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Monatsarchiv für November 2007

Hilfe, die Hanfplantage brennt!

Hanfplantage - Foto: name.invalidEs lag wohl an der Zeitschaltuhr, doch wie die kleine Plantage in seinem Kleiderschrank Feuer fing, weiß Mark* nicht genau. Die Uhr kontrollierte den Rhythmus zwischen Licht und Dunkelheit für zwölf Pflanzen, die unter einer Flutlichtlampe gedeihen sollten. “Doch irgendwann hat sie nicht mehr ‘Klick’ gemacht”, erzählt der schlaksige Mann im Parka traurig.

Was tun, wenn’s brennt? Mark war nicht da. Einer der Nachbarn hat die Feuerwehr gerufen und seitdem heißt Mark bei Frau Menke*, einer Rentnerin aus dem dritten Stock, nur noch “Herr Hobbygärtner”. Und Post vom Polizeipräsidenten ist auch da.

“Ein Wunder, dass der Ärger nicht schon früher begonnen hat”, seufzt Mark. Es roch einfach überall: Im unsanierten Hinterhof seiner Schöneberger Wohnung, im Treppenhaus. Und wenn er Freunde zu einem Kuchen mit Graspflanzen einlud, schlug den Besuchern an der Tür ein starker Geruch entgegen: Kenner hätten wohl die holländischen Züchtungen erschnüffelt.

Immer mehr Berliner gehen Marks illegalem Hobby nach und bauen Hanf an. Drogenfahnder stellten im letzten Jahr 24.000 Hanfplanzen sicher, das waren mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. In “Growshops” decken sich Hanfgärtner mit Zubehör ein. Wenn es stimmt, was kürzlich in einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu lesen war, hat sich dieser Trend jedoch umgedreht: Das Kiffen kickt nicht mehr.

Foto: name.invalid

* Name geändert

Hanfmuseum Berlin, Mühlendamm 5, 10178 Berlin

Berliner Plätze (1): So leben Hauptstädter auf dem Wasser


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Berliner leben freiwillig in renovierten Gefängnissen, ziehen gemeinsam eine Abriss-Kita oder wohnen alleine in einem 13-stöckigen Hochhaus, vor dem die Bagger warten. Kurz gesagt: Auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf nutzen viele Hauptstädter geschickt die Lücken, die sich im Stadtgebiet auftun.

Und trotz hohen Leerstands entstehen unbewohnte Nischen nicht nur zu Lande: Am schmalen Arm vor der Tiergartenschleuse zieht sich eine schmale Linie aus Hausbooten am Ufer entlang. Keines sieht aus wie das andere, einige haben in einem früheren Leben als Lastkähne gedient, Brandenburger Kies durch die Kanäle in die Hauptstadt geschippert. Jetzt sind sie liebevoll verkleidet und mit Holzaufbauten wohnlich gemacht worden. Manche haben kein Bug, sie schaukeln wie Bauklötze auf dem Wasser. Erstaunlich, wie einige dieser Gefährte hierher geraten sind.

Die Straße des 17. Juni ist kaum 20 Meter entfernt und auf der anderen Seite des Wassers ist der Zoo mit Eisbär Knut nicht fern. Dennoch herrscht hier jenes Maß an Ruhe, das sich Hausbootbewohner wünschen, die Touristendampfer ziehen anderswo vorbei. Pächter der Liegeplätze können sogar auf Strom, Trinkwasser und Festnetz zurückgreifen.

Doch wie bei fast allen Behausungen in Berlin liegen auch zwischen Hausboot-Siedlungen Unterschiede, die Welten ausmachen: Für je eine Viertelmillion Euro werden in der Rummelsburger Bucht am östlichen Rand von Friedrichshain acht so genannte Floating Lofts am Ufer verankert. Die Sehnsucht nach einem Platz im Wasser ist schichtenübergreifend. Kommt jetzt ein Bauboom auf Flüssen und Seen? In Hamburg scheint dieser Prozess schon in Gang zu sein.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Vom Wohnraum zum Investorentraum

Neue Bahnhofstraße am Ostkreuz - Fotos: Christian Hetey und Henning Onken

Hier blieb ich neulich stehen. Da war doch was mit diesem Haus in der Neuen Bahnhofstraße. Steine fliegen, Wasserwerfer, Blaulicht und die Hausbesetzer – zumindest in meiner Phantasie. Doch die trügt, denn die Transparente, die hier einst aus den Fenstern hingen, waren nur Staffage für den Film “Was tun wenn´s brennt” mit Til Schweiger. “Eat the rich!”, stand dort zu lesen “Instandbesetzt” und “Kein Abriss unter dieser Nummer”.

Abgerissen wurde dieses Haus dann auch nicht, sondern teuer renoviert, wie auf diesen beiden Bildern von ca. 2000 und 2007 zu sehen ist. Heute ist hier ein schniekes Youth-Hostel, das internationale Gäste in den Kiez um das Ostkreuz ziehen will. Einige hundert Meter weiter befindet sich ein weiteres internationales Gästehaus, dessen Besucher natürlich nicht unbedingt zum Einkaufen und Party machen nicht den Bezirk wechseln wollen. Seitdem klar ist, dass der Bahnhof Ostkreuz für eine Dauer von zehn Jahren saniert wird und zu einer neuen Drehscheibe im Osten der Hauptstadt werden kann, landet hier ziemlich viel Geld. Das fällt auf, nicht nur an diesem Haus.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Berliner Hinterhöfe: Anarchie vorm Treppenhaus

Hinterhof in der Lenbachstraße in Berlin Friedrichshain - Foto: Henning Onken
Gehen Sie da mal runter, dahinter sieht’s aus wie im Zuchthaus!”, sagte er und zeigte auf eine modrige Treppe. Mein Hausmeister hatte Recht, dieser kleine nur über einen Keller erreichbare Hof in Friedrichshain war wirklich grauenvoll: Es kam mir vor als sei ich in den lichtlosen Schlund eines tiefen Brunnens gefallen. Ob dieser kleine hagere Hausmeister mit den dunklen Augenhöhlen diesen Zuchthaus-Vergleich aus eigener Anschauung gezogen hatte, also schon selbst ein paar Jahre lang auf 20 Quadratmetern im Kreis gegangen war? Jedenfalls war ich froh, dieser beklemmenden Atmosphäre zu entkommen.

Warum sollte ich also über Hinterhöfe schreiben? Über von Hausmüll vergoren riechende Luft, über Haufen von Fahrradleichen, durch die sich verstohlen eine Katze schlängelt. Oder über durchsanierte Plätze, die – fügsame Bewohner vorausgesetzt – über Jahre so akkurat jeder Spur von Leben trotzten, als seien die Architekten erst gestern am Werk gewesen. Wozu also Worte verlieren über diese Orte der Langeweile? Über den Schmutz, und Gestank, den Verfall?

Trotzdem, an solchen Orten habe ich die besten Teile meiner Wohnungseinrichtung gefunden. Die Staffelei, das Regal oder den alten Lehnstuhl, der zugegeben, lange ziemlich modrig gerochen hat. Einmal kam ein Freund mit einem Fernseher an, der unten wochenlang im Regen gestanden hatte. Es zischte und stank, als er das Ding einsteckte, aber nach ein paar Tagen war tatsächlich ein Bild da.

Hin und wieder habe ich zu meiner Freude Dinge bei Nachbarn wiedergefunden, die ich im Hof “zwischengelagert” hatte. Höfe funktionieren manchmal wie Umsonstläden und solange niemand abgeschlossene Fahrräder knackt oder dort klammheimlich alte Futons entsorgt, blüht der Kieztausch. Und der kennt außer der um Ordnung besorgten Hausverwaltung nur Gewinner.

Lebensraum Hof ist verschwunden

Früher muss die Welt der großstädtischen Höfe übrigens mal ganz anders ausgesehen haben. Das fällt mir bei Filmen aus den 20er Jahren ein, “der letzte Mann” von Friedrich Wilhelm Murnau (1924) oder etwa Fritz Langs “M” (1931). Der alternde Hotelportier im “letzten Mann” schreitet auf dem Heimweg in seiner stolzen Uniform durch mehrere Hinterhöfe, die alle jeweils wie ein eigener Kosmos wirken. Es gibt dort spielende Kinder, kleine Geschäfte und immer wieder Menschen, denen man jeden Tag begegnet.

Painting Streetart in einem Hof in der Kastanienallee in Berlin Prenzlauer Berg - Foto: Henning Onken

Heute sind die meisten dieser Blöcke längst entkernt, begrünt oder abgerissen. Einige davon lassen sich noch entdecken, wenn man in Prenzlauer Berg auf Verdacht an einer Haustür ruckelt. Aber die Lebenswelt Hof ist verschwunden. Heute haben wir zum Einkaufen Lidl und Co, die Kinder einen Spielplatz und die lebenslustige Großstadtbagage lässt sich lieber in Cafés blicken. Nur in der DDR hatten einige Traditionen der “alten Zeit” länger überlebt. So etwa das Hoffest mit den Nachbarn, das es hin und wieder auch heute noch gibt. Also, runter vom Reißbrett und “Take on me”, Hinterhof! Es lebe die Anarchie vor meinem Treppenhaus!

Fotostrecke: Berliner Hinterhöfe

Insekteum in Neukölln: Prekäres Paradies

Nichts für Zimperliche: Präparierte Käfer, Käfer aus Pappmaché, Biene-Maja-Audiokassetten. In einem Ladenlokal im Neuköllner Reuter-Kiez hat sich Inox Kapell eingerichtet, der seit seiner Kindheit ein Faible für alles Krabbelnde hat. Insekteum hat er seinen Laden mit Retro-Trödel genannt, in dem er neben präparierten Insekten und eigenen kleinen Kunstwerken von Plattenspielern, Damensonnenbrillen bis hin zu alten Schuhen alles verkauft, was er in den letzten Jahren angesammelt hat. “Alles muss raus”, sagt ein junger Mann mit langem Zopf, der etwas träge auf einem alten Dreisitzer sitzt und den Ladenbetreiber vertritt. Aus dem Kellerraum, in dem mehrmals monatlich performances – “happenings mit musikschrillschoh” – stattfinden, schallt diesmal “The Velvet Underground”. Das Insekteum ist wie viele der neuen Läden und Galerien im Reuter-Kiez kein Projekt von Dauer. Wenn der Vermieter einen zahlungskräftigeren Nutzer für die etwas heruntergewirtschaftete Wohnung findet, muss das schräge Käferreich kurzfristig aufgelöst werden. ‘Insekteum in Neukölln: Prekäres Paradies’ weiterlesen

Misstrauen im Asia-Markt

Dong Xuan Center. Foto: Anne Grieger

Im Dong-Xuan-Großhandelscenter, Berlins größtem Asia-Markt, hängt ein Geruch von Textilfarbe, Plastik und Bratfett in der Luft, ein eigentümliches Gemisch, das eher nicht zum ausgiebigem Bummel einlädt. Auf dem alten Industriegelände in Lichtenberg bieten über 170 Händler Textilien, Lederwaren, Spielzeug und Lebensmittel an.

Schnäppchenjäger kommen und gehen, viele sind es an diesem tristen Montag nachmittag nicht. Vor allem Frauen mit erwachsenen Töchtern zwängen sich an Plastikpflanzen durch schmale Gänge, auf der Suche nach Winterjacken, Handtaschen oder was auch immer. Die Vorweihnachtszeit hat längst begonnen, wie man unschwer an dem vielen blinkenden Fensterschmuck erkennen kann.

Ein bulliger blonder Mann versucht seine Begleiterin zu einem Termin in einem der Nagelstudios im Center zu überreden, doch diese lehnt ab. “American Nails” seien in, sagt sie, alles andere sei Pfusch.

foto_anne-grieger.jpg

So alltäglich das alles wirkt: Vor wenigen Tagen herrschte hier noch großer Aufruhr. Eine angrenzende Lagerhalle war völlig ausgebrannt, nicht der erste Brand in diesem Jahr. “Die Angst vor dem Feuerteufel”, titelte Marina Mai in der taz und beschreibt in ihrem Artikel eine rivalisierende vietnamesische Händlerszene, die im Verdacht steht, im Zweifelsfall auch mal der Konkurrenz Brandsätze in den Laden zu werfen.

Kaum verwunderlich, dass viele Großhändler auf ihren gebleichten Jeans, Polyamid-Socken und sprechenden Tannenbäumen sitzen bleiben. Wer kann, scheint den Markt zu meiden.

Adresse: Herzbergstraße 128-139, Industriehof an der Nordseite, Lichtenberg

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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