Monatsarchiv für April 2008

Wer rettet die Hausbesetzer?

Plakat auf der Karl-Marx-Allee - Foto: Henning Onken

Die Stadt zugekleistert, als müsste eine neue Regierung gewählt werden. Alles für Tempelhof, alles für heute. Wir ertragen seit Monaten das Getöse der Springer-Presse zum “Mythos Tempelhof”, sollen heute unbedingt wählen gehen und werden am Ende wohl doch nicht wirklich gefragt. Es ist schon alles gelaufen, sagt unser Bürgermeister.

Viele der Plakate sind von Anwohnern teils entlarvend “verziert” worden, wie immer vor Wahlen in Berlin. Opfer sind beide Seiten, also auch die “Ick zahl nicht für’n Vip-Flughafen”-Sozialneid-Kampagne der Gegner. Auf dem obigen Bild der Karl-Marx-Allee haben es Friedrichshainer “Squatter” auf die selbsternannten Tempelhof-Retter abgesehen. Wer gibt den letzten Hausbesetzern Bestandsschutz? Die Unterzeile haben die anonymen Sprayer stehen lassen: “Alle Macht geht vom Volke aus.”

Wir Zugezogenen

Blick in die Falckensteinstraße in Berlin-Kreuzberg - Foto: Henning Onken

Dieser Beitrag ist längst überfällig. Immer wieder erreichen uns Leser-Kommentare über die vermeintliche Lächerlichkeit der Zugezogenen und ich möchte gerne darauf antworten. Ich freue mich, dass es noch “richtige” Berliner in dieser Stadt gibt, die dieses Weblog lesen, denn wie die meisten Zugezogenen kenne ich nur wenige gebürtige Berliner.

Gute Freunde kommen aus Köln, Kassel, Aurich, Magdeburg oder Kattowitz in Polen. Oder eben aus Oldenburg, Tübingen, oder Bacharach. Wenn man diese Orte auf einer Landkarte einzeichnet, ein guter Querschnitt der Bundesrepublik. Vielfältig ist daher auch das Brauchtum, das diese Leute mitbringen. Kaum ein Treffen also, auf dem es nicht rheinischen Sauerbraten, Kohl mit Pinkel oder Käsespätzle gäbe. Oder Omas Apfelkuchen.

Wir Zugezogenen fühlen uns trotzdem als Berliner, schließlich war es unsere Wahl, hierher zu kommen und wir sind nicht von Geburt aus dazu verdammt worden, in einem bestimmten Kiez zu leben. Wir ziehen gern um, weil wir neugierig sind auf die Stadt, die so viel zu bieten hat. Wie viele meiner zugezogenen Freunde lebe ich mittlerweile im dritten Berliner Bezirk. Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain – we have seen it all. Selbst in Tempelhof hat eine Freundin zur Zwischenmiete gewohnt – eine Mobilität, die man den meisten Ur-Berlinern wohl weniger zutrauen würde.

Dem Kleinstadtmief entkommen mit seiner Nachkriegsarchitektur, kämen wir nie auf die Idee, uns in einen 50er-Jahre-Bau im Westteil der Stadt einzumieten. Auch die Vorzüge von Ost-Plattenbauten leuchten uns nicht ein. Zugige Altbau-Fenster nehmen wir gern in Kauf, wenn die Deckenhöhe stimmt und die Nachbarn lässig sind.

Wir Zugezogenen kaufen unser Brot im Bioladen und haben noch keine Friedrichshainer Metzgerei von innen gesehen. Mit Schmalzstullen kann man uns jagen, statt Berliner Pilsner trinken wir Tannenzäpfle oder Beck’s. Wenn die Eltern anreisen, oder Freunde, die noch immer in ihrem Geburtsort leben, drehen wir richtig auf. Wir führen sie an Orte fernab der Touristenmeilen. An Orte, die sie schockieren müssen – wie das Kottbusser Tor oder fahren mit ihnen nach Marzahn, wo Plattenbauten “rückgebaut” werden.

Laue Frühlingsabende wie diesen lassen wir meist in einem Kreuzberger Straßencafé ausklingen. Entspannt natürlich, denn für den Tatort am Sonntag müssen wir wieder fit sein…

Foto: Henning Onken

Echte Männer pflanzen Bäume in Tempelhof…

Foto: Henning Onken“Rosinen ohne Bomber”? Ja, es gibt sie noch, die Bergpartei, und sie beteiligt sich an der Debatte um Tempelhof. Während Tempelhof-Gegner und Befürworter seit Monaten hoch emotionale Kampagnen zur Zukunft des Flughafens führen, mobilisiert die Friedrichshainer Partei mit mehr oder weniger subtilen Spitzen gegen den Volksentscheid. “Nur Schweine können fliegen” heißt es auf einem anderen Plakat.

Man wolle keine Empfehlungen für die Abstimmung geben, aber allein schon die Tatsache, dass die CDU eine Offenhaltung des Flughafens befürwortet, sei Grund genug, am kommenden Sonntag dagegen zu stimmen. Andererseits seien auch die Pläne von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), einen neuen Stadtteil aus dem Boden zu stampfen, “Schmetterlinge aus Beton”. Die Wahl zwischen Pest und Cholera sozusagen – oder mit den Worten der Bergpartei – zwischen “blöd und bescheuert”. Von steigenden Mieten und verbauten Aussichten für die Anwohner ist da die Rede.

Natürlich ist die Bergpartei nicht nur dagegen, auch wenn sich der Eindruck durchaus aufdrängt. Neben einem absoluten Bauverbot und einer Einstellung des Flugbetriebs wollen die Leute um Hauke Stiewe, dass jeder Berliner einen Baum auf dem Flughafengelände pflanzt. Da es wohl nicht dazu kommen wird, muss an dieser Stelle nicht nachgerechnet werden, ob die 386 Hektar Freifläche überhaupt ausreichen würden. Eine Anleitung zum Baum pflanzen gibt ansonsten das Männermagazin Men’s Health: “Drei Dinge muss der Mann bekanntlich im Leben vollbringen: Einen Sohn zeugen, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Letzteres wird in unserem überbauten Land langsam zur schwierigsten Aufgabe [...].”

Foto: Henning Onken

Berlin brutal #9: Achtlos von der Brücke gestürzt

Fahrradleiche an der Warschauer Brücke - Foto: Henning Onken

Sie baumeln lange an alten Schlössern über dem Geländer wie an einem Galgen, manchmal mehrere Monate lang. Dann und wann stürzt wieder eins in die Tiefe: Die Gleise unter der Fußgängerbrücke am S-Bahnhof Warschauer Straße sind eine Müllhalde und ein kleiner Friedhof für Fahrräder.

Jeden Tag eilen hier tausende Berliner vorbei, wechseln von der S- zur U-Bahn, wenn die nicht wieder streikt. Viele kommen aber auch mit dem Rad hierher und schließen es für ein paar Stunden am Geländer an. Gerade jetzt, wo das Wetter endlich wieder wärmer wird, schrumpft der Platz und die “Galerie der gehängten Brückenräder” wächst.

Eigentlich ist so ein Bild eine Anklage, denn sicher werden viele Velos über das Geländer gehoben, um Platz zu schaffen. Ein fieses Geschubse um die besten Anschließplätze also. Das ist ein wirklich blödes Verhalten. Es zeigt aber auch, dass diesem Bahnhof, der mit Millionenaufwand saniert wird, noch etwas fehlt, an das ganz Berlin nicht denkt- mehr Platz für Fahrräder!

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Umfrage:

Soll das Tacheles bleiben?

Ergebnis ansehen

lädt ... lädt ...

Arm, gebildet und dreist

briefkasten.jpg

Unser Briefkasten ist neuerdings ein Selbstbedienungsladen, das nervt. Irgendein mittelloser Student oder fußfauler Sportfan verstopft nachts den Briefkasten mit Reklame und kann so bequem unsere Zeitung aus dem Kasten ziehen. Zugegeben: Beim ersten Mal habe ich einen Anzeigenblatt-Boten verdächtigt. Dachte, der Aufkleber “Keine Werbung” sei schlichtweg ignoriert worden. Heute steckte aber nur in unserem Briefkasten ein dicker Gartenkatalog – die Sache scheint damit klar zu sein.

Was tun? Zweimal den Wecker stellen, einmal um halb vier, um Anzeigenblätter zu entfernen, einmal um fünf, um die Süddeutsche zu retten? I am not amused. Wohne übrigens inzwischen in Friedrichshain. Neuköllner Nachbarn waren nicht an der Zeitung interessiert.

Fotos aus Friedrichshain

Revolution oder das Paradies in Tempelhof

1. Mai-Plakate am Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain - Foto: Henning OnkenLetztes Jahr um diese Zeit waren ganz Friedrichshain und Kreuzberg zugekleistert: Frisch und frei, heraus zum 1. Mai. Zwei Wochen vor dem Tag der Arbeit werden in ganz Berlin zwar wieder eifrig Plakate geklebt, doch die sind fast alle für den Volksentscheid über den Flughafen Tempelhof.

Schon macht sich der Eindruck breit, zu Berlins traditionellem Kapuzenkarneval sei nichts weiter zu erwarten als ein friedliches Kreuzberger Myfest. Die Polizei gibt jedenfalls vor, mehr Bedenken vor betrunkenen Männern mit Strohhüten zu haben, als vor wütenden Autonomen – schließlich ist am 1. Mai auch Vatertag.

Doch der Eindruck trügt ein bisschen: In den letzten Tagen wurden immer mehr Tempelhof-Plakate mit revolutionären Demo-Aufrufen zum 1. Mai überklebt – sogar auf Türkisch, wie hier am Boxhagener Platz. “Das Paradies geöffnet – der Flughafen ein Museum”, schreiben die Grünen über Tempelhof. Kein Paradies ohne Revolution, kontern die Mayday-Bewegten. Wir werden sehen.


Neue Kommentare

  • envorschlag: eine Weiterentwicklung für Kreuzberg und kreuzberg spezifische Infos http://grossbeeerenstrasse....
  • Experte: Ja. Wenn ich solche “Fehlerchen” sehe, lese ich meistens gar nicht mehr weiter. Der Autor sollte...
  • JH: Sicher, das war ein Fehlerchen, aber war das jetzt richtig wichtig zu berichtigen?
  • Dolly Duster: Hallo, mein geliebter Kater ist am 16.03.2010 im Urnenfriedhof Wedding,Müllerstr,Sesstr entlaufen. Ich...
  • Experte: “Eine Frau mit Rollkoffer steigt am Alexanderplatz in die U8. Unsicher studiert sie den Fahrplan über...

Zufallsfotos

Kostenlos abonnieren

Unser RSS-Feed enthält alle neuen Artikel. Ihr könnt sie auch bequem als E-Mail abonnieren

fensterzumhof.eu gibt es jetzt auch in einer Smartphone-Version

Meist Diskutiert

Umfragen

Wo kann man guten Gewissens Lebensmittel kaufen?

Ergebnis ansehen

lädt ... lädt ...

Anzeige

Berliner Streetart

Berlin bei Nacht

Fassaden der Hauptstadt


Seite 1 von 212