Tags Archiv für 'Diebstahl'

Pink und begehrt

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Das muss weh tun. “Ich brauche sie wieder. Das war ein Umzug!” Verschwunden, die rosafarbene Plattenkiste, sie wurde offenbar “versehentlich” aus einem Hausflur in der Weserstraße in Friedrichshain mitgenommen. Was, wenn der Besitzer ein DJ war, der nun sämtliche Termine absagen muss? Wenn er in Zukunft so viel Angst um seine Platten hat, dass er bei kleinen Umzügen einen privaten Sicherheitsdienst engagiert? Die neue Wohnung dürfte nur ein schwacher Trost sein, selbst wenn Leute im Haus wohnen, die gerne mal Schallplatten ausleihen.

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Zerstörungswut bei Fahrrädern: Hass auf die Bahn?

Zerstörtes Leihfarrad der Deutschen Bahn - Foto: Henning Onken

Auf einem unbebauten Gelände an der Rigaer Straße in Friedrichshain liegt das silbergraue Skelett eines Bahnrads. Bei näherem Hinsehen erinnert es an den Konzern selbst - zerfleddert und nicht funktionstüchtig. Die Ursache für das vorzeitige Ende dieses Leihfahrrads hat aber wohl wenig mit den ständigen Showdowns zwischen Bahnchef Mehdorn und dem Sprecher der Lokführergewerkschaft GDL zu tun.

Bereits im Frühjahr zeigte sich, wie schnell Bahnräder zu Fahrradleichen werden können, wenn sie an falschen Ecken abgestellt werden. Von sieben Exemplaren an einer Friedrichshainer Kreuzung waren am nächsten Morgen zwar noch alle da, jedoch umgestürzt und deutlich an Teilen reduziert. Immer wieder müssen Mitarbeiter des Bahntochter-Unternehmens Call-a-Bike ihre Zweiräder aus der Spree fischen.

Auch bei brennenden Autos, die in diesem Jahr offenbar zum kriminellen Grundrauschen Berlins gehören, sind Fahrzeuge der Bahn Anschlagsziele - zuletzt vor einer Woche in Tiergarten. Hinter diesen Taten wird oft die Wut von Linksextremen vermutet. Ein radikaler Protest gegen Atomtransporte, Privatisierung, Preiserhöhungen, Steckenstilllegungen - die ganze “neoliberale Agenda” eben.

Was aber die Räder angeht, so werden viele der silberrroten Flitzer wahrscheinlich einfach Opfer der Berliner Verhältnisse. Man kann ein Rad leider nach Einbruch der Dunkelheit in vielen Gegenden nicht mehr draußen stehen lassen. Auch kein Bahnrad.

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Verloren zwischen Spielsucht und Schokolade

Foto: http://www.flickr.com/photos/dogfrog/

Er klaut tatsächlich Schokolade bei Lidl. Warum eigentlich? Und: Ist es das Einzige, was Danny-Boy isst? Ich fürchte ja. Dieser Typ mit Irokesenschnitt und Daunenjacke war in besseren Zeiten ein DJ, der alles gab für elektronische Musik. Das sah man an der Art wie er tanzte, aber auch in diesem irren Blick, der einen hineinzog in die ewig wummernde Beatbox. Er war ein Geist, der quasi bis zu den Nebelschwaden des Orion gereist war und Schönes mit zurück brachte. Lauter Schöne Dinge eben, die er mit anderen zu teilen wünschte.

Jetzt verbringt Danny-Boy die Nächte mit einem Online-Spiel, bei dem übernächtigte Menschen aus aller Welt fremde Planeten erobern und verteidigen müssen. “Sie zocken jede Nacht zusammen”, erzählte mir ein Bekannter, der dort hin und wieder mitspielt. Danny und seine Kumpels kämpfen im Team und manch einer von ihnen lässt dabei das raumzeitliche Kontinuum einfach im Hintergrund weiterrauschen. “Die Tante vom Soz’ nervt, da geh’ ich nicht mehr hin. Ich will nicht sein, was ich bin. Ich will, was ich erträume…”

Danny ist Teil einer Netzgesellschaft, die selbst Mitglieder in Peking hat. Die Spieler entdecken gemeinsame Interessen und lernen zusammen zu kämpfen. Klassenbewusstsein also? Unsinn, diese Menschen leben in einer fiktiven Welt. Zieht man den Stecker raus, ist sie hin. Das würde wahrscheinlich Dannys Mutter sagen.

Gibt es eigentlich einen einzig wahren selig machenden Datenkanal? Doch, die Frage ist berechtigt, schließlich leben wir in einer Welt, die uns jeden Tag ein Stück weiter vernetzt. Die uns irgendwann klickbar macht, wie Desktop-Icons, uns hineinzieht in eine andere Wirklichkeit - wie Dannys Beatbox-Blick aus besseren Tagen?

Ich kann nur eines mit Bestimmtheit sagen: Danny-Boy sah müde aus, sogar sein Hund sah müde aus. Fremd wie ein Fremder in einem fremden Land. “Ich hätte ein besseres Gefühl, wenn er sich hin und wieder mal einen Salatkopf unter die Daunenjacke stecken würde”, sagt seine Mitbewohnerin.

Foto: dogfrog

Fahrradklau im Selbstversuch

Gestern wurde das Vertrauen in meine Mitbürger erschüttert. Ich war mit einer Bekannten verabredet, die im hippen, studentischen Teil Friedrichshains wohnt. “Ich will dir dein Fahrrad zurückgeben, ich gehe zurück nach Schweden”, hatte sie am Telefon angekündigt. Das Rad war in Topform, es sah besser aus, als ich es ihr überlassen hatte. Keine zehn Minuten nach der Übergabe passierte das Unglück. Vor einem Laden versenkte ich den Schlüssel des abgeschlossenen Rades in einem Luftschacht. Was tun? Ein fast neues, blaues, abgeschlossenes Herrenrad durch halb Berlin schleifen? Ein Rad, das garantiert nicht so aussah, als gehörte es einer Frau unter Einssiebzig?

Sie werden mich festsetzen, dachte ich. Mindestens drei Leute werden sich auf mich stürzen und nachfragen. Ich hatte keine andere Wahl. Es war bereits dunkel und einen Ersatzschlüssel hatte ich nicht dabei. Ich beruhigte mich: Betrachte es als Selbstversuch und teste die Reaktionen der Berliner auf eine vermeintliche Fahrraddiebin.

Die Befürchtung, dass man mir bereits in Friedrichshain Schwierigkeiten machen würde, erwies sich als unbegründet. Niemand interessierte sich für mich. Später in der U-Bahn in Kreuzberg wurden ein paar Kids auf mich aufmerksam, fanden das Rad aber wohl nur uncool. Am Bahnhof Schönleinstraße stiegen Kontrolleure ein. Für die Frau ohne Fahrschein neben mir ein Problem, nicht für mich. In Neukölln ist die Welt noch in Ordnung, dachte ich mir, da werde ich garantiert in eine Polizeistreife hineinlaufen. Nichts.

Erleichtert aber doch empört erreichte ich mein Ziel. Kein Hahn kräht danach, ob in dieser Stadt einfach Räder weggeschleppt werden? Andererseits: Hätte ich selbst nachgefragt oder die Polizei gerufen? Hätten Sie?

Unsere offene Unterwelt

Gullydeckel aus aller Welt - Foto: Nuco

“Es geht uns soweit gut, Polizisten muss man wie erwartet schmieren und die Gullydeckel fehlen überall”, schrieb mir ein Freund, der unlängst ein Auto von Deutschland in die Mongolei überführte und dabei durch die Ukraine fuhr. “Ab Tempo 80 rummst es aber kaum mehr”, so sein Fazit über einen “Sport”, der auch in Berlin immer beliebter wird.

Buntmetalldiebe luden sich am Sonntag in Pankow und Reinickendorf offenbar eine ganze Lkw-Pritsche mit den 80 Kilo schweren Gullydeckeln voll und kassierten beim Altmetallhändler zwischen sechs und zehn Euro pro Stück. Zudem haben es immer mehr Diebe auch auf die Kupferkabel aus Oberleitungen der Deutschen Bahn abgesehen. Das ist nicht mehr allzu weit weg von Verhältnissen in einigen Ländern Afrikas. Dort gibt es keine Festnetztelefonie, weil die frisch verlegten Kupferkabel statt zum Telefonieren immer wieder herausgerissen werden und als Bezäunung von Viehwiesen Verwendung finden. Die größte Altmetallquelle in Berlin dürfte die Palast-Ruine sein, die gerade professionell zerlegt wird.

Was also tun, um eine weitere Demontage unserer Infrastruktur zu verhindern? Schlösser für Gullydeckel, Kontrollen bei Altmetallhändlern oder Tempo 80 für die Innenstadt?

Foto: Gullydeckel aus aller Welt, der siebte von oben, links nach rechts, ist aus Berlin - Credit: Nuco