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Archiv für das 'prekär'-tag

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Berlin brutal #3: Eine Nacht bei Weihnachtsbäumen

Weihnachtsbäume am Spreewaldplatz in Berlin-Kreuzberg - Foto: Henning Onken

Auf dem Spreewaldplatz in Kreuzberg stapft die ganze Nacht ein Mann durch einen Tannenwald, einen künstlichen temporären Weihnachtsbaum-Wald, versteht sich. Dieser arme verfrorene Großstadt-Förster soll dafür sorgen, dass der Wald nicht vorzeitig zu einer Lichtung schrumpft, weil sich Passanten im Dunkeln bedienen. Immerhin gäbe das dem Platz seinen Namen zurück, denn Platz für etwas anderes außer Fichten ist hier kaum. Wie steht man das eigentlich durch, eine Nacht lang Weihnachtsbäume zu bewachen? Ich würde mich sehr warm anziehen und als Zeitvertreib die Bäume alle zehn Minuten durchzählen.

Überall in der Stadt sind in den letzten Tagen solche Weihnachtsbaum-Verkaufsstellen entstanden, viele werden offenbar rund um die Uhr bewacht – sogar mit Hunden. Meistens sind sie allerdings nicht offen zugänglich, sondern kleine mit Bauzäunen abgesperrte Gehege. Irgendwann lädt dort ein Laster Weihnachtsbäume ab, zumeist Ware aus Schleswig-Holstein, dem Sauerland oder dem Tannenbaum-Marktführerland Dänemark. Leider sind ärmeren Hauptstädtern Nordmannstannen für 15 oder 20 Euro zu teuer – sie legen stattdessen im Umland selbst einen Christbaum um.

Bleibt die Frage, ob sich die Weihnachtsbaum-Aufpasser einen Baum leisten können. Vielleicht wollen sie auch keinen, besonders nicht im Wohnzimmer – sonst fangen sie an zu zählen.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Wenn Minusgrade egal werden: Wild campen in Friedrichshain

Schon abenteuerlich, welche Nischen Obdachlose im Spätherbst in Berlin finden. Im Volkspark Friedrichshain campierte seit mehreren Wochen ein Obdachloser, ein Mann Mitte 30 mit Bart und Zahnlücke, ausgerüstet mit Isomatten, Camping-Kocher. Heute rückte ein Trupp von Polizisten an und bereitete der Aktion ein jähes Ende.

“Das ist wie im Vierten Reich”, empörte sich der Camper, überzeugt, dass ihn ein Jogger “denunziert” hätte. Immer wieder waren Läufer auf einen provisorischen Trampelpfad ausgewichen, der direkt an seinem Zelt vorbei führte – um nicht knietief im Schlamm zu versinken. Der Busch nahe der Danziger Straße, den sich der Mann ausgesucht hatte, bot daher nur bedingt Schutz. Ob er dort tatsächlich jemanden gestört hat? Schwer zu sagen, zum Reden war er nicht aufgelegt. Zu groß war wohl das Misstrauen, es hier mit potentiellen “Verrätern” zu tun zu haben.

Welche Alternativen bleiben dem Camper, bis er wieder eine eigene Wohnung findet? Notübernachtungen des Vereins mob in Prenzlauer Berg oder die Kältehilfe der Stadtmission in Tiergarten, besetzte Häuser oder klassisch U-Bahnhöfe. Auf letzteren dürfte es aber nicht nur zugig sein, sondern künftig auch Dauerbeschallung geben. Mit “Gedudel auf hohem Niveau” - mit Mozart und Rossini – will die BVG Unerwünschte fernhalten, Modellversuche laufen bereits. Bei Frost wolle man jedoch ein Auge zudrücken – drei U-Bahnhöfe sollen geöffnet bleiben, um Obdachlosen Schutz vor kalten Temperaturen zu gewähren.

Deine Stirn als Werbefläche

An einer der S-Bahn-Haltestelle sitzen drei Halbwüchsige, auf ihrer Stirn prangt jeweils ein Sticker eines Mobilfunkanbieters. Sieht aus wie ein Tattoo, ist aber wasserlöslich und kann nach drei Wochen abgewaschen werden. So sieht es der Vertrag vor. Die Schüler verprostituieren sich für eine Marke, mit der sie wenig verbinden, verkaufen ihren Körper als Werbefläche gegen Geld. Zukunftsmusik, sicher, keine Begegnung im Dezember 2007.

Aber es könnte bald soweit sein. An Berliner Universitäten startet das Schweizer Start-Up-Unternehmen smaboo Anfang dieses Monats eine Werbekampagne für den Mobilfunkanbieter Debitel. Studierende bekleben ihr Notebook zwölf Wochen lang mit dem Werbespruch “Ich telefonier’ für nen Apple und ‘n Ei” und erhalten dafür etwa 150 Euro. “Embedded branding” heißt diese Marketing-Strategie im Fachjargon.

Ein attraktiver Nebenverdienst, zweifellos. 50 Euro – das sind mindestens 20 Milchkaffees. Man kann davon ausgehen, dass Studierende sehr wohl entscheiden können, ob sie ein bestimmtes Produkt bewerben wollen, oder nicht. Dass ihre Kommilitonen, die überall an der Universität mit Werbung bombardiert werden, nicht auf schlechte Angebote reinfallen. Wenn es aber dazu kommen sollte, dass Leute nicht nur ihre Fensterscheiben, Autotüren und so weiter vermarkten, sondern sogar ihren Kindern Namen von Unternehmen geben? Alea Toyota König und Maximilian Persil Uhu Schreiner?

Wie werden Eltern diese Entscheidung später erklären? “Sorry für den zweiten Namen, liebe Alea, aber uns fehlte zum Zeitpunkt deiner Geburt einfach das nötige Kleingeld…”?

Berliner Plätze (1): So leben Hauptstädter auf dem Wasser


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Berliner leben freiwillig in renovierten Gefängnissen, ziehen gemeinsam eine Abriss-Kita oder wohnen alleine in einem 13-stöckigen Hochhaus, vor dem die Bagger warten. Kurz gesagt: Auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf nutzen viele Hauptstädter geschickt die Lücken, die sich im Stadtgebiet auftun.

Und trotz hohen Leerstands entstehen unbewohnte Nischen nicht nur zu Lande: Am schmalen Arm vor der Tiergartenschleuse zieht sich eine schmale Linie aus Hausbooten am Ufer entlang. Keines sieht aus wie das andere, einige haben in einem früheren Leben als Lastkähne gedient, Brandenburger Kies durch die Kanäle in die Hauptstadt geschippert. Jetzt sind sie liebevoll verkleidet und mit Holzaufbauten wohnlich gemacht worden. Manche haben kein Bug, sie schaukeln wie Bauklötze auf dem Wasser. Erstaunlich, wie einige dieser Gefährte hierher geraten sind.

Die Straße des 17. Juni ist kaum 20 Meter entfernt und auf der anderen Seite des Wassers ist der Zoo mit Eisbär Knut nicht fern. Dennoch herrscht hier jenes Maß an Ruhe, das sich Hausbootbewohner wünschen, die Touristendampfer ziehen anderswo vorbei. Pächter der Liegeplätze können sogar auf Strom, Trinkwasser und Festnetz zurückgreifen.

Doch wie bei fast allen Behausungen in Berlin liegen auch zwischen Hausboot-Siedlungen Unterschiede, die Welten ausmachen: Für je eine Viertelmillion Euro werden in der Rummelsburger Bucht am östlichen Rand von Friedrichshain acht so genannte Floating Lofts am Ufer verankert. Die Sehnsucht nach einem Platz im Wasser ist schichtenübergreifend. Kommt jetzt ein Bauboom auf Flüssen und Seen? In Hamburg scheint dieser Prozess schon in Gang zu sein.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Kinderarbeit mitten in Mitte

S-Bahn fahren macht keinen Spaß mehr. Bei S-Bahnfahrten wird man mit Elend konfrontiert, dem man sich sonst gerne entzieht. So letztens in Mitte. Am Hauptbahnhof steigen zwei Jungen zu, die um diese Tageszeit definitiv in der Schule sein müssten. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit Betteln. Der eine malträtiert eine alte Ziehharmonika, der andere läuft mit großen Augen hinter dem älteren Begleiter her. Die beiden sehen erschöpft aus.

Stumm wird der Hut herumgereicht, kaum jemand gibt etwas. Ob die Kinder Deutsch können? Wir werden es nicht erfahren. Die meisten Fahrgäste blicken angestrengt aus dem Fenster oder beschäftigen sich mit ihren Mobiltelefonen. Eine junge Frau, offenbar Studentin, kann ihren Zorn jedoch kaum verhehlen. “Kann ja wohl nicht sein, dass sich niemand für diese Kinder interessiert.” Dann murmelt sie noch etwas von Bildungschancen, auf die jeder in diesem elenden Land ein Recht habe, mit oder ohne deutschem Pass.

2,5 Millionen Kinder sind in Deutschland arm, so das Ergebnis einer Studie, die das Deutsche Kinderhilfswerk heute veröffentlicht hat. Jeder sechste Minderjährige also. Das Absurde: Während sich die Konjunktur inzwischen wieder erholt hat, wächst die Kinderarmut weiter. Es gehe nicht in erster Linie um Geld, sagte Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, im Deutschlandfunk. Es seien vor allem fehlende Bildungschancen, die die Gefahr einer wachsenden Gruppe verschärfen, gesellschaftlich weiter abgehängt zu werden. Von gesundheitlichen und psychosozialen Auswirkungen ganz zu schweigen.

Doch zurück zu den Kindern aus der S-Bahn. Für junge Europäer, die mit einem Touristenvisum einreisen, fühlt sich keine deutsche Schulbehörde zuständig und offenbar auch die Polizei und das Ordnungsamt nicht. Das Desinteresse für diese Sinti- und Roma-Kinder generell sei vor allem auf den Aufenthaltsstatus zurückzuführen, schreiben Autoren einer neueren Unicef-Studie. Sie hatten die Lage von Sinti- und Roma-Kindern in Deutschland untersucht. Vor dem Beitritt von Rumänien zur Europäischen Union wurden Angehörige dieser Gruppe vor allem als Flüchtlinge wahrgenommen, die nur “vorübergehend” geduldet wurden. In Berlin leben offenbar an die 600 Roma mit Flüchtlingsstatus.

Durch die Mitgliedschaft Rumäniens wird die Situation noch komplexer, da neben gut Integrierten (die öffentlich kaum wahrgenommen werden) und Flüchtlingen nun eine weitere Gruppe hinzukommt, die nur kurze Zeit bleibt. In der Hoffnung, Geld zu verdienen. Was also tun, um diesen Kindern dennoch ihr Recht auf Bildung nicht vorzuenthalten? Eine differenzierte Regelung auf europäischer Ebene muss her, soviel ist sicher. Bis die allerdings ausgehandelt ist, dürften die Kinder aus der S-Bahn schon mehrere Tausend Kilometer durch Berlin gekurvt sein, und viel Grundlegendes verpasst haben.

Von professionellem Musikunterricht können sie ohnehin nur träumen, egal wie groß ihr Talent auch sein mag. Welche engagierten Eltern in Prenzlauer Berg verzichten schon auf einen der heiß umkämpften Plätze für musikalische Früherziehung, zugunsten eines “vorübergehend” hier lebenden rumänischen Kindes? Vergeben Musikschulen eigentlich Stipendien?

Berlin brutal #2: Eine mongolische Studentin erzählt

Im Dezember werden die Grenzkontrollen zu den meisten neuen EU-Mitgliedstaaten entfallen, und ab 2009 dürfen Polen, Tschechen und andere wohl endlich in der Bundesrepublik arbeiten. Alina nützt das herzlich wenig, für Nicht-EU-Ausländer ändert sich nichts. “Ich habe schon umsonst gearbeitet, am Anfang”, erzählt sie. Um den Lohn geprellt wurden auch Freundinnen. “Die wissen, ohne Papiere kann man sich nicht wehren.”

Als Teilnehmerin an einem Deutsch-Kurs hatte Alina zunächst keine Arbeitserlaubnis und jobbte in einer Eisdiele in Potsdam. Eine unschöne Zeit, es gab immer wieder Kunden mit “schlechten Manieren”, sagt sie. In dem Charlottenburger Café, in dem sie jetzt arbeitet, ist zumindest die Atmosphäre netter. Keine fremdenfeindlichen Musterdeutschen. Viele Gäste hocken stundenlang über ihrer Zeitung, aber am Ende haben die meisten doch nur zehn Cent Trinkgeld übrig.

Fallstrick Krankenversicherung

Eigentlich zählt Alina zu den Privilegierten, die Eltern sind Diplomaten. Die Entscheidung, dass die Tochter im Ausland studieren würde, fiel ohne deren Einwilligung. “Als 17-Jährige konnte ich nicht mitreden.” So lernte sie Deutsch, durchlief das für Ausländer obligatorische Studienkolleg zur Vorbereitung auf ein Studium und suchte sich einen Job als Kellnerin, um das Studium zu finanzieren.

Ein kurzer Krankenhausaufenthalt noch vor Semesterbeginn kostete Alina jedoch zwei Jahre: Ohne Krankenversicherung war die Privatrechnung für den Rettungswagen und einen kurzen stationären Aufenthalt immens. Mit 2500 Euro Schulden war an ein Studium erst einmal nicht zu denken.

“In der Mongolei ist vieles einfacher”, sagt sie. “Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der einen behandelt.” Bestechung also? Alina lacht und spricht von “Freundschaftsdiensten”. Wenn sie in zwei Jahren nach Asien zurückkehren wird, will sie bei einer Hilfsorganisation arbeiten. “Dort gibt es so viel zu tun, die brauchen immer Leute.” Für Praktika während des Studiums bleibt keine Zeit.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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