit Blick aufs Kanzleramt muss verteidigt werden – gegen die Konkurrenz. “Der Bärtige da, den kann ich überhaupt nicht leiden und er mich auch nicht. Wenn ich manchmal nach ein bisschen Kleingeld frage, kriegt der so einen Hals”, sagt Hannes.

Mit dem Bärtigen führt er einen Kleinkrieg. Der Mann ist Mitte 50, trägt einem blauem Stoffanorak und eine Aktentasche. Er stellt sich Reisenden einfach in den Weg und wedelt mit dem Konkurrenzblatt Motz. Das preist er als “Arbeitslosenzeitung” -  das ärgert Hannes besonders. Es sei eine Obdachlosenzeitung und keine Arbeitslosenzeitung, sagt Hannes.

Dabei hat er eine Wohnung in Wedding, wo er gemeinsam mit seiner Freundin, einem Hund und zwei Katzen lebt. Bald will er eine Therapie in einer stationären Einrichtung beginnen. Doch bis die bewilligt sei, müsse er vor dem Bahnhof stehen mit seinen Strassenfeger-Heften: Er möchte Geld zur Seite legen, zwölf Zeitungen pro Tag zu verkaufen, das ist sein Ziel.

Nach zwei Stunden ist Hannes vier Zeitungen losgeworden. Regen platscht auf das Bahnhofsvordach, Hannes Finger sind inzwischen steif vor Kälte. Er kann das Kleingeld kaum zählen. 18 Euro sind es. Die wird er in der Apotheke lassen. Eine seiner Katzen ist erkältet und braucht Antibiotika.

*Name geändert

Berlin brutal #15: Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Liebigstraße 14 - Foto: Henning Onken

Diese Geschichte beginnt vor meiner Haustür: “Wenn Räumung dann Beule” und “Beulker auf’s Maul” steht seit Jahren an Wänden der Rigaer- und der Liebigstraße, sogar im Keller stehen solche Sprüche an den Wänden. Hin und wieder überpinseln Maler die Drohungen und bunten Kleckse von Farbbeutelattacken mit dem Grundton der Fassade – wohl wissend, dass der Konflikt zwischen den Bewohnern dieser Häuser und ihren Besitzern unter der Oberfläche weiter schwelt. Seit einigen Wochen signalisieren große Transparente am Wohnprojekt Liebig 14, dass die Auseinandersetzung in einer entscheidenden Phase ist: “Keine Räumung durch den Kinderschutzbund”, heißt es da. Was ist hier eigentlich los?

“Wir waren zuerst da”, bekräftigen Bewohner der Liebig 14 den Anspruch auf ihr gemeinschaftliches Wohnen. Vor fast 20 Jahren wurde das Haus besetzt und kurz darauf durch Mietverträge legalisiert. Erst um die Jahrtausendwende kauft Suitbert Beulker das Eckhaus Liebig 14/Rigaer 96 sowie die angrenzenden Häuser 95 und 94. Mit den Ex-Besetzern in der Liebigstraße und Rigaer 94 legt er sich schnell an: Beulkers ehemalige Sekretärin bezeugt vor Gericht, ihr Chef habe einem Elektriker vorgeschlagen, das Hinterhaus der Rigaer 94 an Baustellen-Starkstrom anzuschließen – was Beulker bestreitet. Spätestens da ist der Streit nicht mehr beizulegen.

Von den Mietverträgen der Liebig 14 ist inzwischen nur noch ein einziger übrig. Hauptstreitpunkt war eine zusätzlich eingebaute Tür im Treppenhaus, die in vielen Hausprojekten Wohnungstüren ersetzt, hier aber rechtlich keinen Bestand hatte. Hinter dem Verhalten des Vermieters wittern die gekündigten Mieter den Plan, das leer geklagte Haus zu räumen und nach einer Luxussanierung als teure Eigentumswohnungen zu verkaufen.

Die Bewohner zahlen nach eigener Aussage weiter Miete und hoffen auf eine Reaktion des Kinderschutzbundes, den sie involviert sehen, weil Beulkers Zweitgesellschafter Edwin Thöne auch Geschäftsführer des Kreisverbands Unna ist. “Der Kinderschutzbund sieht keinen Widerspruch zwischen Vereinsarbeit und Wohnraumspekulation von Mitgliedern”, klagt ein Bewohner. Auch ein Angebot zum Kauf des Hauses über eine Stiftung würde ignoriert. Thöne selbst wolle sich zu der Angelegenheit derzeit nicht äußern, teilte mir heute die Unnaer Geschäftsstelle des Kinderschutzbundes mit.

Am 13. November wird der letzte Revisionsprozess um einen Mietvertrag vor dem Landgericht verhandelt.

Update 13.11.: Auch der letzte Prozess ging verloren. Die Bewohner der Liebig 14 sind jetzt rechtlich keine Mieter mehr. Sie wollen weiter für ihr Hausprojekt kämpfen, müssen jedoch auch mit einer Räumung rechnen.

Foto: Christian Hetey

Berlin brutal #14: Ohne Kohle durch den Winter

Brennholz für den Winter - Foto: Henning Onken

Eine Robbe mieten und Brennholz durch die Stadt karren. Es mit Axt und Motorsäge zerkleinern und im Keller stapeln, das kommt mir bekannt vor. Ich habe Punks erlebt, die sogar das Treppengeländer ihres Hauses verheizt haben, das Sperrholz von Baustellen verfeuerte ich im undichten Ofen oder saß mit Jacke im kalten Zimmer. Und doch ist das lange her, nur die sinnlos gewordenen Werbezettel von Kohlehändlern erinnern noch an diese Zeit – doch halt, die liegen jetzt auch nicht mehr im Briefkasten. Längst ist die Dunstglocke der Kohleöfen abgezogen, die in der kalten Jahreszeit über Berlins Ostbezirken hing.

Wer in einem unsanierten Haus wohnt und Brennholz für den Winter stapelt, macht sich unabhängig vom drastischen Anstieg der Heizkosten bei Öl und Erdgas. Doch so richtig warm hat es nur, wer ständig nachlegt. Das klingt vielleicht romantisch, wird aber schnell mühselig.

Wie viele Berliner machen es noch wie diese beiden, die mir in Friedrichshain begegnet sind? Vermisst ihr euren Ofen?

Berlin brutal #13: Kommt zu uns hier rein!

Wenn einmal im Jahr Ministerien oder Museen zum Tag der offenen Tür einladen, stehen Tausende Schlange. Anders vor der Zentrale von Scientology in der Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg: Dort ist anscheinend jeden Tag ein Tag der offenen Tür. Es locken weder Blaskapellen, noch Stehtische mit Kaffee und Kuchen. Den einzigen Besucher auf diesem Foto erwartet nur die bekannte Mischung aus Psycho-Gedudel, verfänglichen Persönlichkeitstests und stapelweise Bücher des Gurus L. Ron Hubbard. Die werden allerdings verkauft – wirklich umsonst gibt es nur misstrauische Blicke der “operierenden Thetane” von drinnen.

Es wäre weniger skurril, das Schild “Heute Tag der offenen Tür” vor einem Media-Markt aufzustellen als vor dieser “Kirche”. Gut dass diese Werbung offenbar nicht funktioniert, auch nicht mit Gratis-Massagen vor der Weltzeituhr. Der Berliner ist schließlich nicht blöd.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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