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Archiv für das 'Hausbesetzer'-tag

Wo die wilden Kerle wohnen

Sie haben alle Prozesse gegen ihren Vermieter verloren, aber lassen die Köpfe nicht hängen: Die Bewohner des Friedrichshainer Hausprojekts in der Liebigstraße 14 reagieren mit einer Charmeoffensive auf die drohende Räumung. Mit Info-Veranstaltungen und Konzerten wollen sie seit Wochen zeigen, wie sie wirklich leben und warum ein Fortbestand der Wohngemeinschaft auch für andere Berliner von Bedeutung sein könnte. Das Haus, das oft wie eine Trutzburg wirkt, öffnet seine Türen einen Spalt breit.

Dazu zählt auch eine Freiluft-Galerie mit Fotos von drinnen, die jemand an die Hauswand geklebt hat. Auf den Bildern ist das dicht plakatierte Treppenhaus zu sehen, bunt bemalte Türen und Gemeinschaftsküchen. Für den Betrachter öffnen Bewohner ihre Zimmer – und siehe da: es ist aufgeräumt, sogar die Nietenlederjacke hängt ordentlich am Haken.

Ganz anders informierte die Bild-Zeitung ihre Leser nach der Räumung eines Hausprojekts in der Brunnenstraße. Das Boulevardblatt präsentierte eine Bildergalerie nach dem Motto: Schaut her, so verlottert hausten die Chaoten.

Bilder der Fotoausstellung Inside-Out

Hobby: Polizei nerven oder Krawall bis der Arzt kommt

Feiernde Friedrichshainer zünden ein Feuer auf der Straße an - Foto: Henning Onken

Die Polizei-Meldungen der vergangen Woche lesen sich wie ein Tagebuch, in dem immerfort das selbe Thema weitergedreht wird.  Ostermontag: Feuer an der Kreuzung Liebigstraße Ecke Rigaer in Friedrichshain. 70 Leute hätten Gegenstände auf der Fahrbahn entzündet und Löschmaßnahmen der Feuerwehr behindert. Drei Tage später, am Mittwoch, stehen an der selben Straßenecke Müllcontainer in Flammen, am Donnerstag brennen schließlich Holzscheite in einem Einkaufswagen. Immer rückt die Polizei an, löscht zum Teil selbst und bereitet sich auf den nächsten Einsatz vor.

Am Freitag vermeldet die Polizei nichts zu dem Thema, im linken Internetpotal Indymedia schildert hingegen ein Autor unter Pseudonym einen Polizei-Einsatz am Nachmittag vor dem Hausprojekt in der Liebigstraße als “lebensbedrohlich”. Eine Person sei fast von einem fahrenden Polizeiauto mitgeschleift worden, Schlagstöcke und Pfefferspray seien zum Einsatz gekommen. Einordnend heißt es dann dazu bei Indymedia, es werde deutlich, “dass die Bullen ihre privaten Hass- und Frustrations Gefühle nicht von ihrem Amt trennen können. Wie mensch sieht haben sie keine Hemmungen, auch Menschenleben aufs Spiel zu setzen.”

Willkommen im Chaotenbezirk - Foto: Henning OnkenNatürlich vergisst der Indymedia-Autor nicht, auf die politische Dimension zu verweisen, auf den Kurs der Berliner Regierung: “Es geht darum, andere Arten von Leben, die nicht der bürgerlichen Norm und Konsumhaltung entsprechen, von der Straße und den Innenstadt-Bezirken Berlins zu verbannen. Um den notwendigen gesellschaftlichen Rückhalt für ihr Vorhaben zu bekommen, wird mit den Massenmedien zusammengearbeitet. Es werden Lügen verbreitet, aus brennenden Holzscheiten in einem Einkaufswagen werden brennende Strassenbarrikaden.”

Der Indymedia-Autor trifft damit den Nagel auf den Kopf: Es geht immer auch um gesellschaftlichen Rückhalt. Ist halt die Frage, ob man den in der Nachbarschaft und darüber hinaus gewinnt, indem man jeden Abend ein Feuerchen vor der Haustür macht. Oder ob man nicht doch lieber nach Argumenten sucht, warum bestimmte Formen des Zusammenlebens so wertvoll sind und andere davon überzeugt.

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Liebe Zugezogene: Viel Glück mit den Kakerlaken!

"Viel Glück im neuen Wohnparadies!" - Foto: Henning Onken

Das Objekt 05081022 ist frisch entkernt und wartet mit “honigfarbenen Holzdielen” auf neue Mieter. Eine Altbau-Wohnung von 62 Quadratmetern mit Fenstern zum Hof kostet knapp 700 Euro. Aber eh sich noch ein Leser aus Hamburg oder München Hoffnung macht – dieses “Schnäppchen” mitten im “herrlichen Ambiente” der Hundehaufen-Meile Rigaer Straße ist schon vergeben. Nur die anderen Wohnungen mit teilweise mehr als 100 qm sind noch zu haben. Ich will hier aber keine Werbung machen, sondern nur dieses Kunstwerk an der frisch bepinselten Hauswand der 84 bemerken. Darauf stellt man sich die zukünftigen Mieter offenbar als wohlhabende Touristen älteren Jahrgangs vor – und heißt sie scherzhaft willkommen.

Vor knapp zwei Jahren machte ein Dachstuhlbrand alle 48 Bewohner des Hauses obdachlos, das 1990 besetzt und ein Jahr später zu einem legalisierten Hausprojekt mit Mietverträgen geworden war. Nach dem Feuer wurde saniert. Der papierne Gruß wurde übrigens rekordverdächtig schnell wieder entfernt, nur die Kakerlake hat der Putztrupp hängenlassen.

Fotostrecke: Berliner Streetart

Mediaspree: Wo die Grenze zwischen oben und unten verläuft

Wenn Grenzen fallen, geht uns ein Licht auf. Weil Menschen auf der Mauer tanzen oder weil man einfach so nach Polen kommt. Wenn Grenzen dagegen so sang- und klanglos verlaufen, wie sich Farben auf einem wässrigen Aquarell vermischen, bleibt die Veränderung meistens unbemerkt. Obwohl die Folgen auf lange Sicht genauso einschneidend sind.

In Berlin sieht man das besonders gut an dem berühmten Hausprojekt Köpi in Mitte. An dessen Brandwand prangte die hehre Weisheit “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten”. Der Spruch an der Trutzburg hielt solange, bis die Bagger kamen – auf dem Foto sind sie schon zu sehen – und einen neuen Betonbau hochzogen.

Damit die Botschaft an die Völker der Welt nicht verhallt, hat jemand nachgebessert – am Gewerbehof nebenan. Der anonyme Sprayer ist allerdings nicht weit gekommen – er hat bei “verläuf…” das Weite gesucht. Dass er damit trotzdem sagt, was am Spreeufer von Kreuzberg und Friedrichshain vor sich geht, ist ihm nicht aufgefallen.

Willkommen in der Grauzone, in der es vorläufig weder einen Kiez der Reichen noch Armutsquartiere gibt. Wo die Alteingesessenen sozusagen bei 30 Grad gewaschen werden, bis sie die Miete nicht mehr aufbringen können und wegziehen. Und damit unfreiwillig eine neue Grenze errichten.

Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

Update 01.08.2008: Der oder die Sprayer lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und sind jetzt dreieinhalb Worte weiter gekommen, wie auf dem Foto zu erkennen ist.

Update 15.08.2008: Es ist vollbracht, der Spruch ist tatsächlich fertiggestellt worden, wie mir ein Leser schrieb. “Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen Dir und mir”, heißt es jetzt.

Wer rettet die Hausbesetzer?

Plakat auf der Karl-Marx-Allee - Foto: Henning Onken

Die Stadt zugekleistert, als müsste eine neue Regierung gewählt werden. Alles für Tempelhof, alles für heute. Wir ertragen seit Monaten das Getöse der Springer-Presse zum “Mythos Tempelhof”, sollen heute unbedingt wählen gehen und werden am Ende wohl doch nicht wirklich gefragt. Es ist schon alles gelaufen, sagt unser Bürgermeister.

Viele der Plakate sind von Anwohnern teils entlarvend “verziert” worden, wie immer vor Wahlen in Berlin. Opfer sind beide Seiten, also auch die “Ick zahl nicht für’n Vip-Flughafen”-Sozialneid-Kampagne der Gegner. Auf dem obigen Bild der Karl-Marx-Allee haben es Friedrichshainer “Squatter” auf die selbsternannten Tempelhof-Retter abgesehen. Wer gibt den letzten Hausbesetzern Bestandsschutz? Die Unterzeile haben die anonymen Sprayer stehen lassen: “Alle Macht geht vom Volke aus.”

2038: Schöner Wohnen in der Köpi?

Fassade des ex-besetzten Haus- und Kulturprojekts "Köpi" in der Köpenicker Straße 137 in Berlin-Mitte - Foto: Henning Onken

Die Bewohner der “Köpi” haben einen überraschenden Deal mit dem Besitzer ihres umkämpften Hauses in der Köpenicker Straße geschlossen: So wie es aussieht, dürfen sie die dort die nächsten 30 Jahre wohnen bleiben. Die Gegenkultur der Köpi wird einen bunten Kontrapunkt zum umliegenden Bürobauten-Kiez setzen und dem Projekt Mediaspree kräftig einheizen. Aber was machen Ex-Hausbesetzer eigentlich, wenn sie älter werden?

30 Jahre sind eine lange Zeit. Genug Gelegenheit, eine Familie zu gründen und sich langsam in bequeme Kissen fallen zu lassen. Einen Spielplatz statt Punkrock-Konzerte, Zentralheizung statt Kohlen schleppen und endlich neue Fenster?

Nein, ich bin überzeugt, dass Europas erste Adresse für Hausbesetzer sich treu bleiben wird – so man sie denn lässt. Selbst mit neuen Fenstern ist Schöner Wohnen hier wohl nicht angesagt. Für die meisten ist die Zeit hier wie eine Uni, die man durchläuft und dann fortgeht. Vielleicht gibt es ja mal ein Ehemaligen-Treffen.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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