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Monatsarchiv für Juli 2008

Berlin brutal #11: Prekär in bester Gesellschaft

Nein, das Prekariat beschwert sich nicht. Als ich heute über eine Studie stolperte, nach der jeder vierte Berliner Geringverdiener ist und mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen muss, fielen mir prompt ein paar Leute ein. Im Callcenter arbeitet keiner von ihnen, so viel vorweg, und auch nicht im Biergarten.

Es sind Selbstständige ohne Krankenversicherung, die auf den langfristigen Erfolg des eigenen Ladens hoffen und das Jobcenter noch nie von innen gesehen haben. Und Jung-Akademiker, die auf Honorar-Basis für Ministerien oder Verbände arbeiten, darauf angewiesen, dass ihnen die Eltern noch die Krankenversicherungsbeiträge sponsern. Es könnte sich ja auszahlen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, auch wenn man klein anfängt – zum Beispiel als Schwangerschaftsvertretung in der Materialausgabe eines privaten Fernsehsenders. Oder verantwortungsvoller: Als Fundraiser und PR-Referent für ein internationales Orchester-Projekt, das aber leider nicht mal über die Mittel verfügt, eine Aufwandsentschädigung für die entstandenen Telefonkosten zu zahlen.

It could be worse, natürlich. Etwa bis Mitternacht bei Kaiser’s an der Kasse stehen zu müssen, oder mit Hartz IV zum Nichtstun verdammt zu sein. Da bildet man sich doch lieber weiter oder promoviert mit Hilfe eines Stipendiums und hat zumindest die Bibliothek als Anlaufstelle, statt den ganzen Tag vor dem heimischen Computer Stellenbörsen zu durchforsten. Fragt sich nur, wie lange man das durchhält. Als wir kürzlich einem Freund zu seiner ersten festen Stelle gratulieren konnten, feierte er seinen 31.Geburtstag. Bis zur Rente mit 67 sind es noch 36 Jahre, das Studium hatte er mit 27 beendet. Nun gibt es natürlich Leute, die so dümmlich sind, Modedesign oder Ethnologie zu studieren, statt Maschinenbau. Kein Wunder. Oder andere, die um jeden Preis in Berlin bleiben wollen, obwohl es in Bonn oder Stuttgart kaum Arbeitslose gibt.

Aber einer Sache können sie sich gewiss sein: Sie befinden sich in Berlin in bester Gesellschaft.

Mediaspree: Wo die Grenze zwischen oben und unten verläuft

Wenn Grenzen fallen, geht uns ein Licht auf. Weil Menschen auf der Mauer tanzen oder weil man einfach so nach Polen kommt. Wenn Grenzen dagegen so sang- und klanglos verlaufen, wie sich Farben auf einem wässrigen Aquarell vermischen, bleibt die Veränderung meistens unbemerkt. Obwohl die Folgen auf lange Sicht genauso einschneidend sind.

In Berlin sieht man das besonders gut an dem berühmten Hausprojekt Köpi in Mitte. An dessen Brandwand prangte die hehre Weisheit “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten”. Der Spruch an der Trutzburg hielt solange, bis die Bagger kamen – auf dem Foto sind sie schon zu sehen – und einen neuen Betonbau hochzogen.

Damit die Botschaft an die Völker der Welt nicht verhallt, hat jemand nachgebessert – am Gewerbehof nebenan. Der anonyme Sprayer ist allerdings nicht weit gekommen – er hat bei “verläuf…” das Weite gesucht. Dass er damit trotzdem sagt, was am Spreeufer von Kreuzberg und Friedrichshain vor sich geht, ist ihm nicht aufgefallen.

Willkommen in der Grauzone, in der es vorläufig weder einen Kiez der Reichen noch Armutsquartiere gibt. Wo die Alteingesessenen sozusagen bei 30 Grad gewaschen werden, bis sie die Miete nicht mehr aufbringen können und wegziehen. Und damit unfreiwillig eine neue Grenze errichten.

Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

Update 01.08.2008: Der oder die Sprayer lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und sind jetzt dreieinhalb Worte weiter gekommen, wie auf dem Foto zu erkennen ist.

Update 15.08.2008: Es ist vollbracht, der Spruch ist tatsächlich fertiggestellt worden, wie mir ein Leser schrieb. “Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen Dir und mir”, heißt es jetzt.

Wasserschlacht: Kreuzberg wie immer vernichtend geschlagen!

12:34 Uhr: Nach drei Jahren Pause ist die Schlacht mit faulem Obst und Gemüse zwischen Kreuzberg und Friedrichshain wieder im vollen Gange. Seht selbst!

Update: “Steigen die etwa nachher alle in die U-Bahn?” Diese Frage kann nur stellen, wer sich außerhalb der Wurfweite von faulen Tomaten platziert hat. Dieses Event ist für die meisten Berliner skurril, irgendwas zwischen Kindergeburtstag und Straßenschlacht – jedenfalls ein bisschen igitt. Trotzdem macht es den Teilnehmern auch nach einer Pause von zwei Jahren einen Riesenspaß, ihr Gegenüber mit Schaumstoffschlägern und gammligen Obst oder Gemüse anzugreifen. Obwohl kaum für die Wasserschlacht geworben wurde, ist die Brücke voller Menschen und Munition reichlich vorhanden.

Die Kreuzberger werden dabei wieder einmal von den Friedrichshainer Kämpfern in ihren Kiez zurückgedrängt. Die “Horden aus dem Osten” müssen allerdings um jeden Meter kämpfen.

Neukölln ist ok. Aber kann man dort hinziehen?

Ich weiß nicht, zu welchem Schluss der Leser gekommen ist, der zufällig über die Google-Schlagwortsuche  “Kann man da hinziehen Neukölln” auf diesem Weblog gelandet ist und über 20 Seiten aufgerufen hat. Aber um es kurz zu machen – man kann in einigen Ecken ganz gut wohnen.

Vor zwei drei Jahren hätten die meisten wahrscheinlich noch vehement widersprochen. Neukölln galt für viele als Verlegenheitslösung, die in Kreuzberg keine Wohnung finden konnten. Mittlerweile gibt es aber – sehr zur Freude der Immobilienmakler – einen regelrechten Kreuzkölln-Hype. Es scheint aufwärts zu gehen mit dem Neuköllner Norden, was man vom Rest des Bezirks nicht gerade behaupten kann.

So überrascht es nicht, dass die ersten Gentrifizierungs-Skeptiker orakeln, die schleichende “Yuppiesierung” des Reuterkiezes stehe kurz bevor. Das Interessante dabei: Verantwortlich dafür machen die selbsternannten Sprecher des prekären Neuköllns “Latte Macchiato schlürfende Designerinnen aus der Schlesischen Straße in Kreuzberg.” Die schielten bereits nach Nord-Neukölln, um dort Boutiquen zu eröffnen.

Bei aller Paranoia: Akademiker-Familien mit Schulkindern werden so schnell nicht nach Neukölln ziehen. Zu desolat klingen die Meldungen über die Zustände an Neuköllner Schulen und über abgehängte Schüler, die kaum etwas zu erwarten haben. Aber vielleicht entwickelt sich der Nord-Neukölln ja zu einer neuen Hochburg für Singles mit hohen Ansprüchen, die lieber auf 80 Quadratmetern wohnen als zum gleichen Preis in Prenzlauer Berg auf 60 Quadratmetern. Nette Kneipen gibt es ja inzwischen genug und Leute, die sich mit dem Kiez identifizieren auch.

Foto: chaosinjune

Total temporär: Um den Schlossplatz wird bald wieder gekämpft

“Humboldt-Forum nach Klein-Machnow, Kunsthalle bleibt!” Die Bauarbeiter am Schlossplatz staunen, Touristen zücken ihre Digicams. Wir schreiben den 5. Januar 2010.  Selbsternannte Kunsthallen-Retter sind unbemerkt über die Absperrgitter geklettert und haben den White Cube mit Transparenten verhüllt. Ein paar Meter weiter warten die Bagger und an der Info-Box in der Nähe kann eine Gruppe von Schloss-Freunden den Abriss kaum erwarten.

So könnte die nächste Runde im Kampf um den Schlossplatz aussehen. Sie verliefe kaum anders als die letzte, an deren Ende wir jetzt stehen. Weg mit dem Palast der Republik, her mit einer Zwischenlösung. Bei politischen Zeitenwenden kracht es: Kaiserreich gegen Sozialismus, ein Schloss stürzt ein. Die Berliner Republik sucht sich selbst – der Volkspalast verschwindet. Man kann nur hoffen, dass es dieser Platz bald zu einer Form bringt, die vielen Interessen gerecht wird. Das kann auch der Weihnachtsmarkt sein, der hier nicht mehr stattfinden wird, die Camper oder der Fuchs aus der Palast-Ruine.

Fotostrecke: Bauen Sie den Palast wieder auf! Klick für Klick, Geschichte wird gemacht…

Hallo Obama, hier können Sie Ihre Berliner Rede halten!

Vergesst die Rede, was zählt ist er: Barack Obama macht am Donnerstag Station in Berlin und ganz Europa schaut neidisch auf diese Stadt. Wer glaubt, der US-Demokrat würde hier etwas anderes als sein “Time for a change”-Mantra herunterbeten, wird enttäuscht sein: Obama ist im Wahlkampf und produziert Phrasen für daheim. Doch auch für die Berliner wird dabei etwas abfallen – ein aufmunternder Klaps: “Yes we can”, Zusammenarbeit, Freundschaft.

Trotzdem läuft was schief: Da kommt einer her, der hat das Zeug zu einem veritablen Messias, einer der sagt: “Ich mach so vieles anders”. Und einer, der sich dann doch an die Siegessäule mit Blick aufs Brandenburger Tor stellt wie all die anderen gefakten Heilsbringer. Staatsmänner, Feldherren und Loveparade-Macher sind magisch angezogen von der konstruierten Wucht großartiger Plätze.

Das ist schade. Man möchte Obama zurufen: Nutzen Sie Ihre Chance, jetzt wo alle noch von Ihnen begeistert sind. Gehen Sie durch Kreuzberg, sprechen Sie zum Beispiel mit den Jugendlichen vor der Naunynritze. Das ist sicher nicht einfach, schließlich hat der Amerikaner keine Jobs im Handgepäck, aber mit Sozialarbeit kennt er sich aus. In jungen Jahren hat er drei Jahre lang als “community organizer” in Chicagos Armenvierteln gewirkt. “I grew up to be a man, right here”, sagt der Beinahe-Präsident des mächtigsten Landes der Welt. Ob er dort im Wahlkampf nochmal vorbeischaut?

Liebe Leser: Was sollte sich Obama von Berlin anschauen außer dem Brandenburger Tor? Mit wem sollte er noch sprechen außer Angela Merkel oder Wowereit? Antwortet mit einem Kommentar!

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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