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Archiv für das 'Gentrifizierung'-tag

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Liebe Zugezogene: Viel Glück mit den Kakerlaken!

"Viel Glück im neuen Wohnparadies!" - Foto: Henning Onken

Das Objekt 05081022 ist frisch entkernt und wartet mit “honigfarbenen Holzdielen” auf neue Mieter. Eine Altbau-Wohnung von 62 Quadratmetern mit Fenstern zum Hof kostet knapp 700 Euro. Aber eh sich noch ein Leser aus Hamburg oder München Hoffnung macht – dieses “Schnäppchen” mitten im “herrlichen Ambiente” der Hundehaufen-Meile Rigaer Straße ist schon vergeben. Nur die anderen Wohnungen mit teilweise mehr als 100 qm sind noch zu haben. Ich will hier aber keine Werbung machen, sondern nur dieses Kunstwerk an der frisch bepinselten Hauswand der 84 bemerken. Darauf stellt man sich die zukünftigen Mieter offenbar als wohlhabende Touristen älteren Jahrgangs vor – und heißt sie scherzhaft willkommen.

Vor knapp zwei Jahren machte ein Dachstuhlbrand alle 48 Bewohner des Hauses obdachlos, das 1990 besetzt und ein Jahr später zu einem legalisierten Hausprojekt mit Mietverträgen geworden war. Nach dem Feuer wurde saniert. Der papierne Gruß wurde übrigens rekordverdächtig schnell wieder entfernt, nur die Kakerlake hat der Putztrupp hängenlassen.

Fotostrecke: Berliner Streetart

Mietprotest in Kreuzberg: Paradise lost?

Klar, dass die Demonstration gegen steigende Mietpreise in Kreuzberg stattfinden wird. Im Protestbezirk. Während Leute in anderen Teilen der Stadt am Samstag Nachmittag ihre teuren Wohnungen genießen, treibt es die Kreuzberger auf die Straße: Wer weiß, wie lange sie ihre Miete dort noch bezahlen können, in welcher Beton-Wüste sie als nächstes hausen müssen. Die Zitty berichtet, besonders unter den kleineren Gewerbetreibenden herrsche Endzeitstimmung seit Investoren auf einen Aufschwung im Stadtteil setzen. Neue Mieten liegen deutlich über dem bisherigen Niveau, viele Bewohner des früheren SO 36 geben nach einer Studie von TOPOS fast ein Drittel ihres Haushaltseinkommens für die Miete aus.

Bei aller Sympathie für die Demo: Ich glaube kaum, dass der Unterstützerkreis weit über Kreuzberg hinaus reichen wird. Exil-Kreuzberger, die längst wegen einer bezahlbaren Wohnung auf andere Bezirke ausweichen mussten, sind träge. Sie werden wohl etwas anderes vorhaben. Der neue Kiez wird nach einiger Zeit spannender, der Ärger über die Vertreibung wird von der Ahnung überschattet, mehr von der Stadt kennen gelernt zu haben. Vielleicht ist die Demo ja aber auch nur eine Generalprobe für den richtig großen Protestmarsch von Neukölln über Kreuzberg nach Friedrichshain…

Fotostrecke: Berliner Seitenblicke

Mediaspree: Wo die Grenze zwischen oben und unten verläuft

Wenn Grenzen fallen, geht uns ein Licht auf. Weil Menschen auf der Mauer tanzen oder weil man einfach so nach Polen kommt. Wenn Grenzen dagegen so sang- und klanglos verlaufen, wie sich Farben auf einem wässrigen Aquarell vermischen, bleibt die Veränderung meistens unbemerkt. Obwohl die Folgen auf lange Sicht genauso einschneidend sind.

In Berlin sieht man das besonders gut an dem berühmten Hausprojekt Köpi in Mitte. An dessen Brandwand prangte die hehre Weisheit “Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten”. Der Spruch an der Trutzburg hielt solange, bis die Bagger kamen – auf dem Foto sind sie schon zu sehen – und einen neuen Betonbau hochzogen.

Damit die Botschaft an die Völker der Welt nicht verhallt, hat jemand nachgebessert – am Gewerbehof nebenan. Der anonyme Sprayer ist allerdings nicht weit gekommen – er hat bei “verläuf…” das Weite gesucht. Dass er damit trotzdem sagt, was am Spreeufer von Kreuzberg und Friedrichshain vor sich geht, ist ihm nicht aufgefallen.

Willkommen in der Grauzone, in der es vorläufig weder einen Kiez der Reichen noch Armutsquartiere gibt. Wo die Alteingesessenen sozusagen bei 30 Grad gewaschen werden, bis sie die Miete nicht mehr aufbringen können und wegziehen. Und damit unfreiwillig eine neue Grenze errichten.

Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

Update 01.08.2008: Der oder die Sprayer lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen und sind jetzt dreieinhalb Worte weiter gekommen, wie auf dem Foto zu erkennen ist.

Update 15.08.2008: Es ist vollbracht, der Spruch ist tatsächlich fertiggestellt worden, wie mir ein Leser schrieb. “Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen Dir und mir”, heißt es jetzt.

Neukölln ist ok. Aber kann man dort hinziehen?

Ich weiß nicht, zu welchem Schluss der Leser gekommen ist, der zufällig über die Google-Schlagwortsuche  “Kann man da hinziehen Neukölln” auf diesem Weblog gelandet ist und über 20 Seiten aufgerufen hat. Aber um es kurz zu machen – man kann in einigen Ecken ganz gut wohnen.

Vor zwei drei Jahren hätten die meisten wahrscheinlich noch vehement widersprochen. Neukölln galt für viele als Verlegenheitslösung, die in Kreuzberg keine Wohnung finden konnten. Mittlerweile gibt es aber – sehr zur Freude der Immobilienmakler – einen regelrechten Kreuzkölln-Hype. Es scheint aufwärts zu gehen mit dem Neuköllner Norden, was man vom Rest des Bezirks nicht gerade behaupten kann.

So überrascht es nicht, dass die ersten Gentrifizierungs-Skeptiker orakeln, die schleichende “Yuppiesierung” des Reuterkiezes stehe kurz bevor. Das Interessante dabei: Verantwortlich dafür machen die selbsternannten Sprecher des prekären Neuköllns “Latte Macchiato schlürfende Designerinnen aus der Schlesischen Straße in Kreuzberg.” Die schielten bereits nach Nord-Neukölln, um dort Boutiquen zu eröffnen.

Bei aller Paranoia: Akademiker-Familien mit Schulkindern werden so schnell nicht nach Neukölln ziehen. Zu desolat klingen die Meldungen über die Zustände an Neuköllner Schulen und über abgehängte Schüler, die kaum etwas zu erwarten haben. Aber vielleicht entwickelt sich der Nord-Neukölln ja zu einer neuen Hochburg für Singles mit hohen Ansprüchen, die lieber auf 80 Quadratmetern wohnen als zum gleichen Preis in Prenzlauer Berg auf 60 Quadratmetern. Nette Kneipen gibt es ja inzwischen genug und Leute, die sich mit dem Kiez identifizieren auch.

Foto: chaosinjune

Arm und Reich in Berlin: Auf der Suche nach der richtigen Mischung

“Junge Berliner zieht es nach Friedrichshain.” Ich ertappe mich dabei, bei solchen Überschriften hängen zu bleiben, obwohl sie nicht viel Neues versprechen. Klar: Friedrichshain ist kiezig, Leute fahren dort Pornofahrräder und Hollandräder, alles ist ein bisschen rott und es gibt dort mehr bezahlbare Studentenbuden, als etwa in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg.

Aber in dem Morgenpost-Artikel mit nun geändertem Titel geht es gar nicht um junge Berliner, sondern um Familien. Eine Studie des Potsdamer Instituts für Soziale Stadtentwicklung hat ergeben, dass Leute mit Kindern seit einigen Jahren auf städtische Randbezirke wie Reinickendorf, Spandau, Treptow-Köpenick oder Zehlendorf ausweichen. Von einem “Zurück in die Stadt” könne deshalb keine Rede sein, Bezirke in der Innenstadt seien oft wenig familienfreundlich – sieht man von den östlichen Szene-Vierteln einmal ab. Verlierer sind der Studie zufolge vor allem Westbezirke wie Charlottenburg und Neukölln.

Wenn es nur um Familien und eine familienfreundliche Infrastruktur ginge. Hartmut Häußermann, Professor für Stadtsoziologie an der Humboldt-Universität, sieht die Konfliktlinie eher zwischen Armen und Besserverdienern. In einem Interview mit Spiegel Online sagt er, Ärmere würden aus den Stadtzentren verdrängt, weil das Geld für hohe Mieten oft nicht ausreiche. Für Gutverdiener mit Kindern gäbe es hingegen kaum eine Alternative zur Innenstadt: Wenn beide Elternteile arbeiteten und kein Personal angestellt werde, das die Kinder zum Ballett und zur Nachhilfe bringt, seien kurze Wege wichtig.

Um benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Erfahrung zu ersparen, in Vierteln aufwachsen zu müssen, in denen niemand mehr arbeiten geht, spricht sich Häußermann für einen neuen sozialen Wohnungsbau in besseren Stadtteilen aus. Entscheidend sei, dass Kinder in gemischtere Schulen gingen. Anders als in der Vergangenheit sollten kleinteilige Bauvorhaben gefördert werden – etwa Neubauten in Baulücken. Mittelschichtsfamilien will der Stadtsoziologe notfalls mit subventionierten Mieten in problematischere Quartieren locken, um eine bessere Durchmischung zu erzielen.

Gute Ideen, die einige Überzeugungsarbeit erfordern. Dass diejenigen, die sich in der Innenstadt gut eingerichtet haben, eine solche Initative unterstützen würden, ist unwahrscheinlich, von einer Lobby benachteiligter Berliner ganz zu schweigen. Aber es gibt sie, die Konzepte mit Präventionscharakter für eine bessere Integration Ärmerer.

Berlin von oben: Nie mehr auf dem Dach tanzen!

Berlin von oben - Foto: Christian Hetey

Ein Sonnenuntergang auf dem Dach ist wie eine kleine Flucht aus dem Ghetto: Endlich öffnet sich der Himmel, der sich sonst in den Häuserfluchten der Innenstadt nur einen Spalt weit zeigt. Und meistens bleibt man dort unter sich – kein stressiger Verkehr, keine Touristenhorden. Party auf dem Dach, Picknick mit Freunden, eine Runde Schach oder in Ruhe ein Buch lesen – alles ist möglich. Ja, manche schlafen sogar dort droben. Es ist sozusagen Urlaub light.

Leider lässt sich in Berlin immer seltener durch Luken steigen und von Dach zu Dach balancieren. Es hat nicht immer etwas mit Sicherheit zu tun, wenn die Tür zum Dachboden verschlossen ist. In Altbaukiezen ist meistens der Ausbau von Dachgeschosswohnungen dafür verantwortlich. Wo früher Mieter ihre Wäsche aufhängten oder Gerümpel abstellten, ist jetzt der teuerste Wohnraum des Hauses. Das ist schade, oder? Schließlich ist “summer in the city – meet me at the rooftop“.

Foto: Christian Hetey

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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