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Archiv für das 'Friedrichshain'-tag

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Entmietet und allein

Ein Mann im Anzug steht vor der Tür, Mitte 20. Er will mir ein Abo aufschwatzen oder einen DSL-Vertrag, vermute ich falsch. “Dieses Haus wird saniert und Sie müssen ausziehen”, sagt er dann halb zu mir und halb an die Wand gerichtet. Wohl ahnend, dass mir seine Nachricht nicht gefallen wird, hat er schon halb wieder kehrt gemacht. Wenig später erklärt ein Brief, wie sich der neue Eigentümer die Sache vorstellt: Meine Wohnung bekommt Zentralheizung und ein Zimmer meines Nachbars zugeschlagen, heißt es in dem Schreiben. Über eine Staffelmiete soll ich schließlich mehr als das Doppelte an Miete zahlen und bis zum Abschluss der Sanierung in einer Ersatzwohnung bleiben.

“Nein, mir gefällt diese Wohnung wie sie ist”, erkläre ich einem verdutzten Angestellten des Investors, der mir die Pläne an seinem Schreibtisch mit Grundrissen und Tabellen schmackhaft machen will. Vergeblich, ich will nicht. Einige Nachbarn sind anderer Meinung: “Is doch jut, schöne Wohnung und die Miete zahlt mir eh der Staat”, erklärt ein Punk. Ich unternehme zwei Anläufe, einem Vietnamesen im 1. Stock zu erklären, dass er nicht sofort unterschreiben muss. Dann ist auch er fort.

Gegenüber wohnt eine alleinstehende Frau mit Alzheimer, seit den 1920er Jahren wie sie sagt. “Es fließt Wasser durch mein Zimmer”, ruft sie aufgeregt als ich ihr eines Abends öffne. Durch die Decke plätschert ein Bach, weil Diebe in der leeren Wohnung über ihr alles Brauchbare abmontiert haben, auch die Waschbecken haben sie herausgerissen. Zum Glück hat die Wohnung einen zentrales Ventil, das sich schließen lässt. Die Sache mit der Sanierung versteht die Nachbarin nicht. In ihrer Wohnung müsse nichts verändert werden, meint sie. Kurze Zeit später wird sie in ein Heim verfrachtet.

Es wird einsam in meinem Haus, der Wind rüttelt an den Fensterläden irgendeiner leeren Wohnung. Im Treppenhaus begegnet mir fast niemand mehr, hinter fast allen Fenstern sind abends die Lichter erloschen. “Da ist ‘ne Menge Kohle drin”, wissen meine letzten Nachbarn – Studenten mit Juristen im Freundeskreis. Sie unterschreiben die Kündigung und kassieren mehrere tausend D-Mark.

Das ist der Punkt, an dem ich aufgebe. Ich unterschreibe und nehme das Schmerzensgeld, das mir ein Handlanger des Investors in bar auf die Hand gibt. Als ich den Keller räume, ist der Hof schon voller Bauschutt. Für einige Wochen lebe ich in einem Auto.

Die Geschichte liegt einige Jahre zurück, als Hartz-IV noch Sozialhilfe hieß und ich noch studierte. Dennoch könnte sie sich auch 2010 ereignen, denke ich jedes Mal, wenn ich an einigen wenigen unsanierten Häusern in der Nachbarschaft vorbeigehe. Es brennt nur noch hier und dort ein Licht.

Berlin – alles ist möglich!

Berlin, Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten? Irgend jemand scheint das so zu sehen und hat den Spruch an einen Betonblock in der verschneiten Frankfurter Allee geschrieben. Wer vor kurzem allein war, wird sich 2010 wieder verlieben – kann das positiv heißen. Wir wünschen Euch, dass alles besser wird.

Tschüss grüne Lücke: Wenn die Baugruppen kommen

Liebe ist die Antwort - Foto: Henning Onken

“Liebe ist die Antwort” steht seit Jahren auf dem einsamen Steinhaufen in der Scharnweberstraße in Friedrichshain. Nicht mehr lange, denn demnächst soll der wilde Garten hinter dem Zaun einem Neubau mit Eigentumswohnungen weichen. Als “offen, ökologisch und flexibel” preist die Baugruppe Südwestsonne ihr Projekt an: Sie hat eine der letzten Freiflächen der Gegend erobert.

Die grünen Lücken zwischen Häusern sind gefragt, besonders in Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg. Hier sind in 20 Jahren Stadterneuerung frisch getünchte Fassaden und ausgebaute Dachgeschosswohnungen entstanden. Jetzt verteilt der Senat die letzten Freiflächen in den beliebten Quartieren, von denen viele durch Weltkriegsbomben entstanden waren. Das stößt nicht überall auf Gegenliebe. In der Treptower Lohmühlenstraße mussten Bäume für einen Neubau gefällt werden. “Hier entsteht ein Obdachlosenheim”, hat jemand an den Bauzaun gesprüht, aus Ärger über die zukünftigen Besitzer der Eigentumswohnungen.

Baugruppenprojekt in der Lohmühlenstraße - Foto: Anne Onken

Wahrscheinlich wird das Wort Baugruppe in linken Kreisen eine ähnliche Negativkarriere machen wie Gentrifizierung – eine Bezeichnung, mit der noch vor einem Jahr kaum jemand etwas anfangen konnte, die aber jetzt in aller Munde ist. Baugruppen robben sich an, schnappen in den besten Kiezlagen Gewerbehöfe, Parkplätze und Hundewiesen. Die neuen Nachbarn wohnen in maßgeschneiderten Niedrigenergie-, Passiv- oder Mehrgenerationenhäusern und freuen sich über kurze Wege zu Kitas und Szene-Cafés.

Viele Bewohner der inzwischen mehr als 100 Berliner Baugruppenprojekte fühlen sich missverstanden. Sie wollen “in einer Hausgemeinschaft wohnen und Gemeinschaftsflächen gemeinsam gestalten und nutzen”, betont etwa die K20 in der Kreutzigerstraße. Das hört sich so an, als seien dort ehemalige Hausbesetzer zu Geld gekommen.

Kinder- und Jugendarbeit: Die Opfer der nächsten Sparrunde wehren sich

Forckenbergplatz - Foto: Henning Onken

“Kein Ausverkauf der Kinder- und Jugendarbeit” prangt seit Monaten in bunten Lettern an dem Pavillon am Forckenbeckplatz. Im Internet haben die Sozialarbeiter ein fiktives Sommerschlussverkauf-Exposé veröffentlicht, in dem der Abenteuerspielplatz Forcki samt Haus  “Kokon” zum Verkauf angepriesen wird:  “Die zum Objekt gehörende Freifläche [Ca. 1600 m²] eignet sich hervorragend für eine Minigolfanlage oder Paintballgelände”, steht da unter anderem. Was steckt dahinter?

Ab Januar sollen alle öffentlichen Jugendeinrichtungen von Freien Trägern übernommen werden. Der Bezirk will so Personalkosten einsparen.  Zwei Millionen sollen im kommenden Haushaltsjahr in Friedrichshain-Kreuzberg für Jugend, Familie und Schule fehlen. Für die Beschäftigten in der Kinder- und Jugendarbeit ein denkbar schlechtes Signal – sie fürchten um ihre Jobs. Auch in den übrigen Berliner Bezirken sieht es nicht anders aus – es sollen überall Gelder gestrichen werden. Deshalb findet heute Abend vor dem Roten Rathaus eine Demonstration statt unter dem Motto “Keine Kürzungen nirgendwo”.

Aber zurück zum Forckenbeckplatz:  Der geriet am Wochenende in die Schlagzeilen, weil dort ein Zivilpolizist völlig unmotiviert von Jugendlichen angegriffen wurde. Da fragt man sich,  ob die Bezirke nicht sogar mehr Gelder auftreiben sollten, um auch älteren Teenies länger interessante Freizeitangebote im Kiez machen zu können.

Ein Kakteen-Wald in der Betonwüste

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Es wurde viel über Guerilla-Gardening berichtet – über Menschen, die Beete vor ihrer Haustür pflegen und ihrer Straße dadurch ein bisschen mehr Glanz verleihen. Wer aber an einer Hundemeile mit viel Party-Durchgangsverkehr lebt, dürfte einige Zeit brauchen, um zum Guerilla-Gärtner zu werden. In der Revaler Straße wohnt ein Kakteen-Fan, der eine Art Zwischenlösung gefunden zu haben scheint:  Ein Wald aus Kakteen schirmt ihn in seiner Erdgeschosswohnung vor neugierigen Blicken von Passanten ab.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Ein Terrier namens Inge und ein Hund, der nicht achtgab

An der Samariterstraße reihen sich Autos Stoßstange an Stoßstange, ein Dutzend Fußgänger wartet darauf, die Fahrbahn überqueren zu können. Ein tätowierter Mann mit langer Zottelmähne macht den Anfang – sein altersschwacher schwarzer Hund trottet hinterher.

Auf der anderen Straßenseite eine Frau mit zwei Boston Terriern, Viechern mit plattem Gesicht und kräftiger Statur. “Platz Inge!”, ruft die Besitzerin einem der beiden Hunde zu und zerrt das Tier zurück auf den Bürgersteig.  “Irre, heißt die wirklich Inge?”, grölt der Langhaarige ungläubig. “Inge, irre – wie meine Mutter…”

***

Weniger vorsichtig als Inge ist ein junger Mischling, der die Liebigstraße entlang läuft, die Nase dicht am Boden. Er schnüffelt einer Fährte nach und ist so vertieft, dass er beim Überqueren der Straße nicht auf sein Frauchen wartet. So sieht er den Kleinbus eines Bauunternehmers nicht, der sich langsam nähert und ihm über eine Pfote fährt.

Wie ein Hund jaulen kann. Er winselt, bis die Menschen aus den Fenstern schauen und leidet erst still weiter, als ihn sein Frauchen auf den Arm nimmt. Die Frau mit den Dreadlocks läuft davon und lässt den Bauunternehmer zurück, der ihr ratlos nachschaut.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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