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Entmietet und allein

Ein Mann im Anzug steht vor der Tür, Mitte 20. Er will mir ein Abo aufschwatzen oder einen DSL-Vertrag, vermute ich falsch. “Dieses Haus wird saniert und Sie müssen ausziehen”, sagt er dann halb zu mir und halb an die Wand gerichtet. Wohl ahnend, dass mir seine Nachricht nicht gefallen wird, hat er schon halb wieder kehrt gemacht. Wenig später erklärt ein Brief, wie sich der neue Eigentümer die Sache vorstellt: Meine Wohnung bekommt Zentralheizung und ein Zimmer meines Nachbars zugeschlagen, heißt es in dem Schreiben. Über eine Staffelmiete soll ich schließlich mehr als das Doppelte an Miete zahlen und bis zum Abschluss der Sanierung in einer Ersatzwohnung bleiben.

“Nein, mir gefällt diese Wohnung wie sie ist”, erkläre ich einem verdutzten Angestellten des Investors, der mir die Pläne an seinem Schreibtisch mit Grundrissen und Tabellen schmackhaft machen will. Vergeblich, ich will nicht. Einige Nachbarn sind anderer Meinung: “Is doch jut, schöne Wohnung und die Miete zahlt mir eh der Staat”, erklärt ein Punk. Ich unternehme zwei Anläufe, einem Vietnamesen im 1. Stock zu erklären, dass er nicht sofort unterschreiben muss. Dann ist auch er fort.

Gegenüber wohnt eine alleinstehende Frau mit Alzheimer, seit den 1920er Jahren wie sie sagt. “Es fließt Wasser durch mein Zimmer”, ruft sie aufgeregt als ich ihr eines Abends öffne. Durch die Decke plätschert ein Bach, weil Diebe in der leeren Wohnung über ihr alles Brauchbare abmontiert haben, auch die Waschbecken haben sie herausgerissen. Zum Glück hat die Wohnung einen zentrales Ventil, das sich schließen lässt. Die Sache mit der Sanierung versteht die Nachbarin nicht. In ihrer Wohnung müsse nichts verändert werden, meint sie. Kurze Zeit später wird sie in ein Heim verfrachtet.

Es wird einsam in meinem Haus, der Wind rüttelt an den Fensterläden irgendeiner leeren Wohnung. Im Treppenhaus begegnet mir fast niemand mehr, hinter fast allen Fenstern sind abends die Lichter erloschen. “Da ist ‘ne Menge Kohle drin”, wissen meine letzten Nachbarn – Studenten mit Juristen im Freundeskreis. Sie unterschreiben die Kündigung und kassieren mehrere tausend D-Mark.

Das ist der Punkt, an dem ich aufgebe. Ich unterschreibe und nehme das Schmerzensgeld, das mir ein Handlanger des Investors in bar auf die Hand gibt. Als ich den Keller räume, ist der Hof schon voller Bauschutt. Für einige Wochen lebe ich in einem Auto.

Die Geschichte liegt einige Jahre zurück, als Hartz-IV noch Sozialhilfe hieß und ich noch studierte. Dennoch könnte sie sich auch 2010 ereignen, denke ich jedes Mal, wenn ich an einigen wenigen unsanierten Häusern in der Nachbarschaft vorbeigehe. Es brennt nur noch hier und dort ein Licht.

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10 Kommentare zu “Entmietet und allein”



  • über mir nach längeren Jahren jetzt Rechtskultur (immerhin sind das für die GSW auch nur Mieter),
    neben mir Briefkastenwohnung aus der jetzt Cannabisplantagen durch die Polizei entfernt wurden,
    alle anderen 4 Wohnungen auf der Etage leer, allerdings in einer Wohnung probierte es junge Frauen einige Monate und zogen gleich wieder weg, da nichts mehr zu beheizen usw. geht und wer möchte schon alte Foron Gasaußenwandheizer ?
    Unter mir seit 4 Jahren leer denn wer will schon Badeofen, na ja der sogenannten GSW macht das nichts. Mein Besuch beim Bauaufsichtsamt endete mit der Bemerkung: eben alles billige Studentenwohnungen. Immerhin eine Abmahnung von dort an die GSW erbrachte mir eine provisorische Fensterreparatur.Die GSW schreibt jetzt auf Klingelschilder leerer Wohnungen Alibinamen wie Becker oder Otto.
    Wobei ich mich frage, welche Studenten denn hier wohnen. Der letzte mir bekannte Bauingeneursstudent zog in der Nebenstraße kopfschüttelnd aus.
    Alles noch heute so im ehemaligen Ostteil Berlin’s !
    Mit unserer letzten Mietergemeinschaftsversammlung verkündete uns der vorgeschickte Handlanger der GSW , es bestehe kein Handlungsbedarf in punkto Sanierung für derlei Wohnungen in Lichtenberg (schon aus Kostengründen)?
    Übrigens im letzten Dezember dann der Knall und gleich in 2 Aufgängen Wasserdurchbruch wegen Vereisung in “leeren” Wohnungen. Heute überlege ich : Soll ich auch nach 12 Jahren Lichtenberger Ärger, villeicht in einen anderen (besseren)Bezirk ziehen ?


    • hallo ringo,
      ich frage mich grad, ob du der Ringo bist mit dem in Tangermünde zur Schule ging? Wenn ja, dann schau mal unter stay friends nach. lg nadine


  • Grundsätzlich muss aber die Modernisierung eines Hauses oder Wohnung nicht schlecht sein.

    Stromleitungen und Wasser- und Abwasserleitungen sollten schon mal nach 50 Jahren erneuert werden.


    • Ich würde dann aber lieber Oma und Punk (hmm, obwohl…) als Nachbarn haben wollen, nicht britische Reisegruppen – das ist nämlich was passiert, wenn es nicht in erster Linie um Heizung und Warmwasser geht.
      An manchen verfallenen F-hainer Häusern seh ich neuerdings so Schilder “günstige Feriendomizile”. Erinnert mich ja irgendwie an Prag Anfang der 90er. Wie romantisch. Nur dass hier die eigentlichen Bewohner höchstwahrscheinlich rausgeekelt wurden und nicht auf ihrer Datscha im Sommerurlaub sind.


  • “Es wird einsam in meinem Haus”

    Schon dieser Satz ist nichts weiter als eine Frechheit. Gemietet haste nämlich nur die Wohnung. Kauf Dir erstmal selber ein Haus, dann kannste solche Sprüche reißen. Und dann auch bestimmen, was wann saniert wird.


    • Woa, MP, dein kommentar ist so ziemlich die grösste frechheit hier. wieviele häuser gehören dir denn, du leistungsträger?


  • netter Artiekl, aber bei mindestens 780.00o nachweislich leer stehenden Wohnungen brauchst du keine Angst vor einer Sanierung zu haben.

    Und weil mehr als 100.000 Deutsche jedes Jahr ihre Heimat verlassen gibts noch mehr Leerstand.

    (…)

    Geburten gibts auch nicht mehr so viele.

    Die Chancen, dass bald ganze Strassen leer stehen sind sehr hoch.


    • Wie dumm muss man sein, um so ewas von sich zu geben.Traurig.Die nicht existente Diskussion zeigt, wie weit der Weg zur Erkenntnis ist. Ich schaeme mich fuer alle Zugezogenen.


    • wo sind nur diese wohnungen? im wald bei baselitz bei den sieben zwergen? ich weiss ja, ich könnte mir ja einfach ein haus kaufen – siehe MP – aber es müsste doch drin sein, dass nicht nur DINKs sich wohnungen in der stadt leisten können?


  • Eine sehr nachdenkliche und gleichwohl gut geschriebene Geschichte! Ich kann gut nachvollziehen, dass es einem in einem Haus gut gefällt, auch wenn vielleicht nicht alles tip-top saniert ist. Es ist natürlich schön, wenn alles neu und frisch ist, aber das bezahlt man mit der doppelten Miete dann eben auch mit. Nichts desto trotz sind Stadtteile natürlich immer in Bewegung gewesen und daran wird sich auch nichts ändern.

Die Kommentare sind zur Zeit geschlossen.

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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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