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Automaten mit Seele

Fotoautomat - Serie - Foto: Henning Onken

Es rappelt und blitzt in der Box an der Warschauer Straße. Zwei Paar Turnschuh schauen unter dem Vorhang hervor und drinnen wird gekichert. Ein kurzer Spaß – wenig später treten zwei Teenagerinnen in die Nacht heraus, werfen sich ihre Jacken über und warten. Vier Minuten braucht ein Fotoautomat, um zu entwickeln, zu trocknen und die Aufnahmen auszuspucken. Neugierige Hände ziehen den schmalen Streifen mit vier Schwarz-Weiß-Fotos hervor und als die beiden Teenies ihre Köpfe glückselig zusammenstecken, wirkt es, als hätten sie hier in dieser tristen Baulücke eine Disko entdeckt. Das war’s, sie ziehen von dannen und die kleine Klickmaschine ist wieder betriebsbereit.

Merkwürdig, es gibt so viele Kameras wie nie zuvor in Deutschland, und gerade Mädels in diesem Alter haben ihre Lieben längst auf dem Foto-Handy: Anna und ich auf dem Abi-Ball, mein blöder Bruder und die Eltern auf Langeoog, alles schon da und alles digital. Und dennoch hocken sie hier kichernd hinter dem Vorhang und werfen Euros in einen alten Automaten, den ein sibirischer Immigrant 1925 in New York erfunden hat.

“Schreck lass nach, bin ich das, so verstockt?”

Diese Kiste ist anders, sie lässt uns allein. Wir ziehen den Vorhang zu und in dem kleinen Raum ist kein Fotograf. Der die Regieanweisungen gibt und befiehlt, den Kopf mehr nach rechts oder links zu drehen und dazu noch nervös herumzappelt. Die Situation im Automaten ist anders, wir behalten die Kontrolle. In diesem kleinen Raum sind wir mutig. Wie oft wir uns unbewusst gegenseitig kontrollieren und zensieren, wird manchmal deutlich, wenn wir uns zufällig in einer Fensterscheibe spiegeln: Schreck lass nach, bin das ich, so verstockt?

Und noch etwas: Digital ist besser, aber manchmal auch langweilig. Wir können 100 Aufnahmen von einer Situation machen, mit keiner zufrieden sein und sie doch alle behalten. Die alten analogen Fotoautomaten geben uns nur vier. Sie lassen sich scannen oder noch einmal abfotografieren – aber sie bleiben doch Unikate.

Schwarz-Weiß-Fotoautomaten in Berlin:

- Kastanienallee, Prenzlauer Berg (gegenüber vom Prater)
- Marienburgerstraße, Prenzlauer Berg (vor Kaisers)
- Bar 25 (am Ostbahnhof), Friedrichshain
- Warschauer Straße 60, Friedrichshain (Baulücke zwischen Kopernikus- und Revaler Straße)
- Oranienburgerstraße, Ecke Große Hamburger Straße, Mitte
- Rosenthaler Platz, Mitte
- Zossener Strasse (vor Kaisers), Kreuzberg

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6 Kommentare zu “Automaten mit Seele”


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  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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