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Archiv für das 'Internet'-tag

Durchs Netz gefallen

Ungefähr 350.000 Mal im Jahr fährt irgendwo in Berlin ein Möbelwagen vor. Fast so alltäglich wie ein innerstädtischer Umzug ist das Anliegen, den Internet-Vertrag dabei mitzunehmen. “Das ist natürlich überhaupt kein Problem”, sagt der Kundenberater meines Anbieters, den ich nach einer unendlich nervenden Prozedur von Sprachcomputern schließlich an der Strippe habe. Alles ist abgemacht, doch sechs Wochen später kommt eine Absage: “Aus technischen Gründen müssen wir Ihren Auftrag leider stornieren”, heißt es in der Mail. Den nutzlos gewordenen alten Vertrag soll ich aber weiterbezahlen.

Ich glaube an einen Witz, schließlich bin ich mitten in Berlin nur in eine Wohnung auf der anderen Straßenseite gezogen. Doch auch die Konkurrenz schickt Absagen: Mal heißt es , “bei Ihnen in der Straße sind alle Ports belegt”, mal liegt meine Bleibe nicht im Ausbaugebiet des Anbieters. Nach einem halben Jahr wackligem Wlan eines netten Nachbarn rettet mich schließlich das Kabelnetz.

Diese Begebenheit erzählte ich kürzlich einer Bekannten, die ganz ähnliche Erfahrungen mit dem gleichen Anbieter gemacht hatte. Die eher zurückhaltende Freundin gestand, in ihrer Wut am liebsten auf Werbestände “einschlagen” zu wollen…

Es wäre vielleicht hilfreich, wenn beim Senat mal jemand den Finger hebt, wenn die Bundeskanzlerin wieder davon spricht, in ländlichen Regionen das Internet auszubauen.

Das Berlin von gestern verfällt vor unseren Augen

Wäre heute nicht eine Flaschensammlerin in eine dieser Telefonzellen hinein gestiegen, hätte ich  diese fast schon archaisch anmutenden Boxen wohl kaum wahrgenommen. Ich kenne sie nur als Ruinen und sie könnten jeden Tag verschwinden. Und niemand dürfte sie vermissen. Dabei standen noch Anfang der 90er Jahre Menschen auf der Warschauer Straße Schlange vor Telefonzellen. Längst nicht alle Haushalte in den Ostbezirken hatten einen eigenen Telefonanschluss.

Kaum vorstellbar heute, wo man schon ohne einen Internet-Zugang Beklemmungen kriegt. Es ist stressig, darauf angewiesen zu sein, dass der freundliche Nachbar wieder einmal sein W-Lan einschaltet, das mitgenutzt werden darf, bis der langsame Kundendienst der Telekom endlich den Anschluss für einen anderen Anbieter freigibt. Informationsjunkies brauchen hier und jetzt einen Zugang zum Netz, es könnte ja jemand eine Mail geschickt haben. Oder Friedbert Pflüger vielleicht doch auf die Kandidatur um den Berliner CDU-Parteivorsitz verzichtet haben. Das interessiert sofort, nicht erst morgen.

Nach ein paar Tagen der Entwöhnung muss ich feststellen, dass ich plötzlich mehr Zeit habe. Dass es auch ausreicht, nur einmal am Tag nach Mails zu schauen. Ich lese mehr Zeitung und fühle mich sogar besser informiert. Auch ohne Festnetzanschluss lebt es sich ganz gut, auch wenn das nicht unbedingt nachahmenswert erscheint. Die Handygebühren sind dann irgendwann doch zu hoch und öffentliche Telefonzellen? Können Sie lange suchen.

Schmuddelmeyer versus Blockwart2.0.

“Drogendealer, Nazischweine, autonome Randalierer” – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wie Nachbarn angeblich ticken, kann man nun auch in Berlin über das US-Webseite rottenneighbor.com erfahren. Ein Denunziationsportal wie die Taz zurecht bemerkt, auf dem jeder anklagen kann, wen er hasst. Oder gar nicht kennt. Der Eintrag “Hier wohnt laut Antifa ein Nazischwein” findet sich gleich zwei Mal für Berlin.

In Reinickendorf wohnt jemand Tür an Tür mit “Schmuddelmietern”: “…schlafen lange, laute Punkmusik, saufen, kotzen vom Balkon, putzen nicht, grillen tote Igel aufm Grill, der ihnen nicht gehört … ekelhaft. Aber gepflegter Tiefgaragenstellplatz, na toll!”

Ein enttäuschter Neuköllner, der vermutlich auf einen Ausbildungsplatz in einer KfZ-Werkstatt spekuliert hatte, nennt Vor- und Zunahmen eines Werkstattbetreibers, der Praktikanten ausbeuten und falsche Versprechungen machen soll. Anonym, versteht sich, wie die meisten Postings im Internet. Noch sind in Berlin keine Sexualstraftäter gemeldet worden, doch eine entsprechende Kategorie ist vorhanden.

Bleibt abzuwarten, ob die Website hier früher oder später verboten wird. Der Wust an Informationen, der ungefiltert für jeden abrufbar ist, birgt einigen Sprengstoff. Wenn der Betreiber des Portals den Stadtplan bald auch noch auf die neue Google Street View umstellen sollten, könnte man sich vielleicht sogar selbst davon überzeugen, wie die vermeintlich “assigen Nachbarn” herumlaufen. Google hat zwar angekündigt, Gesichter von Personen auf den fotografierten Straßen unkenntlich zu machen, aber Kleidungsstile – und damit bestimmte Tendenzen – dürften erkennbar sein.

Ostbalkon mit Knastblick

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Wer die Wohnungsanzeigen der einschlägigen Internet-Portale durchklickt, reibt sich mitunter verdutzt die Augen. Je gängiger es geworden ist, Bilder mit hochzuladen, desto skurriler muten die Angebote an. Die obige Aufnahme zeigt einen Balkon in Prenzlauer Berg.

Gefunden bei einem der großen Immoblien-Anbieter, das Alleinstellungsmerkmal lautet “Schönhauser Arkaden gleich um die Ecke”. “Schöner Wohnen mit Knastblick” wäre wohl eine treffendere Überschrift gewesen. Nun ersparen einem diese halbwegs ehrlichen Anzeigen bekanntlich Wege. Wenn Makler Exposés ohne Bilder ins Netz stellen, ist das in Zeiten des Web2.0 schon verdächtig. Auch ein Blick auf Google Maps hilft, um herauszufinden, ob Wohnung Nord-Ausrichtung hat oder zu einem engen dunklen Hof raus gelegen ist.

Wohnungen, die als “ruhig” und “gut angebunden” angepriesen werden, sind meist Schrott. Ebenso solche mit “großem Wannenbad”. Vorläufige Bilanz: Nach gut drei Monaten der Suche, Hunderten von unbefriedigenden Angeboten und gerade einmal drei besichtigten Wohnungen denke ich gern an meine frühere helle Wohnung auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms zurück. Die hatte abgesehen von komischen Nachbarn nur einen Haken: eine Ofenheizung. Ansonsten aber stimmte die Beschreibung – Szene-Kiez, super zentral, viele Kneipen und Landwehrkanal in der Nähe.

Internet für alle Berliner – umsonst und überall

Man könnte meinen, dass Rainer* Yoga macht. Der hagere Mittvierziger sitzt im Schneidersitz auf einem Friedrichshainer Dach und vollführt seltsame Verrenkungen. Mit einem Arm bewegt er eine Richtantenne hin und her, mit den Fingern der anderen Seite bearbeitet er das Notebook auf seinem Schoß. Das Gerät piepst ähnlich wie eine Sonde, mit der Münzsucher Strände absuchen. Je höher die Tonlage, desto besser der Empfang.

Netstumbler hat 16 Netze gefunden”, sagt er und deutet triumphierend auf den Bildschirm. Drei davon weist das Programm als offen aus – eine Verbindung ist also erlaubt. Die anderen sind passwortgeschützt und tragen Namen wie Susanne, Captain Kirk oder Fritzbox.

Fon-Hotspots in Berlin - Screenshot von http://maps.fon.com/Die Berliner Luft ist voll von privaten Funknetzen, die in Wohngemeinschaften oder Single-Haushalten für mehr Bewegungsfreiheit mit dem Internet sorgen. Obwohl sich die Reichweite mit jeder Generation neuer Wlan-Geräte verbessert und die Verbindungen von immer mehr Nachbarn genutzt werden könnten, bleiben die meisten Netze nur wenigen Personen vorbehalten.

“Es könnte gigantisch sein, wenn Berliner endlich ihre Netze öffnen”, schwärmt Rainer. Abschottung ist etwas, das er genauso wenig versteht wie Ausgrenzung und die Ausdehnung von Zonen mit privaten Sicherheitsdiensten. “Die meisten zahlen einen Flatrate-Tarif, befunken mit ihren Wlan-Stationen die Nachbarschaft bis zur anderen Straßenseite und fragen dann doch nur einmal am Tag ihre E-Mails ab”.

Die Hauptstadt als ein Tümpel voller Wasserlilien

In der “Lily-Pods”-Theorie des Medienwissenschaftlers Nicholas Negroponte hüpfen Frösche zwischen den Blättern von Wasserlilien auf einem Tümpel hin und her. Wenn der Tümpel für Berlin steht, die Wasserlilien für Funknetze und die Frösche für Einwohner, dann wäre in Berlin ein nahezu flächendeckender Netzzugang in der Innenstadt im Bereich des Möglichen.

Die nach eigenen Angaben weltgrößte WiFi-Community Fon setzt hier an und bietet ihren Nutzern kostenlosen Netzzugang – mit gewissen Einschränkungen. Wer seine Station nicht für andere freigibt, muss zahlen. Auch andere Firmen versuchen sich mit ähnlichen Geschäftsmodellen.

Freifunk-Hotspots in Berlin - Screenshot: http://start.freifunk.net/Für den Freifunk-Aktivisten Rainer sind diese Angebote ein fauler Kompromiss, da sich dort noch immer eine Firma zwischen Nutzer schaltet und Gewinne abschöpft. Ein wirklich freier Austausch von Daten ist für ihn am ehesten mit einem sogenannten Mesh-Netzwerk möglich. Wer das OLSR-Protokoll auf seinem mit wlan ausgestatteten Rechner installiert, macht ihn auch zu einem Knotenpunkt für andere Netzteilnehmer. OLSR sucht sich dynamisch die günstigsten Wege zwischen den “Lilien” im Großstadtdschungel.

“Und was passiert, wenn sich ein Unbekannter illegal Musik herunterlädt, die durch die Vernetzung auf meinem Rechner zwischengespeichert wurde?” Netzaktivisten erwarten oft, dass sich die Haftungsfragen in offenen Netzen von selbst regulieren.

Auch Stadtverwaltungen und Firmen tragen inzwischen dazu bei, das Internet als kostenloses Grundrauschen überall verfügbar zu machen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

* Name geändert

Screenshot 1: Fon-Hotspots in Berlin
Screenshot 2: Freifunk-Hotspots in Berlin

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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