
In der zersplitterten Anzeigetafel am Ostkreuz liegt eine leere Bierflasche. Vielleicht hat sie ein wütender Fußball-Fan geworfen oder einfach jemand den Mülleimer verpasst. Es wird sich nicht mehr klären lassen, denn am Bahnsteig F verkehren die Züge seit mehr als zehn Jahren nur noch in einer Richtung. Das andere Gleis wächst langsam zu und verschwindet, wie alles am Ostkreuz: Die Ketwurst-Buden, die eine Ost-Berliner Erfindung waren, der kleine Blumenladen eines Asiaten, oder ein “Frisör für den Herrn”, der schon vor Jahrzehnten seine Tür für immer schloss.
Der Bahnhof verfällt und entsteht gleichzeitig im laufenden Betrieb von innen heraus neu. Wie das bei 140.000 Fahrgästen am Tag funktionieren soll, erklärt die Bahn auf Plakaten: “Es ist kein Kinderspiel, aber jetzt geht es am Ostkreuz richtig los!” Wir dürfen gespannt sein. Im Januar stürzte eine Backsteinmauer auf eine Treppe, über die Reisende das Ostkreuz Richtung Hauptstraße verlassen. Seitdem zeigen Bahn und die Bezirksämter von Friedrichshain und Lichtenberg mit dem Finger aufeinander und lassen die Trümmer liegen. Bestimmt kein Kinderspielplatz.
Zehn Jahre Chaos
Umgebaut werden soll das Ostkreuz schon seit knapp hundert Jahren, doch durch diverse Staatskrisen und Kriege wurde immer nur ausgebessert. Hier ein neuer Bahnsteig, dort eine Fußgängerbrücke. Deshalb entsteht jetzt ein ganz neuer Bahnhof. In ungefähr zehn Jahren soll der Bahnhof dann in Glanz und Gloria wieder auferstehen, verspricht die Bahn. Keine Trümmer mehr, keine streng riechenden Gänge, kein Labyrinth-Laufen und endlich Aufzüge für Eltern mit Kinderwagen und Behinderte.

Wenn die Rechnung der Stadtplaner aufgeht, werden noch mehr Menschen diesen Bahnhof passieren, die Geschäfte voll sein und die Mieten im Kiez um Sonntag- und Neue Bahnhofstraße hoch. Am Ostkreuz steigt man aus, um zu feiern, um einzukaufen. Der ein oder andere wird sich in dem neuen Glitzerbahnhof daran erinnern, wie es hier vor dem Umbau aussah. Vielleicht wird er den Motz-Verkäufer vermissen oder den kleinen Blumenladen. Oder sich am Ende eingestehen, dass es ein Kreuz war mit dem alten Rostkreuz, aber eines, das man gerne trug.
Bilder vom Ostkreuz
Ostkreuz-Blog zum Umbau
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