
Lidl späht seine Mitarbeiter aus, die französisch-kolumbianische Politikerin Ingrid Betancourt kommt nach sechs Jahren Geiselhaft frei und Amy Winehouse trennt sich von ihrem Mann Blake. Lehman Brothers geht pleite. Sabrina Tibourtine hat diese und viele weitere Ereignisse des Jahres 2008 gesammelt. Für ihr Projekt Minisprech hatte sie Künstler gebeten, Schlagzeilen auf Postkarten zu illustrieren – tagesaktuell und fast ohne Worte. In Internet-Foren und in ihrem Freundeskreis trommelte die freiberufliche Illustratorin für ihr Nachrichten-Projekt.
Knapp 70 Künstler und Illustratoren fanden die Idee toll und haben ihre Beiträge per Post an Tibourtine geschickt. An manchen Tagen zog sie mehrere illustrierte Postkarten aus dem Briefkasten, einige Künstler beteiligten sich monatlich. So kamen über 190 Einsendungen zusammen.
“Spannend war, dass auch Nichtkünstler mitgemacht haben”, sagt Sabrina Tibourtine. Die jüngste Teilnehmerin, ein dreijähriges Mädchen, habe die Rettung einer Frau vor einem Krokodil gemalt.
Die Vernissage ist noch bis zum 2. November in der Musenstube in Neukölln zu sehen, die Illustration können bis 11. November über die Webseite von Minisprech ersteigert werden. Die Hälfte des Erlöses wird an Ärzte ohne Grenzen gespendet.
Auktion der Illustrationen über www.minisprech.de
Vernissage Minisprech, Musenstube, Tellstraße 2, Berlin-Neukölln

Sie sind zurückgekommen zum Malen nach Zahlen: Rentner aus aller Welt stehen auf Gerüsten und pinseln bedächtig ihre Revolutionsbilder an die frisch geweißte East Side Gallery. Was vor 20 Jahren einen unglaublichen Aufbruch markierte, ist jetzt nur noch müde Erinnerung. “Sag, welch wunderbaren Träume halten meinen Sinn umfangen?”, steht auf einem Bild.
Das werden viele Touristen und Gäste der Strandbars an der Mühlenstraße kaum beantworten können. Fremd und fern flüstern diese Mauerbilder Passanten zu: Einmal Totaldemokratie zum mitnehmen, bitte!
Mein Jahr 89: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Fotos der East Side Gallery

Ruhig liegt das Flüchtlingslager am Alexanderplatz an diesem Dienstag morgen da. Ähnlich könnte es aussehen, wenn sich Hunderttausende aus ihren überschwemmten Heimatländern aufmachen und in Berlin stranden – nur größer und lauter eben. Einige Passanten bleiben irritiert vor Hermann Josef Hacks Installation aus mehr als 400 Miniaturzelten stehen, überlegen. “Ist schlimm heute mit der Waffenindustrie”, sagt eine Frau mit einem leichten russischem Akzent. “Kein Wunder, dass Flüchtlinge kommen, wenn wir immer weitere Waffen liefern.”
Die Waffenlobby hatte der Aktionskünstler und Beuys-Schüler Hacks mit seinem “World Climate Refugee Camp” weniger im Blick. Es geht um Flüchtlinge, die bereits jetzt wegen des Klimawandels ihre Region verlassen müssen: Weil der Meeresspiegel ansteigt, Dürren ihre Ernten vernichten oder das Trinkwasser knapp wird – Kriege können die Folge sein.
“Den Status Klimaflüchtling gibt es bislang gar nicht”, sagt Hermann Josef Hack, der politische Wille fehle. Industrieländer, die wesentlich für die Erderwärmung verantwortlich sind, schotten sich ab. Die Autoren einer Greenpeace-Studie von 2007 sprechen von einer “verleugneten Katastrophe”: In den nächsten 28 Jahren müssten 200 000 Menschen aus ihrer Heimat flüchten, heißt es.
Und der Bezirk Berlin-Mitte? Er berechnete Hack für die Genehmigung zweier Ausstellungstage 800 Euro – als “Bearbeitungsgebühr”. Vor dem Brandenburger Tor habe die Polizei wegen einer Politiker-Veranstaltung am Montag dann auch ein Zelt nach dem anderen umgedreht, erzählt Hack. Es hätte ja eine Bombe drunter versteckt sein können.

Wenn in Berlin überhaupt irgendwas richtig gut funktioniert, dann ist es die Kunstmaschine. Ihr Takt treibt Touristen wie Besessene durch die Auguststraße, verzweifelt, wenn sie in drei Tagen Hauptstadt immer noch unbesuchte Kreuzchen auf ihren Stadtplänen sehen, den sie wie eine Schatzkarte vor sich her tragen. Oh je, bitte nicht zurück nach London ohne den Wohnzimmerfund.
Die Berliner Kunstmaschine macht Menschen in der ganzen Republik zu Getriebenen. Der Galerist aus Köln hat Angst etwas zu verpassen und eröffnet eine Niederlassung in Mitte, während sein alteingesessener Kollege die nächste Fabriketage anmietet. Und mehr als 400 Galerien sind immer noch nicht genug. Berlin hat viel zu wenig Ausstellungsflächen und weil die Not so groß ist, brauchen wir eine temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz.
Die Sturm-und-Drang-Spur dieser Entwicklung zieht sich bis in einen kleinen Bauwagen in Treptow. Darin befindet sich die wohl kleinste Galerie Berlins, am Ufer des Landwehrkanals und am Rande der Wagenburg Lohmühle gelegen. Zurzeit hängen dort Bilder mit ein wenig Widerstands-Romantik, mit Wehmut an das Lagerfeuer im Wendland oder das Zeltlager vor Heiligendamm. Aufnahmen eben, die gut zu einer Wagenburg passen. Es sitzt kein Galerist herum, ja es ist die meist Zeit überhaupt niemand dort, nur ein Jogger schnauft mal vorbei, und dann wieder einer.
Man denkt nach: Es gibt Kunst, die einen anschreit und Kunst am Wegesrand. Es gibt Kunst, die keine ist und solche, die zu Vandalismus erklärt wird. Mal dreht es sich darum, davon zu leben, mal ist es ein innerstes Bedürfnis und alles andere nicht so wichtig. Ja, liebe Kunstsucher, macht ruhig noch ein Kreuzchen mehr auf euren Stadtplan.
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke


“Die Mauer ist weg, aber tausend andere zu bemalen” – so lautet übersetzt die Überschrift eines Artikels in der New York Times vom 2. März. Er handelt von Berlin als Europas “most bombed city” – und erzählt nicht von Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg sondern von Graffiti. Der Autor vergleicht die Stadt mit New York – und zwar dem bunten New York vor 1995, als Bürgermeister Giuliani eine Task Force gegen Graffiti gründete. Kurz: Berlin riecht nach Aerosol.
Man mag das als ein Zeichen von Verwahrlosung deuten und auf den “Null-Toleranz-Zug” der Amerikaner aufspringen oder als Begleiterscheinung einer aufstrebenden Kreativ-Metropole freudig begrüßen.
Entgegen der NYT ist das emsige Werkeln von Sprayern aber gerade an jener Mauer zu beobachten, die Berlin bis 1989 trennte: An den verbliebenen Abschnitten hinter der Schillingbrücke in Mitte gestalten Graffiti-Aktivisten binnen weniger Wochen ganze Abschnitte neu – das obere Bild ist vom 13. April, das untere vom 11. Mai.
Vielleicht liegt es daran, dass vor den “tausend anderen Mauern” Berlins Sicherheitsdienste warten. Statt den Ärger zu riskieren, wird gemalt, wo jedes neue Werk ein altes kaputt macht. Der Ruhm ist eine Sache von Tagen, allenfalls Wochen – dann kommt die nächste Schicht. Doch die Mauer jenseits der East Side Gallery leuchtet schillernd und wechselhaft wie ein Chamäleon.
Fotostrecke: Street Art aus Berlin

Schon wieder ein Nachruf, diesmal auf Kunst im öffentlichen Raum. Am Bahnhof Alexanderplatz, einem der ausladendsten Bahnhöfe der Hauptstadt, werden ab morgen Werbeplakate statt Kunst hängen. Passe nicht zum Selbstbild der Stadt, die sich gern als Kulturmetropole sehe, findet die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK). Seit 1991 ist der Verein Schirmherrin eines vom Senat geförderten Plakat-Wettbewerbs die Bespielung des U2-Bahnsteiges. Doch “Kunst statt Werbung” – das war gestern.
Kommerzielle Interessen sind durchsetzungsfähiger wenn es um einen Bahnsteig geht, den täglich 120.000 Menschen passieren. Der finanzkräftige Gegner, der der Künstlervereinigung die Plakatflächen an dem entsprechenden Bahnsteig streitig machte, heißt Wall. Neben Anzeigentafeln und Litfaßsäulen betreibt das Unternehmen auch öffentliche Toiletten, die auf der Firmen-Webseite als Designer-WCs beworben werden. Besonders unverständlich daher, dass es zu keiner einvernehmlichen Lösung mit der Künstlervereinigung über die weitere Nutzung des U2-Bahnsteigs als öffentliche Galerie gekommen ist.
Gut möglich, dass das Kunst-Wettbewerb an anderer Stelle wieder aufgelegt wird. Vorortsbahnhöfe, für die sich keine dem sich keine Werbekunden finden lassen, gibt es viele. Es wäre aber die falsche Antwort auf ein Projekt, das einem tristen Ort wie den Alexanderplatz jahrelang erträglicher gemacht hat.
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