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Archiv für das 'Wohnen'-tag

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Arm, gebildet und dreist

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Unser Briefkasten ist neuerdings ein Selbstbedienungsladen, das nervt. Irgendein mittelloser Student oder fußfauler Sportfan verstopft nachts den Briefkasten mit Reklame und kann so bequem unsere Zeitung aus dem Kasten ziehen. Zugegeben: Beim ersten Mal habe ich einen Anzeigenblatt-Boten verdächtigt. Dachte, der Aufkleber “Keine Werbung” sei schlichtweg ignoriert worden. Heute steckte aber nur in unserem Briefkasten ein dicker Gartenkatalog – die Sache scheint damit klar zu sein.

Was tun? Zweimal den Wecker stellen, einmal um halb vier, um Anzeigenblätter zu entfernen, einmal um fünf, um die Süddeutsche zu retten? I am not amused. Wohne übrigens inzwischen in Friedrichshain. Neuköllner Nachbarn waren nicht an der Zeitung interessiert.

Fotos aus Friedrichshain

Keine Kontrollfreaks in Neukölln

Foto: Anne Grieger

Pallettenweise hatte Familie B. aus dem Vorderhaus Katzenfutter nach Hause geschleppt, immer wieder. Sie horteten das Zeug offenbar, wenn es gerade günstig war. Dann verabschiedete sich das Tier, starb. Die Futterkonserven landeten im Hof – “für die Nachbarn”. Es folgten der Katzen-Baum, ein angenagter Sisal-Teppich. Jemand anderes stellte einen alten Kühlschrank dazu, der aussah, als hätte er jahrelang kein Putzmittel gesehen.

Die Hausverwaltung ließ mitteilen, die Kosten für das Reinigungsunternehmen würden auf alle Mieter umgelegt. “Das sieht doch noch harmlos aus”, meinte ein Freund, der in Freiburg ganz andere Erfahrungen gemacht hatte. In seinem Haus hätten Kontrollfreaks gewohnt, das sei schlimmer gewesen. “Die haben gelbe Tonnen durchwühlt, sobald jemand versehentlich Altpapier in den Recycling-Müll geworfen hat.” Der “Täter” wäre dann – sofern irgendwie identifizierbar – bei der Hausverwaltung angezeigt worden.

Irgend etwas dazwischen wäre schon gut.

Ostbalkon mit Knastblick

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Wer die Wohnungsanzeigen der einschlägigen Internet-Portale durchklickt, reibt sich mitunter verdutzt die Augen. Je gängiger es geworden ist, Bilder mit hochzuladen, desto skurriler muten die Angebote an. Die obige Aufnahme zeigt einen Balkon in Prenzlauer Berg.

Gefunden bei einem der großen Immoblien-Anbieter, das Alleinstellungsmerkmal lautet “Schönhauser Arkaden gleich um die Ecke”. “Schöner Wohnen mit Knastblick” wäre wohl eine treffendere Überschrift gewesen. Nun ersparen einem diese halbwegs ehrlichen Anzeigen bekanntlich Wege. Wenn Makler Exposés ohne Bilder ins Netz stellen, ist das in Zeiten des Web2.0 schon verdächtig. Auch ein Blick auf Google Maps hilft, um herauszufinden, ob Wohnung Nord-Ausrichtung hat oder zu einem engen dunklen Hof raus gelegen ist.

Wohnungen, die als “ruhig” und “gut angebunden” angepriesen werden, sind meist Schrott. Ebenso solche mit “großem Wannenbad”. Vorläufige Bilanz: Nach gut drei Monaten der Suche, Hunderten von unbefriedigenden Angeboten und gerade einmal drei besichtigten Wohnungen denke ich gern an meine frühere helle Wohnung auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms zurück. Die hatte abgesehen von komischen Nachbarn nur einen Haken: eine Ofenheizung. Ansonsten aber stimmte die Beschreibung – Szene-Kiez, super zentral, viele Kneipen und Landwehrkanal in der Nähe.

Schlaflos am Bersarinplatz

Palmwedel am Bersarinplatz - Foto: Anne Grieger

In der Bezirksverwaltung von Friedrichshain sitzen offenbar Leute, die mitdenken. Und für gute Ideen zu haben sind. Am Bersarinplatz, einer der befahrensten Plätze im Bezirk, wurden vor einiger Zeit Palmwedel und andere exotische Gräser gepflanzt. Ein wenig Grün zwischen all den spätsozialistischen Plattenbauten des Typs WBS 70. Abgas- und hitzeresistente Pflanzen, die nicht gleich eingehen und wahrscheinlich billiger sind, als die sonst gängige Friedhofsbepflanzung.

Das Konzept klingt gut, doch den Anwohner ist es offenbar gleichgültig. Menschen sieht man auf der Insel inmitten des Kreisverkehrs selten, und wenn, dann mit Hund. Zweimal die Woche müsse die Fläche von Hundekot befreit werden, schreibt der Landschaftsplaner Marc-Rajan Köppler, der das Projekt 2006 initiiert hat und ehrenamtlich weiterführt. Auch Stauden werden wahllos rausgerupft.

Das hätte wohl den Namensgeber des Platzes, Nicolai Bersarin, ganz schön in Rage versetzt. Der erste sowjetische Stadtkommandant soll 1945 innerhalb weniger Tage zackig die öffentliche Ordnung und Grundversorgung der Bevölkerung wiederhergestellt haben. Auch wenn er nicht genug gegen vergewaltigende Rotarmisten getan hat, wurde ihm dafür Jahre später von der DDR posthum die Ehrenbürgerschaft verliehen (und dann 1992 von der BRD gleich wieder entzogen).

Ein Besuch des Bersarinplatzes lohnt sich vor allem nachts. Dann ist alles dunkel und ruhig und der Platz erstrahlt in einem schaurig-grellen Licht. Einem Licht aus Neonröhren, mit denen die neue Eigentümerin des Plattenbaukomplexes jedes Dach anstrahlt – das dürfte den Anwohnern so manche schlaflose Nacht bereiten.

Bersarinplatz bei Nacht - Foto: Henning Onken

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Berlin brutal #6: Eine Warschauerin im Berlin-Flash

Foto: Anne Grieger

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die erst mit der notwendigen Distanz ins Auge fallen: “Wie in einer anderen Welt” fühlte sich Agata T, noch keine Stunde zurück in Berlin. Das selbstgepinselte Schild, mit dem ein Unbekannter für die kostenlose Annahme alten Elektroschrotts wirbt – in Warschau undenkbar. “Komische Abkürzungen” wie “Vokü” (Volksküche) sind eher selten.

Und so trat unweigerlich das nostalgische Delirium ein, das viele fürchten, die die Stadt endgültig verlassen haben: Zurück zu wollen nach Berlin mit seinen großzügigen, verhältnismäßig günstigen Altbauwohnungen, schrägen Nachbarn, die nicht grüßen, aber heimlich abends ihre Hunde in den Hof machen lassen. Selbst der Waschsalon um die Ecke, in dem es immer nach Zigaretten roch, hat plötzlich seinen Charme.

Agata T. wird trotz eines Jobangebots von einer politischen Stiftung nicht in Berlin bleiben. Sie wird ihr Diplomzeugnis abholen und schnell in den Zug nach Warschau steigen. Und dort in Seminaren an der Universität Studenten für einen Auslandsaufenthalt im Nachbarland begeistern…

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Depri in Neukölln

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Dieser Dauerregen, diese traurigen Gestalten in den Straßen. Die depressive Grundstimmung in Neukölln sei ansteckend, meint Nina, deshalb sei sie weggezogen aus der Weserstraße. Das war vor etwa einem Jahr, seitdem hat sich dort einiges getan. An allen Ecken eröffnen Cafés und kleine Läden, “Kreuzkölln” scheint sich räumlich auszudehnen: Auch jenseits der Reuterstraße trifft man neben besagten traurigen Gestalten immer mehr Studenten und Kreative. Das ist die gute Nachricht, da sich diese Entwicklung positiv auf das Wohlfühlgefühl im Kiez auswirken könnte. Die (wenig überraschende) schlechte Nachricht: Die Mieten werden teurer. Selbst ein WG-Zimmer in einem dürftig sanierten Altbau neben der Rütli-Schule kostet inzwischen fast 300 Euro und Hausbesitzer erhalten bereits Kaufanfragen von Investoren.

Weiter “oben”, im Schillerkiez, kann trotz zwei drei passabler Kneipen von einer nennenswerten Aufwertung bzw. schleichenden Gentrifizierung bislang keine Rede sein. Zwar stehen auch dort in letzter Zeit weniger Ladenlokale leer, neue Mieter sind jedoch vor allem private Arbeitsvermittlungen oder Betreiber von Internetcafés. Die Euro-Jobber, die bei diesen Jobvermittlungen angestellt sind, unterscheiden sich äußerlich wenig von den privaten Sicherheitsleuten, die vor der Grundschule in der Schillerpromenade patroullieren. In türkisfarbenem Einheitsdress befreien sie den parkähnlichen Grünstreifen von Schnapsflaschen und Hundemist – nicht gerade der Traumjob…

Fotostrecke: Streifzüge durch Berlin

Weblog: Kreuzkölln alias Reuterkiez von Philip

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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