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Archiv für das 'Hausbesetzer'-tag

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Unser Haus: Vom Ende eines gemeinsamen Wohntraums

Kneipe Kontrollpunkt - Foto: Christian Hetey

Gerade wurden die Gerüste entfernt. Das Haus an der Ecke zur Proskauer Straße leuchtet jetzt pastellgelb wie viele frisch sanierte Altbauten in Friedrichshain. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Wohnungen der Rigaer Straße 84 von einem Makler gelistet werden. Nur im Erdgeschoss sind die vielen Graffiti noch nicht entfernt worden: “Das ist unser Haus” steht dort zu lesen und “Wir bleiben alle!” – fast wie ein Vermächtnis.

“Wir haben alles versucht”, erzählt Jörg*, einer von mehr als 30 ehemaligen Bewohnern mit Irokesenschnitt und mehreren Hunden. Durch einen Dachstuhlbrand im Mai letzten Jahres wurde das Haus unbewohnbar, und auch nach einer Instandsetzung hätten sie rechtlich keine Chance gesehen, dort wieder einzuziehen – trotz Mietverträgen.

“Die sind froh, dass sie uns los sind”

Auch der Kampf um ein Ersatzobjekt war erfolglos: “Die sind froh, dass sie uns los sind”, schimpft Jörg über die Vertreter von Bezirk und Senat, von denen sich die Bewohner ein Ersatzobjekt erhofften. Also nahmen die Mieter das vom Besitzer angebotene Handgeld und gaben das Hausprojekt auf. Sie verteilten sich in alle Himmelsrichtungen auf die wenigen verbliebenen Berliner Hausprojekte und Wagenburgen, verließen die Stadt ganz oder sind wie Jörg in der Mietwohnung seiner Freundin eine Straße untergekommen.

Hof der Rigaer 84 mit schlafenden Gästen - Foto: Christian Hetey

“Operation gelungen”, schreibt die Bezirks-Postille “Friedrichshain” über das Samariterviertel, das jetzt seinen Status als Sanierungsgebiet verliert. Seit 1993 wurden fast 90 Prozent der Häuser mit bröckelndem Putz, Außentoiletten und feuchten Hinterhöfen erneuert – mit und ohne öffentliche Gelder. Langsam wurden die Fassaden farbig und im Winter verschwand der Kohlegeruch, den viele Zugezogene inzwischen gar nicht mehr kennen. Nur jeder siebte Haushalt lebte bereits vor Beginn der Sanierungsarbeiten hier und kann etwas darüber erzählen. Viele der neuen Bewohner sind jünger, einkommenstärker und offenbar gekommen, um zu bleiben.

“Euer Haus ist ein Schandfleck”

Diesem Wandel hielt letztlich auch die Rigaer 84 nicht mehr stand. “Euer Haus ist ein Schandfleck”, hatten Handwerker gegen Ende der 90er Jahre gesagt, als sie Leitungen im Haus überprüfen wollten. Dabei hatten die Bewohner viele der Sanierungsarbeiten selbst übernommen, hatten Strom gelegt, den Keller entwässert und die Öfen mit Lehm ausgebessert. Die Bewohner gründeten die Hauskneipe “Kontrollpunkt” und standen selbst hinterm Tresen, ehe die Bar wegen Lärmbeschwerden vom Erdgeschoss in den Keller ziehen musste.

Die Rigaer 84 zählte zu jenen Hausprojekten, die nach Räumung der Mainzer Straße 1990 ihr Besetzertum aufgaben und Mietverträge unterschrieben. Eigentlich verstand niemand, warum einer Briefkastenfirma aus London Geld überwiesen werden musste, doch man tat es. 1997 brannte dann der Dachstuhl durch eine Brandstiftung zum ersten Mal, aber das Projekt lief nach einer Instandsetzung weiter.

Rigaer Straße - Foto: Christian Hetey

“In zehn Jahren bist du auch ein Yuppie”, hatte der neue Besitzer einem Bewohner erzählt – und unrecht behalten. Und doch hat er sich letztlich durchsetzen können. Gesiegt haben die, die sich über den Lärm beschwert haben und jene, die sich das Recht auf dieses Haus erkauft haben.

Das Gebiet ist zur Ruhe gekommen, schreibt die Bezirks-Postille. Sie hat recht, die Unruhestifter sind fort. Aber manches daran erinnert an eine Friedhofsruhe.

* Name auf Wunsch geändert

Fotos: Christian Hetey
Weitere Fotos der Rigaer Straße

Vom Wohnraum zum Investorentraum

Neue Bahnhofstraße am Ostkreuz - Fotos: Christian Hetey und Henning Onken

Hier blieb ich neulich stehen. Da war doch was mit diesem Haus in der Neuen Bahnhofstraße. Steine fliegen, Wasserwerfer, Blaulicht und die Hausbesetzer – zumindest in meiner Phantasie. Doch die trügt, denn die Transparente, die hier einst aus den Fenstern hingen, waren nur Staffage für den Film “Was tun wenn´s brennt” mit Til Schweiger. “Eat the rich!”, stand dort zu lesen “Instandbesetzt” und “Kein Abriss unter dieser Nummer”.

Abgerissen wurde dieses Haus dann auch nicht, sondern teuer renoviert, wie auf diesen beiden Bildern von ca. 2000 und 2007 zu sehen ist. Heute ist hier ein schniekes Youth-Hostel, das internationale Gäste in den Kiez um das Ostkreuz ziehen will. Einige hundert Meter weiter befindet sich ein weiteres internationales Gästehaus, dessen Besucher natürlich nicht unbedingt zum Einkaufen und Party machen nicht den Bezirk wechseln wollen. Seitdem klar ist, dass der Bahnhof Ostkreuz für eine Dauer von zehn Jahren saniert wird und zu einer neuen Drehscheibe im Osten der Hauptstadt werden kann, landet hier ziemlich viel Geld. Das fällt auf, nicht nur an diesem Haus.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Bethanien: Freiraum weggerechnet?

Besetzter Südflügel des Bethanien - Foto: Henning OnkenAbgebrochene Spritzen, Hundehaufen und Graffiti beklagte Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien, auf dem Gelände am Mariannenplatz und nannte im gleichen Atemzug die Hausbesetzer. Der Ruf des international renommierten Künstlerhauses stehe auf dem Spiel, wenn das Bethanien zu einer “Besetzerhochburg” werde, hatte Tannert bereits vor ein paar Tagen dem Tagesspiegel gesagt und mit dem Auszug des Künstlerhauses gedroht.

Die ungeliebten Nachbarn, die im Sommer 2005 den leerstehenden Südflügel des ehemaligen Diakonissen-Krankenhauses in Beschlag nahmen und das Bethanien vor allem als soziales und politisches Projekt begreifen, finden das weniger komisch. Die Vorwürfe seien “absurd”, der Leiter des Künstlerhauses unbeweglich. Die Schlammschlacht ist im vollem Gange.

Für das Projekt Bethanien insgesamt fatal, denn in den kommenden Monaten sollen die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Bis Ende des Jahres muss der Runde Tisch zur Zukunft des Bethanien, ein Gremium aus Politikern, Nutzern und Anwohnern, ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept erarbeiten, das den Senat überzeugt. Der ist Besitzer des Gebäudes und will ab 2008 jährlich “kalkulatorische Kosten” in Höhe von 800.000 Euro, eine Summe, die der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg als Verwalter unmöglich aufbringen kann. Diese fiktive Kapitalverzinsung bemisst sich nach dem “Wiederbeschaffungswert” des Gebäudes – nach einer Berechnung des Senats rund 32 Millionen Euro.

“Schmuddelkinder” im Südflügel?

Neben der Diskussion um ein Finanzierungskonzept für das Gebäude stehen Verhandlungen der Besetzer mit dem Bezirk über einen Mietvertrag im Raum. Die Hausbesetzer bewohnten das Gebäude auf Kosten des Bezirks und damit gesponsort vom Steuerzahler, lautete der Hauptvorwurf gegen die Leute aus der früheren Yorck59. “Die Verhandlungen mit dem Bezirk über einen Mietvertrag sind ins Stocken geraten”, so ihre Version der Geschichte. Verträge würden schon deshalb angestrebt, um eine dauerhafte Grundlage für das Hausprojekt zu schaffen. In der Yorckstraße gab es Verträge und ein Konto, auf das die Bewohner ihre Miete überweisen konnten.

Dass der Bezirk keine Mietverträge mit den Besetzern abschließen will, bevor ein Gesamtkonzept für das Bethanien steht, erscheint wenig verwunderlich. Sollten das Künstlerhaus und die Druckwerkstatt ernst machen und sich tatsächlich einen anderen Standort suchen, brechen dem Bezirk weitere Mieteinnahmen weg, die dringend gebraucht werden. Es würden sich schnell neue Mieter finden, glauben die Besetzer. Aber ob sich der Bezirk mit der vorübergehend ungeklärten Situation arrangieren kann?

Das Horrorszenario einer Privatisierung erscheint durchaus real. In unmittelbarer Nachbarschaft, im Block 100 (auch “Penny Block”), hat sich eine Anwohner-Initiative formiert, nachdem bekannt wurde, dass der Block an der Naunyn-Straße verkauft werden soll. Wer der Privatinvestor ist, wissen die Bewohner bis heute nicht.

Website New Yorck 59 im Bethanien
Initiative Zukunft Bethanien

Gentrifizierung: Warme Sanierung im zweiten Versuch?

Ausgebranntes Haus in der Rigaer Straße Ecke Proskauer Straße in Berlin Friedrichshain - Foto: Henning Onken

Schlafender Punk, der wegen eines Brandes im Hausprojekt Rigaer 84 in den Morgenstunden des 28.05.07 seine Bleibe verloren hat - Foto: Henning Onken

Es hat gebrannt – mal wieder. Vor fast genau zehn Jahren flüchteten die Bewohner der Rigaer Straße 84 schon einmal vor den Flammen. Raus auf die Straße, Blaulicht, Feuerwehr und hektisch ein paar Habseligkeiten retten, um dann irgendwo anders unter zu kommen. Gestern ist genau das wieder passiert und diesmal ist das Haus noch weiter herunter gebrannt. “Die Feuerwehr hat lange Zeit nichts gemacht”, erzählt ein Bewohner. Über die Brandursache ist noch nichts bekannt, doch an der Interessenlage zwischen Besitzer und Mietern hat sich seit 1997 wenig geändert. Er will sanieren, sie wollen gemeinsam günstig wohnen.

Den Brand von 1997 haben Unbekannte in den Dachstühlen des Hauses gelegt. Doch nach langer baupolizeilicher Sperrung, Behördenhickhack, Besitzerwechsel und Instandsetzung kehrten die Bewohner zurück. Dem neuen Besitzer waren offenbar die bestehenden Mietverträge verschwiegen worden. Ob sich die vor die Tür Gesetzten durchsetzen können, ist fraglich.

Köpi-Bewohner: Rausgekegelt?

Konzert in der Köpi - Foto: Christian HeteyBlase war einer der Ersten , die sich in dem baufälligen Haus einquartierten. Ein Sportclub war gerade ausgezogen und hatte Funktionärsräume, sozialistische Fahnen und mehrere Kegelbahnen hinterlassen. Das war 1990. Keiner der Besetzer, mit denen Blase das verlassene Gebäude in der Köpenicker Straße zum selbstverwalteten Kulturzentrum “Köpi” ausbaute und die schließlich sogar Miete zahlten, interessierte sich für’s Kegeln.

17 Jahre später droht dem Haus samt angrenzenden Wagenplatz nun die Räumung durch einen neuen Eigentümer, der ohne die bisherigen Bewohner plant. Vielleicht fallen vielen Berlinern kaum Gründe ein, warum hier nicht Bürobauten der “Media Spree” hochgezogen werden sollten. Die paar Gestalten mit bunten Haaren, die im Hof auf einem Autowrack sitzen, könnten sich ja genauso gut woanders sonnen..

Dennoch hat dieses Hausprojekt Fans in der ganzen Welt. Leute, die die Konzerte von Bands wie From the Ashes oder “No conforme” besucht haben – Knüppelpunk aus Finnland oder Grindcore aus Kalifornien, die man sonst in keinem der Berliner Clubs hätte hören können. ‘Köpi-Bewohner: Rausgekegelt?’ weiterlesen

Alles verändert sich, ohne dich

X-Beliebig -Hausprojekt in der Rigaer Straße Ecke Liebigstraße nach einer Protestveranstaltung in der Nacht in Berlin Friedrichshain - Foto: Henning Onken

“Alles verändert sich, wenn du es veränderst”. Das hat Rio Reiser gesagt, als er noch für die “Ton Steine Scherben” sang. Es klang verheißungsvoll, als ließe sich die Welt im Handumdrehen umpolen. In Berlin-Friedrichshain haben das einige Dutzend Leute am Wochenende wörtlich genommen, haben Mülltonnen auf die Straße gerollt und ein kleines Auto angezündet. Vielleicht war da aber auch einfach nur Wut über Veränderungen, die hilflos machen, weil sie von Anderen ausgehen – wie eine Welle, die immer nur auf bestimmte Personen zurollt. Die Anderen, das sind die, die auf ihr reiten.

Begonnen hatte alles mit einem Aktionswochenende “Rigaer Straße fights back”, das sich mit Workshops, Partys und Diskussionsrunden gegen “Kommerzialisierung und Yuppiisierung des Kiezes“ stark machen wollte.

Sonntag Nachmittag: Vor dem Hausprojekt X-Beliebig sitzen an die hundert Leute in der Frühjahrssonne. Auf der anderen Straßenseite springt ein CDU-Mitglied aufgeregt in seinen Lackschuhen herum: “Die öffentliche Sicherheit liegt mir am Herzen”, bekennt er und zeigt auf den Berlin-Aufmacher der Morgenpost: “Linksautonome proben für den 1. Mai“, steht dort über einem Riesen-Bild des brennenden Autos. Andere Zeitungen hatten stilsicher lieber gleich alte “best of” Krawallbilder aus dem Archiv gekramt. Er sei hinausgeworfen worden, klagt der CDU-ler, nachdem er durch ein offenes Fenster in die Kneipe des Hausprojekts geklettert sei. Erstaunlich, die Bewohner und deren Gäste wollten tatsächlich nicht mit ihm Party machen. ‘Alles verändert sich, ohne dich’ weiterlesen

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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