Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Ein Abschied vom Prekariat

Ihre Stimme klang beschwingt, fast schrill. “Du, ich hab den Job, morgen wird gefeiert”. Endlich eine Festanstellung für Simone, nach mindestens vier Honorartätigkeiten, elf Vorstellungsgesprächen und jeder Menge nerviger Fragen von Großeltern, Tanten und Freunden.

Der “Job” würde mehr sein, als ein Job – eine erste Stelle mit einem eigenen Aufgabengebiet, Verantwortlichkeiten und vor allem: einer Visitenkarte. Jedes Mal wenn Freunden der Berufseinstieg gelingt, hält man früher oder später eine Visitenkarte in den Händen. Landtagsfraktion der SPD in Niedersachsen, Belgische Botschaft, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, FU Berlin – die Liste meiner Visitenkarten ließe sich beliebig verlängern.

War Berlin gestern noch eine beschissene Großstadt mit inakzeptablen Arbeitsbedingungen, hat heute doch jeder früher oder später Perspektiven – vorausgesetzt er will und strahlt das auch aus. Die Absolventen-Befragung der Uni, die gestern noch ins Altpapier gewandert ist, wird wieder hervorgekramt und bereitwillig ausgefüllt.

Für Gäste, die noch immer den “Alles-nicht-so-einfach-Film” fahren, hat die Simone dann auch wenig Verständnis. “Könnt ihr nicht einmal einfach nur die Musik und das Essen genießen?”  Das “und euch mit mir freuen” verkneift sie sich. Auf die Befristung ihrer Stelle auf ein Jahr angesprochen, grinst sie nur müde: “Ich habe immerhin sechs Monate Ruhe, bis ich etwas Neues suchen muss und einen Fuß in der Tür. Ist das nichts?” Man muss sich die Gastgeberin als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Auch lesenswert:

9 Kommentare zu “Ein Abschied vom Prekariat”



  • Papier ist bekanntlich geduldig. Was sagt schon eine Visitenkarte aus?

    Ihre Frau sollte das ganze etwas lockerer sehen und Sie dürfen vielleicht mal die alten Visitenkarten Ihrer Freunde entsorgen.


  • Ich kenne in Big B nur Leute, die kaum etwas arbeiten oder viel zu viel arbeiten. Seit ich von der ersten in die zweite Kategorie gerutscht bin, vermisse ich gelegentlich die Zeiten des Herumdriftens. Die Freunde, die über Joblosigkeit klagen, kein Geld haben, aber bei jeder Party, Vernissage, Kulturveranstaltung dabei sind und Zeit finden, ihre Stimmungen zu kultivieren, erscheinen mir dann als beneidenswert.


  • Mal eine Frage abseits vom theme: bisher hieß Anne, Anne Grieger. Nun steht da auf einmal Anne Onken. Ist da was durcheinander geraten oder hat das seine zweckdienliche Richtigkeit? :-)


  • Alles richtig so.. :-)


  • Na dann: meinen virtuellen Glückwunsch fürs jetzt und fürs zukünftige ;)


  • Aber Spaß beiseite,
    warum dieses merkwürdige Festhalten am geschwollenen Begriff “Prekariat” und das ausgerechnet in Berlin?
    Früher hieß das hier schlicht:
    “………..Die Lage sieht sehr flau aus……”
    Würde man, unter Berücksichtigung der
    Sonderstellung Berlins und seiner Historie dieses
    etwas geblähte Wort in: “Flauiat” verschlanken,
    so könnte man das Wort prekär wieder im ursprünglichen
    Sinn nutzen.


  • Obwohl,
    eigentlich sieht die Lage noch “flauer” aus.

    Dann müsste es wohl “Flaueriat” heißen.


  • Ja, das ist Berlin. Da gibt man sich schon mit einer 1-Jahres-Stelle zufrieden. Aber staendiger Wechsel foerdert ja bekanntermassen die Flexibilitaet.

    Viel Glueck, Simone, und Gruesse vom ausgewanderten Ben

Die Kommentare sind zur Zeit geschlossen.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

Zufallsfotos

Kostenlos abonnieren

Unser RSS-Feed enthält alle neuen Artikel. Ihr könnt sie auch bequem als E-Mail abonnieren
fensterzumhof.eu gibt es jetzt auch in einer Smartphone-Version

Anzeige

Berliner Streetart

Berlin bei Nacht

Fassaden der Hauptstadt

Berliner Hinterhöfe

Andere Blogs


Wenn Sie auf dieser Seite verbleiben, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen

Diese Website verwendet Cookies, um Anzeigen zu personalisieren. Informationen zu Ihrer Nutzung dieser Webseite werden an Werbepartner weitergegeben. Indem Sie weiter auf dieser Website navigieren, ohne die Cookie-Einstellungen Ihres Browsers zu ändern, stimmen Sie dieser Verwendung von Cookies zu.

Schließen