Archiv für das 'Plakate'-tag

Deine Stimme – ab in den Müll?

Aufruf zum Boykott der Bundestagswahlen in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg - Foto: Henning OnkenIn Berlins Plakate-Wald gedeihen in der letzten Woche vor der Bundestagswahl kleine Widerstandsnester. In Kreuzberg pappen Boykotteure Sticker an Mülleimer mit dem Hinweis, dort Wahlzettel zu entsorgen.  “Stimme erheben, statt abgeben” steht an einer Häuserwand in der Reichenberger Straße. Bei Info-Abenden in Friedrichshain sprechen sich die “klassisch-anarchistischen” Wahlverweigerer Mut zu und vertiefen sich in direkt-demokratischen Gedankenexperimente. Höhepunkt des Aktionismus ist eine Demo, bei der Nein-Sager am Vorabend der Wahl ihrem Unmut Luft machen wollen.

Es gibt viele Gründe, einen Bogen um den Polit-Grabbeltisch der Parteien und Kandidaten zu machen, den Wahl-O-Mat zu ignorieren: Ein Vater von zwei Kindern aus Prenzlauer Berg rechtfertigt seine lebenslange Enthaltung damit, dass Wählen verboten wäre, wenn es wirklich etwas bewirken würde. Ein Anhänger der Linken mit Irokesenschnitt ist wahlmüde, weil seine Friedrichshainer Direktkandidatin den Wählern ihr Hinterteil zeigt. Fans der Piratenpartei können nicht mit ansehen, wie ihre bräsigen Kandidaten der Jungen Freiheit Interviews geben. Und das Dreamteam Horst Schlämmer/Bushido tut nur so, als würde es was bewegen.

Aber aus Wahlmüdigkeit einen Wahlkampf gegen das Wählen zu starten – so etwas gibt es wohl nur in Friedrichshain und Kreuzberg. Schaut auf diese Stadt!

Annette will in den Bundestag

Annette will in den Bundestag - Foto: Anne OnkenAnnette Köhn steht vor ihrem Atelier, der Musenstube, und malt mit Wasserfarben die letzten Plakate für die Bundestagswahl am 27. September aus: 150 hat die unabhängige Direktkandidatin aus dem Reuterkiez schon mit ihren Mitstreitern ausgemalt und aufgehängt -  alles Illustrationen von befreundeten Grafikern und Künstlern, die die 33-jährige Frau mit schwarzer Kastenbrille zeigen. “Erststimme Annette: Für MeinGeld – Bedingungsloses Grundeinkommen” steht auf einem, “Für Erhalt und Erschaffung kreativer Räume!” auf einem anderen.

“Ich konnte mir nicht vorstellen, mit meinem Foto hier überall im Kiez zu hängen”, sagt sie und deutet auf ein Portrait von Yusuf Bayrak, einem anderem parteilosen Neuköllner Direktkandidaten. Von Leuten auf der Straße erkannt zu werden – das wäre ihr doch nicht so recht.

Dabei dürfte die Freiberuflerin, die seit drei Jahren gemeinsam mit vier Mitstreiterinnen die Musenstube – eine Mischung aus Büro, Atelier und derzeit Wahlkampfzentrale – betreibt, im Kiez inzwischen bekannt sein. Immer wieder fanden Ausstellungen und Konzerte in der Musenstube statt, Annette hat mit Schülern der benachbarten Rütli-Schule einen Flyer zur Selbstdarstellung der Schule entworfen.

Wohl wegen ihrer Kiez-Prominenz könnte auch die Bergpartei auf Annette aufmerksam geworden sein: Sie hatte Annette einen Listenplatz in Neukölln angeboten – was diese zunächst entschieden abgelehnt hatte. Das Manifest der Partei von Berliner Kulturaktivisten überzeugte sie dann aber doch. Da die Bergartei nicht zur Bundeswahl zugelassen wurde, weil der Bundeswahlleiter Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Partei hatte, kandidiert Annette nun als eine von 23 unabhängigen Direktkandidatin in Berlin:   “Zu Ehren der Bergpartei”, wie sie in ihrem Weblog schreibt.

“Ich will mit meiner Kandidatur alle ansprechen”,  sagt Annette, “auch wenn die Kreativen natürlich meine Zielgruppe sind.”  In Neukölln, wo jeder vierte arbeitslos ist, könnte die Idee des unabhängigen Grundeinkommens einige Anhänger finden.  Sie selbst arbeite auch einen Teil ihrer Zeit unentgeltlich, erzählt Annette. Auch ihr Wahlkampf ist ein Low-Budget-Projekt, sie hat gerade einmal 250 Euro ausgegeben – die Arbeitszeit einmal nicht eingerechnet.

Poesie gegen brennende Autos

Poesie gegen brennende Autos in Friedrichshain - Foto: Henning Onken

“Willkommen im Chaotenbezirk” und “Why Not?” steht auf den Stickern. Abgebildet sind vermummte Steinewerfer und brennende Autos. Auf solche Grüße an Schildern und Türen in Friedrichshain und Kreuzberg antworten Anwohner jetzt mit einem Gedicht. “Du bist neidisch auf Wohlstand, weil Du selber Deinen Arsch nicht hochkriegst!”, heißt es an die Adresse von Brandstiftern gerichtet, die in Berlin schon mehr als 170 Autos in diesem Jahr abgefackelt haben.

Der schlimmste Vorwurf, den man einem “arm aber sexy” Berliner machen kann, steht gleich am Anfang: “Du hast keinen Stil!”

Fotos von interessanten Berliner Plakaten

Das Dove-Prinzip

Über die Kampagne der Körperpflege-Marke Dove ist viel geschrieben worden, das Prinzip ist einfach. Der Konzern bewirbt seine Produkte mit Models, die nicht sonderlich model-like aussehen – also durchschnittlich wie Sie und ich. “Anti-Ageing-Produkte”, wie sie eine Freundin schon seit ihrem 20.Geburtstag kauft, gibt es bei Dove nicht. Mit der weniger diskriminierenden Formel “Pro Age” haben Werber ein griffiges Schlagwort erfunden, das angesichts der Alterung der Gesellschaft bei Verbrauchern nur auf Zustimmung stoßen kann.

Der Sportartikelhersteller Reebok setzt offenbar auf eine ähnliche Strategie. “Run easy” prangte noch im Mai an allen Litfasssäulen und Werbetafeln der Stadt – eine Botschaft an Läufer (wohl vor allem untrainierte), sich körperlich nicht zu sehr zu verausgaben. Fand ich gut, Sporthersteller müssen ja nicht jedem blutigen Anfänger suggerieren, mit ihren schnellen Schuhen sei der Berlin-Marathon ein Klacks. Berlin im Juni, die Hauptstädter schwitzen auch ohne körperliche Anstrengungen. Die “Run-Easy”-Plakate sind inzwischen verschwunden – komisch, da doch zu dieser Jahreszeit die meisten Jogger in der Mittagshitze kollabieren. Nachhaltigkeit, wie wir sie aus der Dove-Kampagne gewohnt sind, sieht wohl anders aus. Auch wenn aus Marketing-Gesichtspunkten nicht zehn Wochen lang mit den gleichen Plakaten geworben werden kann – warum gibt es keine neuen, die an die Kampagne anknüpfen? Alle Reebok-Schuhe in Berlin kurzfristig ausverkauft? Oder doch lieber auf Nummer sicher: “schneller=sportlicher=schöner”?


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  • icke: jetzt lass mich raten wer das geschrieben hat………..grin s. Gruss von mir an...
  • Jürgen Spiegel: nur zur Neuköllnisierung – das erlebe ich als jahrzentelanger Neuköllner anders: Wohltuend,...
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  • Psylon: Die verlängerte Hasenheide war mit Schließung des Flughafens vorauszusehen. Ob allerdings die libanesischen...
  • tiXclub: ich wusste gar nicht, dass es prenzlauer berg / mitte noch berliner gibt… na ja, ist das nicht grade...

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