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Monatsarchiv für Oktober 2007

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So werden wir Elite: Nachhilfe in Sachen Benimm

“Damen und Herren, wenn Sie mich in einer E-Mail mit ‘Hallo Frau Z.’ anreden, erhalten Sie keine Antwort.” Aber Hallo. Wir befinden uns nicht in einem Benimm-Kurs, sondern in einer Einführungsveranstaltung an der Uni Potsdam. Es kommt noch schlimmer: “Ich schätze Preußische Tugenden”, sagt die kleine Frau hinter dem Pult streng, und blickt in 70 entgeisterte Gesichter. “Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, gepflegte Umgangsformen.”

Es folgen Ausführungen über einen angemessenen Dresscode, die schriftliche Abmeldung bei unentschuldigtem Fehlen, über den Umgang mit Kommilitonen. “Sie glauben selbst nicht, dass jemand, der an einer privaten Universitiät BWL studiert, auf die Idee käme, während des Seminars zu essen. Das erwarte ich auch von Ihnen als angehende Akademiker.”

Kollektive Verunsicherung

Studierende lassen sich immer mehr gefallen, beklagen Studentenvertreter. Sie wollen gesagt bekommen, was sie zu tun und zu lassen haben. Und für ihre Folgsamkeit und Fleißarbeit mit guten Noten belohnt werden. Nach rechts und links gucken ist nicht mehr, der volle Stundenplan lässt den Besuch fachfremder Veranstaltungen kaum zu. “Die Universitäten produzieren nur noch lauter Fachidioten”, sagt eine Bekannte, die in der Personalabteilung einer Unternehmensberatung arbeitet. Die Bewerbungsmappen von Bachelor-Studenten, die bei ihr eingehen – alle zum Verwechseln ähnlich.

Die allgemeine Verunsicherung scheint schwer zu wiegen. Auch darüber, wie man über die verschulte Universität hinaus im gesellschaftlichen Leben alles “richtig” macht. Im Internet findet man zahlreiche Benimm-Seminare und Berichte darüber, dass Teenager zunehmendes Interesse an Tanzkursen haben. “Für die Karriere.”

Dann lieber keine Karriere.

Mein lausigster Hauptstadtjob

Henning, verloren auf dem Bau - Foto: Christian Hetey

Jedesmal, wenn ich mir auf dem Bau gewünscht habe, woanders zu sein, wurde jemand laut: “Haste wieder geträumt, Hiwi, dafür biste nicht hier”, schrie der Polier. Die “innere Emigration” hat mich als Hilfskraft auf Baustellen dem Feierabend nicht näher gebracht. Allzu schnell war der Kranführer vom Dixi-Klo zurück und manövrierte den nächsten Stahlträger heran.

Ich muss auch ein paar Zeilen über Simon verlieren, den arbeitslosen Philosophen und Fensterschlepper, wenige Worte über Markus, der Geschichte studierte und dann am Wittenbergplatz Currywürste drehte. Und natürlich muss ich von mir erzählen, dem Penner vom Bau.

Wir alle haben Aushilfsjobs gehabt, haben sie noch, oder bald wieder. Wie Simon, der nach der Arbeit mit krummen Rücken im Bett liegt und Adornos Minima Moralia lesen will. Aber der Text verschwimmt vor seinen Augen, und plötzlich kann er all jene Menschen verstehen, die abends vor der Glotze hängen und blinkende Farbmuster anschauen.

Wenn die Arbeit getan ist, bekommt man eine Unterschrift und ist frei. Frei bis zum nächsten Gang zur Arbeitsvermittlung, frei bis zu dem Moment, in dem eine neue Nummer aus dem Automaten im Jobcenter fällt. In meinem Fall war diese Arbeitsvermittlung zumeist eine studentische, die inzwischen aufgelöste Tusma (“Telefoniere und Studenten machen alles”) oder die Heinzelmännchen der Freien Universität.

In Steglitz bei Maiers den Weihnachtsmann spielen

Bei der Tusma wurden noch vor sechs Uhr Nummern ausgeteilt, um die sich eine ganze Horde Studenten kloppte. Auch im Winter warteten schon müde und frierende Arbeitswillige im Dunkeln. Alle zwei Stunden wurde eine Liste mit neuen Jobs verlesen. Bei Angeboten ohne harten körperlichen Einsatz ließ man Frauen den Vortritt. Das war fair, denn gesucht wurden fast nur Leute zum “Anpacken”.

Weihnachtsmänner der Tusma - Foto: Christian Hetey

Ohne Nummern liefen Großaktionen wie die der Weihnachtsmänner und Engel. Für diese Auftritte in Berliner Familien am Heiligen Abend müssen Studierende eigens eine Schulung mitmachen – inklusive eines Foto-Termins mit der Lokalpresse. Dort traf ich auch Weihnachtsmann Henry wieder, einen über 40-Jährigen, für den ich schon Parkettböden abgeschliffen hatte.

Im Tiergarten Kondome aufsammeln

Dabei sind längst nicht alle Job-Angebote schlecht. Im Gegenteil. Es war befreiend, ganz oben auf dem Internationalen Handelszentrum in Mitte über die Stadt zu schauen, oder an einem Gerüst hangelnd Schöneberger Altbauten zu sanieren. Wer mit einer Hilti Wände einreißt, sieht das Ergebnis seiner Arbeit sofort. Dabei ging mir auch auf, wie viele Studierende aus ärmeren Ländern ihren Lebensunterhalt in Berlin selbst verdienen müssen. Als Deutscher sei ich fast ein Exot, erklärte mir ein Arbeitgeber, der regelmäßig Studenten rekrutierte. Ein seltenes Exemplar unter Afrikanern, Ost-Europäern und Asiaten.

Diese Jobs mögen über schwierige Zeiten retten, oder “Wallraff-artige” Einblicke liefern – solange sie nicht auf Dauer sind. Wie etwa mein Job nach einer Loveparade, bei dem ich für ein Reinigungsunternehmen mit einer Mülltüte durch den Tiergarten zog. Irgendwo unter den Bäumen lagen auf wenigen Metern verteilt ein Dutzend benutzter Kondome herum… aber mein Geld habe ich bekommen, und auch das ist leider nicht selbstverständlich. Wenn man für die wenigen Euro auch noch klagen muss, wird aus dem kurzen Job eine lange Geschichte. Eine richtig lausige Geschichte.

Nächtelang Currywürste gedreht? Zeitungsabos angepriesen? Geschichten unserer Leser

Fotos: Christian Hetey

Warten auf den Leopard-Day

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Wie war das noch mit den “urbanen Pennern“, mit den “digitalen Bohemiens“, die Berlins Cafés bevölkern und dort über ihren Apple-Laptops neue Projekte aushecken? Keine Kohle für ein Büro, aber für das neueste MacBook Pro, das in den nächsten Tagen auf den Markt kommen soll?

Apple hat ein neues Betriebssystem entwickelt und in der ganzen Welt warten Fans seit Wochen auf den magischen “Leopard Day”. Wenn Konzern-Chef Steve Jobs endlich bekannt gibt, dass das neue Mac OS X 10.5 Leopard bestellt werden kann, werden Tausende vor ihren Computern hängen, und den Apple-Online-Shop ansurfen. Der startet kurze Zeit später mit neuen Produkten.

Mit Latte Macchiato und I-Book in der Falckensteinstraße

Berlin gilt als Hauptstadt der Kreativ-Industrie, unterstrich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kürzlich, jeder Zehnte in diesem Sektor arbeitet hier. Das I-Book ist zum Symbol jener Kreativen avanciert – ein must-have. Dass die Wenigsten von ihrer Arbeit leben können, steht auf einem anderen Blatt. Als Feindbilder taugen Leute, die mit ihren Laptops in der Falckensteinstraße abhängen und Latte Macchiato schlürfen, dennoch – die (vermeintlichen) Yuppies von morgen als Bedrohung für das alternative Kreuzberg.

Aber warum erzähle ich das alles? Weil ich selber auf den “Leopard-Day” warte. Ich warte darauf, dass sich eine Freundin ein MacBook mit dem neuen Betriebssystem kauft, um mir dann – sehr viel günstiger – ihren Sony-Laptop zu überlassen. Der ist erst ein Jahr alt, aber schon total out… Und eben kein Apple.

Foto: Terry Johnston

Diszipliniertes Komasaufen

“Die Parkbank wird zum Barhocker, der Verteilerkasten zum Tresen, Baum und Gebüsch zum Männerklo …” Wer würde da nicht weiterlesen? Die Promenadenpost berichtet hautnah über das geballte Elend einer Neuköllner Wohnstraße. Die Gestalten, die in dem Artikel “Open Air Kneipen rund um die Schillerpromenade” skizziert werden, sind bekannte Kiez-Gesichter. Wenn sich der Schulhof leert und das Quartiersmanagement die Rolläden herunterlässt – die Straße in der Hand armer Trinker und Hundebesitzer?

Könnte man meinen, wenn man weiter liest. Anwohnerin Dagmar Z. sagt dem Blatt: “Ich finde es gut, dass das Café Selig [ein neu eröffnetes Café im Gemeindehaus] existiert. Seither haben wir einen guten Treffpunkt, und betrunkene Männer wagen es nicht mehr so oft, an die Genezareth-Kirche zu pinkeln.”

Sind die Autoren der Promenadenpost – eine Publikation des Quartiersmanagements übrigens – einfach nur ehrlich, und nicht zwanghaft an einer Profilierung des Problemkiezes interessiert? Oder prägen die Säufer auf dem Grünstreifen das Viertel wirklich nachhaltig?

Das vermeintliche neue “In-Viertel”

Als ich im letzten Jahr nach Neukölln zog und zur Einweihungsparty einlud, antwortete eine Bekannte fröhlich mit “Willkommen in neuen In-Bezirk”. Getroffen habe ich sie allerdings immer irgendwo in Kreuzberg oder Mitte.

Auch wenn in Neukölln vielleicht nicht mehr Leute auf der Straße Bier trinken, als in anderen Bezirken – die Atmosphäre ist bedrückender. Die Alkoholiker sind im Alter meiner Eltern, viele haben lange Zottelbärte und scheinen sich völlig aufgegeben zu haben. Ihr Limit kennen diese Gewohnheitstrinker gut. Wenn gegen 23 Uhr gegrölt wird, leitet dies oft das Ende des Abends ein.

Die Hunde “Wodka und Tequila” werden angeleint und es geht nach Hause. Die Kondition reicht nicht mehr für durchzechte Nächte, Frühschoppen setzt zumindest einige Stunden Schlaf voraus.

Zwei Hinterhofwelten in Mitte und Kreuzberg

Hinterhof Friedrichstraße Mitte

Hinterhof Kreuzberg

Vor wenigen Wochen ist der S-Bahnhof Friedrichstraße 125 Jahre alt geworden. Die Straße ist seit der Nachwendezeit eine Baustelle, die sich immer weiter verlagert. Erst entstanden Einkaufsmeilen, dann wurden alte Kulturstätten wie der Admiralspalast wieder aufgebaut und seit letztem Jahr ist am Tränenpalast ein zwölfgeschossiges Bürogebäude im Bau. Nebenan steht in einem der letzten unsanierten Hinterhöfe ein Mercedes. Das schnittige Auto parkt hinter einer Schranke. Wir sind in Mitte.

Im Kiez um den Görlitzer Park geht es geruhsamer zu. Kinder spielen in den Straßen, bei schönem Wetter ist das Ufer am Landwehrkanal voller Spaziergänger. In einem Hinterhof der Ratiborstraße steht ein alter Wohnwagen. Wild wachsende Pflanzen, ein leeres Planschbecken und Holzhütten erinnern an eine Vorstadt. Schranken gibt es hier keine. Wir sind in Kreuzberg.

Fotostrecke: Berliner Hinterhöfe

Der Graffiti-Faktor

Man kann darüber streiten, ob Graffiti an Friedrichshainer Hauswänden Kunst, Reviermarkierungen oder Schmierereien sind. Verhindern können Eigentümer diese schnell geposteten Botschaften kaum. Ein Hausbesitzer in der Kinzigstraße hat sich daher etwas anderes überlegt, das zusätzlich Geld einbringt: Reklame. Unterhalb der Fenster im Erdgeschoss hängen Plakate, auf denen Konzerte, Ausstellungen und Nachtflohmärkte beworben werden. Komisch nur, dass bislang niemand “nachgebessert” und die Poster mit politischen Parolen überkleistert hat. Vor einigen Wochen waren nahezu alle Kreuzberger Litfaßsäulen und Werbetafeln von Aktivisten als “Public SPAM Kreuzberg” markiert worden: Radio Eins – “Spam”, die Dame, die für Berliner Pilsner wirbt, ebenfalls. Die Besetzung des öffentlichen Raum durch Konzerne als Zumutung.

Foto_Joerg VoglerWie auch immer. Eine Erklärung für Friedrichshainer Graffiti-Exzesse findet sich in einem Treppenhaus in der Simon-Dach-Straße: Hier befürchten Bewohner hohe Mieten, wenn alles saniert ist und sauber aussieht. “Fuck Gentrification” steht auch an einer Hauswand im Samariter-Kiez: Noch ehe das Baugerüst verschwunden war, mit dem die Fassade aufwendig restauriert worden ist, hatten Anwohner signalisiert, dass sie der Aufwertung der Nachbarschaft nichts abgewinnen können. Ob sie in der Minderheit sind, oder das artikulieren, was viele Menschen in dem Kiez bewegt?

Foto: Jörg Vogler

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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