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Autorenarchiv für Anne Onken

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Tempelhofer Depressionen

Ich hatte gedacht, in Tempelhof würde man sich über das Ende des Flugbetriebs freuen.  Über ruhige Abende ohne donnernde Triebwerke, leere U-Bahnen, weniger Straßenverkehr. Eine ziemliche Fehleinschätzung. Eine Rentnerin erzählt, sie habe vom Fluglärm in den letzten Jahren kaum noch etwas mitbekommen. Heute ärgert sie sich über vermüllte Grünflächen und leer stehende Ladenlokale. Der türkische Lebensmittelladen sei raus, Edeka habe geschlossen, außerdem zwei Banken. Das verstehe keiner, sagt die Frau, die seit 40 Jahren am Platz der Luftbrücke wohnt.

Der Besitzer des Fliegerladens hat eine Erklärung. Ein Investor habe die Mietpreise derart angezogen, dass viele Geschäfte in der Nachbarschaft aufgeben mussten. Kein Wunder, dass sich keine neuen Mieter fänden, wenn nicht klar sei wie es weiter gehe, mit dem Flughafengelände. Er schimpft auf die Politik, die kein überzeugendes Nutzungskonzept für den Flughafen vorgelegt habe. Auf die Modemesse könne er gut verzichten. “Zwei Mal im Jahr für zwei Wochen Bread & Butter, das ist doch kein Konzept.”  Ein Museum für Luftfahrt, das wäre was. Dann käme auch wieder mehr interessierte Laufkundschaft in sein Geschäft.

Ein anderer Ladenbesitzer kann seine ausländerfeindliche Gesinnung schlecht verhehlen. Hinter vorgehaltener beklagt er sich über Großfamilien, die zunehmend in große leer stehende Wohnungen zögen. Eine Neuköllnisierung Tempelhofs stehe bevor, orakelt er. In diesen neuen Nachbarn sieht er keine neuen Kunden.

Wäre das ein Viertel, in dem man sich wohlfühlen würde? In dem man bei jedem zweiten Einkauf Hasstiraden und nostalgische Geschichten anhören muss? Ich habe da so meine Zweifel. Aber ein riesiger öffentlicher Park in der Nähe, das wäre schon was. Wenn es denn irgendwann dazu kommen sollte.

Bürgerhaushalt 2011: Wünsch dir was

Habe ich etwas verpasst? Seit kurzem hängen Plakate  im Kiez, auf denen der Bezirk zu Bürgerversammlungen zum Bürgerhaushalt einläd. Klingt gut, aber bis ich das Prinzip verstanden habe, musste ich die Webseite des Bezirks einige Male lesen. In Friedrichshain und Kreuzberg können Bürger telefonisch oder schriftlich vorschlagen, welche Projekte 2011 finanziell gefördert werden sollen. Es werden nur zusätzliche Wünsche über den Topf des Bürgerhaushalts erfüllt – keine öffentlichen Gelder umverteilt.

Auf Bürgerversammlungen, die in diesen Tagen an acht Orten im Bezirk stattfinden, wird über die Ideen für das kommende Jahr abgestimmt. Die Vorschläge, die jeweils an den verschiedenen Abstimmungsorten die meisten Stimmen erhalten, werden an den Bezirk weitergeleitet, von der Verwaltung geprüft und schließlich in der Bezirksverordnetenversammlung diskutiert. Die BVV entscheidet auch, welche Vorschläge umgesetzt werden – ob etwa  mehr Geld für die Stadtteilbibliotheken ausgegeben werden soll, wie sich es einige Bürger wünschen oder für Fahrradständer vor Schulen. Oder für mehr Personal zur Hundekotbeseitigung in Grünanlagen.

Friedrichshain-Kreuzberg ist nicht der einzige Bezirk mit einem Bürgerhaushalt. Die meisten Bezirke haben die Idee vor zwei oder drei Jahren importiert:  übrigens aus Porto Alegre in Brasilien.

Bürgerversammlungen in Friedrichshain-Kreuzberg in diesen Tagen

Die Schlechtwettermacher

Tolles Smalltalk-Thema in diesem Monat: Die Tage, an denen die Sonne in Berlin nicht scheint. Heute ist der 15. Tag. “Undurchdringlich scheint die graue Nebelsuppe über unseren Köpfen. Wie lange geht das noch?”, fragt der Berliner Kurier. Eine Stadt, die in Depressionen zu versinken droht. Zu künstlichem Licht mit viel Blauanteil, rät ein Dr. Blau von der Charité. Schokolade statt Wurst propagiert ein Tagesspiegel-Leser – das Rezept soll aus skandinavischen Ländern stammen.

Ich finde die Diskussion ein bisschen übertrieben. Ablenkung gibt es genug in dieser Stadt – aber wer es darauf anlegt,  kann sich natürlich auch in depressive Stimmung hinein steigern. Und Freunde gleich mit herunterziehen, denn schlechte Laune steckt an. Wir sind halt nicht Kalifornien. Und zum Glück auch nicht in Sankt Petersburg. Gerade mal 13 Stunden lang hat dort im November die Sonne geschienen. Das nur so am Rande. Aber jammert ruhig weiter.

Berlin brutal #16: Der Motz-Verkäufer als Konkurrent

“Interesse an der Obdachlosenzeitung Strassenfeger, ein bisschen Kleingeld vielleicht?” Durch den Zigarettendunst der frierenden Raucher vor dem Hauptbahnhof läuft Hannes* von Passant zu Passant. Viele schütteln schon den Kopf, lächeln verlegen oder schauen schnell weg, wenn sie den Mann mit dem Irokesenschnitt nur sehen. Es gibt zu viele Menschen, die etwas verkaufen wollen auf dem Bahnhofsvorplatz: Zeitungen, Fahrscheine, Stadtrundfahrten.

Eine Raucherin erbarmt sich und nimmt Hannes einen Strassenfeger ab. Sie fragt, warum er seine Zeitung nicht lieber im warmen Bahnhofsgebäude anbiete. “Weil Sie nicht der deutschen Norm entsprechen, was das Aussehen betrifft?” Drinnen verkaufen sei verboten, sagt Hannes, das gelte für alle.

Also steht er in seiner Nietenlederjacke vor der Glastür. Der 23-jährige erntet skeptische Blicke und bedankt sich trotzdem. Er braucht jeden Cent. Für Essen, Tabletten und Alkohol. Sechs Jahre hat Hannes Heroin gespritzt. Jetzt ist er auf Methadon und kriegt Hartz IV. Und ist noch immer tablettensüchtig.

Raben flattern in den milchigen Nachmittagshimmel, die Luft ist feucht, es hat geregnet. Hannes rundes Gesicht mit den vielen Piercings ist vor Kälte rot angelaufen. Er will einen Kaffee. Den kauft er gleich am Eingang, er versenkt neun Päckchen Zucker in den Pappbecher. Er braucht Energie, sein Stammplatz mit Blick aufs Kanzleramt muss verteidigt werden – gegen die Konkurrenz. “Der Bärtige da, den kann ich überhaupt nicht leiden und er mich auch nicht. Wenn ich manchmal nach ein bisschen Kleingeld frage, kriegt der so einen Hals”, sagt Hannes.

Mit dem Bärtigen führt er einen Kleinkrieg. Der Mann ist Mitte 50, trägt einem blauem Stoffanorak und eine Aktentasche. Er stellt sich Reisenden einfach in den Weg und wedelt mit dem Konkurrenzblatt Motz. Das preist er als “Arbeitslosenzeitung” -  das ärgert Hannes besonders. Es sei eine Obdachlosenzeitung und keine Arbeitslosenzeitung, sagt Hannes.

Dabei hat er eine Wohnung in Wedding, wo er gemeinsam mit seiner Freundin, einem Hund und zwei Katzen lebt. Bald will er eine Therapie in einer stationären Einrichtung beginnen. Doch bis die bewilligt sei, müsse er vor dem Bahnhof stehen mit seinen Strassenfeger-Heften: Er möchte Geld zur Seite legen, zwölf Zeitungen pro Tag zu verkaufen, das ist sein Ziel.

Nach zwei Stunden ist Hannes vier Zeitungen losgeworden. Regen platscht auf das Bahnhofsvordach, Hannes Finger sind inzwischen steif vor Kälte. Er kann das Kleingeld kaum zählen. 18 Euro sind es. Die wird er in der Apotheke lassen. Eine seiner Katzen ist erkältet und braucht Antibiotika.

*Name geändert

Beschissenes letztes Adventswochenende

Wer sich heute in die S-Bahn quetscht, muss verrückt sein. Oder auf dem Weg nach Hamburg: Am Alexanderplatz steigt ein Mann mit grünem Irokesenschnitt ein. Mitte 30, dicker Rucksack,  Schäferhund im Schlepptau. Abschätzig mustert er die Weihnachts-Shopper, die sich gegenseitig ihre Einkaufstüten in den Bauch rammen. Konsumgeile Spinner. Wie gut, dass er sein Handy hat. Er bimmelt einen Kumpel an. Der kommt kaum zu Wort:

“Yo Pflaume, ich bin noch in der scheiß S-Bahn. Diese ganzen Idioten, Alter,  ääätzend! Scheiß Weihnachten. Lach nicht so dreckig! Was sagst du? Biste besoffen Alter? Ich versteh dich kaum. Ich komm nach Hamburg Alter! Wenn diese scheiß S-Bahn mal irgendwann am Hauptbahnhof ankommt und ich den Zug hier noch krieg, bin ich um halb sechs da. Wenn mich jemand mit dem Wochenendticket mitnimmt. Ja, ich hab Bier für die scheiß Fahrt, Alter. Würde auch echt nicht anders aushalten. Hab kaum geschlafen. Zu viel Wodka heute nacht. Scheiße Mann. Wollen wir heute Abend ein bisschen schnacken? Alles klar Alter. Super!”

Kinder- und Jugendarbeit: Die Opfer der nächsten Sparrunde wehren sich

Forckenbergplatz - Foto: Henning Onken

“Kein Ausverkauf der Kinder- und Jugendarbeit” prangt seit Monaten in bunten Lettern an dem Pavillon am Forckenbeckplatz. Im Internet haben die Sozialarbeiter ein fiktives Sommerschlussverkauf-Exposé veröffentlicht, in dem der Abenteuerspielplatz Forcki samt Haus  “Kokon” zum Verkauf angepriesen wird:  “Die zum Objekt gehörende Freifläche [Ca. 1600 m²] eignet sich hervorragend für eine Minigolfanlage oder Paintballgelände”, steht da unter anderem. Was steckt dahinter?

Ab Januar sollen alle öffentlichen Jugendeinrichtungen von Freien Trägern übernommen werden. Der Bezirk will so Personalkosten einsparen.  Zwei Millionen sollen im kommenden Haushaltsjahr in Friedrichshain-Kreuzberg für Jugend, Familie und Schule fehlen. Für die Beschäftigten in der Kinder- und Jugendarbeit ein denkbar schlechtes Signal – sie fürchten um ihre Jobs. Auch in den übrigen Berliner Bezirken sieht es nicht anders aus – es sollen überall Gelder gestrichen werden. Deshalb findet heute Abend vor dem Roten Rathaus eine Demonstration statt unter dem Motto “Keine Kürzungen nirgendwo”.

Aber zurück zum Forckenbeckplatz:  Der geriet am Wochenende in die Schlagzeilen, weil dort ein Zivilpolizist völlig unmotiviert von Jugendlichen angegriffen wurde. Da fragt man sich,  ob die Bezirke nicht sogar mehr Gelder auftreiben sollten, um auch älteren Teenies länger interessante Freizeitangebote im Kiez machen zu können.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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