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Autorenarchiv für Anne Onken

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Der Landwehrkanal in Zahlen

Die Bürgerinitiative Rettet die Bäume am Landwehrkanal setzt sich weiter für den Erhalt der alten Ulmen, Pappeln und Weiden entlang des Kanals ein – mit einigen Teilerfolgen. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin hatte angesichts der maroden Uferbefestigung, die über weite Strecken akut einsturzgefährdet ist, ursprünglich eine Fällung von 200 Bäumen angekündigt.

Einige Zahlen zum Landwehrkanal:

Jahr, in dem der Landwehrkanal eröffnet wurde: 1850
Jahr, in dem der Ausbau des Kanals abgeschlossen wurde: 1890
Tiefe der Fahrrinne, in Metern: 2
Länge des Landwehrkanals, in Kilometern: 9
Länge der Spree in Berlin, in Kilometern: 46,9

Anzahl der alten Bäume, die bereits gefällt wurden: 16
Anzahl der alten Bäume, die ursprünglich gefällt werden sollten: 200
Anzahl der alten Bäume, die nun noch gefällt werden sollen: 34
Anzahl der alten Bäume, deren Standsicherheit angesichts der maroden Ufermauern noch überprüft werden soll: 39

Anteil an Grünflächen, die jeder Kreuzberger hat, in Quadratmetern: 6
Anteil an Grünflächen, die jeder Berliner hat, in Quadratmetern: 90

Geschätzte Kosten der endgültigen Sanierung der Kanalwände, in Millionen: 100
Dauer der Sanierung, in Jahren: 3

Anzahl der Ausflugsschiffe, die 2006 auf dem Kanal unterwegs waren: 8000
Anzahl der Ausflugsschiffe, die 1995 auf dem Kanal unterwegs waren: 4000
Anzahl der Sportboote, die 2006 auf dem Landwehrkanal unterwegs waren: 5000
Anzahl der Sportboote, die 1995 auf dem Landwehrkanal unterwegs waren: 1000
Kilometer pro Stunde, die ein Ausflugsdampfer auf dem Kanal fahren darf: 8

Anzahl der Unterschriften, die die Bürgerinitiative bis zum 12. Juni gegen eine Fällung der Bäume gesammelt hat: 6000
Uhrzeit, zu der sich das Aktionsbündnis täglich auf der Admiralbrücke trifft: 18

Heroische Baumfällaktion

Südsee Ost

Wie mag es sich anfühlen, als Gefangener plötzlich einen Bildband über die Südsee in den Händen zu halten? In der Enge der Zelle mit exotischen Vögeln und Palmen konfrontiert zu werden? Bei einer Führung durch das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen erzählte ein früherer Häftling eben diese Geschichte. Wegen Republikflucht angeklagt saß er mehrere Monate ohne Prozess in Isolationshaft. Nach einiger Zeit – er wusste selbst nicht mehr genau wann – reichten ihm die Aufseher kommentarlos einen Bildband über die Südsee durch die Gitterstäbe. Der Mann, der nichts anderes gewollt hatte, als die Freiheit, erlitt fast einen Nervenzusammenbruch.

Ausgerechnet bei einer an sich heiteren Paddeltour auf dem Müggelsee fiel mir diese Geschichte wieder ein. In einem verlassenen Haus am Ufer entdeckte Jan ähnliche Bilder – vielleicht aus einem alten DDR-Kalender. Eins zeigte einen langen Sandstrand, der mit unmöglich an der Ostsee liegen konnte. Die Bilder als systematische Methode, unbequeme und kritische Angestellte, die in diesem Gebäude arbeiteten, psychisch unter Druck zu setzen? Zu testen, wie lange Menschen dem Anblick dieser Fotos standhalten können?


Created with Paul’s flickrSLiDR.

Wir betraten den nächsten Raum. Leitungen ragten aus den Wänden, der Putz bröckelte. Die Zeichen mutwilliger Zerstörung waren unübersehbar: Eingeschlagene Fensterscheiben, zertrümmerte Möbel und Brandspuren. Inmitten dieses Chaos fanden wir alte Skizzen von Maschinen und seltsamen Apparaturen. Ob gerade die Leute, die hier gearbeitet haben – offenbar Naturwissenschaftler – als besondere Bedrohung für den realsozialistischen Staat betrachtet wurden? Eine Intelligenzija, die bewusst im Berliner Umland angesiedelt wurde, damit sie nicht allzu viel Aufsehen erregen konnte?

Nach der Wende muss irgend jemand seiner Wut freien Lauf gelassen haben. Eine Einzelperson hätte diesen Schaden unmöglich allein anrichten können. Was es genau auf sich hat, mit diesem unheimlichen Haus und den Motiven der Verwüster, werden wir ohne großen Recherche-Aufwand wohl nicht erfahren. Die Leute schweigen beharrlich. Jedenfalls habe ich nie wieder jemand so offen über die DDR und Verwerfungen des Systems DDR reden hören, wie bei der Führung durch den Stasi-Knast Hohenschönhausen.

Heiligendamm und das Gewissen

“Und, wie fandet ihr es in Heiligendamm?”, fragte Paule, ein in die Jahre gekommener Aktivist. Schweigen. “Ihr wart also nicht da und wollt auch nichts darüber schreiben.” Der vorwurfsvolle Unterton war nicht zu überhören. Nein, ich bin nicht dorthin gefahren, das Familienfest war wichtiger.

Auch sonst wäre ich in Berlin geblieben. Wie viele, die andere Sorgen haben. “Ich komm mir so unpolitisch vor”, meinte Nele, die gerade ihre Dissertation abgegeben und nun beim Jobcenter vorgesprochen hat. Ähnlich las sich die E-Mail einer anderen SCI-Freundin, Eva, die seit kurzem wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Ulm ist. Sie musste ein Denktraining für Hochbegabte durchführen: “Blöderweise denk ich immer, dass ich die Welt retten muss und dass es irgendwie nicht richtig ist, nur Akademikerkinder so zu fördern, die 180 Euro für den Kurs mal eben so übrig haben. Aber darüber kann ich ernsthaft nur langfristig nachdenken.”

Foto: Anne Grieger

“Chancengerechtigkeit”, “Langfristigkeit” oder auch “Nachhaltigkeit” – das scheint es zu sein. Alles zentrale Themen der Anti G8-Proteste, die auch Leute, die gerade weniger aktiv sind, durchaus beschäftigen. Nach Heiligendamm zu fahren und dann trotzdem H+M T-Shirts made in Vietnam kaufen, oder grünen Spargel bei Lidl für einen (!) Euro, finde ich eher problematisch. Auch solche Leute soll es geben. Dennoch: durch die Proteste wurden viele daran erinnert, dass sie mal die Vision einer “anderen Welt” hatten.

Zur Beruhigung meines eigenen Gewissens war ich mit dem Freund im Kino: in einem globalisierungskritischen Film über die Folgen der Privatisierung ehemals staatlicher Wirtschaftsbereiche. Ein Film, der wichtige Fragen aufwirft, dessen Titel ich aber wieder vergessen habe; wahrscheinlich weil er doch eher engagiertes Meinungskino, als eine Dokumentation war.

Kieze und Kieze

Der Kiez ist etwas Gewachsenes, soviel steht fest. Wer sich mit Leuten unterhält, die schon länger nicht mehr umgezogen sind, lernt schnell: da ist Bewegung im Spiel, der Kiez entwickelt sich ständig weiter, Kiez ist Wandel. “In dem Altbau gab’s mal eine Kneipe mit Vokü, die hat nach dem Brand des Hauses dicht gemacht”, erzählt J. mit Bedauern. Später kamen Leute, die so gar nicht kiezig waren, Zugezogene aus Wessiland, wie ein Freund abschätzig bemerkte.

Auf einer Party in Berlin-Weißensee: Die Frage nach dem Kiez führt uns direkt in den hippen angrenzenden Stadtteil Prenzlauer Berg. In Weißensee sucht man den Kiez vergeblich, trotz Altbaubestand: industrielle Öde prägt das Stadtbild und das blau-gelbe Schild des Discounters Lidl wirkt geradezu wie ein letzter visueller Anker, der chronisch traurige Zeitgenossen auf andere Gedanken bringen könnte. Einer Frau aus Polen fällt dann sofort der LSD-Kiez ein. Der sei ihr ans Herz gewachsen, obwohl sie mit dem Begriff Kiez zunächst nichts anfangen konnte. LSD steht für Lychener-, Stargarder- und Dunckerstraße, Insider wissen das sofort. Aus dem Kontext gerissen muss einen Neuberliner die Frage nach einer Verabredung im LSD-Kiez natürlich verunsichern. Wer denkt schon an Prenzlauer Berg, den wahrscheinlich kinderreichsten Stadtteil Deutschlands? ‘Kieze und Kieze’ weiterlesen

Camping Sauvage #3 [Die Frau vom Kanal und die B.Z.]

Die wild campende Frau vom Landwehrkanal hat inzwischen traurige Berühmtheit erlangt. Die B.Z. hat sie als exotische “Buschfrau“ entdeckt und berichtet heute bereits zum zweiten Mal über Mo, diesmal in der B.Z.-Serie “schräge Berliner Päärchen”. Anrührende Geschichte – nun hat sich offenbar auch noch ein “Buschmann“ gefunden, der gern Löwenzahnsalat mag. Das Camping Sauvage-Abenteuer hat damit das Zeug zur Sommerromanze 2007. Ein Drehbuch ist sicherlich schon in Druck, eine Fanpage eingerichtet. Was macht eigentlich Knuddel-Knut?

Camping Sauvage

Camping Sauvage#2

Männer-Café

Was ist “so special” an den türkischen Männer-Cafés, die in Neukölln an jeder Ecke zu finden sind? Ich kann nur mutmaßen, obwohl ich mehrfach versucht war, einfach in eines hineinzulaufen mit einem halbwegs plausiblen Vorwand.

Hin und wieder gelingt es mir, einen Blick durch die Scheibengardinen des Café Istanbul am Anfang unserer Straße zu werfen. Es gibt gleich zwei Cafés mit diesem Namen in Neukölln. “Unser“ Schiller-Café-Istanbul scheint nie zu schließen. Ob die älteren Herren, die dort an den Tischen hocken – Tee trinken, Wasserpfeife rauchen und Karten spielen – wohl kein zu Hause haben, habe ich mich oft gefragt. Nicht jeden Tag spielt die türkische Nationalmannschaft Fußball und Flatrate-Preise für Kaffee oder Tee gibt es dort bestimmt nicht.

Das Männer-Café als eine Art Schutzraum vor schlecht gelaunten Ehefrauen und quäkenden Kindern? Könnte was dran sein. Der Altersdurchschnitt der Cafébesucher dürfte jenseits der 40 liegen, oder junge Männer wirken durch die Gardinen beträchtlich älter. Das Café Istanbul macht einen friedlichen Eindruck, nie habe ich eine Streiterei gehört, nicht einmal ein lautes Lachen.

Wie ich das Thema als blonde, nicht-muslimische Frau angehen soll, weiß ich noch nicht. Vielleicht beginne ich die Feldforschung im Umfeld, in einem der Internet-Cafés in der Nachbarschaft: Dort treffen sich nämlich all jene, die für die Männer-Cafés noch zu jung sind. Das Internet-Café als Anfang vom Ende des klassischen Männer-Cafés? Dazu später mehr.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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