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Monatsarchiv für April 2009

SPD: Sammelt bitte diese Plakate wieder ein!

Wahlplakate in der Leipziger Straße in Berlin-Mitte - Foto: Henning OnkenDie Poster zum Volksentscheid Pro Reli sind kaum abgehängt, da bricht schon die nächste Kampagne über die Stadt herein: Im Kampf um Stimmen zur Europawahl dreschen die Sozialdemokraten mit mehreren Motiven auf den politischen Gegner ein. Die Liberalen werden zu Finanzhaien, die Linken als hirnlose Fönköpfe dargestellt.

SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel verkauft seinen Beitrag zur Politikverdrossenheit als “ungewöhnlichen Ansatz” und will ausgerechnet mit billiger Polemik für eine höhere Wahlbeteiligung sorgen. Eines hat er immerhin bewirkt: Empörte Blogger, die sich mit Photoshop auskennen, haben ihre Repliken ins Netz gestellt.

Bleibt zu hoffen, dass in Berlin einige schöne Ecken frei bleiben und die anderen Parteien nicht mitziehen.

Fotostrecke: Berliner Plakate

“Du hast schlechte Laune und bist aggressiv”

Flaschensammler im Hof - Foto: Henning Onken

…so begrüßt mich das “Pennergame“, das es nun auch für Berlin gibt. Teilnehmer des Online-Spiels schlüpfen in die Rolle eines Obdachlosen – oder nehmen zumindest Eigenschaften an, die die Erfinder des Spiels Obdachlosen andichten. Man darf Flaschen sammeln, Automaten knacken oder Currybuden überfallen. Erfahrene “Penner” greifen später auch ihre Mitspieler an, um Punkte für den sozialen Aufstieg zu sammeln. Auch das Sprechen will neu erlernt werden, da ich durch “jahrelanges Zechen” nur “unverständlich rumpöbeln” kann, wie es dort heißt.

Natürlich, es ist nur ein Spiel, eine Satire wie die Macher sagen. Sie spenden sogar Geld für Obdachlosenprojekte, um sich vor Kritik zu schützen. Dennoch erinnert mich das Spiel an die in vielen Ländern verbotenen Bumfights-Filme aus den USA. Darin wird Obdachlosen Alkohol und Geld geboten, damit sie aufeinander losgehen, in Einkaufswagen Treppenhäuser herunterrasen, sich die Zähne ausreißen oder – wie “Rufus the Stuntbum” – frontal gegen Wände laufen.

Wem nicht klar ist, was das mit dem Bild von meinem Hinterhof zu tun hat: Das ist Alltag in Berlin, hier trifft man oft auf Menschen, die den Müll durchstöbern, hauptsächlich nach Pfandflaschen. Sie sehen aus wie du und ich, weder ungepflegt noch aggressiv. Flaschen sammeln ist für sie kein Spiel, sondern die Chance, den schlecht bezahlten Job, Hartz IV oder die karge Rente aufzubessern.

Wenn diese leisen Besucher ein Mieter überrascht, der gerade sein Fahrrad holt oder den Hausmüll herunterbringt, schauen sie oft in eine andere Richtung. Weil es ihnen doch etwas peinlich ist. Sobald sie aber ihre verräterischen Plastiktüten am Flaschenautomaten des nächsten Supermarkts entleert haben, fällt ihre Armut niemandem mehr auf. Sie passen nicht in die Karikatur von einem “Penner”, die dieses dämliche Spiel mit aufbaut. Man sollte es nicht verbieten, sondern einfach nur ignorieren.

Hoffmanns Blick auf die Welt: Aufschlussreiche Reportage von Henning Sussebach über einen Berliner Flaschensammler in der Zeit
Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Hobby: Polizei nerven oder Krawall bis der Arzt kommt

Feiernde Friedrichshainer zünden ein Feuer auf der Straße an - Foto: Henning Onken

Die Polizei-Meldungen der vergangen Woche lesen sich wie ein Tagebuch, in dem immerfort das selbe Thema weitergedreht wird.  Ostermontag: Feuer an der Kreuzung Liebigstraße Ecke Rigaer in Friedrichshain. 70 Leute hätten Gegenstände auf der Fahrbahn entzündet und Löschmaßnahmen der Feuerwehr behindert. Drei Tage später, am Mittwoch, stehen an der selben Straßenecke Müllcontainer in Flammen, am Donnerstag brennen schließlich Holzscheite in einem Einkaufswagen. Immer rückt die Polizei an, löscht zum Teil selbst und bereitet sich auf den nächsten Einsatz vor.

Am Freitag vermeldet die Polizei nichts zu dem Thema, im linken Internetpotal Indymedia schildert hingegen ein Autor unter Pseudonym einen Polizei-Einsatz am Nachmittag vor dem Hausprojekt in der Liebigstraße als “lebensbedrohlich”. Eine Person sei fast von einem fahrenden Polizeiauto mitgeschleift worden, Schlagstöcke und Pfefferspray seien zum Einsatz gekommen. Einordnend heißt es dann dazu bei Indymedia, es werde deutlich, “dass die Bullen ihre privaten Hass- und Frustrations Gefühle nicht von ihrem Amt trennen können. Wie mensch sieht haben sie keine Hemmungen, auch Menschenleben aufs Spiel zu setzen.”

Willkommen im Chaotenbezirk - Foto: Henning OnkenNatürlich vergisst der Indymedia-Autor nicht, auf die politische Dimension zu verweisen, auf den Kurs der Berliner Regierung: “Es geht darum, andere Arten von Leben, die nicht der bürgerlichen Norm und Konsumhaltung entsprechen, von der Straße und den Innenstadt-Bezirken Berlins zu verbannen. Um den notwendigen gesellschaftlichen Rückhalt für ihr Vorhaben zu bekommen, wird mit den Massenmedien zusammengearbeitet. Es werden Lügen verbreitet, aus brennenden Holzscheiten in einem Einkaufswagen werden brennende Strassenbarrikaden.”

Der Indymedia-Autor trifft damit den Nagel auf den Kopf: Es geht immer auch um gesellschaftlichen Rückhalt. Ist halt die Frage, ob man den in der Nachbarschaft und darüber hinaus gewinnt, indem man jeden Abend ein Feuerchen vor der Haustür macht. Oder ob man nicht doch lieber nach Argumenten sucht, warum bestimmte Formen des Zusammenlebens so wertvoll sind und andere davon überzeugt.

Fotostrecke: Berlin bei Nacht

Ein Tor zur Hölle unter der S-Bahn

Ein Tor zur Hölle? - Foto: Henning Onken

Wer sich in Reichweite der Einkaufstempel am Alexanderplatz die Füße vertritt, kommt irgendwann an der S-Bahn-Unterführung in der  Schicklerstraße vorbei. Kein Platz zum Verweilen, denn auch an sonnigen Tagen verirrt sich kaum ein Lichtstrahl hier her, hin und wieder riecht es nach den Hinterlassenschaften von Partygängern, die keine Toilette gefunden haben. Was neugierige Fußgänger dennoch stutzig macht, ist eine verrammelte Tür, über der ein metallenes Schild montiert ist: “In diesem Gebäude befand sich das Tierheim von Ost-Berlin. Bis Februar 1991 wurden hier unzählige Katzen und Hunde vergast oder durch Stromschlag grausam getötet”, tut dort die Aktionsgemeinschaft Tierhilfe e.V. kund.

In Mitte sind die Schandtaten der Vergangenheit durch Mahnmale, Stolpersteine und Gedenktafeln kaum übersehbar, da dürfen eigentlich auch Vierbeiner als Opfer nicht fehlen. Bleibt zu hoffen, dass Berliner Hunde- und Katzenhalter ihren Tieren die Treue halten – auch wenn der Job nicht mehr sicher ist oder der Urlaub naht.

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Jugendliche mit Meinung verzweifelt gesucht

spot_300x197Auch wenn auf allen Kanälen gerade für oder gegen den Volksentscheid Pro Reli am 26. April Stimmung gemacht wird: Wir befinden uns auch im Europawahlkampf. Die Senatskanzlei hat schon vor einigen Wochen einen Werbespot geschaltet, der junge Erwachsene ansprechen soll.

Der Videoclip zeigt zwei Jugendliche in Berlin beim Parkour, einem Extremsport, bei dem die Teenies über Autos springen, Zäune überwinden und halsbrecherische Kletteraktionen starten. Und all das, um bei der Europawahl ihre Stimme abzugeben. “Du bestimmst den Weg”, heißt es in der Kampagne. Eine Botschaft, die zumindest eine prinzipielle Aufgeschlossenheit gegenüber jungen Leuten zum Ausdruck bringt.

Günter Jauch im Wahlkampf für Pro Reli - Foto: Henning OnkenDiese zentrale Botschaft fehlt in der Pro Reli Debatte. Obwohl Jugendliche ab 16 Jahren in Berlin das Wahlrecht auf kommunaler Ebene haben, wird der Diskurs von Eltern, Kirchenvertretern und Parteien geführt. Moderatoren wie  Günter Jauch und Tita von Hardenberg geben ihr Gesicht für Pro Reli her, aber keine Berliner Teenie-Sternchen. Eine Umfrage unter Jugendlichen sucht man vergeblich. Warum bloß?

“Radfahrer, runter von meiner Straße!”

Fahrradampel am Potsdamer Platz - Foto: Henning OnkenRadfahrer haben am Potsdamer Platz zwei Möglichkeiten: Wer den vorgeschriebenen sogenannten Radweg benutzt, darf im Schrittempo staunende Touristen und Passanten mit Einkaufstaschen umkurven, die sich auch durch Klingeln und Schreien kaum irritieren lassen. Auf der Straße wartet dagegen der Kampf mit den Blechbüchsen: Anpöbeln, Weg abschneiden und Ausbremsen gehört zu den alltäglichen Reaktionen, die Autofahrer in Berlin überall dort zeigen, wo ein Bürgersteig in Sicht ist, auf den man Radler abdrängen will.

Dämliche Debatten wie die Frage, ob Fahrradfahrer eher “Asphalt-Terroristen oder Klimaschützer” seien, sind bezeichnend für eine Stadt, in der man die Bedeutung des Radverkehrs nicht verstehen will. Seit Jahren wollen im Frühling mehr Berliner umsteigen, doch nach einigen Horrortrips durch die Leipziger Straße stellen sie das Rad in den Keller zurück. Wir brauchen keine weiteren zugeparkten und überlaufenen Radwege, sondern Radstreifen auf der Fahrbahn. Bei einer solchen Markierung hätte sich der Fahrer eines BVG-Doppeldeckers, der mich am Potsdamer Platz durch lebensgefährliche Rechthaberei fast zum Sturz brachte, sein Verhalten sicher noch einmal überlegt.

Radfahren in Berlin: Was der Senat plant
Fototour: Fahrräder in Berlin

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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