Wir bloggen Berlin – Blog News Bezirke

Monatsarchiv für April 2007

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Eine Bar von gestern

Foto: PromoBerlin ist eine Stadt, “verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein”. So der Publizist Karl Scheffler im Jahr 1910. Aktuelles Beispiel in meinem Kiez in Friedrichshain: Das Waschmaschinewsky ist nicht mehr, stattdessen lädt Ein Brief von gestern zum Essen ein. Das Waschmaschinewsky war die Bar der Radio Eins-Moderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin. “Waschmaschinewsky“ – so wurden in den sechziger Jahren die polnischen Gastarbeiter im Ruhrpott genannt, die sich eine eigene Waschmaschine leisten konnten. Und so nannte Skuppin auch das Bier, das er in einer kleinen Brauerei in westpolnischen Witnica entdeckte, und nach Berlin holte.

Die Einrichtung der Kneipe war in den polnischen Nationalfarben Rot-Weiß gehalten. Auch die Schwarz-Weiß-Fotografien von Gdan’sk und Gerichte wie bigos und pierogi verwiesen auf die Nachbarn im Osten. Auf der Toilette lief ein ziemlich lustiger Audio-Sprachkurs Polnisch. Eine rote Waschmaschine hinterm Tresen schleuderte einen gewöhnungsbedürftigen Cocktail mit Absinth, Wodka und Gin. Für den homo ludens gab es einen Kicker und skurrile Gesellschaftsspiele wie ein Busen-Memory. Gelegentlich gab es Lesungen, manchmal ein Quiz. ‘Eine Bar von gestern’ weiterlesen

Kampfpreis für ein halbes Hühnerleben

HühnerhausAn der Skalitzer Straße drehen sich seit nunmehr zehn Jahren Hähnchen am Grill, doch so viele Leute waren noch nie da: Mitte Februar standen sich Tag und Nacht bis zu 50 Menschen frierend die Beine in den Bauch, um an einem halben Hähnchen für 99 Cent knabbern zu dürfen. Das Hühnerhaus hatte Geburtstag und die Jubiläums-Aktion kam prima an. Über die Gründe brauchen wir nicht lange spekulieren: Hartz IV, Geiz-ist-geil, Angst etwas zu verpassen, was auch immer.

Inzwischen haben sich die langen Schlangen vor dem Laden durch eine leichte Preiserhöhung verkürzt, doch die Betreiber feiern ihr Jubiläum munter weiter. Okay, ein erfolgreiches Gastronomie-Konzept also, herzlichen Glückwunsch! Doch eine Frage bleibt: Wie ist es möglich, ein Huhn aufzuziehen, und es dann zu einem solchen Kampfpreis anzubieten? Es mit Hormonen und Medikamenten vollzustopfen, zu schlachten, zu transportieren, zu kühlen und schließlich vor unseren Augen zu braten?

Die hocheffizienten “Hühner-KZ’s” der globalisierten Geflügelindustrie haben es möglich gemacht, dass Hühnerfleisch heute fast 90 Prozent billiger ist, als vor 60 Jahren. Trotzdem: Irgendwo in der Produktionskette zwischen einer Maststation in China und diesem Kreuzberger Imbiss muss ein Bruch sein. Hat ein Frachter aus Übersee drei Container mit Fleisch von genmanipulierten Einheitshühnern wegen der Vogelgrippe günstig an einen Berliner Händler verklappt?

Osterspaziergang

Der Osterspaziergang findet doch statt. Weil Besuch aus Frankreich da ist – extra wegen des Spaziergangs. Vier belesene Franzosen. Es gebe ja gar keine schwarzen Pudel in Berlin, stellte H. enttäuscht fest. In den Bezirken, in denen ich unterwegs bin, sind mir in letzter Zeit tatsächlich keine mehr aufgefallen. Nur der Zeitungs-Bote hat noch einen Pudel, allerdings einen weißen. In Frankreich seien die Hunde nach wie vor en vogue, sagten die französischen Besucher. Es gebe Pudel-Clubs, Pudel-Websites, Pudel-Maskottchen. In einem Ostberliner Stadtteil soll es offenbar doch noch Pudel geben: In Friedrichsfelde. Dort befindet sich der bekannte Sozialistenfriedhof, auf dem von Rosa Luxemburg bis Markus Wolf alle begraben liegen, die Rang und Namen hatten. Auch die Berliner Bezirkszentrale der Stasi war dort angesiedelt. Viele der Einwohner Friedrichfeldes sind inzwischen Rentner, das Durchschnittsalter liegt dort zehn Jahre über dem Berlins, bei etwa 52 Jahren. Beim Friseur in der Siedlung Alt-Friedrichsfelde gibt es extra Tarife für Senioren. Nicht nur für Dauerwellen. Einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Durchschnittsalter eines Berliner Stadtteils und seiner Pudeldichte zu ermitteln – das dürfte die Datenlage wohl nicht hergeben. Wie auch immer, wenn der Osterspaziergang friedlich verliefe, wäre ich schon zufrieden. Von Pudeln sollte jedenfalls keine Gefahr ausgehen.

Die Stasi-Brille

Am Sonntag in Potsdam in der Toilette eines Cafés ein Schild mit der Aufschrift: “Dieses WC wird videoüberwacht, zu Ihrer eigenen Sicherheit.” Das Schild hing in einer dunklen Ecke und fiel erst beim Verlassen des Raumes auf. Nirgends eine Kamera. Dennoch Protest darüber an der Theke eingelegt. Der Kellner antwortete nur lapidar, es sei der erste April. Liefe ich nicht wieder einmal mit der Stasi-Brille durch die Stadt, wäre ich mit der Erklärung zufrieden gewesen. Angesichts der Stasi-Brille aber Zweifel. Wer sich einen solchen April-Scherz einfallen lässt, muss einige Fantasie haben. Also doch eine Kamera im Seifenspender in dieser Potsdamer Toilette? In der künstlichen Blume auf dem Spiegelschrank? Video-Überwachung – ob real oder tatsächlich als Scherz gedacht – das erinnerte verdammt an Stasi-Methoden. ‘Die Stasi-Brille’ weiterlesen

Alles verändert sich, ohne dich

X-Beliebig -Hausprojekt in der Rigaer Straße Ecke Liebigstraße nach einer Protestveranstaltung in der Nacht in Berlin Friedrichshain - Foto: Henning Onken

“Alles verändert sich, wenn du es veränderst”. Das hat Rio Reiser gesagt, als er noch für die “Ton Steine Scherben” sang. Es klang verheißungsvoll, als ließe sich die Welt im Handumdrehen umpolen. In Berlin-Friedrichshain haben das einige Dutzend Leute am Wochenende wörtlich genommen, haben Mülltonnen auf die Straße gerollt und ein kleines Auto angezündet. Vielleicht war da aber auch einfach nur Wut über Veränderungen, die hilflos machen, weil sie von Anderen ausgehen – wie eine Welle, die immer nur auf bestimmte Personen zurollt. Die Anderen, das sind die, die auf ihr reiten.

Begonnen hatte alles mit einem Aktionswochenende “Rigaer Straße fights back”, das sich mit Workshops, Partys und Diskussionsrunden gegen “Kommerzialisierung und Yuppiisierung des Kiezes“ stark machen wollte.

Sonntag Nachmittag: Vor dem Hausprojekt X-Beliebig sitzen an die hundert Leute in der Frühjahrssonne. Auf der anderen Straßenseite springt ein CDU-Mitglied aufgeregt in seinen Lackschuhen herum: “Die öffentliche Sicherheit liegt mir am Herzen”, bekennt er und zeigt auf den Berlin-Aufmacher der Morgenpost: “Linksautonome proben für den 1. Mai“, steht dort über einem Riesen-Bild des brennenden Autos. Andere Zeitungen hatten stilsicher lieber gleich alte “best of” Krawallbilder aus dem Archiv gekramt. Er sei hinausgeworfen worden, klagt der CDU-ler, nachdem er durch ein offenes Fenster in die Kneipe des Hausprojekts geklettert sei. Erstaunlich, die Bewohner und deren Gäste wollten tatsächlich nicht mit ihm Party machen. ‘Alles verändert sich, ohne dich’ weiterlesen

Camping Sauvage

Wild Campen ist in Deutschland verboten. Ehe man sich versieht, sind die Männer vom Ordnungsamt da, und die kennen bekanntlich kein Pardon. Die Vorstellung erscheint zugegeben in einer Großstadt wie Berlin auch nicht gerade verlockend. Es fehlt die Abgeschiedenheit, der freie Blick in den Sternenhimmel. Romantisch verklärt, natürlich. Ich vergaß den Ruf des Käuzchens, den Duft von Flieder und die Waldameisen im Marmeladenglas. Auf einem schmalen Grünstreifen zwischen Gitschiner Straße und Landwehrkanal hat eine Frau mit grauen Zottelhaaren ihr Lager aufgeschlagen. Und zwar dauerhaft, wie es scheint. Zwei Einkaufswagen, mehrere Plastiksäcke und eine 10-Kilo Kiste voller Äpfel aus der Region.

Ich war irritiert, als ich die etwa 60-Jährige zum ersten Mal in der Sonne sitzen sah. Sie strickte an einem langen lilafarbenen Schal. Eine Altachtundsechzigerin in Frührente? Eine Soziologie-Professorin, die ihr Forschungsfreisemester für einen Selbstversuch nutzt? Um dann ein kluges Buch über Entfremdung in der modernen Gesellschaft zu schreiben? Wohl kaum. Die Geschichte wäre zu niedlich. Ich tippe eher auf Altersarmut. Rolltreppe abwärts – Jobverlust, Hartz IV, Verlust enger Bezugspersonen. Ehe ich mich in weiteren Spekulationen ergehe, sollte ich noch einmal vorbeiradeln und nachfragen. Um dann wahrscheinlich eine Geschichte zu hören, die völlig anders ist. Wilder und trauriger. Und mit Camping nicht das Geringste zu tun hat.

Neue Kommentare

  • Thomas Feirer: echt coole Bilder …
  • Anonymous: achso hier meine email adresse zero88-denis@web.de
  • Anonymous: echt bei dir geht das noch? zu silvester wollen paar leute und ich schön gemütlich auf ein dach feiern ist...
  • Aileen: Ich hab mal ne frage: wo genau ist der Markt und hat der auch sonntags auf? lg
  • Ilse Fuehrhoff: Es gibt in Berlin tatsächlich noch sehr viele, eigentlich ungeahnt viele Hausfassaden oder auch...

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