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Autorenarchiv für Anne Onken

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Der Frühling in der Krise: Mal entspannt, mal deprimierend

In der Simon-Dach-Straße in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning Onken

Hat sich heute recht frühlingshaft angefühlt in Berlin, Leute saßen vor den Cafés in der Sonne. Käseweiß, aber entspannt. Wirtschaftskrise? War da was? Und wenn schon:  Am Kaffee zu sparen, macht depressiv und frischer Luft ist eh super.

Angenommen, man hat unendlich viel Zeit. Keine Arbeit, keine festen Termine, Kneipen-Besuche, wann immer man will, denn das Amt zahlt erst mal Arbeitslosengeld I. Der Vormittag im Lieblingscafé wird zum strukturierenden Element des Tages: die Zeitung wartet schon, sie wird dort gelesen. Das ist billiger, als das eigene Abo weiterlaufen zu lassen.

Bewerbungen schreibt man auch im Café, es gibt genug Leute, die Tipps geben können und mal drüber schauen. Wie lange lässt sich das aushalten ohne schlechte Laune, Anflüge von Depressionen? Glaubt man der SZ, nicht allzu lang.  Aber bald kommt ja der Sommer. Und der neue Job. Oder in der anderen Reihenfolge.

Dunst und Diesel: Kommt in unsere Raucher-Höhle!

Raucherkneipe in der Proskauer Straße in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning OnkenAlles ist politisch in Berlin, sogar die Eckkneipe in der Proskauer Straße. Kann mich nicht erinnern, jemals Gäste hinter den vergilbten Scheibengardinen gesehen zu haben, doch der Wirt gibt offenbar nicht auf: Er trommelt für das Volksbegehren, mit dem das Rauchverbot aufgehoben werden soll. Ein Akt der Verzweifelung?

Tatsächlich ist das Rauchverbot in Berlin längst gekippt. Bereits heute darf in Einraumkneipen wieder gequalmt werden – sofern Wirte dies wünschen und keine warmen Speisen anbieten. Das Bundesverfassungsgericht hatte im letzten Jahr eine Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes angemahnt, mit der Begründung, die Betreiber von Bars mit nur einem Zimmer würden durch das Rauchverbot benachteiligt.

Warum also dieses Volksbegehren, wenn Raucher unter sich bleiben und qualmen können,  soviel sie wollen? Weshalb appellieren die Initiatoren des Volksbegehrens, die sich ausgerechnet “Initiative Pro Genuss” nennen, an die “Toleranz” der Nichtraucher?

Wahrscheinlich fühlen sich selbst Besucher und Betreiber von Raucherkneipen nicht mehr wohl, wenn jeder Gast an einer Zigarette nuckelt. Bevor das Rauchverbot eingeführt wurde, rauchte vielleicht die Hälfte der Kneipenbesucher, der Dunst verteilte sich. Der Dunst ist heute eher Nebel. Kein Wunder, dass da selbst vielen Rauchern die Lust vergeht..

Unbezahlbar: Wie Umsonstläden unser Denken herausfordern

Schenkladen in Friedrichshain

Ein Nachbar hat sich über eine “Verslummung” unseres Hofs beschwert.  Ständig müsse er hinter Leuten her räumen. Tatsächlich ist die Auswahl an ausrangierten Monitoren und Fernsehern inzwischen so groß,  dass der Kieztausch hier nicht mehr funktioniert. Wer will schon einen knisternden Bildschirm haben, der Unmengen an Strom frisst?

Keine zwei Straßen weiter gibt es einen Laden, der Abhilfe schaffen könnte. “Bitte keine Sachen vor die Tür stellen”, steht auf einem Schild an der Eingangstür. Der Schenkladen Systemfehler in der Scharnweberstraße nimmt Sachen an, die zu schade zum Wegwerfen sind, und andere noch interessieren könnten: Kleidung, Bücher, Schuhe, aber auch gut erhaltene Elektrogeräte.

Natürlich sei es bequemer, altes Zeug einfach in den Hof zu karren, sagt Alexandra, 21. Die Sozialpädagogik-Studentin ist eine von 15 “Schenkis”.  “Aber kann man halt nicht sicher sein, ob es jemand haben will.”

081121-diverse-bilder-837-2 Der Laden verfolgt durchaus einen erzieherischen Anspruch: Alte Pullover, Skistiefel und Wasserpfeifen müssen Spender selbst in die dafür vorgesehenen Regale einsortieren, oder an Kleiderstangen hängen, die fast bis zur Decke reichen. “Wir schließen hier nur auf”, stellt Steven, ein Theologie-Student mit Dreadlocks und Wollponcho klar. “Organisieren muss sich der Laden selbst.”

Ob Besucher mehr als die fünf erlaubten Teile mitnehmen, überprüfen Alexandra und Steven nicht. Es wäre zwar ärgerlich, wenn jemand Sachen einfach bei Ebay weiter verticken würde – aber nachvollziehen lasse sich das eh nicht. Entscheidend sei, dass sich Leute Gedanken über ihre Konsumhaltung machten. “Es geht hier um etwas anderes als um Geben und Nehmen und Druck”, sagt Steven.

Eine Familie verabschiedet sich freundlich, der Mann schleppt einen nagelneuen Mini-Döner-Grill aus dem Laden. “Hätten wir nie gekauft, aber wenn den keiner haben will…” Richtige Ladenhüter sind im Umsonstladen ausgerechnet Monitore: “Nehmen wir nicht mehr an”, sagt Alexandra. Auf einer Holzempore stehen mindestens acht Geräte.

Armes Friedrichshain, eine Abwrackprämie für diese Art von Elektroschrott wäre echt toll.

Schenkladen Systemfehler in der Scharnweberstraße 29 in Friedrichshain
Umsonstladen in der Brunnenstraße 183 in Mitte
Fotos aus Friedrichshain

Wenn wir nicht handeln, wird Berlin zu einer Zeltstadt

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Ruhig liegt das Flüchtlingslager am Alexanderplatz an diesem Dienstag morgen da.  Ähnlich könnte es aussehen, wenn sich Hunderttausende aus ihren überschwemmten Heimatländern aufmachen und in Berlin stranden – nur größer und lauter eben. Einige Passanten bleiben irritiert vor Hermann Josef Hacks Installation aus mehr als 400 Miniaturzelten stehen, überlegen. “Ist schlimm heute mit der Waffenindustrie”, sagt eine Frau mit einem leichten russischem Akzent. “Kein Wunder, dass Flüchtlinge kommen, wenn wir immer weitere Waffen liefern.”

Die Waffenlobby hatte der Aktionskünstler und Beuys-Schüler Hacks mit seinem “World Climate Refugee Camp” weniger im Blick. Es geht um Flüchtlinge, die bereits jetzt wegen des Klimawandels ihre Region verlassen müssen: Weil der Meeresspiegel ansteigt, Dürren ihre Ernten vernichten oder das Trinkwasser knapp wird – Kriege können die Folge sein.

“Den Status Klimaflüchtling gibt es bislang gar nicht”, sagt Hermann Josef Hack, der politische Wille fehle. Industrieländer, die wesentlich für die Erderwärmung verantwortlich sind, schotten sich ab.  Die Autoren einer Greenpeace-Studie von 2007 sprechen von einer “verleugneten Katastrophe”:  In den nächsten 28 Jahren müssten 200 000 Menschen aus ihrer Heimat flüchten, heißt es.

Und der Bezirk Berlin-Mitte? Er berechnete Hack für die Genehmigung zweier Ausstellungstage 800 Euro – als “Bearbeitungsgebühr”. Vor dem Brandenburger Tor habe die Polizei wegen einer Politiker-Veranstaltung am Montag dann auch ein Zelt nach dem anderen umgedreht, erzählt Hack. Es hätte ja eine Bombe drunter versteckt sein können.

Get obamatized: Berlin feiert Barack O.

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Obamatized, baptized – ja, es scheint ein Segen für Amerika zu sein, endlich einen neuen Präsidenten vorweisen zu können.  Einen Präsidenten, für den man sich im Ausland nicht ständig rechtfertigen muss. Sie haben mir leid getan, die Exil-Amerikaner in Berlin. Ehrlich. “Wir haben Bush nicht gewählt, Bush ist scheißa.” Harte Worte, aber immer wieder gehört, von Kristen, Dasha und anderen.  Amerika ist nicht gleich Bush – und genauso wenig gleich Obama, aber dazu später mehr.

Das Obama-Fieber hat Europa längst gepackt. Amerika-Fähnchen haben plötzlich nichts Anrüchiges mehr und werden so selbstverständlich verteilt wie Brownies: Was sie jetzt mit der Fahne machen solle, fragt eine Bekannte etwas ratlos, als wir in der S-Bahn sitzen und rollt die Mini-Fahne zusammen, die ihr eine Frau auf der Inauguration-Party im Schleusenkrug in die Hand gedrückt hat. Wegwerfen? Oder aufheben für den nächsten  Obama-Besuch in Berlin?

Man stelle sich eine völlig enthusiasmierte Menge vor, die Angela Merkel Deutschland-Fähnchen schwenkend zujubelt. Oder an Frank-Walter Steinmeiers Lippen hängt, wenn dieser etwas von Zuversicht und Hoffnung murmelt? Grotesk.

Wer pennt freiwillig im Treppenhaus?

Das Husten im dunklen Treppenhaus klingt kehlig, ungesund. Morgens um halb sieben bin ich zu müde, um mich zu wundern – denke nur an den Briefkasten im Erdgeschoss. Ein Stockwerk tiefer dann ein notdürftig errichtetes Nachtlager: Im Licht der Energiesparlampe schimmert ein  Bettlaken, das den halben Treppenabsatz bedeckt, darauf liegt eine Person.

Die verwirrte Nachbarin vielleicht, die gerne sieben achtmal hintereinander ihre Wohnungstür zuschlägt und einem Obszönitäten hinterherruft?  “Ich will Sie niemals wiedersehen, sonst…” Zur Hölle mit Ihnen, Sie…” Ich nehme drei Stufen auf einmal, kann mir angenehmeres vorstellen, als diese Dame aus dem Schlaf zu reißen.

Auf dem Treppenabsatz campieren zu müssen, das wünscht man niemanden. Die Nacht zu Dienstag war die kälteste seit drei Jahren in Berlin, mit Temperaturen von bis zu Minus 20 Grad.  Auch wenn die BVG die U-Bahnhöfe Frankfurter Tor, Hansaplatz und Südstern für Obdachlose nachts geöffnet lässt – zugigere  Schlafangebote gibt es wohl kaum in dieser Stadt. Der große Ansturm auf Notunterkünfte und Wärmestuben scheint jedoch ausgeblieben zu sein: Nicht alle Obdachlosen wollen oder können sich auf diese Sammelunterkünfte einlassen, oft wohl aus der Angst heraus, dort bestohlen zu werden.

Bleibt also das Treppenhaus.  Die Person, die sich dort inzwischen ihre Hände an der Tasse einer Thermoskanne aufwärmt, ist nicht die Nachbarin. Sie hat ein schmaleres, ein jüngeres Gesicht.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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