Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Monatsarchiv für Mai 2008

Fernseh-Duell: Wedding gegen Friedrichshain

Chausseestraße in Wedding - Foto: Henning OnkenWedding: In den Wohnblocks der Chausseestraße wohnen fast nur Menschen, die nicht Maier oder Schulze heißen. Sie schauen tief in andere Welten, das sieht man an Hunderten von Satellitenschüsseln. Damit empfangen die Bewohner TV-Signale aus aller Welt – und besonders die von rund 170 türkischen Fernsehsendern. Etwa 4,5 Stunden sollen sie am Tag fern sehen, oft läuft die Kiste auch nebenbei, als angenehmes Hintergrundrauschen.

Über diesen Anblick machen sich Stadtplaner seit Jahrzehnten Sorgen. Sind die Bewohner wirklich in Berlin angekommen oder bleiben sie gefangen in einem Medienghetto? Doch der Schein trügt. Die vielen Schüsseln mögen ein Stück Heimat in die vier Wände bringen, aber besonders die jüngere Generation schaut sich TV Total und Dieter Bohlen längst genauso an wie türkische Seifenopern.

Friedrichshain: Irgendwo auf einem Dach im Samariterviertel. “Don’t watch stupid TV” hat jemand auf eine einsame Satellitenschüssel geschrieben. Wie kann man nur so dumm sein, sich eine Glotze in die Bude zu stellen? Der Verfasser dieser Botschaft gegen die Verblödung kam wohl selbst nicht von allzu weit her. Aus Stuttgart oder Bremen, vielleicht aus London.

Stupid TV - Foto: Christian Hetey

Die meisten Zugezogenen in diesem Bezirk scheinen jedenfalls nicht unter so starken Heimweh zu leiden wie einige Bewohner des Wedding. Sie geben sich in der Regel mit den 26 Digitalkanälen zufrieden, die über eine kleine Box zu empfangen sind – außer jenem Kulturkritiker natürlich.

Aber nach einem Halbjahres-Trip durch die Mongolei wäre wahrscheinlich auch er heimlich erfreut über eine Folge Lindenstraße oder die Stimme von Harald Schmidt.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Foto (1) von Henning Onken, Foto (2) von Christian Hetey

Immer hinter dem Ball her

WM-Fieber am Ostkreuz - Foto: Henning Onken

Igitt, schon wieder Fußball. Konnte man doch froh sein, kaum noch verstaubte Deutschland-Wimpel von der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren sehen zu müssen. Berlin versank damals in einem Fahnen-Meer, selbst Leute, denen ich mehr zugetraut hätte, schmierten sich ohne Vorwarnung Schwarz-Rot-Gold ins Gesicht. Die Nationalhymne wurde zwar bislang nicht wie in Russland als Pop-Song zum Mitsingen vertont, aber die Akzeptanz dafür wäre inzwischen sicherlich da.

Nun also die Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz und wir erleben ein Déjà-vu. Der Einzelhandel wittert das Geschäft mit der EM – “Fan-Wochen” sind nicht nur bei der Telekom angelaufen (als hätten die keine anderen Probleme), auch der Inhaber des Blumenladens um die Ecke hat entsprechend dekoriert. Selbst Buchhändler halten Fußball-Literatur bereit.

Die Gruppe der Fans scheint heterogener denn je, man muss nicht mit der Sportschau sozialisiert worden sein, muss die Regeln nicht kennen, um sich für Fußball begeistern zu können. Das Wir-Gefühl erfüllt auch jene, die keine Ahnung haben, wie viele Spieler eigentlich dem Ball hinterher jagen. Die Quoten stimmen jedenfalls, sie sind wahrscheinlich sogar besser, als bei Bundestagswahlen, sind sich doch vom Arbeitslosen über die Friseuse bis hin zum Spitzen-Manager einmal alle einig: “Unsere Jungs müssen gewinnen.”

Deshalb ist der ältere Herr mit Deutschland-Anglerhut, der bereits jetzt in Boxershorts in der Mittagssonne vor der Bäckerei sein Bierchen trinkt, nicht unbedingt anrüchig. Auch wenn seine dürren Handgelenke in Schweißbändern stecken, die ebenfalls in den Deutschland-Farben gehalten sind. Er gehört dazu, ist Teil der Fan-Gemeinde, alle Jahre wieder, das nimmt man ihm ab. Aber die Ballerina-Trägerinnen, die in der Sonntagstraße schon mal durch einen Bauzaun gucken, weil dort angeblich eine Fußball-Strandbar entstehen soll? Interessieren sie sich für das Spiel oder für die Party?

So bloggt Berlin

Immer wieder werden wir gefragt, welche Berlin-Blogs unbedingt lesenswert seien. Es müsse ein oder zwei allumfassende “Überblogs” der Hauptstadt geben, die einem die Suche ersparen. Wie so oft ist die Antwort eine Liste. Ja, es gibt sie – Menschen, die direkt und unverfälscht berichten, aus ihrem Leben oder Kiez. Und es werden mehr.

Manche Blogs sind ziemlich speziell – etwa wenn jemand einzig und allein über seinen Hund schreibt. Andere wiederum erleben eine kurze Blüte und schlafen dann wieder ein. Aber das ist gut so, wir wünschen Berlin alles, nur kein “Überblog”. Und wenn wir sagen, dass die nachfolgenden Tipps relevant sind – sie sind es. Aber nicht vollständig.

  • Spreeblick: Das wohl meistgelesene Blog aus Berlin von Johnny Haeusler, Frédéric Valin, Malte Welding und anderen. Beiträge haben nicht immer Berlin-Bezug.
  • Das Modersohn-Magazin: Claudia Klinger wohnt nahe der Modersohn-Brücke in Friedrichshain, widmet sich in ihrem Weblog aber auch anderen Ecken des Stadtteils. Sie bloggt u.a. über Stadtrückbau, Umweltverschmutzung und Lebensqualität in Friedrichshain.
  • Hauptstadtblog: Gemeinschaftsblog mehrerer Autoren, in dem (fast) alle relevanten Berlin-Themen kommentiert werden. Jeden Tag erscheint eine Presseschau. Teilweise entstand der Eindruck, die Springerpresse hätte sich eingekauft, so sehr wurde für den Flughafen Tempelhof getrommelt..
  • A Berlin: Weblog des Schriftstellers Didier Laget, originelle Alltagsbeobachtungen, vor allem aus Kreuzberg und Neukölln. Tolle Fotos.
  • Just.blogsport.de: Kunst ist Kommerz – das muss aber nicht immer so sein. An vielen Stellen Berlins ist sie lebendig, ohne dass ihre Schöpfer das große Geld machen. Es gibt in Berlin kaum ein leerstehendes Fabrikgelände, auf dem er nicht war: Just zeigt in seinem Streetart-Blog die Stadt als Leinwand – mit guten Fotos.
  • Ostkreuzblog: Seit 2006 dokumentiert Stefan in seinem Online-Tagebuch den Umbau des Ostkreuzes, fotografiert, wertet Presseartikel aus.
  • blog.rebellen.info: pEtEr und Nilos Blog aus Kreuzberg mit den Schwerpunkten Musik und Kunst, insbesondere Streetart.
  • Berlin ist: Ausführliche und ansprechend bebilderte Rezensionen zu Ausstellungen, Konzerten von Magnus Hengge und Mitstreitern.

Eigentlich ist diese Liste viel länger. Welches Berliner Blog vermisst ihr? Schreibt doch bitte einen Kommentar mit Link zu der Seite.

Nicht nur torkeln Kinder, nachdenken!

Foto: Henning OnkenIrgendwann wurden die arglosen Schulkinder zu Trinkern, zu Gestalten, die über die Straße wankten. Den Lehrern des Gymnasiums in der Rigaer Straße wird es kaum aufgefallen sein, denn Verkehrsschilder riechen bekanntlich nicht. Nicht nur in Friedrichshain und Kreuzberg sind bepinselte Schilder aufgetaucht, die Passanten verzückt ihre Digicams zücken ließen: Auch in Mitte, Prenzlauer Berg und Charlottenburg.

Schwer zu sagen, ob das alles auf das Konto der Künstlergruppe Lisha & Co geht, oder ob hier konkurrierende Gruppen unterwegs waren. Lisha & Co haben ihr Projekt ReSIGNation jedenfalls gut dokumentiert. Die Idee dahinter: Leute zu zwingen, Regeln wieder stärker zu hinterfragen, auch wenn es sich nur um scheinbar banale Verkehrsregeln handelt.

Foto: Henning Onken

Fotostrecke: Berliner Streetart

Berlin als Leinwand: Wenn Sprayern der Platz fehlt

Sprayer am Spreeufer - Foto: Henning Onken

Sprayer am Spreeufer - Foto: Henning Onken

“Die Mauer ist weg, aber tausend andere zu bemalen” – so lautet übersetzt die Überschrift eines Artikels in der New York Times vom 2. März. Er handelt von Berlin als Europas “most bombed city” – und erzählt nicht von Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg sondern von Graffiti. Der Autor vergleicht die Stadt mit New York – und zwar dem bunten New York vor 1995, als Bürgermeister Giuliani eine Task Force gegen Graffiti gründete. Kurz: Berlin riecht nach Aerosol.

Man mag das als ein Zeichen von Verwahrlosung deuten und auf den “Null-Toleranz-Zug” der Amerikaner aufspringen oder als Begleiterscheinung einer aufstrebenden Kreativ-Metropole freudig begrüßen.

Entgegen der NYT ist das emsige Werkeln von Sprayern aber gerade an jener Mauer zu beobachten, die Berlin bis 1989 trennte: An den verbliebenen Abschnitten hinter der Schillingbrücke in Mitte gestalten Graffiti-Aktivisten binnen weniger Wochen ganze Abschnitte neu – das obere Bild ist vom 13. April, das untere vom 11. Mai.

Vielleicht liegt es daran, dass vor den “tausend anderen Mauern” Berlins Sicherheitsdienste warten. Statt den Ärger zu riskieren, wird gemalt, wo jedes neue Werk ein altes kaputt macht. Der Ruhm ist eine Sache von Tagen, allenfalls Wochen – dann kommt die nächste Schicht. Doch die Mauer jenseits der East Side Gallery leuchtet schillernd und wechselhaft wie ein Chamäleon.

Fotostrecke: Street Art aus Berlin

Berlin wird heute zur Stadt des Lächelns

Dalai Lama in der Kastanienallee - Foto: Henning Onken

Seine Heiligkeit ist ein Popstar, ein Kassenschlager. Die meisten Veranstaltungen mit ihm sind ausverkauft, und heute kommt der Dalai Lama nach Berlin. Auf einer Tibet-Kundgebung am Brandenburger Tor verteilt er seine Weisheit und Güte zwischen 16 und 18 Uhr kostenlos, allerdings auch nur etwa eine Viertelstunde lang. Außer den zahlreichen Fans zieht der Nobelpreisträger aber auch Gegner an – viele Demo-Plakate mit seinem Konterfei sind zerrissen worden.

Warum wollen sich eigentlich so viele Menschen von dem Tibeter erleuchten lassen? Wer sind seine Berliner Fans?

“Wir sind Helden” und “2Raumwohnnung” spielen im Rahmenprogramm – es gibt also sicher einen Grund zu kommen. Doch es heißt, dass schon ein Lächeln des Dalai Lamas Menschen begeistert. Sogar der Berliner Kurier fordert seine Leser zum “Heute Gott-König schauen” auf – ein Erlöser kommt in die Hauptstadt, zwar kein christlicher, aber verpassen darf man ihn trotzdem nicht.

Sollte der Dalai Lama noch Zeit haben, durch Friedrichshain oder Kreuzberg zu touren, dürfte er sich über die vielen Tibet-Fahnen an den Balkonen freuen. Am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg etwa. Dort gibt es einen Tibet-Fan, der bis zum Winter ein Transparent mit “Rettet die Bäume am Landwehrkanal” gehisst hatte. So wird aus einem Kampf um alte Pappeln nahtlos der Einsatz für ein Land, in dem kaum ein Berliner gewesen ist. So schön einfach kann Gerechtigkeit manchmal sein. Rettet Darfur! Rettet das Weltklima! Rettet die Brandenburger Großtrappen!

Fotostrecke: Berliner Plakate

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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