Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Monatsarchiv für November 2007

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Die größte Baustelle Berlins…

Schlossplatz in Berlin-Mitte - Foto: Henning Onken

… ist wohl der Flughafen Schönefeld, aber der zählt eigentlich schon zu Brandenburg. Im Zentrum hat die Baustelle am Schlossplatz mit dem Aufbau des Weihnachtsrummels beträchtlich an Fläche zugelegt. Vom 26. November an können sich dort Besucher von einem “Freifallturm” stürzen und Glühwein trinken – einen ganzen Monat lang. Der Spaß findet vor der Kulisse eines Schrottplatzes statt, anders kann man die eingezäunte Palast-Ruine leider nicht mehr nennen.

Im nächsten Jahr dürfte durch den Bau der temporären Kunsthalle “White Cube” Schluss sein mit dem Fahrgeschäften und Buden. Dann werden Besucher einige Ecken weiter ziehen, etwa auf den “Premium-Weihnachtsmarkt” am Gendarmenmarkt. Dort muss allerdings Eintritt gezahlt werden.

Fotostrecke: Vom Palast zur Grünen Wiese

Zerstörungswut bei Fahrrädern: Hass auf die Bahn?

Zerstörtes Leihfarrad der Deutschen Bahn - Foto: Henning Onken

Auf einem unbebauten Gelände an der Rigaer Straße in Friedrichshain liegt das silbergraue Skelett eines Bahnrads. Bei näherem Hinsehen erinnert es an den Konzern selbst – zerfleddert und nicht funktionstüchtig. Die Ursache für das vorzeitige Ende dieses Leihfahrrads hat aber wohl wenig mit den ständigen Showdowns zwischen Bahnchef Mehdorn und dem Sprecher der Lokführergewerkschaft GDL zu tun.

Bereits im Frühjahr zeigte sich, wie schnell Bahnräder zu Fahrradleichen werden können, wenn sie an falschen Ecken abgestellt werden. Von sieben Exemplaren an einer Friedrichshainer Kreuzung waren am nächsten Morgen zwar noch alle da, jedoch umgestürzt und deutlich an Teilen reduziert. Immer wieder müssen Mitarbeiter des Bahntochter-Unternehmens Call-a-Bike ihre Zweiräder aus der Spree fischen.

Auch bei brennenden Autos, die in diesem Jahr offenbar zum kriminellen Grundrauschen Berlins gehören, sind Fahrzeuge der Bahn Anschlagsziele – zuletzt vor einer Woche in Tiergarten. Hinter diesen Taten wird oft die Wut von Linksextremen vermutet. Ein radikaler Protest gegen Atomtransporte, Privatisierung, Preiserhöhungen, Steckenstilllegungen – die ganze “neoliberale Agenda” eben.

Was aber die Räder angeht, so werden viele der silberrroten Flitzer wahrscheinlich einfach Opfer der Berliner Verhältnisse. Man kann ein Rad leider nach Einbruch der Dunkelheit in vielen Gegenden nicht mehr draußen stehen lassen. Auch kein Bahnrad.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Eine Sendung für neun Euro – danke Post!

In der Post-Zweigstelle an der Frankfurter Allee, einem kleinen Raum in einem Stalin-Bau, arbeitet ein Typ mit gepflegtem Pferdeschwanz, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Leider fast allein. “Nicht klagen – kämpfen” steht auf seinem T-Shirt. Gekämpft habe ich um meine Fassung, denn die Post stiehlt Lebenszeit. Wirklich. Nach 30 Minuten bin ich an der Reihe.

Hätte ich die Wahl, würde ich zu einem Konkurrenten überlaufen. Nichts gegen gut gelaunte, gelassene Angestellte. Wenn aber ein paar Häuser weiter eine privater Postdienst die gleichen Sendungen 20, 30 Cent teurer befördern würde, wäre das für eine kurze Wartezeit ein guter Deal.

In der halben Stunde, in der die agile alte Dame in der Schlange vor mir ihren neuen Hackenporsche vorführt, hätte ich arbeiten können. Ich wäre 7,50 Euro reicher gewesen. Die Sendung hat also effektiv nicht 1,45, sondern fast neun Euro gekostet. Wegen personeller Fehlkalkulationen eines Monopolisten, die wir vorerst hinnehmen müssen.

Ein Mindestlohn für die Branche ist überfällig, keine Frage. Eine angemessene Entlohnung muss nicht zwangsläufig zum Abbau von Arbeitsplätzen führen, auch wenn Postkonkurrenzunternehmen so argumentieren. Kunden wären sehr wohl bereit, mehr zu zahlen: Wenn der Service stimmt.

Kinderarbeit mitten in Mitte

S-Bahn fahren macht keinen Spaß mehr. Bei S-Bahnfahrten wird man mit Elend konfrontiert, dem man sich sonst gerne entzieht. So letztens in Mitte. Am Hauptbahnhof steigen zwei Jungen zu, die um diese Tageszeit definitiv in der Schule sein müssten. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Betteln. Der eine malträtiert eine alte Ziehharmonika, der andere läuft mit großen Augen hinter dem älteren Begleiter her. Die beiden sehen erschöpft aus.

Stumm wird der Hut herumgereicht, kaum jemand gibt etwas. Ob die Kinder Deutsch können? Wir werden es nicht erfahren. Die meisten Fahrgäste blicken angestrengt aus dem Fenster oder beschäftigen sich mit ihren Mobiltelefonen. Eine junge Frau, offenbar Studentin, kann ihren Zorn jedoch kaum verhehlen. “Kann ja wohl nicht sein, dass sich niemand für diese Kinder interessiert.” Dann murmelt sie noch etwas von Bildungschancen, auf die jeder in diesem elenden Land ein Recht habe, mit oder ohne deutschem Pass.

2,5 Millionen Kinder sind in Deutschland arm, so das Ergebnis einer Studie, die das Deutsche Kinderhilfswerk heute veröffentlicht hat. Jeder sechste Minderjährige also. Das Absurde: Während sich die Konjunktur inzwischen wieder erholt hat, wächst die Kinderarmut weiter. Es gehe nicht in erster Linie um Geld, sagte Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, im Deutschlandfunk. Es seien vor allem fehlende Bildungschancen, die die Gefahr einer wachsenden Gruppe verschärfen, gesellschaftlich weiter abgehängt zu werden. Von gesundheitlichen und psychosozialen Auswirkungen ganz zu schweigen.

Doch zurück zu den Kindern aus der S-Bahn. Für junge Europäer, die mit einem Touristenvisum einreisen, fühlt sich keine deutsche Schulbehörde zuständig und offenbar auch die Polizei und das Ordnungsamt nicht. Das Desinteresse für diese Sinti- und Roma-Kinder generell sei vor allem auf den Aufenthaltsstatus zurückzuführen, schreiben Autoren einer neueren Unicef-Studie. Sie hatten die Lage von Sinti- und Roma-Kindern in Deutschland untersucht. Vor dem Beitritt von Rumänien zur Europäischen Union wurden Angehörige dieser Gruppe vor allem als Flüchtlinge wahrgenommen, die nur “vorübergehend” geduldet wurden. In Berlin leben offenbar an die 600 Roma mit Flüchtlingsstatus.

Durch die Mitgliedschaft Rumäniens wird die Situation noch komplexer, da neben gut Integrierten (die öffentlich kaum wahrgenommen werden) und Flüchtlingen nun eine weitere Gruppe hinzukommt, die nur kurze Zeit bleibt. In der Hoffnung, Geld zu verdienen. Was also tun, um diesen Kindern dennoch ihr Recht auf Bildung nicht vorzuenthalten? Eine differenzierte Regelung auf europäischer Ebene muss her, soviel ist sicher. Bis die allerdings ausgehandelt ist, dürften die Kinder aus der S-Bahn schon mehrere Tausend Kilometer durch Berlin gekurvt sein, und viel Grundlegendes verpasst haben.

Von professionellem Musikunterricht können sie ohnehin nur träumen, egal wie groß ihr Talent auch sein mag. Welche engagierten Eltern in Prenzlauer Berg verzichten schon auf einen der heiß umkämpften Plätze für musikalische Früherziehung, zugunsten eines “vorübergehend” hier lebenden rumänischen Kindes? Vergeben Musikschulen eigentlich Stipendien?

Verloren zwischen Spielsucht und Schokolade

Foto: http://www.flickr.com/photos/dogfrog/

Er klaut tatsächlich Schokolade bei Lidl. Warum eigentlich? Und: Ist es das Einzige, was Danny-Boy isst? Ich fürchte ja. Dieser Typ mit Irokesenschnitt und Daunenjacke war in besseren Zeiten ein DJ, der alles gab für elektronische Musik. Das sah man an der Art wie er tanzte, aber auch in diesem irren Blick, der einen hineinzog in die ewig wummernde Beatbox. Er war ein Geist, der quasi bis zu den Nebelschwaden des Orion gereist war und Schönes mit zurück brachte. Lauter Schöne Dinge eben, die er mit anderen zu teilen wünschte.

Jetzt verbringt Danny-Boy die Nächte mit einem Online-Spiel, bei dem übernächtigte Menschen aus aller Welt fremde Planeten erobern und verteidigen müssen. “Sie zocken jede Nacht zusammen”, erzählte mir ein Bekannter, der dort hin und wieder mitspielt. Danny und seine Kumpels kämpfen im Team und manch einer von ihnen lässt dabei das raumzeitliche Kontinuum einfach im Hintergrund weiterrauschen. “Die Tante vom Soz’ nervt, da geh’ ich nicht mehr hin. Ich will nicht sein, was ich bin. Ich will, was ich erträume…”

Danny ist Teil einer Netzgesellschaft, die selbst Mitglieder in Peking hat. Die Spieler entdecken gemeinsame Interessen und lernen zusammen zu kämpfen. Klassenbewusstsein also? Unsinn, diese Menschen leben in einer fiktiven Welt. Zieht man den Stecker raus, ist sie hin. Das würde wahrscheinlich Dannys Mutter sagen.

Gibt es eigentlich einen einzig wahren selig machenden Datenkanal? Doch, die Frage ist berechtigt, schließlich leben wir in einer Welt, die uns jeden Tag ein Stück weiter vernetzt. Die uns irgendwann klickbar macht, wie Desktop-Icons, uns hineinzieht in eine andere Wirklichkeit – wie Dannys Beatbox-Blick aus besseren Tagen?

Ich kann nur eines mit Bestimmtheit sagen: Danny-Boy sah müde aus, sogar sein Hund sah müde aus. Fremd wie ein Fremder in einem fremden Land. “Ich hätte ein besseres Gefühl, wenn er sich hin und wieder mal einen Salatkopf unter die Daunenjacke stecken würde”, sagt seine Mitbewohnerin.

Foto: dogfrog

Berlin brutal #2: Eine mongolische Studentin erzählt

Im Dezember werden die Grenzkontrollen zu den meisten neuen EU-Mitgliedstaaten entfallen, und ab 2009 dürfen Polen, Tschechen und andere wohl endlich in der Bundesrepublik arbeiten. Alina nützt das herzlich wenig, für Nicht-EU-Ausländer ändert sich nichts. “Ich habe schon umsonst gearbeitet, am Anfang”, erzählt sie. Um den Lohn geprellt wurden auch Freundinnen. “Die wissen, ohne Papiere kann man sich nicht wehren.”

Als Teilnehmerin an einem Deutsch-Kurs hatte Alina zunächst keine Arbeitserlaubnis und jobbte in einer Eisdiele in Potsdam. Eine unschöne Zeit, es gab immer wieder Kunden mit “schlechten Manieren”, sagt sie. In dem Charlottenburger Café, in dem sie jetzt arbeitet, ist zumindest die Atmosphäre netter. Keine fremdenfeindlichen Musterdeutschen. Viele Gäste hocken stundenlang über ihrer Zeitung, aber am Ende haben die meisten doch nur zehn Cent Trinkgeld übrig.

Fallstrick Krankenversicherung

Eigentlich zählt Alina zu den Privilegierten, die Eltern sind Diplomaten. Die Entscheidung, dass die Tochter im Ausland studieren würde, fiel ohne deren Einwilligung. “Als 17-Jährige konnte ich nicht mitreden.” So lernte sie Deutsch, durchlief das für Ausländer obligatorische Studienkolleg zur Vorbereitung auf ein Studium und suchte sich einen Job als Kellnerin, um das Studium zu finanzieren.

Ein kurzer Krankenhausaufenthalt noch vor Semesterbeginn kostete Alina jedoch zwei Jahre: Ohne Krankenversicherung war die Privatrechnung für den Rettungswagen und einen kurzen stationären Aufenthalt immens. Mit 2500 Euro Schulden war an ein Studium erst einmal nicht zu denken.

“In der Mongolei ist vieles einfacher”, sagt sie. “Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der einen behandelt.” Bestechung also? Alina lacht und spricht von “Freundschaftsdiensten”. Wenn sie in zwei Jahren nach Asien zurückkehren wird, will sie bei einer Hilfsorganisation arbeiten. “Dort gibt es so viel zu tun, die brauchen immer Leute.” Für Praktika während des Studiums bleibt keine Zeit.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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