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Archiv für das 'Prenzlauer-Berg'-tag

Der Krieg ist wieder da

In Afghanistan wird geschossen, hat gerade unsere Kanzlerin festgestellt. Und in Prenzlauer Berg? In der Dunckerstraße schleppen Anwohner Tannenbäume oder schauen aus ihren gut beheizten Wohnzimmern auf die Straße, wo der Schnee die Stadt noch leiser macht. Es fehlt an nichts außer an dramatischer Geschichte – das jedenfalls lassen diese gemalten “sowjetischen Einschusslöcher” vermuten.

Vor zwei Jahren hat der Berliner Künstler Jens Kloppmann Gipsabrücke von zerschossenen Fassaden gemacht. Vermutlich werden solche “authentischen” Werke bald ihren Weg in die Edel-Nippes-Läden der Gegend finden und sich als Wandschmuck an Berlin-Besucher verkaufen. Eine schauderhaft-schöne Erinnerung an den Straßenkampf für Ihr Zuhause, dann wurde auch dort mal jemand “ganz authentisch” erschossen.

Im Kiez geht schon seit Jahren die Angst um vor dem Verlust des “echten Berlins”. Die Besitzer des “Kauf dich glücklich” in der Oderberger Straße ist bald sicher nur noch halb so glücklich ohne die Einschusslöcher in der ersten Etage.  Das Gebäude wird gerade saniert. Auch bei Gegnern des Umbaus der Kastanienallee mag das eine Rolle spielen. Bitte keine Veränderung, keine Langeweile, keine Gesichtslosigkeit.

Ich lasse mir das gern gefallen, solange niemand aus Verdruss an der Behaglichkeit einen Krieg anzettelt.

Bildergalerie: Berliner Seitenblicke

Kreuzberg ist Sieger, sagt Google

Ihr wollt alle nach Kreuzberg ziehen, oder? Gebt es zu, Google hat Euch erwischt! Nachdem die Suchmaschine erfolgreich den Sieg von Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest vorausgesagt hat, frage ich mich, was die Datenkrake uns über die Beliebtheit der Berliner Bezirke sagen kann. Einiges.

Kreuzberg ist Sieger im Bezirksvergleich und hat sich in den vergangenen Monaten noch weiter vor Neukölln gekämpft, das im März kurzzeitig die Führung im Ranking übernahm. Das mag mit dem Lebensgefühl im Graefe-Kiez zu tun haben, der Kneipenlandschaft von SO 36 oder den Partys auf der Admiralbrücke.

Alle Bohemiens, Studenten und ärmere Wohnungssuchende, die sich dagegen Neukölln als Zufluchtsort herausgesucht haben, dürfen sich freuen: Es sieht so aus, als sei der Bezirk auf dem absteigenden Ast. Die Mietpreise dürften erschwinglich bleiben, wenn sich der Trend fortsetzt. Außer in Kreuzkölln, dort schlägt der Hipfaktor des Nachbarbezirks erbarmungslos durch.

Prenzlauer Berg ist abgefrühstückt

Ohne jede Dynamik zeigt sich Prenzlauer Berg auf dem letzten Rang. Der Bezirk ist längst durch gentrifiziert. Wer hierher zieht, sucht das Familienglück im perfekt sanierten Altbau. Wer Lärm macht, stört. Mit anderen Worten: Langweilig, hier geben sich nur noch die immer gleichen Zugezogenen die Klinke in die Hand.

Aufsteiger der vergangenen Monate ist Charlottenburg. Anscheinend hat der Westbezirk die Schließung des Bahnhofs Zoo für den Fernverkehr überwunden und auch die Ku’damm-Bühnen werden wohl überleben.

Fazit: Alles Unsinn?

Totaler Quatsch, werden einige Leser behaupten. Die Anzahl bestimmter Suchanfragen lässt sich anders deuten, außerdem wird bei Kreuzberg ein gleichnamiger Berg in Bayern mitgezählt. Recht haben sie, doch eines ist auch wahr: Wer Bezirke bei Google eintippt, landet leicht auf Immobilienseiten. Und von dort aus ist es ein Klacks bis zum Umzug.

Google hat übrigens auch gesehen, dass rund um den 1. Mai wegen der erwarteten Randale und der Nazi-Demo besonders viel über X- und P’berg berichtet wurde (siehe untere Skala, News Reference Volume).

Wer das Tool selbst ausprobieren möchte, hier ist der Link. Die Bezirke lassen sich in der Suchzeile anpassen. Sinnlos ist allerdings die Suche nach “Mitte”.

Das Grün, das ich meine

Die Idee ist schön: Anwohner können das eintönige Grau ihrer Straße nicht mehr sehen, die leeren vermüllten Beete und verödeten Seitenstreifen. Bei Einbruch der Dunkelheit, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, greifen sie zu Spaten, Schaufeln und pflanzen Setzlinge an, Krokusse und Tulpen. Einige Tage später blüht es in der Nachbarschaft,  Hundebesitzer gucken irritiert und führen ihre Lieblinge woanders aus.

Der Guerilla-Gärtner als Kiez-Retter. Auf der Suche nach begrünten Ecken, über die immer wieder berichtet wurde, war ich in Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg unterwegs. An vielen Ecken in diesen Bezirken sieht es mittlerweile tatsächlich lieblich gepflegt aus – nicht nur in den Beeten vor der Tür sondern auch auf Fensterbänken im Erdgeschoss.

Erdgeschosswohnung in Prenzlauer Berg


Blumenkübel vor einer Kneipe in Kreuzberg


Beet vor einem Blumenladen in Friedrichshain


Blumenkasten vor einer Kneipe in Prenzlauer Berg


Beet vor einer Praxis in Friedrichshain


Grün vor einem Wohnhaus in Kreuzberg


Beet vor einem Wohnhaus in Prenzlauer Berg


Beet vor einem Café in Mitte

Viel Grün, aber die meisten der hier dokumentierten Kiezverschönerungsversuche sind Ladenbesitzern zu verdanken. Menschen, die den Bürgersteig vor ihrem Lokal attraktiver machen wollen. Was die Anwohner nicht schaffen oder leisten wollen, übernehmen diese Geschäftsleute. Also Leute, greift zur Schaufel! Diese Farbtupfer in den Straßen Berlins sind toll, gerade an grauen Tagen wie heute.

Prenzlauer Bergs jüngstes Viertel hat sein Zentrum gefunden

Der Weg ins Herz des neuesten Viertels von Prenzlauer Berg führt über einen frisch angelegten Parkplatz. Wer sich zwischen Autos hindurch schlängelt und vollen Einkaufswagen ausweicht, die Kinder schlingernd vor ihren Eltern her schieben, steht plötzlich vor einem riesigen Einkaufscenter. Es gibt bereits drei Supermärkte in der Nähe, doch erst mit diesem schnell hin geklotzten Shoppingparadies erlebt die Gegend zwischen S-Bahnhof Storkower Straße und Eldenaer Straße jetzt das Ende ihrer Beschaulichkeit. Der Weg vom Niemandsland zwischen drei Bezirken zum Kaufland Prenzlauer Bergs war kurz.

Auf dem alten Schlachthofgelände, das an Friedrichshain und Lichtenberg grenzt, wuchert auf einigen Baugründen noch immer Gras. Doch die Zeit, in der dort Punks ohne Aufsehen durch die Zäune krochen und in Ruhe ein Bier trinken konnten, ist vorbei. Die Halle im Hintergrund des obigen Bildes wird gerade saniert, eine weitere wartet noch auf einen Investor.

Als die Gegend Anfang des Jahres den ersten Rang im Sozialatlas Rang belegte, rieben sich viele Berliner verwundert die Augen. Was, Eldenaer Straße? Wo ist die denn? In keinem anderen Viertel hat sich die Einkommen- und Arbeitsssituation derart verbessert. Kein Wunder, denn die schöne neue Vorstadtwelt besteht nur aus Townhouses genannten Mini-Reihenhäusern. Schwabenhass gibt es nicht in der anschwellenden Townhouselandschaft, denn die Zugezogenen leben ganz unter sich.

Zugezogenen-Debatte: Wir bleiben alle in Prenzlauer Berg!

Für die Ignoranz - Foto: Henning Onken

"Für die Ignoranz": Unsanierte Fassade in der Lychener Straße, 2006 - Foto: Henning Onken

Mehr als eine Woche lang haben Leser von fensterzumhof.eu heftig über eine Plakataktion in Prenzlauer Berg diskutiert: “Wir sind ein Volk! – Und ihr seid ein anderes” heißt es an Wänden, Litfasssäulen und Stromkästen.

Wer hätte gedacht, dass 20 Jahre nach dem Beginn der Umstrukturierung dieser Spruch für so viel Unruhe sorgt? Der Wandel, durch den sich die Bevölkerung von Prenzlauer Berg fast komplett austauschte, hat Narben hinterlassen. Und die sind offenbar größer, als sich selbst Menschen vorstellen können, die in den vergangenen Jahren in die sanierten Kieze gezogen sind.

Die Debatte zeichnet ein buntes und vielschichtiges Bild des Bezirks und seiner Bewohner. Und sie wirft ein Licht auf jene, die aus verschiedenen Gründen gegangen sind. Ich unternehme hier den Versuch, die Argumente nachzuzeichnen.

– DIE VORWÜRFE –

“Ihr reichen zugezogenen Spießer”

Sie greifen sich “selbstverständlich die schönsten Wohnungen und Villen und zahlen gern horrende Preise, schreibt blitzableiter. Die Eingeborenen, die da nicht mithalten können, bleiben auf der Strecke und werden aus ihrer eigenen Stadt in Randbezirke verdrängt.” “Was habt ihr denn geschafft?”, fragt go,bmw,go. “Ihr habt euch in der Heimat die Miete nicht leisten können, seid in den Osten gegangen, weil’s so schön billig war.” Bei der Finanzierung ihres Lebensstils springen dann die Eltern ein, sind sich viele Leser sicher.

In den ganzen “hippen” Stadtmagazinen schreiben viele zugezogene Freiberufler, “um dann den alteingesessenen Berliner zu erzählen, was in der Stadt “cool” ist – weiß Tony. Die vielen alternativen Süddeutschen in Prenzlauer Berg arbeiten “mit ihren Privatschulen, Privatkindergärten selber daran, dass es mit der Chancengleichheit in Teilen Deutschlands bergab geht”, so Tony weiter.

Mario beklagt, dass ganze Strassenzüge von Großinvestoren aufgekauft werden. Besonders sauer stößt ihm und etlichen anderen Lesern die Doppelmoral der sogenannten Nimbys (not in my backyard) auf, “welche in Trendbezirke ziehen, aber dann über Lärm von alteingesessenen Clubs oder Lokalen klagen.”

“Westdeutsche Reihenhaussiedlung – der Bezirk verliert seinen Charakter”

Was ist nur aus der Bohème des Ostens geworden, die einst von Dissidenten, Kreativen und einfachen Arbeitern mit geerdeten Ansprüchen ans Leben (Ostler Eugen), geprägt wurde? „Die Stadt wird als Oberfläche wargenommen alles ist Transitraum und einer schnellen Veränderung unterworfen”, klagt bubu. Er kann nicht verstehen, “wie man ein städtisches Gesellschaftsmodell gutheißen kann in der nichts älter als höchstens eine Generation ist.“ Ossi Kleingeist Jungpionier weiß, was die Zugezogenen in Prenzlauer Berg suchen – “das Abenteuer Unterschicht”. “Meine Familie lebt seit Jahrhunderten hier, wir zahlen schon immer Steuern für diese Stadt und wir wollen sie genauso haben wie sie ist/war laut, dreckig, unfreundlich, provinziell und arm.” “Prenzlauer Berg gleicht schon seit langem charakterlich der Monokultur einer ländlichen Reihenhaussiedlung”, vergleicht bubu. Dem könnte Ostler Eugen glatt zustimmen. Er kommt eigentlich aus Bielefeld und ist “frustriert darüber, dass ich hier die ganzen Pappnasen wiedertreffe vor denen ich eigentlich geflohen bin.”

Gentrifizierung ist kein Naturgesetz, meint Aljoscha. Er blickt kämpferisch nach vorne. Die “Schlacht” die heute in Prenzlauer Berg geschlagen werde, entscheide auch über das “zukünftige Gesicht anderer Stadtteile, wie Pankow, Weissensee, Neukölln oder Wedding.”

– DIE VERTEIDIGUNG –

‘Zugezogenen-Debatte: Wir bleiben alle in Prenzlauer Berg!’ weiterlesen

Prenzlauer Berg: Zugezogenen-Bashing geht wieder los

Hass auf Zugezogene in der Winsstraße - Foto: Henning OnkenPlakate, die Zugezogene in Szenebezirken mit Hohn und Spott überziehen, haben in Berlin längst Tradition. Besonders zu Weihnachten las man in den vergangenen Jahren in Prenzlauer Berg ironische Botschaften: ein Bild mit leeren Parkplätzen und dem Spruch “Ostberlin sagt Danke” -  weil die neuen Nachbarn über die Feiertage zum Gänseessen in die alte Heimat gefahren sind, nach Stuttgart oder Mainz.

In diesem Jahr fängt das Bashing schon früher an, das Mauerfall-Jubiläum bot einen willkommenen Anlass. “Wir sind ein Volk! – Und ihr seid ein anderes” steht auf dem Plakat in der Winsstraße. Die erste Begegnung mit Ressentiments gegen Zugezogene machte ich etwa 1995 in Friedrichshain.  “Anti Schwab-Front” stand dort an der Wand eines besetzten Hauses. Auch unter Hausbesetzern gebe es Schwaben, die mit ihrem Fleiß einen auf  “Schöner Wohnen” machten und andere Bewohner verdrängten, erklärte man mir.

Fotostrecke: Berliner Plakate

Fotos aus Prenzlauer Berg

Update 20.11.: Über eine Woche lang wurde hitzig diskutiert. Hier lesen Sie eine Zusammenfassung der Debatte

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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