Tags Archiv für 'Friedrichshain'

Das ist der Geist der jungen DDR

Foto: Henning Onken

Nur nicht zu lange stehenbleiben und mit dem Nachbarn quatschen, vom Strausberger Platz bis zum Frankfurter Tor droht der Absturz. Die schönen Meißener Kacheln auf der größten Baustelle der DDR, sie fielen einfach herunter. Bei den Planungen zur Stalinallee, die in den Jahren 1951 bis 1957 überwiegend aus Trümmersteinen gebaut wurde, hatte man die Folgen der Witterung unterschätzt. Außerdem sollten die neuen Prachtbauten der Arbeiterklasse schnell fertig werden. Als Ersatz nahm man dann Kunststoffplatten. “Wie alle diese Stoffe sahen sie neu super aus und sind heute abgrundtief hässlich”, erzählt ein Rentner, der damals dabei gewesen sein will und den Kiez nicht verlassen hat. Es sei aber nur ein Planungsfehler gewesen, das sei im Westen genauso passiert, beharrt er.

Und heute? Nach der Wende wurde der Bauabschnitt unter Denkmalschutz gestellt - Vorwürfe von monumentalem Kitsch und Zuckerbäckerei hin oder her. Die meisten der Bauten sind längst durchsaniert und sogar die Kacheln glitzern wieder in unterschiedlichen Farbtönen. Vor sich hin rottende Abschnitte wie der auf dem Foto lassen sich erst auf den zweiten Blick entdecken. Und unter die Mieter der ersten Stunde mischt sich langsam eine junge Schicht von Zugezogenen.

Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

“Junge Menschen haben Interesse an der Revolution”

Foto: Anne Grieger

“Ja es gibt uns noch”, lacht eine junge Frau mit Nickelbrille und freut sich, eine ihrer Broschüren loszuwerden. “Zeit sich zu wehren”, lautet der Titel, Herausgeber ist die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ). Etliche linke Gruppierungen haben sich in Friedrichshain zu einem Gedenkzug für die 1919 von Freikorps ermordeten Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zusammengeschlossen, darunter viele Autonome.

Der Schulterschluss mit den Alt-Kadern gelingt - auch wenn diese sich die Frontkämpfer für den Sozialismus wohl gern anders vorgestellt hätten. Ob es noch “echte Arbeiter” unter den Demonstranten gibt, solche, die in den kämpferischen Liedern aus grauen Vorzeiten besungen werden? Die Rentner fallen wohl nicht mehr in diese Kategorie, auch die linken Studenten können wohl mehrheitlich allenfalls “geistige Arbeit” für sich reklamieren.

Ein Alibi-Arbeiter hat sich doch gefunden, angereist aus Duisburg, ein Auszubildender im Bergbau. Er berichtet über die Bedingungen unter Tage. Wäre er als “Kumpel” aus Schacht XY vorgestellt worden - die wenigsten Anwesenden hätten wahrscheinlich begriffen, dass sie es mit einem “Helden der Arbeit” zu tun haben.

Kampf für eine gerechtere Gesellschaftsordnung

Ein paar hundert Meter weiter werden Umfragen zitiert, die Hoffnung machen. “Die junge Generation interessiert sich für soziale Gerechtigkeit, die Gesellschaft ist zutiefst verunsichert, wie sie damit umgehen soll”, heißt es. Mehrere ungenannte - aber bürgerliche - Meinungsforschungsinstitute sollen herausgefunden haben, dass ein Großteil der Jugendlichen die bestehende Gesellschaftsordnung offenbar ungerecht findet. “Sie haben Interesse an der Revolution” - ein frommer Wunsch wohl, aber geeignet, um die Stimmung unter den Teilnehmenden weiter zu heben. “Viva la Revolución” skandieren Jüngere.

Foto: Henning Onken

Vor dem Lichtenberger Friedhof ist die Revolution zu einem Volksfest geworden - mit Schwenkbraten und Thüringer Würstchen und allem, was dazu gehört. Die früheren DDR-Bürger haben ihre roten Nelken bereits mehrheitlich auf den Gräbern von Rosa Luxenburg, Karl Liebknecht und Ernst Thälmann abgelegt - wie jedes Jahr.

Ein Novum gab es doch: Die Polizei hat die Demonstration von Anfang an gefilmt. Angeblich nicht, um potentiell militante Linke zu erfassen, sondern zu deren Schutz. “Sollten Rechtsextremisten die Veranstaltung stören, können wir den Zwischenfall hinterher besser rekonstruieren.”

Nur soviel dazu: Gestoßen hat sich daran niemand, Schäuble 2.0 war kein Thema…

Fotos: Anne Grieger (1), Henning Onken (2)

Über gewaltsamen Entzug und seine Folgen

Fernseher - Foto: Henning OnkenWas wohl aus den Neujahrs-Vorsätzen vieler Berliner geworden ist? Die Raser hatten sicher keine - bereits am 1. Januar gab es den ersten prominenten Verkehrstoten in Marzahn. Ein ehemaliger Radrennfahrer offenbar.

Aber was ist mit den Fernsehsüchtigen? Gleich mehrere zertrümmerte Geräte lagen im Simon-Dach-Kiez herum, ausrangiert und auf dem Gehsteig entsorgt. “Nach zwei Stunden vor der Glotze fühlst du dich einfach leer”, meinte letztens ein Bekannter. Dem Besitzer dieses zertrümmerten Fernsehers erging es wahrscheinlich ähnlich: Er hat dem Gerät schnell noch einen heftigen Tritt versetzt, um die Entscheidung, nicht mehr rückgängig machen zu können, ab 2008 ohne zu leben.

Vielleicht war das vorschnell. So könnte die Odyssee des Fernseh-Junkies weitergehen: Am vierten und fünften Januar geht ihm so dreckig, dass er bei Youtube Clips von Stefan Raab ansieht. Am sechsten fällt ihm dann ein Werbeprospekt für Flachbildfernseher in die Hände. Von da an sucht er systematisch. Gleicht Testergebnisse der Stiftung Warentest mit Angeboten ab.

Bis zum Tatort am Sonntag wird er das neue Gerät gekauft haben. Gut so, dann wird er auch gemütlich beim Film rauchen können. In seiner Lieblings-Tatort-Kneipe herrscht seit dem neuen Jahr Rauchverbot..

Foto: Henning Onken

Was wird 2008: Brommybrücke und O2-World

Foto: Henning Onken

Foto: Henning Onken

Schön ruhig auf dem “Brommybalkon”, aber nicht mehr lange: Die Aussichtsstelle an der Kreuzberger Brommystraße soll bald wieder der im Krieg zerstörten Brücke weichen. Für den Senat ist das Projekt der markante ‘Vorbote’ eines umfassenden Umbaus - dem Projekt Media Spree, ein Zusammenschluss aus Investoren zwischen Elsen- und Jannowitzbrücke.

Ein weiterer Baustein soll im nächsten Herbst am anderen Spreeufer fertig sein - die O2-Arena am Ostbahnhof. Für Konzerte werden jetzt schon Karten verkauft. Das freut nicht alle: Viele Anwohner in Kreuzberg glauben nicht, dass es bei einer Fußgänger, Fahrrad- und Omnibusbrücke bleiben wird. Sie befürchten eine starke Zunahme des Durchgangsverkehrs im Wrangelkiez, falls die Brücke für den allgemeinen Autoverkehr geöffnet wird - die O2-World soll bis zu 17.000 Besuchern Platz bieten.

Aus Ärger über den geplanten Brückenschlag hatten Protestler der Initiative “Mediaspree vesenken” im September 2007 für kurze Zeit den alten Brückenpfeiler besetzt und ihm den Namen “Spreehawaii” gegeben. Auch die Unterschriftensammlung für das Bürgerbegehren “Spreeufer für alle” kommt gut voran.

Ein Vorgeschmack auf von privaten Sicherheitsdiensten kontrollierte Uferzonen bietet bereits jetzt die Anlegestelle vor der O2-World, für die eigens 30 Meter der Mauer versetzt wurden. An Silvester setzten dort in schwarz gekleidete Sicherheitsleute ein Böllerverbot durch. Warum eigentlich?

Video: Rap gegen das Projekt Media Spree
Fotostrecke: Spreeufer

Im Simon-Dach-Kiez werden Kneipenräume knapp…

Foto: Henning Onken

… aber statt die nächste Cocktail-Bar ein paar Straßen weiter zu eröffnen, stellt man in Friedrichshains beliebter Feiermeile einfach ein paar Heizpilze und Palmen auf einem Hinterhof zusammen - fertig ist der neue Südsee-Traum.

Neben Fahrrädern, Hausmüll und alten Sofas ist es sicher nicht einfach, den Berliner Winter zu vergessen. Aber eines ist sicher: Diese Cocktail-Bar sieht anders aus als alle anderen. Ein echter Geheimtipp. Respekt!

Fotostrecke: Berliner Hinterhöfe

Berlin brutal #4: 200 Meter mit dem Rad

Foto: Henning Onken

Staumeldungen für Fahrradfahrer - absurd, na klar. Aber eine Warnung für Friedrichshain wäre angebracht gewesen. Die Karl-Marx-Allee ist auch zwei Tage nach Silvester noch die reinste Müllroute. Zersplitterte Rotkäppchen-Flaschen, Böller und Raketenüberreste soweit das Auge reicht, nicht nur auf dem breiten Bürgersteig.

Wir schreien nach der Müllabfuhr, weil niemand auf die Idee kommt, das eigene Chaos selbst zu beseitigen. Ist ja nicht direkt vor der Haustür, sondern im anonymen Raum. Auch der Hof ist ein anonymer Raum. Dort sah es nicht anders aus, bis die Reinigungsfirma am Abend anrückte. Den platten Reifen repariere ich dann morgen.

Foto: Henning Onken




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