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Monatsarchiv für September 2008

Muckibuden im Herbst: So schwitzen wir gemeinsam

Sie müsse unbedingt Mitglied in einem Fitness-Studio werden, meinte eine Freundin kürzlich, es sei nicht auszuhalten im Winter ohne Sport.  Ob Step-Aerobic oder Thai Bo – die Kurse dort sind offenbar alle ansprechend. Ich kann mir weder unter Step Aerobic noch Thai Bo etwas vorstellen, aber verkneife mir jeglichen Kommentar, sonst werde ich noch zum Probe-Training mitgeschleppt. Im Fitnessstudio gestählte Körper finde ich unästhetisch. Man sieht sehr wohl, ob bestimmte Muskelpartien an Geräten gezüchtet wurden, mit Präparaten gepäppelt oder einfach durch Leichtathletik oder Volleyball ausgebildet wurden. Einmal abgesehen davon sehe ich andere lieber aus der Ferne schwitzen, beim Joggen, und nicht beim Gewichte stemmen.

In diesem Sommer sind mir im Volkspark Friedrichshain eine Reihe mir bislang unbekannter Sportarten aufgefallen. Da stürmen Leute mit Plastik-Knüppeln aufeinander los, mit dem Ziel, ihr Gegenüber nieder zu ringen. Ob das jetzt schon als Kampfsport gilt, kann ich nicht sagen, jedenfalls wirkt das Ganze sehr geordnet. Interessant auch, dass immer mehr Berliner ihr Gleichgewicht testen wollen. Der Park ist voller Leute, die sich auf’s Seil wagen, zwischen zwei Bäumen balancieren. Hin und wieder versuchen einige, direkt einen Baumstamm zu erklimmen, kein Witz. Am coolsten fand ich jedoch die Kids mit ihren Spezial-Fahrrädern, die auf einem dafür eigens angelegten Platz abenteuerliche Kunststücke vollziehen – auf einem Rad einen kleinen Hügel herunter fahren, sich drehen oder einfach nur springen.

Ob das etwas für die Fitness-Studio-Tester wäre? Wahrscheinlich bekommt man dabei genauso Muskeln, wenn nicht sogar mehr und welche, die natürlich aussehen…

Rebellion gegen Berlins Bionade-Biedermeier

An jeder Ecke Berlins tut sich bei näherem Hinsehen irgendein sozialer Konflikt auf. Meistens unter der Oberfläche, hin und wieder auch offen – aber zumindest wirft kaum jemand “Mollis und Steine” oder errichtet Barrikaden. Besonders in Friedrichshain lässt sich heute eine mildere Form des Straßenkampfes beobachten: Mit Farbe gefüllte Glühbirnen, Christbaumkugeln oder Wasserbomben werden über Nacht an frisch renovierte Fassaden geworfen und hinterlassen bunt gescheckte Wände.

Anwohner kennen dieses Bild und gehen desinteressiert weiter, doch Bewohner aus den Westbezirken und Berlin-Besucher bleiben erstaunt stehen. Was geht hier vor, wer wirft diese Farbbomben? Ich habe oft entgegnet, das sei als eine Art Angriff auf Schönheit zu werten. Es heißt soviel wie: “Wir haben keinen Bock auf Eure Französischen Fenster, Eure Parkettböden, Eure einfarbigen Oberflächen. Stuck ist Schnickschnack und treibt die Mieten in die Höhe.” So erhält jedes frisch sanierte Haus im Kiez eine Art “Willkommensgruß”.

Studenten nicken auf diese Antwort meistens abgeklärt, doch ein Pärchen auf Wohnungssuche reagierte neulich sehr reserviert. In ein solches Umfeld wollten sie nicht ziehen, das war klar. Ich möchte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass es auch andere Erklärungen gibt: Einem Berliner Immobilien-Makler zufolge zielen die Farbeier-Werfer nicht auf Wände, sondern auf die Fenster jener Mieter, die wegen Lärmbelästigung die Polizei alarmieren.

Übrigens sind auch Politiker nicht vor solchen Angriffen gefeit: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky wurde vor kurzem Opfer eines “Kommandos Otto Suhr”. Er sah sich gezwungen,  bis um vier Uhr morgens Farbe von den Wänden seines Privathauses abzuwaschen.

Fotostrecke: Fassaden der Hauptstadt

Protest gegen die O2-Arena: Kampf gegen Windmühlen?

In Kreuzberg und Friedrichshain stolpert man in diesen Tagen unweigerlich über Plakate zu einer Demonstration gegen die Eröffnung der 02-Arena. “Wir sind alle eingeladen”, steht da in roten Lettern, was wohl nicht so ganz stimmt, denn die Organisatoren der Demo haben keine Genehmigung erhalten direkt vor der Halle zu protestieren.

Wo demonstriert wird, scheint aber egal zu sein. Die geladenen Gäste dürften von der breiten Ablehnung des neuen Veranstaltungsortes erfahren haben, das mediale Interesse für die Proteste ist groß. Aber was ist eigentlich mit den Party-Hoppern und mit Leuten, die sich kein Konzert großer Bands entgehen lassen? Selbst wenn ihnen die O2-Arena die Sicht auf die Spree versperren sollte, werden sie sich wohl eher über den neuen Veranstaltungsort freuen. Noch mehr Party in Friedrichshain – hej jey.

Die Skeptiker werden also einige Überzeugungsarbeit leisten müssen, um einen größeren Boykott der privaten, gewerblichen, aus Steuergeldern mitfinanzierten Halle anzustoßen. Auch wenn die Friedrichshainer mit Blick auf die weiteren Media-Spree-Pläne Enthaltsamkeit üben würden und auf einen Besuch von Veranstaltungen in der O2-Arena verzichteten: Die Bewohner anderer Bezirke sind innerhalb weniger Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln da. Dass sich viele Menschen in Charlottenburg oder Lichtenberg über die städtebaulichen Folgen von Media Spree den Kopf zerbrechen, ist zu bezweifeln. Tokio Hotel oder der Dalai Lama sind für viele aufregender als die Entwicklung in Friedrichshain-Kreuzberg.

Das Berlin von gestern verfällt vor unseren Augen

Wäre heute nicht eine Flaschensammlerin in eine dieser Telefonzellen hinein gestiegen, hätte ich  diese fast schon archaisch anmutenden Boxen wohl kaum wahrgenommen. Ich kenne sie nur als Ruinen und sie könnten jeden Tag verschwinden. Und niemand dürfte sie vermissen. Dabei standen noch Anfang der 90er Jahre Menschen auf der Warschauer Straße Schlange vor Telefonzellen. Längst nicht alle Haushalte in den Ostbezirken hatten einen eigenen Telefonanschluss.

Kaum vorstellbar heute, wo man schon ohne einen Internet-Zugang Beklemmungen kriegt. Es ist stressig, darauf angewiesen zu sein, dass der freundliche Nachbar wieder einmal sein W-Lan einschaltet, das mitgenutzt werden darf, bis der langsame Kundendienst der Telekom endlich den Anschluss für einen anderen Anbieter freigibt. Informationsjunkies brauchen hier und jetzt einen Zugang zum Netz, es könnte ja jemand eine Mail geschickt haben. Oder Friedbert Pflüger vielleicht doch auf die Kandidatur um den Berliner CDU-Parteivorsitz verzichtet haben. Das interessiert sofort, nicht erst morgen.

Nach ein paar Tagen der Entwöhnung muss ich feststellen, dass ich plötzlich mehr Zeit habe. Dass es auch ausreicht, nur einmal am Tag nach Mails zu schauen. Ich lese mehr Zeitung und fühle mich sogar besser informiert. Auch ohne Festnetzanschluss lebt es sich ganz gut, auch wenn das nicht unbedingt nachahmenswert erscheint. Die Handygebühren sind dann irgendwann doch zu hoch und öffentliche Telefonzellen? Können Sie lange suchen.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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