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Monatsarchiv für Juli 2008

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Gelöbnis-Alarm: Sechs Polizisten für einen Demonstranten

Da sage mir jemand, wir lebten nicht in einem Polizeistaat: 1800 Polizisten aus mehreren Bundesländern passen heute auf vermutlich viel weniger Menschen auf, die sich gegen das öffentliche Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten am Reichstag engagieren. Die Rede ist von zwei Kundgebungen mit 300 bis 1000 Teilnehmern. Damit nicht wieder Nackte durchs Bild laufen oder Trillerpfeifen den Eid stören, bewachen bis zu sechs Beamte einen Demonstranten. Das wird nicht billig, 250.000 Euro soll der Spaß kosten.

Wer nicht denkt, das sei ein wenig übertrieben, schaue sich die Absperrungen ums Regierungsviertel an. Die waren anfangs sogar so großzügig geplant, dass der Bezirk die Veranstaltung fast hätte platzen lassen. Das kann man verstehen, denn schließlich wollen sich in diesem öffentlichen Raum auch andere Menschen frei bewegen als Angehörige der Bundeswehr, Sicherheitskräfte und die geladenen Gäste.

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Feldjäger ein paar “Flitzer” wieder einfangen müssen, wie dies in den letzten zehn Jahren mehrfach der Fall war?  Rekruten lernen ja auf dem Kasernenhof als erstes, Haltung zu bewahren, sich nicht nervös machen zu lassen bei einer so wichtigen Sache wie dem Eid auf die Verfassung. Außerdem sollte jeder sehen dürfen, was hier passiert. Die Bundeswehr ist ja kein Geheimbund. In den letzten Jahren ist das Interesse an den Veranstaltungen der Gegner ohnehin zurückgegangen.

Foto: Christian Hetey

Arm und Reich in Berlin: Auf der Suche nach der richtigen Mischung

“Junge Berliner zieht es nach Friedrichshain.” Ich ertappe mich dabei, bei solchen Überschriften hängen zu bleiben, obwohl sie nicht viel Neues versprechen. Klar: Friedrichshain ist kiezig, Leute fahren dort Pornofahrräder und Hollandräder, alles ist ein bisschen rott und es gibt dort mehr bezahlbare Studentenbuden, als etwa in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg.

Aber in dem Morgenpost-Artikel mit nun geändertem Titel geht es gar nicht um junge Berliner, sondern um Familien. Eine Studie des Potsdamer Instituts für Soziale Stadtentwicklung hat ergeben, dass Leute mit Kindern seit einigen Jahren auf städtische Randbezirke wie Reinickendorf, Spandau, Treptow-Köpenick oder Zehlendorf ausweichen. Von einem “Zurück in die Stadt” könne deshalb keine Rede sein, Bezirke in der Innenstadt seien oft wenig familienfreundlich – sieht man von den östlichen Szene-Vierteln einmal ab. Verlierer sind der Studie zufolge vor allem Westbezirke wie Charlottenburg und Neukölln.

Wenn es nur um Familien und eine familienfreundliche Infrastruktur ginge. Hartmut Häußermann, Professor für Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität, sieht die Konfliktlinie eher zwischen Armen und Besserverdienern. In einem Interview mit Spiegel Online sagt er, Ärmere würden aus den Stadtzentren verdrängt, weil das Geld für hohe Mieten oft nicht ausreiche. Für Gutverdiener mit Kindern gäbe es hingegen kaum eine Alternative zur Innenstadt: Wenn beide Elternteile arbeiteten und kein Personal angestellt werde, das die Kinder zum Ballett und zur Nachhilfe bringt, seien kurze Wege wichtig.

Um benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Erfahrung zu ersparen, in Vierteln aufwachsen zu müssen, in denen niemand mehr arbeiten geht, spricht sich Häußermann für einen neuen sozialen Wohnungsbau in besseren Stadtteilen aus. Entscheidend sei, dass Kinder in gemischtere Schulen gingen. Anders als in der Vergangenheit sollten kleinteilige Bauvorhaben gefördert werden – etwa Neubauten in Baulücken. Mittelschichtsfamilien will der Stadtsoziologe notfalls mit subventionierten Mieten in problematischere Quartieren locken, um eine bessere Durchmischung zu erzielen.

Gute Ideen, die einige Überzeugungsarbeit erfordern. Dass diejenigen, die sich in der Innenstadt gut eingerichtet haben, eine solche Initative unterstützen würden, ist unwahrscheinlich, von einer Lobby benachteiligter Berliner ganz zu schweigen. Aber es gibt sie, die Konzepte mit Präventionscharakter für eine bessere Integration Ärmerer.

50 Schritte vom Fluss: Wem gehört das Spreeufer?

Heute wird abgestimmt über die Zukunft des Spreeufers. Das möchte man gern glauben, weil die Chancen der Media Spree-Gegner gut sind, mit ihrer Vorlage durch zu kommen. Eine Bebauung des Ufers mit Hochhäusern wäre dann vom Tisch, auch sollte mindestens ein 50 Meter breiter Uferstreifen unbebaut bleiben und eine neue Autobrücke würde es nicht geben.

Nur ist der Bürgerentscheid nicht bindend und die angeblichen Entschädigungszahlungen an die Investoren so hoch, dass ausgerechnet die Grünen und Linken in Friedrichshain-Kreuzberg das Projekt Media Spree nicht gefährden wollen. Das Geld würde dann an anderer Stelle im Bezirkshaushalt fehlen, heißt es. Auch wurde gemunkelt, dass der Senat das Projekt an sich ziehen könnte – unter dem Verweis, dass das Thema für ganz Berlin von Interesse sei. Es sieht jedenfalls nicht so aus, als wäre mit einer gewonnenen Abstimmung die letzte Schlacht geschlagen und die Bebauungspläne gänzlich verhindert.

Wie auch immer der Bürgerentscheid ausgehen sollte, die durchaus kreative Protest-Party dürfte weiter gehen. Hier einige Bilder von der gestrigen Demonstration der Gegner.

Fotos vom Spreeufer

Berlin ist ja so kreativ – bis in den letzten Winkel

Die wahrscheinlich kleinste Galerie Berlin - Foto: Henning Onken

Wenn in Berlin überhaupt irgendwas richtig gut funktioniert, dann ist es die Kunstmaschine. Ihr Takt treibt Touristen wie Besessene durch die Auguststraße, verzweifelt, wenn sie in drei Tagen Hauptstadt immer noch unbesuchte Kreuzchen auf ihren Stadtplänen sehen, den sie wie eine Schatzkarte vor sich her tragen. Oh je, bitte nicht zurück nach London ohne den Wohnzimmerfund.

Die Berliner Kunstmaschine macht Menschen in der ganzen Republik zu Getriebenen. Der Galerist aus Köln hat Angst etwas zu verpassen und eröffnet eine Niederlassung in Mitte, während sein alteingesessener Kollege die nächste Fabriketage anmietet. Und mehr als 400 Galerien sind immer noch nicht genug. Berlin hat viel zu wenig Ausstellungsflächen und weil die Not so groß ist, brauchen wir eine temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz.

Die Sturm-und-Drang-Spur dieser Entwicklung zieht sich bis in einen kleinen Bauwagen in Treptow. Darin befindet sich die wohl kleinste Galerie Berlins, am Ufer des Landwehrkanals und am Rande der Wagenburg Lohmühle gelegen. Zurzeit hängen dort Bilder mit ein wenig Widerstands-Romantik, mit Wehmut an das Lagerfeuer im Wendland oder das Zeltlager vor Heiligendamm. Aufnahmen eben, die gut zu einer Wagenburg passen. Es sitzt kein Galerist herum, ja es ist die meist Zeit überhaupt niemand dort, nur ein Jogger schnauft mal vorbei, und dann wieder einer.

Man denkt nach: Es gibt Kunst, die einen anschreit und Kunst am Wegesrand. Es gibt Kunst, die keine ist und solche, die zu Vandalismus erklärt wird. Mal dreht es sich darum, davon zu leben, mal ist es ein innerstes Bedürfnis und alles andere nicht so wichtig. Ja, liebe Kunstsucher, macht ruhig noch ein Kreuzchen mehr auf euren Stadtplan.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Schmuddelmeyer versus Blockwart2.0.

“Drogendealer, Nazischweine, autonome Randalierer” – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wie Nachbarn angeblich ticken, kann man nun auch in Berlin über das US-Webseite rottenneighbor.com erfahren. Ein Denunziationsportal wie die Taz zurecht bemerkt, auf dem jeder anklagen kann, wen er hasst. Oder gar nicht kennt. Der Eintrag “Hier wohnt laut Antifa ein Nazischwein” findet sich gleich zwei Mal für Berlin.

In Reinickendorf wohnt jemand Tür an Tür mit “Schmuddelmietern”: “…schlafen lange, laute Punkmusik, saufen, kotzen vom Balkon, putzen nicht, grillen tote Igel aufm Grill, der ihnen nicht gehört … ekelhaft. Aber gepflegter Tiefgaragenstellplatz, na toll!”

Ein enttäuschter Neuköllner, der vermutlich auf einen Ausbildungsplatz in einer KfZ-Werkstatt spekuliert hatte, nennt Vor- und Zunahmen eines Werkstattbetreibers, der Praktikanten ausbeuten und falsche Versprechungen machen soll. Anonym, versteht sich, wie die meisten Postings im Internet. Noch sind in Berlin keine Sexualstraftäter gemeldet worden, doch eine entsprechende Kategorie ist vorhanden.

Bleibt abzuwarten, ob die Website hier früher oder später verboten wird. Der Wust an Informationen, der ungefiltert für jeden abrufbar ist, birgt einigen Sprengstoff. Wenn der Betreiber des Portals den Stadtplan bald auch noch auf die neue Google Street View umstellen sollten, könnte man sich vielleicht sogar selbst davon überzeugen, wie die vermeintlich “assigen Nachbarn” herumlaufen. Google hat zwar angekündigt, Gesichter von Personen auf den fotografierten Straßen unkenntlich zu machen, aber Kleidungsstile – und damit bestimmte Tendenzen – dürften erkennbar sein.

Zorn, Ärger und dann auch noch gerecht..

Kolumnisten haben es nicht leicht, besonders dann nicht, wenn die Kolumne “Mein Ärger” heißt, täglich erscheint und gerade nicht viel passiert in der Stadt. Gunnar Schupelius, Chef-Reporter der B.Z., empört sich in seinem letzten Beitrag über die seit nunmehr fast zwei Jahren geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen – auf 65 Kilometern des 1.540 km langen Hauptstraßennetzes darf nachts nur Tempo 30 gefahren werden. Mit 25 Stundenkilometern im Taxi über menschenleere Straßen in Richtung Wilmersdorf zu tuckern sei eine Zumutung, das Lärmschutz-Argument völlig aus der Luft gegriffen, meint Schupelius.

Mag ja sein, dass Wilmersdorfer Witwen einen guten Schlaf haben. Wer aber mit über 50 Km/h durch einige Ecken von Kreuzberg oder Friedrichshain düst, dem kleben wenig später entweder jugendliche Halbstarke an der Stoßstange, die es ihm beweisen wollen – auf dem Kottbusser Damm finden nachts zum Beispiel nicht selten Autorennen statt. Oder er läuft Gefahr, mit leicht angetrunkenen Radfahrern ohne Licht zusammen zu stoßen, was letztlich auch wieder einen Zeitverlust bedeutet. Warum also nicht gleich die S-Bahn nehmen? Wäre sicherlich auch der ideale Ort, Stoff für die nächste Kolumne zu finden.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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