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Archiv für das 'Müggelsee'-tag

Südsee Ost

Wie mag es sich anfühlen, als Gefangener plötzlich einen Bildband über die Südsee in den Händen zu halten? In der Enge der Zelle mit exotischen Vögeln und Palmen konfrontiert zu werden? Bei einer Führung durch das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen erzählte ein früherer Häftling eben diese Geschichte. Wegen Republikflucht angeklagt saß er mehrere Monate ohne Prozess in Isolationshaft. Nach einiger Zeit – er wusste selbst nicht mehr genau wann – reichten ihm die Aufseher kommentarlos einen Bildband über die Südsee durch die Gitterstäbe. Der Mann, der nichts anderes gewollt hatte, als die Freiheit, erlitt fast einen Nervenzusammenbruch.

Ausgerechnet bei einer an sich heiteren Paddeltour auf dem Müggelsee fiel mir diese Geschichte wieder ein. In einem verlassenen Haus am Ufer entdeckte Jan ähnliche Bilder – vielleicht aus einem alten DDR-Kalender. Eins zeigte einen langen Sandstrand, der mit unmöglich an der Ostsee liegen konnte. Die Bilder als systematische Methode, unbequeme und kritische Angestellte, die in diesem Gebäude arbeiteten, psychisch unter Druck zu setzen? Zu testen, wie lange Menschen dem Anblick dieser Fotos standhalten können?


Created with Paul’s flickrSLiDR.

Wir betraten den nächsten Raum. Leitungen ragten aus den Wänden, der Putz bröckelte. Die Zeichen mutwilliger Zerstörung waren unübersehbar: Eingeschlagene Fensterscheiben, zertrümmerte Möbel und Brandspuren. Inmitten dieses Chaos fanden wir alte Skizzen von Maschinen und seltsamen Apparaturen. Ob gerade die Leute, die hier gearbeitet haben – offenbar Naturwissenschaftler – als besondere Bedrohung für den realsozialistischen Staat betrachtet wurden? Eine Intelligenzija, die bewusst im Berliner Umland angesiedelt wurde, damit sie nicht allzu viel Aufsehen erregen konnte?

Nach der Wende muss irgend jemand seiner Wut freien Lauf gelassen haben. Eine Einzelperson hätte diesen Schaden unmöglich allein anrichten können. Was es genau auf sich hat, mit diesem unheimlichen Haus und den Motiven der Verwüster, werden wir ohne großen Recherche-Aufwand wohl nicht erfahren. Die Leute schweigen beharrlich. Jedenfalls habe ich nie wieder jemand so offen über die DDR und Verwerfungen des Systems DDR reden hören, wie bei der Führung durch den Stasi-Knast Hohenschönhausen.

Neue Kommentare

  • Ernst Käbisch: Schöne Idee – hoffentlich lässt sich Herr Sarrazin daruaf ein.
  • Flibbo: Die Generation “70 minus” ist dafür eben zu stolz, eine Brille zu tragen, wobei sich das momentan...
  • Rosalia: Die Aufkleber auf den alten Tonnen sind sozusagen eine Übergangslösung. Neue Tonnen gibt es zukünftig nur...
  • zweigeh: die armen yuppies. keiner mag sie, kann gar nich verstehen warum? xenophob? also ick bin halt total doof...
  • Gabriele Manzke: Ab und zu einen (kostenlosen) Sitzplatz in der Stadt, wäre auch für rüstige Stadtwanderer prima....

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