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Autorenarchiv für Anne Onken

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Bärenkämpfe und Bhutto

Ob wir schon Nachrichten gesehen hätten, fragte der Kellner in dem pakistanischen Restaurant gleich um die Ecke. “Das war ein Schock”, sagte er, “wirklich schlimm für die Menschen in der Heimat”. Benazir Bhutto ist tot, Opfer eines Attentats. Die Oppositionspolitikerin, die acht Jahre im Exil gelebt hatte, entging bereits kurz nach ihrer Rückkehr im Oktober nur knapp einem Anschlag, bei mehr als 140 Menschen starben.

In dem Friedrichshainer Lokal wurden die Rolladen heute später hoch gezogen als gewöhnlich. Der Koch hockte noch in Alltagskleidung an einem der Tische und unterhielt sich angeregt mit dem Eigentümer. Jetzt hier etwas essen, nachdem den Leuten gänzlich der Appetit vergangen war, und die Lust, überhaupt etwas zu tun, erschien irgendwie pietätlos. Als einzige Gäste einen schlecht laufenden Laden zu verlassen – auch nicht besser. Wir hatten kein Radio gehört und saßen in der Falle.

Vielleicht konnte man den Kellner auf andere Gedanken bringen? So kamen wir auf das Thema Kampfhunde. Beim letzten Mal hatte der Mann regelrecht vor Glück gejauchzt, als eine Frau mit einem fetten Tier vorbei gelaufen war, das nur aus Zähnen zu bestehen schien.

Als kleiner Junge sei er einmal bei einem Bärenkampf gewesen, erzählte er. Da hätten zwei Kampfhunde einen zahnlosen Bären zerfetzt. Ein Relikt aus Kolonialzeiten in Pakistan – in England waren diese Hetztheater aus dem 17. Jahrhundert vor allem bei Großgrundbesitzern beliebt.

Kampfhunde, Bärenkämpfe, die tote Benazir Bhutto – nichts zu machen, schwer zu begreifen, dieses Pakistan.

Kleine Gaben unter der Plastiktanne

“Anderen geht’s schlechter als uns” – mit solchen Botschaften erreicht Bild täglich Millionen von Lesern. Heute also die Geschichte einer Berliner Familie, die sich nur eine Plastiktanne leisten kann. Von teuren Geschenken ganz zu schweigen.

Der älteste Sohn wünscht sich eine Videospiel-Konsole, hat sich aber mit einer “billigen Autorennbahn” aus Plastik zu begnügen, die er sich auch noch mit den beiden Brüdern teilen muss. Auch die Tochter bekommt nur eine gebrauchte Puppe. Klöße und Kartoffeln, eine Gans für den ersten Weihnachtstag und Würstchen für Heiligabend sprengen das Familienbudget vollends.

Ja, vielleicht war der Text so eindrücklich geschrieben, dass man für die Familie spenden würde. In der stillen Hoffnung, die Symptome kurzfristig zu lindern. Der Gedanke scheint aber nicht im Vordergrund zu stehen, eine Kontoverbindung sucht man vergeblich. Ob es vielen Bild-Lesern ähnlich geht?

Foto: Pot Noodle

Vorweihnachtliche Großzügigkeit

Kurz vor Weihnachten überkommt viele Menschen der Wunsch, schnell noch etwas Gutes zu tun. Bei anderen scheint das Geltungsbedürfnis ausgeprägter zu sein, als sonst. So beobachtet in der S1, in der am frühen Abend ein Tross von Sicherheitsleuten patroullierte: Es gab keine Zwischenfälle, allein ein junger Mann mit Gitarre fiel ein wenig aus dem Rahmen. Ein Osteuropäer, der mit kräftiger Stimme ein trauriges Lied anstimmte, mit dem er die Aufmerksamkeit der Fahrgäste auf sich zog.

“Hammse so nen Schein?”, unterbrach ihn einer der Sicherheitsmänner barsch. Hatte der Mann nicht und musste daraufhin sein Instrument einpacken. Kopfschütteln bei Leuten, die andächtig gelauscht hatten. Eine ältere Frau murmelte noch ein “Das- war- aber-wirklich- nicht- nötig” und weiter ging die Fahrt in Richtung Wannsee.

Sobald die Security-Kräfte ausgestiegen waren, setzte der Musiker wieder ein, sang kraftvoller, als vorher und erntete großen Applaus. Sei es aus Mitgefühl oder aus Scham darüber, den Mann nicht vor den latent aggressiven Uniformierten geschützt zu haben – der Musiker wurde mit einem großzügigen Trinkgeld belohnt.

“In die Schwabenhauptstadt wollen wir nicht”

Simon-Dach-Straße - Foto: Henning Onken

Sie gehöre auf die andere Seite der Spree, sagt Steffi, 27, Studienabsolventin. Nicht wegen der Kirche mit den vernagelten Fenstern oder der vielen türkischen Läden, sondern einfach, weil Neukölln in Westberlin liegt. “Wenn wir das nächste Mal umziehen, dann definitiv nach Friedrichshain.” Steffi ist in Lichtenberg aufgewachsen, in einer Wohngegend, für die wohl kein Kiez-Begriff existiert. Partys werden woanders gefeiert, ein paar Stationen mit der U5 weiter westwärts, im Friedrichshainer Südkiez.

Ines und Thomas zieht es nach sechs gemeinsamen Jahren in Hellersdorf ebenfalls nach Friedrichshain. Drei Zimmer sollen es sein, vielleicht auch vier. “Über Prenzlauer Berg hatten wir nachgedacht, das erschien nahe liegend.” Aber sie haben den Gedanken schnell wieder verworfen. Fragt man weiter, so wird deutlich: Prenzlauer Berg ist für viele, die in den Oststadtteilen aufgewachsen sind, nicht mehr Berlin. Die Menschen, die dort die Cafés, Spielplätze und Galerien bevölkern, sind Zugezogene. “Wessis” vorwiegend aus dem Schwabenland, Hessen oder NRW, die dort ihr Brauchtum pflegen und selbst Kirchen einen unverhofften Mitglieder-Boom bescheren.

Friedrichshain scheint da (noch) anders zu sein. Sicher, auch dort trifft man auf Leute aus Wuppertal oder Nürnberg, aber nicht so geballt. Der Stadtteil mit der “guten U5-Anbindung” wirkt heterogener: Punks leben neben Senioren, dazwischen Techno-Fans, Studenten aus Marzahn und Hausbesetzer. Aber auch die kommen in die Jahre, ziehen aus Hausprojekten aus und in kleine Wohnungen mit Zentralheizungen.

Einfach eine Frage der Zeit. Eine Prenzlaubergisierung des Stadtteils hat eingesetzt, zweifellos. Das ist gut für den Haushalt. Wo Leute über regelmäßige Einkommen verfügen, steigt das Steueraufkommen. Und natürlich nimmt die Zahl der Geburten zu: Bereits in diesem Jahr ist die Geburtenrate Friedrichshain-Kreuzbergs prozentual stärker gestiegen als die Prenzlauer Bergs. Ob Neugeborene allerdings ähnliche Namen erhalten, wie in Prenzlauer Berg oder Charlottenburg, bleibt allerdings eine spannende Frage

Foto: Henning Onken

Arme Balkonraucher

Nur noch 18 Tage – dann gibt Silke das Rauchen auf. Nicht wegen des Rauchverbots, sondern weil Rauchen “unschicklich” sei. Und ungesund. Die wenigsten ihrer Freunde wissen von ihrer “Schwäche” wie sie sagt. Eine Heimlich-Raucherin, die sich erst auf ihren Kreuzberger Balkon traut, wenn die Sonne untergegangen ist. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ihre Patienten von der Raucherei Wind bekämen, sagt die Ärztin.

Irrational das? Die Ängste einer Frau mittleren Alters, die raucht, wie Millionen anderer Deutscher auch und sich dennoch schämt wie ein junges Mädchen? Vielleicht nicht. Wenn Raucher zunehmend aus der Öffentlichkeit verschwinden und Berlins Boulevardblätter schaurig schöne Geschichten über die letzten Raucherinseln in sozialen Brennpunkten verbreiten - wenig verwunderlich, dass die Gruppe der bekennenden Raucher nicht größer wird.

Dabei fällt das Berliner Rauchverbot vergleichsweise lax aus: In Bars, Kneipen und Kultureinrichtungen, in denen kein Essen serviert wird, darf in abgetrennten Räumen auch weiterhin geraucht werden. Bis Juli 2008 sollen keine Bußgelder verhängt werden – zur Eingewöhnung. Natürlich ist Bayern da weiter. Gestern wurde dort das schärfste Nichtrauchergesetz der Republik durchgesetzt. Richtig so, schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe. Es gehe nicht darum, Rauchern den Spaß zu verderben, sondern um die Gesundheit. Auch Passivraucher seien bereits stark herzinfarktgefährdet.

Nichts Neues? Warum kümmert es dann in Berlin trotzdem nur schräge Hausverwaltungen, die das Verbot zum Anlass nehmen, um ihren Mietern das Rauchen auf dem Balkon zu verbieten?

Von der Kaufhalle zum Sexdiscounter

Foto:Anne Grieger

Etwas trostlos wirkt die Kulisse des Potsdamer Erotik-Marktes an diesem Dienstag morgen, es gibt aber tatsächlich Kunden. Meist ältere Männer, die schnell das Weite suchen. Keine zwei Kilometer Luftlinie vom Park Sanssouci, dem die Unesco den Status des Weltkulturerbes verlieh, steht also dieser Klotz aus DDR-Zeiten.

Vor der Deutschen Einheit war der eingeschossige Bau wahrscheinlich eine Kaufhalle, ein volkseigener Supermarkt mit staatlich festgelegten Preisen. Heute kommen vor allem Schnäppchenjäger auf ihre Kosten. Geiz ist geil, besonders wenn es um Artikel geht, die man nicht für jedermann sichtbar auf der Fensterbank im Wohnzimmer aufbauen kann.

Ob sich nach der Privatisierung Widerstand gegen Erotik-Discounter-Konzept formiert hat? Anwohner, die eher einen Abriss des Gebäudes befürwortet hätten, als eine derartige Nutzung? Wenn auch kaum Investoren Interesse an einem solchen Objekt haben dürften – es gibt durchaus wertvolle Zwischennutzungs-Konzepte für leerstehende DDR-Bauten.

In Berlin-Friedrichshain haben sich etwa Künstler provisorisch in einer ehemaligen Kindertagesstätte eingerichtet. Bis das Gebäude abgerissen wird, bleibt viel Raum für Vernissagen, Workshops und Partys.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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